Mooratlas 2023 - Nur noch 2,5 Prozent der Brandenburger Moorflächen sind intakt

Di 10.01.23 | 15:02 Uhr
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Symbolbild: Sumpflandschaft Briesetal (Quelle: dpa/vizualeasy)
Video: rbb24 Brandenburg aktuell | 10.01.2023 | Alexander Goligowski | Bild: dpa/vizualeasy

Brandenburg gehört nach wie vor zu den moorreichsten Gebieten Deutschlands, doch nur die wenigsten von ihnen können noch ihre klimaschützende Funktion erfüllen. Die Autoren des "Mooratlas 2023" liefern beunruhigende Zahlen.

  • Nur 6.000 Hektar Moorfläche in Brandenburg noch intakt
  • Trockengelegte Moore verursachen starke Treibhausgas-Emissionen
  • Seit Jahrhunderten werden in Brandenburg Moore trockengelegt
  • "Mooratlas"-Autoren fordern internationales Abkommen

Nur noch etwa 2,5 Prozent der Moorflächen in Brandenburg befinden sich in ihrem ursprünglichen Zustand und bilden noch Torf. Das geht aus dem "Mooratlas 2023" hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist.

Von insgesamt 243.432 Hektar Moorfläche in Brandenburg sind demnach nur noch 6.000 intakt, geht aus den Daten hervor, die von der Heinrich-Böll-Stiftung, der Umweltschutzorganisation BUND und der Michael Succow-Stiftung zusammengetragen und im Mooratlas [boell.de] zusammengefasst worden sind.

243.432 Hektar entsprechen der Größe des Saarlands. Moore bedecken etwa neun Prozent der Brandenburger Landesfläche und machen etwa 14 Prozent der bundesweiten Moorflächen aus, heißt es in dem Bericht weiter. Damit ist Brandenburg hinter Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern das moorreichste Bundesland.

Grafik "Weit verbreitete Landschaften" (Quelle: Mooratlas 2023)
Überblick über die Moore Deutschlands (Quelle: Mooratlas 2023) | Bild: Mooratlas 2023

Starke Treibhausemissionen durch trockene Moore

Gleichzeitig ist hier der Anteil der noch intakten Moorflächen mit 6.000 Hektar besonders klein und der damit einhergehende Ausstoß von umweltschädlichem Kohlendioxid besonders groß, besagt der Mooratlas. Und das führe zu drastischen Auswirkungen.

Werden Moore trockengelegt, kann das Torf im Moor keine Kohlenstoffe mehr binden und damit seine für das Klima so wichtige Aufgabe nicht mehr erfüllen. Vielmehr stoßen entwässerte Moore massenhaft Schadstoffe aus. In Brandenburg werden laut Mooratlas pro Jahr 7,2 Millionen Tonnen Treibhausgase (CO2, Lachgas, Methan) aus trockengelegten Mooren ausgestoßen. Die meisten Emissionen entstehen in Brandenburg auf zu Grünland umfunktionierten Mooren (Anteil 70 Prozent) vor Ackerflächen (24 Prozent).

Bundesweit würden durch trockengelegte Moore 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen, immerhin sieben Prozent der Gesamtemissionen, heißt es im Mooratlas.

Grafik "Wasser Marsch" (Quelle: Mooratlas 2023)
Emissionen aus trockengelegten Mooren (Quelle: Mooratlas 2023) | Bild: Mooratlas 2023

Trockenlegungen begannen mit König Friedrich II.

Seit vielen Jahrhunderten ist Brandenburg für seine ausgedehnten großen Moorflächen im Norden und Westen bekannt. Das Havelländische Luch gehört mit seinen 40.000 Hektar zu den größten deutschen Niedermoorgebieten. Noch vor 300 Jahren waren Sümpfe und Moore überall im Land unüberwindliche Naturhindernisse. Nach Angaben des BUND Brandenburg sind derzeit nur noch zehn Prozent der hiesigen Moore in einem naturnahen Zustand.

Seit Jahrhunderten werden die einst als unproduktiv und öde geltenden Moore auch in Brandenburg trockengelegt, um auf deren Flächen Menschen anzusiedeln und Agrarflächen zu errichten sowie den lukrativen Torf abzubauen. Der Mooratlas 2023 verweist in diesem Zusammenhang auf die Trockenlegung des brandenburgischen Oderbruchs unter dem preußischen König Friedrich II.: "Das Großprojekt siedelte hunderttausende Menschen an und brachte neue landwirtschaftliche Praktiken in die Region. Lange wurde dies als Triumph der menschlichen Vernunft über die widerspenstige Natur gefeiert", heißt es in dem Bericht.

Entwässert wurde in Brandenburg auch noch im späten 20. Jahrhundert. Die DDR wollte die Moore später auch maschinell bewirtschaften, um Viehfutter zu ernten. Damit LKW und Traktoren nicht im Moor versackten, wurde den Böden noch mehr Wasser abgegraben, "Komplexmelioration" genannt.

Moorkarte Brandenburg (Quelle: BUND Brandenburg)
Hier befinden sich Brandenburgs Moore (Quelle: BUND Brandenburg) | Bild: BUND Brandenburg

Moore müssen "wiedervernässt" werden

Um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erfüllen, müssten in Brandenburg jährlich 6.500 Hektar der trockengelegten Moorflächen wiederbewässert werden, schreiben die Autoren des Mooratlas 2023 weiter. Deutschlandweit sei die Wiedervernässung auf 50.000 Hektar pro Jahr nötig, was der Größe des Bodensees entspricht. Nur wenn dies gelinge, könne das Moor wieder ein funktionierender Speicher von Wasser und Kohlenstoff werden. Das mildere auch Auswirkungen der Klimakrise ab, da das Moor wie ein Schwamm Starkregen abpuffere und wie eine natürliche Kühlung für die Luft wirke.

In Brandenburg laufen schon seit Jahren Renaturierungsmaßnahmen und Wiedervernässung, bislang konnten laut Mooratlas 20.000 Hektar teilweise oder vollständig bewässert werden. Ein ehrgeiziges Projekt wird vom Greifswald Moor Centrum (GMC) bei Angermünde (Uckermark) in der Sernitzer Niederung betreut. Mit dem Projekt "toMOORow" soll im Nordosten Brandenburgs ein Musterbeispiel geschaffen werden, wie sich mit der Wiedervernässung eine wirtschaftliche Nutzung schaffen lässt, etwa mit Wasserbüffeln oder der Herstellung von Dämmmaterialien aus Biomasse.

Ein ähnliches Konzept verfolgt auch das Land Brandenburg selbst. Das Agrarministerium investiert 15 Millionen Euro in ein ganzes Bündel von Projekten unter dem Titel "Klimamoor". 20 große Moorflächen sollen bis 2026 nicht nur renaturiert werden. Sie sollen auch für eine landwirtschaftliche Nutzung erschlossen werden, die an hohe Wasserstände angepasst ist.

Grafik "Moorige Landschaften" (Quelle: Mooratlas 2023)
Nötige Wiedervernässung in Deutschland (Quelle: Mooratlas 2023) | Bild: Mooratlas 2023

Mooratlas-Autoren fordern internationales Abkommen

Auch die Autoren des Mooratlas empfehlen ausdrücklich die Anwendung der Paludikultur ("Paludus" = Sumpf; Moor), so wie sie in Angermünde angewendet wird. Mit ihr werden die Moore bewässert, es entstehen Torf und Paludikultur-Pflanzen wie Schilf, Torfmoose, Rohrkolben, Erle, Seggen und andere Gräser. Deren Biomasse lässt sich wirtschaftlich nutzen, beispielsweise als Baustoffe, Dämmstoffe, Werkstoffe und auch Pappe sowie Papier.

Allerdings genüge es natürlich nicht, solche Maßnahmen auf einzelne Bundesländer oder auf Deutschland zu konzentrieren. "Aus unserer Sicht ist es wichtig, ein verbindliches internationales Abkommen zum Schutz von intakten Mooren und der Wiederherstellung von entwässerten Mooren zu treffen", betonte Imme Scholz vom Vorstand der den Grünen nahe stehenden Böll-Stiftung am Dienstag bei der Vorstellung des Mooratlas. Der Schutz der Moore weltweit sei unverzichtbar und müsse politisch noch entschiedener angegangen werden.

"Moorgebiete werden auch heute noch in allen Teilen der Welt zerstört. Bei uns in Mitteleuropa sind weit über 90 Prozent der Moore betroffen", so Scholz. Welch gravierende Auswirkungen hat, veranschaulicht der Mooratlas abschließend mit nackten Zahlen: "Ein Auto könnte 280 Milliarden Kilometer fahren und würde dadurch trotzdem nicht mehr CO2 emittieren als entwässerte Moore in Deutschland – jedes Jahr."

Sendung: rbb24, 10.01.2023, 13:00 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    Viele Liebe Grüße, Ich danke Ihnen für die Richtigstellung meines Artikels !
    Ja, - Ich meinte damit, das der Umwelt-, Klima- und Naturschutz in Brandenburg/Berlin in den letzten 3 Jahrzehnten, vernachlässigt wurde und weiterhin wird, Viele Grüße.

  2. 8.

    Jüngst hat der rbb24 hier berichtet, dass Brandenburg nur 10 Jahre lang was für Moore machen will.... Weil nur solange der Bund das Geld gibt. Gibt es bei Umweltschutz, Nachhaltigkeit u.ä. auch Doppelmoral?

  3. 7.

    Wo hat der Autor Jonas behauptet, dass die Äcker in der DDR „von naturliebenden Kleinbauern bewirtschaftet, ohne Pflanzenschutzmittel und nur mit Kuhmist gedüngt“ wurden?

  4. 6.

    Ach ja, die Äcker in der sogenannten "DDR" wurden von naturliebenden Kleinbauern bewirtschaftet, ohne Pflanzenschutzmittel und nur mit Kuhmist gedüngt. Wie kann man so einen Schwachsinn behaupten, wie Sie?

  5. 5.

    Schmetterlinge…

    Was gerade massiv ausstirbt sind Ameisen, Fliegen, Wespen, Regenwürmer.

    Bodenbakterien, Einzeller und Mikroorganismen im Allgemeinen sterben ebenfalls.

    Ganze Nahrungsketten brechen zusammen.

    Es wird spannend, ob unter den Umständen eines toten Bodens Ackerbau überhaupt noch möglich sein wird.

    Da sind wir gerade.

  6. 4.

    Nicht nur Moore und Feuchtgebiete verschwinden ,,auf Nimmer Wiedersehen,, unsere Allen an den Straßen und die Windschutzhecken auf den Äckern, sind verschwunden.
    Die Landwirtschaft in Brandenburg geht bis an und sogar in die Schilfgürtel der Flüsse und Seen hinein und zerstört auch die kleinen Tümpel auf den Äckern und Wiesen.
    Selbst die DDR, hat solch Austrocknung der Äcker und Wiesen nicht geschafft, was die moderne Mono-Wirtschaft der Forst-und Agrarindustrie hier zerstört.

  7. 3.

    da behaupte noch eine/r das mit dem Klimaschutz sei alles Quatsch. Insekten sterben ebenfalls aus oder gibt es noch regelmäßig im Sommer viele Schmetterlinge?

  8. 2.

    Viele Flächen um Ketzin/Havel zum Bsp. wurden seit der politischen Wende, für Landwirtschaft/Tierhaltung ausgetrocknet und werden einfach nicht wiedervernäßt.
    Von dieser großflächigen Trockenlegung von Feuchtgebieten/Feuchtwiesen/Moore/KleinSeen, sind doch viele Brandenburger Kommunen betroffen.
    Überall trockene Monokulturen ohne Bäume/Sträucher, die unser Klima aufheizen und unsere Natur zerstören.
    Viel zu schnelle Ableitung der Niederschläge, von unseren Wiesen und Feuchtgebieten in Kanäle/Flüsse und damit ins Meer/Salzwasser.

  9. 1.

    Flutet doch ganz Brandenburg. Dann können die Mittel für den Strukturwandel woanders sinnvoll eingesetzt werden.

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