Autofreier Tag in Berlin - Jelbi-App der BVG gibt Falschmeldung zu kostenlosem ÖPNV raus

Fr 22.09.23 | 14:51 Uhr | Von Sebastian Schöbel
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ÖPNV-Mitteilung. (Quelle: BVG)
Bild: BVG

Schon zwei Mal war der autofreie Tag in Berlin mit einem kostenlosen ÖPNV-Angebot gekoppelt. Damit hatten manche bei der BVG offenbar auch in diesem Jahr gerechnet. Doch die neue Verkehrssenatorin sagte die Aktion kurz vorher ab. Von S. Schöbel

Mit zwei Push-Nachrichten hat die Mobilitätsapp "Jelbi" der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) am Freitagmorgen erst Freude und dann Verwirrung bei vielen ÖPNV-Nutzer:innen in Berlin ausgelöst: Zunächst meldete die App, dass am heutigen autofreien Tag die Nutzung von Bus, Bahn und Tram kostenlos sei. So war es schon seit 2020 in Berlin gehandhabt worden: Das Abgeordnetenhaus hatte den Senat aufgefordert, den autofreien Tag im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche mit einem kostenfreien ÖPNV zu unterstützen, um vor allem Autofahrer:innen den freiwilligen Umstieg schmackhafter zu machen.

BVG entschuldigt sich

Kurz drauf jedoch musste sich die App korrigieren: "Fehler passieren, dieser hätte nicht sein dürfen", entschuldigte sich das Jelbi-Team. "Anders als in den vergangenen Jahren ist der ÖPNV heute NICHT kostenlos nutzbar." Auf rbb-Nachfrage zeigte sich die BVG ziemlich zerknirscht: "Leider hat ein Teil der App-Nutzer:innen heute tatsächlich zunächst eine solche Falschinformation erhalten", teilte ein Sprecher des Unternehmens mit. "Wir haben umgehend eine Berichtigung verschickt und uns für den Fehler entschuldigt."

Grund für die Verwirrung war offenbar mangelhafte Kommunikation: Die neue Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU) hatte sich dagegen entschieden, die unter dem rot-grün-roten Senat eingeführte Aktion fortzusetzen. Mitgeteilt wurde das aber vorab nicht, erst am Donnerstag tauchte die Information in vereinzelten Medien auf, so dass viele Berlinerinnen und Berliner offenbar damit gerechnet hatten, dass wie in den drei Jahren zuvor am 22. September ÖPNV kostenlos sein würde.

Mobilitätsverwaltung: Aktion hatte zuletzt keinen Effekt

Große Auswirkungen auf das Verkehrsaufkommen hatte der autofreie Tag zuletzt nicht gehabt: 2022 teilte der Chef der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) Andreas Müer dem rbb mit, dass die Infrarot-Messgeräte genauso viele Autos wahrgenommen hätten wie sonst. "Zu den Hauptverkehrszeiten gab es die üblichen kleineren Baustellen und Staus", so Müer. Lediglich auf den Straßenabschnitten, die zu temporären Spielstraßen erklärt wurden, habe der Verkehr geruht.

Ähnlich argumentierte nun die Senatsverwaltung für Mobilität. Die Entscheidung gegen den kostenlosen ÖPNV am autofreien Tag sei vor zwei Wochen gefallen, sagte eine Sprecherin der Verwaltung auf rbb-Nachfrage. Die Aktion habe in der Vergangenheit "keinen messbaren Effekt" gehabt, etwa auf die Zahl der neu abgeschlossenen ÖPNV-Abos. Die Kosten von 400.000 Euro seien angesichts der aktuellen Haushaltslage nicht vertretbar gewesen, so die Sprecherin. Zudem seien inzwischen viele Berlinerinnen und Berliner bereits mit einem 49-Euro-Ticket unterwegs. Der Beschluss des Abgeordnetenhauses habe zudem keine Gesetzeswirkung, so die Verkehrsverwaltung.

Grüne sprechen von verkehrspolitischer Rückwärtsrolle

Die Grünen, deren ehemalige Verkehrssenatorinnen Regine Günther und Bettina Jarasch die Regelung umgesetzt hatten, zeigten sich dennoch empört. "Mal wieder wachen die Berliner:innen mit einer verkehrspolitischen Rückwärtsrolle auf", sagte die beiden Fachpolitikerinnen Antje Kapek und Oda Hassepass. "Auto-Senatorin Schreiner hat kurzerhand das kostenlose Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln am autofreien Tag gestrichen, ohne dies vorher mitzuteilen." Zudem missachte Schreiner den Beschluss des Berliner Parlaments von 2020 und passe ins Bild einer "ideologischen und autozentrierten Politik der Senatorin".

Sendung: rbb24 88.8, 22.09.2023, 17:00 Uhr

Beitrag von Sebastian Schöbel

30 Kommentare

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  1. 30.

    Warum nicht den Allerwertesten in der Hose haben und zum Fehler stehen? Ist ja nur für einen Tag, nur für die, die es überhaupt mitbekommen haben und keine Fahrkarte kaufen – die meisten haben eh ein Langzeitticket.
    Ist ja nicht wie in Polen, wo Kazinski (offiziell versehentlich) eine zu hohe Kindergelderhöhung rausposaunt hat – die dann auch so kam, richtig teuer.

    Also, Jelbi-Leute, Ein Jelbi, ein Wort! Und dazu stehen!

  2. 29.

    Genau, die Autolobbyistin hat eben NICHT kommuniziert, dass der autofreie Tag plötzlich (!) ohne kostenlosen ÖPNV sein soll.

  3. 28.

    Richtig, die meisten haben ein Abo, und warum sollte sich der VBB die Einnahmen von den vielen Touristen entgehen lassen?

  4. 27.

    Warum legt man den autofreien Tag mit Umsonst-ÖPNV nicht auf den Termin des Berlin-Marathons?
    Die Stadt ist dann sowieso zum Teil abgesperrt, es ist Sonntag, und die Leute können dann ohne Alltagsstress die Verkehrsmittel ausprobieren.
    Blöd nur, wenn man dann wieder mal an der Falle der " Einschränkungen im Betriebsablauf" scheitert und mit seinen jammernden Kindern ca. 45 Minuten später bei den Freunden ankommt, den ehem. kalten Sekt hinkelsteinartig mit sich rumgeschleppt hat und man dann zur Vermeidung der Öffis letztendlich von Freunden mit dem Auto heimgefahren wird.
    Ok: Also "Autofreier Tag" vielleicht doch nicht zum Berlin-Marathon...dann ist man mit dem Auto doch schneller da...wozu überhaupt diesenTag?
    Als Mahnmal für ein schlechtes Gewissen für verfehlte Verkehrspolitik?
    Dann doch gleich:
    "Tag der politischen Nachdenklichkeit", so mit Demos und so, rund um das Regierungsviertel alles dicht machen, dann bleiben vielleicht mal die Limousinen der Politiker in der Garage.

  5. 26.

    Wann hatte Schreiner kommuniziert, dass am in der Vergangenheit wirkungslosen autofreien Tag auch 2023 der ÖPNV kostenlos sei?

  6. 25.

    Verwirrend war für mich nur, dass ich die Benachrichtigung mit der Korrektur zuerst erhielt. Und 10-15 Minuten später kann dann die Ursprungsmeldung. Zwei mal.

  7. 23.

    Es gibt Städte, da wird der autofreie Tag so gehandhabt, dass außer Polizei, Rettungsdiensten, wenigen Ausnahmen, nichts fahren darf; beispielsweise in Belgien, aber immer Sonntags.
    Aus gutem Grund: Nutzung des (dann kostenlos angebotenen) ÖPNV nur mit Recht des Stärkeren. „Hauste die Omi neben dir nich wech, kommste nich rin“, so läuft das dann.
    Ein schöner Feldversuch, was passieren würde, müssten alle vom Individualverkehr auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.
    Für die ich absolut bin. Aber selbst in einer Stadt, die gut ein Drittel kleiner ist als Berlin (Brüssel, Belgien), kann der ÖPNV niemals alle Verkehrsteilnehmer aufnehmen; selbst wenn jede Minute Bus, Tram, U-Bahn, S-Bahn (französisch: RER) führen.
    Das gilt es zu bedenken, und ist in Berlin auch weise durch brgrüßenswerte Teilsperrungen realisiert worden. Kann gerne häufiger geschehen, um den Menschen am Wichenende mehr „Fußgehfläche“ zu bieten.

  8. 22.

    Schön doof, wenn man glaubt, aus konzeptloser Symbolpolitik mit drei erfolglosen autofreien Tagen ein Gewohnheitsrecht herleiten zu wollen.

  9. 21.

    "Ohne Wirkung auf Verkehrsaufkommen" schlagzeilte sogar der RBB zu letzten autofreien Tag in Berlin.
    https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2022/09/berlin-autofreier-tag-bahnen-und-busse-kostenlos.html

  10. 20.

    Das Kommunikationsdesaster nennen sie "alles richtig gemacht"? Und bitte, sprechen sie nicht für alle Berliner.

  11. 19.

    Dank an die Frau Senatorin, sie macht alles richtig. Die Berliner wollen keine grüne Verkehrspolitik und das ist nunmal Fakt. Ein Geldregen an die Allgemeinheit ist nicht unendlich …

  12. 17.

    Die Verkehrssenatorin wird hoffentlich eine kurze Halbwertzeit haben. Man kann sich fragen, wer oder was sie umtreibt.

  13. 16.

    Bei dieser Verkehrssenatorin war auch nichts anderes zu erwarten. Armutszeugnis für Berlin!

  14. 15.

    Mal einen Tag autofrei - am Wochenende, um die Arbeitswilligen nicht auszubremsen - bin absolut dafür. Gleichzeitig kostenloser ÖPNV - klappt wochentags nicht, weil dafür die Kapazitäten nicht ausreichen. Ausserdem: Die Meisten haben ein Abo - zahlen also sowieso. Der Rest fährt schwarz bzw. ist verschwindend gering.

  15. 14.

    Sehr beruhigend, festzustellen, dass die Berliner nicht jeden Quatsch mitmachen. Bin heute übrigens auch Auto gefahren. Sollte es Autofahrer gegeben haben, die die Öffis genutzt haben, war davon jedenfalls nichts zu spüren.

  16. 13.

    Danke, Frau Autosenatorin!

  17. 12.

    Wenn die Grünen und ganz besonders Frau Jarasch empört sind, macht Frau Schreier alles richtig. Das kann man als Indikator betrachten.

  18. 11.

    1. Wenn vor dem Laden Obst ausliegt, nehm ich es so mit, denn ich dachte ja 2. Das tautologische stimmt hier nicht. Die BVG hätte fragen müssen - also beides Fälle von Fehlannahmen
    3. Diejenigen die einen autofreien Tag befürworten, durchgesetzt haben (u. nicht darauf angewiesen sind, nutzen den ÖPNV ja sowieso, die anderen Teilnehmer am öfftl. Verkehr werden nicht nur zur Nutzung des ÖPNV gezwungen, nein sie haben auch noch die Kosten zu tragen, im Grunde finanzieren sie also diesen Tag.
    4. Naja, auf die Art u. Weise merkt man dann wieder, das man Recht hat den ÖPNV zu meiden - also Ziel verfehlt, Wähler geärgert.

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