Angespannte Lage in Berlin - "Die Versorgungssituation für junge Geflüchtete hat das Limit überschritten"

Mo 25.09.23 | 19:22 Uhr | Von Frank Preiss
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Archivbild: Jugendliche Geflüchtete im Ankunftszentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine im ehemaligen Flughafen Tegel TXL. (Quelle: imago images/E. Contini)
Audio: rbb24 Inforadio | 25.09.2023 | Yasser Speck | Bild: imago images/E. Contini

Der Berliner Flüchtlingsrat warnt: Junge Geflüchtete müssen zu lange warten, bis sie eine Perspektive erhalten. Das bestätigen Akteure, die mit Betroffenen arbeiten. Ihr gemeinsames Fazit: Es fehlt in Berlin an allem, was junge Menschen brauchen. Von Frank Preiss

  • Mehr als 2.000 unbegleitete Minderjährige kamen 2023 nach Berlin
  • Es fehlen Unterkünfte, Schulplätze, Sozialarbeiter und Vormunde
  • Junge Geflüchtete warten bis zu zehn Monate auf eine Perspektive
  • Hilfsorganisation fordert Politik zum Nachsteuern auf

Sie kommen allein, haben meist lange und beschwerliche Reisen hinter sich und kämpfen oft mit traumatischen Erfahrungen: minderjährige Geflüchtete, die ohne Angehörige in Berlin ankommen.

Ihre Zahl ist in den zurückliegenden Monaten gestiegen. In der Erstaufnahmestelle in Berlin-Wilmersdorf werden täglich durchschnittlich 15 unbegleitete Minderjährige empfangen. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien und Afghanistan, aus den Kurdengebieten, aus afrikanischen Staaten wie Benin - und natürlich auch aus der Ukraine.

Nach Angaben der Senatsjugendverwaltung sind in diesem Jahr bislang mehr als 2.200 junge Menschen ohne Erziehungsberechtigte in Berlin angekommen, die zwischen 15 und 17 Jahre alt sind. Im Jahr 2015, dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, waren mehr als 4.000 minderjährige Geflüchtete nach Berlin gekommen.

Lange Wartezeit in prekären Wohnverhältnissen

Für die, die jetzt kommen, fehlt es derzeit in Berlin an allem, beklagt Andrea Niemann. Sie ist Geschäftsführerin der Trägerin der Erstaufnahmestelle, der Stiftung für Soziale Dienste FSD. Es fehle an Geld, an Wohnraum, an Schulplätzen und ehrenamtlichen Helfern, erklärt sie auf rbb-Anfrage: "Berlin hat nach 2015/16 die Unterbringungsplätze abgebaut und Einrichtungen geschlossen, jetzt werden die Kapazitäten wieder hochgefahren. Allerdings ist es jetzt schwieriger als 2015/16, weil der Arbeitsmarkt sehr anders ist. Sozialpädagogen und Erzieher lassen sich kaum noch finden", beklagt Niemann. Das hat zur Folge: Heute könnten mit den vorhandenen Strukturen sinnvoll nur ein bis zwei Erstaufnahmen pro Tag bewältigt werden - statt eben der benötigten 15.

Berlin hat schon grundsätzlich zu wenige Schulplätze und auch psychologische Therapieplätze. Das fällt den jugendlichen Geflüchteten besonders stark auf die Füße. Meist sind die Minderjährigen in großen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Wenn sie Glück haben, landen sie in Zwei- oder Dreibettzimmern in Hostels. Und dort beginnt dann das bange Warten.

"Es hakt überall dort, wo sie andocken müssen, um hier anzukommen", erklärt Niemann. Meist warten sie acht bis zehn Monate, was "irre lang" sei. "Sie bleiben zu lang in diesem Schwebezustand, das ist das, was sie zermürbt: ihre verlorene Jugend", berichtet Niemann. Sie bräuchten das Gefühl endlich anzukommen nach langer Flucht, "sie brauchen eine adäquate Betreuung, einen Schulplatz, also Struktur".

Sechs Monate bis zum "Erstgespräch"

Das Verharren in der Warteschleife sei das Schlimmste für die Jugendlichen, bestätigt auch Janina Meyeringh, Leiterin des Kinder und Jugendbereichs bei Xenion, einem Träger, der psychologische und soziale Hilfe anbietet und Vormundschaften vermittelt.

Minderjährige Geflüchtete werden nach ihrer Ankunft zunächst in Obhut genommen. "Normalerweise sollte nach der Inobhutnahme innerhalb von einer Woche das sogenannte Erstgespräch bei der Senatsverwaltung erfolgen, in dem eine Altersfeststellung vorgenommen wird", berichtet Vanessa Höse, die Sprecherin von Xenion, aktuell würde das "bis zu einem halben Jahr oder länger" dauern. Erst dann kann das so genannte Clearing-Verfahren laufen, bei dem die individuellen Bedarfe, eine vormundschaftliche Vertretung, der Schulbesuch und viele weitere Rechte der Minderjährigen geklärt werden.

Xenion sorgt dafür, dass unbegleitete Minderjährige Vereinsvormundschaften oder ehrenamtliche Vormundschaften erhalten. Denn klar ist: Die überlasteten Jugendämter schaffen es nicht allein, Amtsvormunde zu vermitteln. Statt der gesetzlich vorgeschriebenen 50 Mündel (Menschen, die unter Vormundschaft stehen) pro Vormund müssten die teils 70 bis 80 Mündel vertreten.

"Kinderschutz muss gewährleistet sein"

Xenion leistet hier einen großen Beitrag: Im vergangenen Jahr konnte die Organisation 158 unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten oder jungen Volljährigen eine ehrenamtliche Vormundschaft oder Patenschaft vermitteln. Als Vormundschaftsverein hat Xenion darüber hinaus im vergangenen Jahr 174 unbegleitete Minderjährige vormundschaftlich vertreten - "das ist mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr", bilanziert Höse.

Der Bedarf übersteigt auch in diesem Bereich bei weitem das Angebot. Xenion sucht dringend Menschen, die sich eine ehrenamtliche Vormundschaft vorstellen können. Voraussetzung dafür sei nicht etwa fachliche Kompetenz, "aber eine Bereitschaft, sich mit Behörden und verschiedenen Institutionen oder Akteur:innen auseinanderzusetzen, die im Leben ihres Mündels eine Rolle spielen", erklärt Höse. Besonders wichtig seien ein hohes Maß an Selbstreflektion und Empathievermögen sowie Respekt. Potentielle Vormunde werden geschult und von Xenion eng begleitet.

Mit gewisser Sorge blicken derweil auch die Aktiven bei Xenion auf die kommenden Monate. "Die Versorgungssituation für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in Berlin ist tatsächlich am Limit - oder besser gesagt hat dieses bereits überschritten", so Höse. Besonderen Handlungsbedarf sieht sie bei der Unterbringungssituation: "Sie muss langfristig ausgebaut, die Betreuung einheitlich verbessert werden, Wartezeiten für die Bereitstellung von Vormundschaften verkürzt und Kinderschutz für alle Kinder und Jugendlichen gewährleistet werden."

Sendung: rbb24 Inforadio, 25.09.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Frank Preiss

18 Kommentare

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  1. 18.
    Antwort auf [Lars] vom 25.09.2023 um 22:13

    klar, die Zahl steigt ständig

  2. 17.

    alles hinreichen bekannt, selbst der Ampel, aber die wagen es nicht das Thema, selbst mit der Kneifzange , anzugehen

  3. 15.

    Stimmt. Weiß auch jeder Verantwortliche. Es traut sich aber kaum jemand ran. Und wenn jemand so etwas sagt wird sofort die Nazikeule ausgepackt.

  4. 13.

    Für das Geld, dass wir jährlich für Asylanten ausgeben, dafür können Schulen, Bäder, Polizei und Feuerwehr Stationen saniert werden. Das soll nicht heißen, dass wir nicht helfen nein, nur wenn genug ist ist genug.

  5. 12.

    Hilfst Du ihm, statt über ihn hier zu tippseln? Ich meine allerdings, dass kein Land der Welt, vermeintlich "alles schaffen" kann. Da die Staatengemeinschaft in der Hinsicht zu sehr gespalten ist, kann sich unser Land nicht um alle und jeden kümmern. Man hört es immer wieder in den Reportagen in den Ankunftsländern, dass der überwiegende Teil nach D weitermöchte. Warum? Weil man in deren Herkunftsländern entsprechend agiert und Begehrlichkeiten weckt, die hier dann Ent-Täuscht werden und die Leute auf dem Boden der harten Realität landen müssen. Da helfen auch keine Spendengalas oder sonstwas. Unser Fiskus ist dermaßen klamm und schaufelt die Kohle nur noch um, was sich um reine Buchwerte handelt, aber nirgendwo flüssig ist. Das nenne ich auch eine pekionäre Zugrunderichtung von Staaten durch gezielte und gelenkte Manipulation der Menschen in ihren Heimatländern, sei die Lage dort noch so prekär, was mir für alle Flüchtenden sehr leid tut.

  6. 11.

    Wer in Deutschland Asyl beantragt und auf dem Landweg gekommen ist, hat zwangsläufig einen sicheren Drittstaat passiert und muss dort seinen Asylantrag stellen. Er kann sich laut Grundgesetz dann nicht auf das Asylgrundrecht berufen...

    Nicht zuletzt sind auch wirtschaftliche Interessen im Spiel. Caritas und Paritäter, Diakonie und soziale Träger bekommen viel Geld vom Staat für ihre Versorgung der Angekommenen. Und auch wer eine Immobilie zur Unterbringung der vielen Menschen anbietet, kann mit mehr als auskömmlicher Finanzierung rechnen.

    Und so lange die ganze Disskussion schon falsch geführt wird, wird es keine Besserung der Lage geben...

    Warum sind diese jungen Menschen auf ihrer Flucht durch so viele sichere Staaten gegangen!? Wieso gibt es Schutz nur in Deutschland!? Und internationales Recht kann nicht darin münden, dass der Aufnahmestaat mit
    irregulärer Immigration überfordert wird, denn wenn es um wirkliches Asylgesuche ginge, würden wir das mit links wuppen...

  7. 10.

    Wir sollten nie aufhören diesen schutzsuchenden Menschen zu helfen! Wir sollten unser letztes Hemd für sie geben, so wie es einst der römische Soldat St. Martin getan hat. Wir alle haben von allem zuviel und sollten es für eine gerechtere Welt ausgeben! Das die Ostdeutschen diese Situation vor 33 Jahren schon einmal selbst erlebt haben und nun um ihren selbst aufgebauten und erwirtschaften Wohlstand bangen scheint vielen nicht klar zu sein. Als Bürger der ehemaligen BRD hat man ein dickeres Finanzpolster und kann natürlich auch (gern) mehr geben!

  8. 9.

    Was soll die Kritik bewirken? Es ist eher eine Zustandsbeschreibung. Und: Ja, due Lage ist prekär. Aber wir können nicht auf den Verdacht hin, dass noch mehr kommen, Wohnraum, Lehrkräfte etc. bereit halten. Alles Dinge, die eh schon Mangelware sind.
    Das ist die klassische Dilemmasituation.
    Ich frage mich, ob die jungen Leute, die m.E. bei derDemo tw. von den Veranstaltern instrumentalisiert wurden, auch in ihren Herkunftsländern für die Einhaltubg der Menschenrechte demonstriert haben.

  9. 8.

    Das kommt davon, dass ein Land sich viel mehr zumute als es leisten kann.
    So etwas kann nicht gut gehen. Weder für das Land noch für die Betroffenen.
    Was zu viel ist, ist zu viel.

  10. 7.

    Warum gibt man den Leuten /Kinder keine perspektiven in deren Nachbarländer.
    Man sollte sich wirklich mal ein Beispiel an Skandinavien nehmen.
    Wo soll das alles noch hinführen?

  11. 6.

    So what. Die Eltern sind zu belangen wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht. Warum sollte der Steuerzahler das finanzieren. Man muss nicht Populist sein, um zu dem Schluss zu kommen

  12. 5.
    Antwort auf [Ronny Fengler] vom 25.09.2023 um 21:44

    Sprich mal die Typen in der S-Bahn an, sie suchen täglich aufs Neue einen Schlafplatz in einer Unterkunft und etwas zu essen. Eine Dusche wäre auch nicht falsch und medizinische und psychologische Betreuung. Sie sind zwar keine Flüchtlinge aber brauchen dennoch dringend Hilfe. Einer droht immer damit, sich vor den nächsten Zug zu werfen, wenn er nichts bekommt. Warum hilft ihm keiner? Also wirklich ernsthaft und nicht nur mit 1 Euro.

  13. 4.

    Wir können nicht mehr aufnehmen, dass wäre Menschen unwürdig, wie lange sollen sie in Maßen Unterkünfte leben. Wo sollen die vielen deutsche Jugendliche die heiraten und Familie gründen wollen wohnen?

  14. 3.

    Ein Nährboden zum Abstieg in Ausweglosigkeit und Gewalt wird hier geschürt. Von Beginn an sollten die Flüchtlinge zumindest eigenständig mittels bereitgestellter Lehrmittel in Form von Bücher, Audio- und Videomaterial an die deutsche Sprache herangeführt werden.

  15. 2.

    Sozialleistungen kürzen oder Streichen, gleiches gilt fürs Kindergeld. Damit sollte sich die Lage stabilisieren. Früher oder später kommt das eh, anders wird man die Lage nicht mehr unter Kontrolle bekommen!

  16. 1.

    Alles Quatsch!
    Wir haben Platz, wir haben Geld.
    Jetzt muß sich die eklige weiße Mehrheitsgesellschaft nur noch das Provozieren durch so gucken abgewöhnen.

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