Hürden beim Treuhändermodell - Was die Wiederbelebung von "Geisterhäusern" in Berlin so schwierig macht

Fr 26.01.24 | 22:29 Uhr | Von Wolf Siebert und Jonas Wintermantel
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Ein Leerstand in der Stubenrauchstraße Ecke Odenwaldstraße am 08.04.2020. (Quelle: dpa/Bildagentur-online)
Bild: dpa/Bildagentur-online

Trotz massiven Wohnungsmangels stehen in Berlin mehrere Wohnhäuser leer und verfallen. Ein mögliches Mittel zur Wiederbelebung solcher "Geisterhäuser" ist der Einsatz von Treuhändern. Doch der ist kompliziert. Von Wolf Siebert und Jonas Wintermantel

In Berlin fehlt Wohnraum an jeder Ecke - gleichzeitig stehen in der ganzen Stadt Wohnhäuser leer und verfallen. "Geisterhäuser" werden sie oft genannt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 bewegt sich die Zahl dieser "Problemimmobilien" im niedrigen zweistelligen Bereich.

Das Land Berlin plant schon länger, mit Treuhändern verwahrloste und jahrelang leerstehende Wohnhäuser wieder bewohnbar machen. Jetzt hat der Senat es erneut im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhaus angekündigt. Getestet werden soll die Idee an drei Objekten in Friedenau, Wedding und Lichterfelde.

Bereits im Dezember 2022 stellte der Senat in Aussicht, in ausgewählten Pilotprojekten mit einem Treuhandmodell neue Wege gegen den Wohnungsleerstand gehen zu wollen. Der rbb berichtete darüber. Es ging dabei um exakt dieselben Objekte wie in der aktuellen Ankündigung: ein Haus auf der Odenwaldstraße in Friedenau, eins auf der Kameruner Straße im Wedding, sowie ein Objekt an der Ecke Gardeschützenweg/Hindenburgdamm in Lichterfelde.

Getan hat sich seither wenig - alle drei Objekte stehen noch immer leer. Woran liegt das?

Wie funktioniert das Treuhand-Modell?

Der rechtliche Rahmen für den Einsatz eines Treuhänders wurde bereits im Jahr 2018 geschaffen. Seit diesem Jahr gilt in Berlin ein verschärftes Zweckentfremdungsverbot-Gesetz, das den Bezirken den Einsatz von Treuhändern ermöglicht. Das Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum soll Wohnungen vor Zweckentfremdung durch Leerstand, Abriss und der Umwandlung in Gewerberaum und Ferienwohnungen schützen.

Vereinfacht gesagt handelt es sich beim Treuhandmodell um eine vorübergehende Enteignung. Nachdem ein Eigentümer auf die Aufforderung des Bezirksamts, Wohnräume wieder bewohnbar zu machen, nicht reagiert hat, kann das Bezirksamt einen Treuhänder einsetzen, zum Beispiel eine Wohnungsbaugesellschaft, einen Rechtsanwalt oder eine gemeinnützige GmbH.

Dieser Treuhänder handelt dann anstelle des Eigentümers: Er beauftragt Handwerker, gegebenenfalls Architekten, verwaltet das Grundstück – und das alles, um die Wohnungen wieder fit für die Vermietung zu machen. Alle Rechnungen muss der Treuhänder dem Eigentümer und dem Bezirksamt vorlegen.

Bezahlt der Eigentümer diese Rechnungen nicht in einer noch festzulegenden Frist, kann das Bezirksamt in Vorleistung gehen. Sobald die Wohnungen saniert sind, endet die Funktion des Treuhänders. Vermietet der Eigentümer die sanierten Wohnungen nicht, kann das Bezirksamt erneut einen Treuhänder einsetzen, der die Vermietung übernimmt.

Wieso wird das Mittel kaum angewendet?

Der Einsatz von Treuhändern ist ein scharfes Schwert der Verwaltung, denn es handelt sich um einen schweren Eingriff in die Eigentumsrechte. Das Mittel wird daher nie leichtfertig genutzt. Die Verwaltungen müssen auch mit Klagen rechnen - entsprechend brauchen die Bezirke Rechtssicherheit im Verfahren.

Offiziell ist der Einsatz von Treuhändern ausschließlich Sache der Bezirke selbst. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird nicht müde, das immer wieder zu betonen. Die Bezirke aber haben kaum Geld und viel zu wenig Personal, um sich intensiv um die leerstehenden Häuser zu kümmern.

Vor einem Jahr nahm daher der damals neue Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) das Thema auf seinen Tisch und traf mit den drei Bezirken und mit der Finanzverwaltung Verabredungen. Die drei genannten Häuser werden daher nun als Pilotprojekte des "Treuhändermodells" durchgezogen; der Senat unterstützt mit Geld (etwa bei möglichen Prozesskosten), Know-How und gegebenenfalls auch mit Personal.

"Sollte ein Bezirk ein entsprechendes Pilotverfahren anstreben, werden die zuständigen Senatsverwaltungen unterstützen und aus den dann generierten praktischen Erfahrungen soweit möglich allgemeine Handlungshilfen für weitere Treuhändereinsätze ableiten", heißt es in einem Schreiben vom Dezember 2022, das dem rbb vorliegt.

Doch auch bei diesen drei Pilotprojekten ergeben sich praktische Probleme im Verfahren.

Beispiel Odenwaldstraße: Kein Mitwirken durch die Eigentümerin

Sowohl die Senatsverwaltung als auch die zuständigen Bezirke betonen auf Anfrage, dass durch fehlende Mitwirkung der Eigentümer das Treuhänder-Verfahren immer wieder verzögert würde.

Das zeigt sich unter anderem am Beispiel des Hauses in der Odenwaldstraße in Friedenau. Das zuständige Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg hatte die Eigentümerin hier bereits im Januar 2021 aufgefordert, ein Gutachten zu den Mängeln in ihrem Haus vorzulegen. Es wurde zwar ein Jahr später - im Februar 2022 - vorgelegt, blieb jedoch weit hinter den Forderungen des Bezirksamtes zurück.

Im nächsten Schritt stellte der Bezirk im April 2023 der Eigentümerin eine erste "Instandssetzungsanordnung" zu. Sie wurde darin aufgefordert, die Gebäudehülle zu schützen und Gefahrenstellen im Inneren zu beseitigen. Die Eigentümerin hatte bis Ende September 2023 Zeit, der Anordnung nachzukommen - sie tat es nicht.

An diesem Punkt kommt nun der Einsatz eines Treuhänders als Zwangsmittel der Verwaltung infrage. Doch auch das geht nicht ohne Weiteres - zunächst müsse nämlich ein entsprechender Treuhandvertrag erarbeitet werden, der die Beauftragung regelt, heißt es.

"Dessen Erarbeitung hat sich leider aufgrund von Personalmangel und hoher Arbeitsbelastung erheblich verzögert", teilte die Bezirksstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Eva Majewski (CDU), auf rbb-Anfrage mit. "Deshalb habe ich die Senatsverwaltung um Unterstützung gebeten, die mir von dort auch zugesagt wurde."

Sollte die Eigentümerin weiter untätig bleiben, wolle der Bezirk schließlich einen Treuhänder einsetzen. Die Frage des rbb, wann mit diesem Schritt zu rechnen sei, konnte Majewski nicht beantworten.

Beispiel Lichterfelde: Ersatzvornahme statt Treuhänder

Bei einem Mietertreffen am vergangenen Dienstag sagte Staatssekretär Stephan Machulik (SPD), das Haus im Gardeschützenweg in Steglitz werde das erste Treuhänder-Projekt sein - hier seien alle juristischen Fragen geklärt. Demnach könne das Treuhänderverfahren spätestens im Februar eingeleitet werden. Als Treuhänder würde eine städtische Wohnungsbaugesellschaft eingesetzt werden.

Gegenüber dem rbb hat nun aber der zuständige Steglitzer Stadtrat Tim Richter (CDU) deutlich gemacht, dass er ein anderes Vorgehen favorisiert, nämlich die sogenannte Ersatzvornahme durch den Bezirk. Er begründet das unter anderem mit "erheblichen Defiziten und Unklarheiten in den heute geltenden Regelungen" für den Fall eines Treuhänder-Einsatzes. Der Bezirk sei deshalb mit der Senatsverwaltung im Austausch.

Wie beim Beispiel Odenwaldstraße hatte der Bezirk auch den Eigentümer des Hauses im Gardeschützenweg in Lichterfelde aufgefordert, ein Gutachten über die erforderlichen Maßnahmen und Kosten einer Instandsetzung zu erstellen. Eine entsprechende Aufforderung erging Mitte 2023. Die Aufforderung blieb ebenso wie die Verhängung von Buß- und Zwangsgeld erfolglos.

Ohne eine Entscheidung über die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen kann der Bezirk jedoch keine Treuhänder einsetzen. Daher soll durch die Ersatzvornahme nun der Bezirk selbst aktiv werden, um ein entsprechendes Gutachten anzufertigen.

Das heißt: Der Bezirk selbst beauftragt einen Architekten oder Bauingenieur, um das Gutachten zu stellen. Er tritt in Vorleistung und kann die Kosten später beim Eigentümer in Rechnung stellen. Doch hier verweist der Bezirk auf offene Rechtsfragen. Die Unterstützung durch die zuständige Senatsverwaltung sei demnach "unabdingbar".

Das Verfahren scheint nun also eine weitere Runde zu drehen. Eine baldige Wiederbelebung des Hauses ist auch in Steglitz nicht in Sicht.

Sendung: rbb24 Inforadio, 26.01.2024, 13:30

Beitrag von Wolf Siebert und Jonas Wintermantel

66 Kommentare

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  1. 66.

    „eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.“

    Quatsch, wird abgesperrt und gesichert.

  2. 65.

    Haben sie den Artikel überhaupt gelesen und verstanden?

    "Das Land Berlin plant schon länger, mit Treuhändern verwahrloste und jahrelang leerstehende Wohnhäuser wieder bewohnbar machen. "

  3. 64.

    Was sich immer einige am Eigentum anderer vergreifen wollen. Baut, kauft doch selber oder zieht da hin wo es mehr als genug Wohnungen / Häuser gibt.. bzw. zieht gar nicht erst her.
    Es können nicht alle in Friedrichshain Kreuzberg wohnen.

  4. 63.

    Die immer gleichen Lügen. Zu welchen Zweck kann man sich ja denken.

    https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/ein-paradies-fur-mieter-4630708.html

  5. 62.

    Hallo Zumba, meinen Sie jetzt Wien im Vergleich zu Berlin?? Äh, schon mal hier die Wohnsubstanz angeschaut?? Also ich meine jetzt nicht Zehlendorf... Im Gegensatz zu Berlin funktioniert Wien hervorragend-vor allem was die Mieten angeht. Und wenn ich mir das Stöhnen der Hausbesitzer hier so anschaue, dann muss ich sagen: Es ist allen geholfen, wenn sie endlich diese Last loswerden. Man kann anständigen Hausbesitzeren ja gerne das Eigentum lassen.

  6. 61.

    Haben Sie sich jemals mit dem Mietmarkt in Wien beschäftigt? Alteinwohner, die dort eine kommunale Wohnung ergattern konnten, bewohnen die auf Kosten der Stadt zu niedrigen Mieten, egal wie viel sie verdienen. Alle anderen sehen sich mit einem freien Mietmarkt konfrontiert, der die höchsten Berliner Preise als billig aussehen lässt. Wenn Sie dahin ziehen wollen oder müssen, dann haben Sie ein echtes Problem, denn der kommunale Bestand bleibt Ihnen für viele Jahre verwehrt. Stattdessen vererben Gutverdiener ihre billigen Mietverträge.

  7. 60.

    Korrekt. Wir haben immer noch Leerstand in bestimmten Lagen in Berlin und Brandenburg. Da scheint es dann andere Lösungen zu geben, sonst würden auch dort Menschen einziehen oder für die Fertigstellung der Gebäude auf dem Alexanderplatz und in Steglitz sowie den Umbau von Gewerbeflächen in Wohnraum mal demonstrieren.

  8. 59.

    Was für eine Materialverschwendung, Umbau statt Abriss sollte hier die Lösung sein. Nicht immer nur aufs Geld schauen.

  9. 58.

    Ich stimme Ihnen 100% tig zu.
    In Kanada werden Eigentümer nach 3 Jahren Nichtstun enteignet!
    Der Staat ( Bürger) kann sich nicht länger am Nasenring durch die Manege ziehen lassen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus

  10. 57.

    Wenn ich Gewinn machen will, investiere ich in Wohnungen. Sehr lustig, wovon träumen Sie nachts. Hahaha... Vergleichen Sie mal die Rendite des DAX über 50 Jahren (DAX Renditedreieck) mit der Rendite einer Immobilie unter Einbeziehung ALLER Kosten, also nicht nur die polituschen, sondern auch Instandhaltung und Reinvestition). Die Entscheidung fällt eindeutig zugunsten der stressfreien Kapitalanlage in den DAX aus. Also bitte aufwachen!

  11. 56.

    Ja, zu Recht. Warum auch, wenn es auf dem Tagesgeldkonto aktuell mehr Rendite gibt und stressfrei ohne Mieter. Da muss dann schon der Einzelne Anreize bekommen, sich selbst Eigentum zu verschaffen. Wobei viele Menschen es besser nicht täten, weil Sie dann mit den Pflichten einer WEG völlig intellektuell oft überfordert sind.

  12. 55.

    Ist die wirtschaftlich einzig sinnvolle Lösung. Diese ganze Treuhänderdiskussion ist eine absolute Scheindiskussion, man muss nur mal schauen um wieviel Wohnraum es sich wirklich handelt. Das ist so als würde ich in der Sauna einen Aufguss mit einem Teelöffel machen..

  13. 54.

    Bitte erst mal mit Wien beschäftigen, funktioniert leider nicht gut, die Bausubstanz verfällt zusehens dort, weil nicht mehr reinvestiert wird, aufgrund der geringen Erträge. Erst studieren, dann kommentieren!

  14. 53.

    Na, in London klappt es auch, schauen Sie sich mal dort an wie das geht. Kann hier leider keine kostenpflichtigen Schulungen für Sie anbieten.

  15. 52.

    Antwort auf "Architekt" vom Samstag, 27.01.2024 | 11:05 Uhr
    "Lasst uns anfangen einfach mal 2 x 310m hohe Gebäude zu bauen..." Natürlich, auf welchem Grund möchten Sie die bauen? Auf den Flächen, die von Tunneln durchzogen sind oder auf denen, die knapp über Wasser liegen?

  16. 51.

    Ulli, die machen das nicht um Wohnraum für Menschen zu schaffen. Die machen das, weil sie Geld verdienen wollen. Den meisten ist völlig egal womit. Deswegen wäre es hilfreich, diese Aufgabe, nach Wiener Vorbild, der Stadt zu übertragen. Dieses Spekulantentum muss ein Ende finden.

  17. 49.

    Ich glaube, dass der Vorteil an Wohnraum bei einem 80 Etagen hohem Gebäude ihren Versorgungsflächen überwiegen wird. Lasst uns anfangen einfach mal 2 x 310m hohe Gebäude zu bauen. Gut für Berlin, gut für die Wohnungssuchenden.

  18. 48.

    Abriss. Dann kann derjenige, dem es gehört entscheid3n, was er mit der Freifläche machen möchte. Ist ja seins.

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