Warnketten festgelegt - Aktionsplan soll Brandenburger zuverlässiger bei Sommerhitze schützen

Di 20.09.22 | 20:53 Uhr | Von Stephanie Teistler
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Symbolbild: Ein Mann geht am 311.07.20218 mit einem selbst gefertigen Kühlbeutel als Schutz vor der Hitze in Berlin spazieren. (Quelle: dpa/Jens Büttner)
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Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 20.09.2022 | A. König/A. Hewel | Bild: dpa/Jens Büttner

Hitzewellen nehmen in Brandenburg zu. Das hat auch gesundheitliche Auswirkungen. Das Land hat deshalb Vorschläge für einen sogenannten Hitzeaktionsplan erarbeiten lassen. Der soll zukünftig besonders Gefährdete schützen. Von Stephanie Teistler

Das Thermometer zeigt zwölf Grad Außentemperatur während sich Expertinnen und Experten in Potsdam treffen, um über Hitze zu sprechen. An diesem Dienstagnachmittag wird ein Gutachten zum geplanten Hitzeaktionsplan vorgestellt. Auf die nächste Hitzewelle will man im Land besser vorbereitet sein.

Zahl der Hitzetage hat sich verdreifacht

Der Klimawandel, fasst das Gutachten zusammen, ist auch in Brandenburg spürbar. Seit Beginn der Wetteraufzeichnung hat sich die langjährige Mitteltemperatur bereits um 1,3 Grad Celsius erhöht. Doch nicht nur die Mittelwerte steigen, auch Extremereignisse, wie eben Hitze, nehmen zu. Ein Tag gilt dabei als heiß, wenn er mehr als 30 Grad Celsius misst. Gab es von 1951 bis 1960 im Land Brandenburg im Schnitt noch knapp fünf solcher Hitzetage, waren es in den zehn Jahren bis 2020 bereits durchschnittlich 14,6 Tage, also fast dreimal so viele.

Besonders betroffen ist Cottbus mit im Mittel mehr als 19 Hitzetagen von 2011 bis 2020. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei gerade mal zehn Hitzetagen.

Die Zahl der heißen Tage hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit. Hitze kann Kopfschmerzen, Übelkeit oder Benommenheit auslösen. Bleibt ein Hitzschlag unerkannt, kann das in seltenen Fällen tödlich sein. Statistisch gesehen sind im Hitzejahr 2018 in Brandenburg etwa 330 Menschen an den Folgen von Hitze gestorben - ein Extremwert. Der Mittelwert liegt mit 50 Hitzetoten pro Jahr seit 1985 deutlich darunter.

Ältere halten sich oft für nicht gefährdet

Das Gutachten im Auftrag von Gesundheits- und Umweltministerium wertet die Zahl der Hitzetoten dennoch als besorgniserregend und zieht den Vergleich zur Statistik der Verkehrstoten. 2021 seien 127 Personen im Brandenburger Straßenverkehr gestorben. Während "erhebliche sicherheits- und verkehrspolitische Maßnahmen ergriffen" würden, um diese Zahl weiter zu reduzieren, fehle es im Umgang mit dem Hitzetod an einer politischen Strategie.

Fritz Reusswig von der Gesellschaft für sozioökonomische Forschung (GSF) ist einer der Projektleiter des Gutachtens. Er sieht dringenden Handlungsbedarf. "Wenn der Klimawandel so fortschreitet, dann landen wir zur Mitte des Jahrhunderts bei 20 bis 30 Hitzetagen." Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel im Land bedeute nichts zu tun deshalb eine höhere Opferzahl.

Besonders gefährdet, macht das Gutachten klar, sind dabei kranke Menschen, Pflegebedürftige, Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder. Risikogruppe Nummer eins sind aber ältere Menschen. "Untersuchungen zeigen zwar, dass die Menschen Wettervorhersagen schauen, sich aber trotzdem nicht richtig schützen", so Reusswig. "Gerade Ältere halten oft Andere für gefährdet, sich selbst aber nicht." Deshalb müssten möglichst viele Akteure aus Gesundheitswesen und den Kommunen in einem Hitzeaktionsplan miteinbezogen werden.

Der Hitzeaktionsplan ist dabei eine Art Warnkette für ein Netzwerk, das sich jetzt bilden soll. Es besteht neben Land und Kommunen aus Akteuren vom Hausärzteverband über das Kompetenzzentrum Demenz bis zum Deutschen Roten Kreuz. Der Plan könnte zukünftig jeweils vom 1. Mai bis 30. September aktiviert werden und alle Verbundenen für Hitzewellen sensibilisieren. Die Warnkette würde dann entsprechend der Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes ausgelöst.

"Trinkspiele" im Altersheim

In diesen Akutphasen solle die Bevölkerung gewarnt werden, anfällige Zielgruppen spezifisch angesprochen werden. Mit der Hitzewarnung würden dann die Aktionspläne der einzelnen Kitas, Schulen, Krankenhäuser der Pflegeeinrichtungen in Kraft treten. Letztere sollten etwa ihre Speisepläne auf leichte Kost umstellen, die Dicke der Decken überprüfen oder die zu Pflegenden öfter ans Trinken erinnern oder deren Motivation dazu etwa durch "Trinkspiele" erhöhen.

Vorbereitend könnten Kommunen etwa Infomaterialen zum Thema Hitzeschutz an Haushalte mit Mitgliedern über 75 Jahren verteilen. Auch der Aufbau eines sogenannten "Buddy-Systems" sei denkbar. Ehrenamtliche könnten darüber an heißen Tagen gefährdeten Personen helfen. Schulen müssten sich ebenfalls vorbereiten, Trinkbrunnen installieren oder die Lehrkräfte zum Thema Hitzeschutz weiterbilden.

Langfristig nimmt der Plan aber auch die Infrastruktur im Land in den Blick. So sollten kommunale oder landeseigene Gebäude zukünftig energieeffizient gekühlt werden können. Erreicht werden soll dies durch bessere Isolation, Sonnenschutz oder Begrünung. "Letztlich geht es darum, unsere Kabinettskollegen zu sensibilisieren, dass das Thema Hitze ein Querschnittsthema ist", so Umweltminister Axel Vogel. Die nun vorgestellten Handlungsempfehlungen seien dafür die Voraussetzung. Eine konkrete Investitionssumme ist mit dem vorgestellten Gerüst für den Hitzeaktionsplan nicht verbunden.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 20.09.2022, 19.30 Uhr

Beitrag von Stephanie Teistler

6 Kommentare

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  1. 6.

    Schaut mal den Cottbuser Bahnhofsvorplatz an, wie man es nicht macht. Nur beton und wenn überhaupt, dann nur da Schatten wo keine Bänke sind.

  2. 5.

    Nee. Falscher Zusammenhang. Wär ja geradezu bescheuert, wenn man vor der Wärme in die Hitze flieht. "Die" die es sich leisten können, wettern den Winter im Süden ab. Meine alte Dame zum Beispiel. Na und, dafür hat sie jahrzehnte geackert, im wahrsten Sinne des Wortes.

  3. 4.

    Und was mir diesen Sonner wieder aufgefallen ist: Die Busse der meisten kreiseigenen ÖPNV Betriebe haben keine Klimaanlage. Und wer fährt viel mit den Buslinien in den Städten und übers Land? Richtig... ältere Menschen. Ist komisch... da werden neue moderne Busse für zig Tausende Euro gekauft, aber für 4000 EUR für ne Klimaanlage hats denn nicht gereicht. Zumal die Busse heutzutage als Glasgewächshäuser sowieso Schwitzkästen sind.

  4. 3.

    Materialien verteilen, na das wird helfen. Wenn ich bei Hitze rausmuss, muss ich raus. Mehr Schatten wär wichtig! Mehr Bäume, mehr Überdachungen, Trinkwasserspender- Schulen, Bahnhöfe und dergleichen sollten nur noch ne Genehmigung bekommen, wenn sie ausreichend Schattenmöglichkeiten beinhalten. Aber da will man ja niemanden in die Pflicht nehmen. Lieber bunte Blättchen verbreiten.

  5. 2.

    "Risikogruppe Nummer eins sind aber ältere Menschen." Das sind dann die, welche sich kein Altersdomizil in Griechenland, auf Malle, in Spanien oder wo es sonst noch schön warm ist, leisten können.

  6. 1.

    Entscheidend ist, dass begriffen wird, das es schon bei der Stadtgestaltung anfängt. Es müssen mehr Bäume gepflanzt und zu Altbäumen werden dürfen. Es muss mehr Bänke (auch mit Rückenlehne u. Handlehne [Anregung Silbernetz!!!]) geben. Die Berliner Wasserbetriebe richten sog. Trinkbrunnen ein. Das finde ich großartig, mit dem Bäumen/Schatten ist es dagen schon schwieriger. Richtig ist, dass es in Gemeinschaftseinrichtungen mehr Fürsorge geben muss. Aber der Schwerpunkt liegt m.E. doch in der Freiflächengestaltung. Meine Städtebesuche per Schiene ergaben: Es gibt genügend Städte, die mit einfach zu wartenden Springbrunnenplätzen vorbildlich vorangehen (Altenburg Th., Neustrelitz MV oder Prenzlau Bbg). Historische Brunnen sind natürlich sehr schön, ich mag sie auch, es gibt auch wunderschöne Arbeiten moderner Springbrunnenanlagen, nur kann ich nicht verstehen, dass sie oft "Opfer" eines unkontrollierbaren Vanadalismus werden.

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