"Bufdi"-Stellen in Brandenburg - Sozialverbände warnen vor Kürzungen bei Freiwilligendiensten

Sa 19.08.23 | 08:13 Uhr | Von Michael Schon
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Garderobe und Taschen von Kindern hängen im Flur einer Kindertagesstätte. (Quelle: dpa/Oliver Berg)
Bild: dpa/Oliver Berg

Die Bundesregierung will knapp ein Viertel der Mittel für Freiwilligendienste streichen. Sozialverbände schlagen Alarm, sie befürchten Einschnitte in ihrem Angebot. Auf Hilfe der Landesregierung können sie in Brandenburg aktuell nicht hoffen. Von Michael Schon

  • Sozialverbände: Bund will 78 Millionen Euro streichen
  • Soziale Träger warnen vor Einschnitten in ihren Angeboten
  • Landesregierung lehnt finanzielle Unterstützung ab

Am letzten Arbeitstag gibt es eine Kugel Eis aus Sand. Amy Gennert steht im Garten der Regenbogenkita in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming), einer Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Um sie herum wuselt eine Gruppe Drei- und Vierjähriger, tobt sich auf Rutschautos aus oder versucht sich am Sandkasten als Eisverkäufer.

Wenn die 19-Jährige auf ihre Zeit als "Bufdi" zurückblickt, fallen ihr drei Dinge ein: Wie aufgeregt und unsicher sie am ersten Tag gewesen sei. Wie herzlich sie von den Kindern und den neuen Kolleginnen aufgenommen worden sei. Und wie viel sie in diesem Jahr Bundesfreiwilligendienst über sich selbst gelernt habe. "Ich habe gemerkt, dass ich in der kreativen Arbeit völlig aufgegangen bin. Die Räume zu gestalten, für die Kinder was zu basteln. Das war voll mein Ding", sagt Gennert. "Ich bin so viel selbstbewusster geworden und weiß jetzt, wo meine Stärken liegen."

350 Euro pro Monat

Erfahrungen fürs Leben, die eigentlich unbezahlbar sind. Vielleicht wiegen sie die Tatsache auf, dass Gennert für ihre Arbeit im Kindergarten nur ein monatliches Taschengeld von 350 Euro bekommen hat. Ihre Hilfe jedenfalls war höchst willkommen. Die Freiwilligen seien eine Bereicherung für Erzieher und Kinder, sagt Nicole Böttcher, die Leiterin der Regenbogenkita: "Sie werden schnell integriert in die Gruppen, sind zusätzlich da und unterstützen das Pädagogenteam. Und sie sind für die Kinder ein ganz zuverlässiger Ansprechpartner, weil sie wirklich das ganze Jahr über da sind."

Man könnte meinen, die Mittel für den Freiwilligendienst seien gut angelegtes Geld, ein vergleichsweise geringer Betrag für einen großen gesellschaftlichen Gewinn. Doch die Bundesregierung sieht darin offenbar einen Posten, in dem sich Millionen sparen lassen. Der Entwurf für den neuen Bundeshaushalt sieht nach Angaben von Sozialverbänden vor, die Mittel für Freiwilligendienste im kommenden Jahr um 78 Millionen Euro zu kürzen, dies seien fast 24 Prozent im Vergleich zu 2023.

"Fatal" fände es Kita-Leiterin Böttcher, wenn die Pläne umgesetzt würden. Derzeit arbeiten zwei Freiwillige in ihrer Einrichtung. Gut möglich, dass es in Zukunft nur noch einer ist. Denn nicht alle Bewerber passen zum Job. "Wenn es jetzt noch diese finanziellen Einschränkungen geben würde, würde die Auswahl noch viel geringer – und dadurch auch das Angebot in den Kitas und in anderen sozialen Einrichtungen", fürchtet Böttcher.

DRK: Bundesfreiwilligendienst ausbauen statt kürzen

Kristina Valente wird noch grundsätzlicher. Sie ist Leiterin des Teams Freiwilligendienste beim DRK-Landesverband Brandenburg, bei dem 126 der landesweit knapp 1.100 Freiwilligen arbeiten. Die geplanten Kürzungen seien das völlig falsche Zeichen für junge Menschen, die sich freiwillig ein Jahr sozial engagierten. "Es sind wieder die jungen Leute, die auch während Corona und jetzt in Zeiten der Inflation wahnsinnig viel zurückstecken mussten. Sie werden wieder einer Möglichkeit beraubt, sich persönlich weiterzuentwickeln", sagt Valente.

Auch angesichts des Fachkräftemangels sei für sie nicht nachvollziehbar, warum ein Instrument beschnitten werden solle, mit dem junge Leute für soziale Berufe begeistert werden könnten. Nicht selten sei es der Fall, dass diese dann später auch in diesen Beruf einstiegen, so Valente.

Schon seit längerem fordere das DRK daher zusammen mit anderen Trägern sozialer Dienste eine Förderung mit Landesmitteln: "Wenn der Bundeshaushalt seine angekündigte Kürzung so durchzieht, brauchen wir dringend andere Mittel, die uns in unserer wichtigen Arbeit unterstützen", lautet ihr Appell. Eigentlich müsste der Dienst nicht eingeschränkt, sondern ausgebaut werden.

Landesregierung plant keine Aufstockung der Mittel

Der Appell verhallt allerdings bisher bei der brandenburgischen Landesregierung. Das zuständige Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz teilt auf Anfrage von rbb|24 mit, Landesmittel stünden "aktuell nicht zur Verfügung und sind auch nicht geplant." Die geplanten Kürzungen will das Ministerium auf Anfrage nicht kommentieren. Es lägen noch keine Informationen zu möglichen Kürzungen und deren Auswirkungen auf Stellen im Land Brandenburg vor.

Amy Gennert fände es gut, wenn noch viel mehr junge Menschen wie sie Erfahrungen als Freiwillige sammeln könnten. Für die junge Frau war der Dienst ausschlaggebend für die Berufswahl. Direkt nach dem Abitur wollte sie Ergotherapeutin werden. Jetzt will sie Lehrerin werden, Biologie – und Kunst oder Musik, das steht noch nicht fest. Wenn ihr Studium im Oktober beginnt, weiß sie: Kindern etwas beizubringen, das erfülle sie.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 18.08.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Michael Schon

10 Kommentare

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  1. 10.

    NeeNee, mit "Basta" unterbindet man jede Diskussion!
    Ich kenne viele junge Leute mit sehr guten Erfahrungen und "Orientierungshilfe" durch den Freiwilligendienst.
    Ob in Richtung Ausbildung oder Studium!

  2. 9.

    Sehen Sie Ihr PS ist eine gute Frage. In Einrichtungen gibt es neben Pflegefach- und Pflegehilfskräften auch Betreuungsassistenten und zwar verpflichtend. Die müssen einen Nachweis über eine Schulung haben.
    Ein Pflegeheim soll keine Verwahranstalt sein. Beschäftigung ist wichtig. Mal so reinschnuppern ist nicht vergleichbar mit Arbeit, denn wenn Sie meinen, dass Spiele mit an Demenz erkrankten Menschen keine Arbeit ist, steht das im Widerspruch zu Ihrer Ansicht vom Herausfinden, was man will. Neuerdings scheint sich dieses Finden bei so manchem Suchenden über Jahre zu ziehen, immer mit der Ausrede etwas gaaanz Wichtiges für die Gesellschaft zu tun. Ganz wichtig wäre Ausbildung nicht Spielen. Basta.

  3. 8.

    Sehe ich etwas anders.
    Viele junge Leute nutzen auch ein Freiwilligenjahr, um in Berufe hineinzuschnuppern, das Arbeitsleben kennenzulernen und mitunter zu testen, ob ihre evtl. schon gemachte Entscheidung die Richtige ist.
    Also kann ein Freiwilligenjahr auch eine tolle Orientierungshilfe sein.
    Meiner Ansicht nach, sinnvoller als ein paar Wochen Praktikum oder eine angefangene Lehre, die dann wieder abgebrochen wird.
    Daher sollte man in dieser Richtung nicht den Rotstift ansetzen - Freiwillige leisten viel für die Allgemeinheit.

    P.S. Welcher Arbeitgeber bezahlt z.B. heute noch einen jungen Mann, der mit einem Demenzkranken Spiele spielt?

  4. 7.

    Wenn junge Menschen Freiwilligendienst ableisten wollen, haben sie doch bestimmte Vorstellungen, z.,B. sozialer Bereich, Naturschutz.
    Dafür sollte es gar kein Geld mehr geben.
    Begründung:
    Wenn diese Stellen komplett wegfallen, bricht die Welt nicht zusammen, aber die Anbieter dieser Stellen müssen die Arbeit trotzdem erledigen (lassen). Das schafft Arbeitsplätze, wenn auch nur mit Mindestlohn. Vor Einführung des Mindedtlohns haben sie auch gejammert, es sei nicht finanzierbar. War"s doch!
    Tausende Ausbildungsplätze stehen zur Verfügung und bleiben unbesetzt. Politiker reisen nach sonstwo, um Arbeitskräfte anzuwerben. Jeder kann einen Beruf erlernen und genau das muss das Ziel sein. An der Quote derer die sich unter dem Mäntelchen nicht zu Arbeit gezwungen werden zu können verschanzen, wird sich erst etwas ändern, wenn die Politik Gesetze macht, die dem Streichelzoo ein Ende setzen und konsequente Forderungen durchsetzen.

  5. 6.

    "Warum klebt sich dagegen keiner auf die Straße?" Gute Frage! Vielleicht weil ein grosser Teil der Bevölkerung das Vertrauen in d. Demokratie aufgegeben hat . Wählt man Konservativ-dann bekommt man eine Politik, die nur den Reichen nützt. Wählt man links-grün-dann bekommt man eine Politik, die sich mit allem beschäftigt, ausser mit den Problemen der steuerzahlenden Bürger dieses Landes ,für die dann wiederum auch kein Geld mehr übrig ist.

  6. 5.

    Sie alle verstehen diese Kürzungen einfach falsch.
    Damit wird noch mehr Geld frei, um Millardensubventionen für Intel & Co. beteitzustellen.

    Haben Sie schon einmal in die glücklichen Augen eines Aktionärs geschaut, als er erfuhr, dass nicht er, sondern der Staat Investitionen zahlt, er aber alle Ausschüttungen und Wertsteigerungen selbst einstecken darf? Gut gemacht sogar steuerfrei! Einfach unbezahlbar.

    Jetzt mal im Ernst: Dies ist wieder ein Paradebeispiel, in dem der Staat zeigt, was ihm wichtig und was ihm unwichtig ist.

    Rot-Gelb-Grün

  7. 4.

    Die Frage ist doch warum die Sozialverbände nicht versicherungspflichtig einstellen.
    Ist halt wie immer: Andere sollen bezahlen.
    1€ Jobs wurden verteufelt und hier soll die Ausbeutung gut sein?
    Sehr seltsam.

  8. 3.

    Das ist das allerletzte, den Freiwilligen Geld zu kürzen. Sie sind jetzt schon eine wertvolle Unterstützung in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kitas , Jugendarbeit. Usw. Fürs Nichtstun bekommt man Bürgergeld - finde den Fehler. Warum klebt man sich dafür, für sein eigenes Klientel, nicht suf die Straße?

  9. 2.

    Immer mehr Einschränkungen und Kürzungen für das Wohl der Bevölkerung. - Immer mehr Unterstützung für Kriegs- und Krisengebiete. - Immer mehr Forderungen an die arbeitende Bevölkerung. Finden Sie den Fehler. Warum klebt sich dagegen keiner auf die Straße ?

  10. 1.

    Tja,es hat mehr oder weniger angefangen mit Rot/Grün-Schröder/Fischer. Menschen immer ärmer zu machen, stolz zu sein,den größten Niedriglohnmarkt in Europa geschaffen zu haben ,dies mag funktionieren, wenn die Menschen trotzdem noch leben können. Heute haben wir eine Situation, in der auch die Mittelschicht immer mehr zu kämpfen hat. Die Politik beschäftigt sich mit Wärmepumpen und Cannabis-Legalisierung. Politiker sind Lichtjahre v.Volk entfernt. Man könnte die AFD überflüssig machen.......

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