Bundesweite Ansprechstelle "Safe Sport" in Berlin - "Die Zahl von Gewaltbetroffenen im Sport ist wahnsinnig hoch"

Di 25.07.23 | 16:26 Uhr
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Symbolbild: Ein Fußballspieler sitzt in der Umkleidekabine im Halbdunkeln und hält nachdenklich einen Fußball in den Händen. (Quelle: imago images/E. Bengoetxea)
Bild: imago images/E. Bengoetxea

Für viele Sportlerinnen und Sportler sind Gewalterfahrungen Realität. Die neue Ansprechstelle "Safe Sport" in Berlin soll Anlaufpunkt für sie sein. Geschäftsführerin Ina Lambert spricht über erschreckende Fallzahlen, Anliegen und Hilfsmöglichkeiten.

Psychische, physische, sexuelle Gewalt im Sportverein - darüber wird in Deutschland vergleichsweise wenig gesprochen. Betroffenen fehlt oft der Mut, sich mit ihren Erfahrungen anderen Menschen anzuvertrauen.

Abhilfe schaffen soll die Ansprechstelle "Safe Sport", die Mitte Juli von Innen- und Sportministerin Nancy Faeser und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (beide SPD) in der Petersburger Straße in Berlin-Friedrichshain eröffnet wurde. Sie richtet sich an alle Altersgruppen, die in Sportvereinen aktiv sind.

Ina Lambert ist Psychologin und eine der drei Mitarbeitenden von "Safe Sport".

rbb|24: Frau Lambert, seit kurzer Zeit gibt es die Ansprechstelle "Safe Sport" in Berlin. Was sind die Ziele?

Ina Lambert: Das Ziel ist erst einmal, dass wir bekannt werden, damit möglichst viele Betroffene von Gewalt im Breiten- und Spitzensport von uns erfahren. Wir wollen möglichst in allen Vereinen und Verbänden präsent sein, weil wir wissen, dass die Zahl von Gewaltbetroffenen im Sport wahnsinnig hoch ist. Und die brauchen eine unabhängige Ansprechstelle, bei der sie sich melden können und psychologische und juristische Unterstützung bekommen.

Die Ansprechstelle "Safe Sport"

Die Einrichtung wird von Bund und Ländern finanziert. Sie soll Anlaufpunkt für Athletinnen und Athleten sein, die von sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt im Sport betroffen sind. Sie erhalten psychosoziale Hilfe, zudem können sie sich rechtlich beraten lassen. Auch Angehörige und Zeugen können sich an die neue Stelle wenden.

Die Beratung ist telefonisch unter der Hotline 0800 11 222 00, online über eine datensichere Plattform [ansprechstelle-safe-sport.de] oder vor Ort in der Petersburger Straße 94, 10247 Berlin erreichbar.

Wieso wird eine solche Ansprechstelle so dringend benötigt?

Studien der Sporthochschule Köln haben gezeigt, dass die Fallzahl sehr hoch ist. Bis zu 70 Prozent berichten von physischer, psychischer oder sexualisierter Gewalt im Sport. Häufig tritt auch eine Kombination dieser Gewaltformen auf. Wenn man weiß, dass ungefähr 23 Millionen Menschen in Deutschland in Vereinen aktiv sind, kann man sich die Zahl der Fälle kaum vorstellen. Da ist es dann klar, dass es eine solche Anlaufstelle braucht, die unabhängig vom organisierten Sport ist. Für den Spitzensport gibt es "Anlauf gegen Gewalt" [eine Initiative von Athleten Deutschland, Anm.d.Red.] bereits seit Mai letzten Jahres, aber gerade für den Breitensport gab es bis jetzt noch gar keinen Anlaufpunkt.

Mit welchen Anliegen und Problemen kommen die Leute zu Ihnen?

Das sind zum Beispiel Personen, die in ihrem eigenen Sportverein etwas beobachtet haben oder denen etwas zu Ohren gekommen ist, und die sich dann unsicher sind, ob eine Grenzüberschreitung vorlag. Dafür haben wir dann eine Juristin, die bei dieser Einordnung unterstützt. Oder natürlich auch Jugendliche, die sich melden und von Fehlverhalten ihrer Trainer berichten. Oft können Jugendliche das selbst gar nicht richtig einordnen, dass dort Machtgefälle vorherrschen und bewusste Strategien von Tätern und Täterinnen verfolgt werden.

"Safe Sport" ist noch sehr neu. Wie ist das Ganze angelaufen? Haben sich bereits in den ersten Tagen Betroffene bei Ihnen gemeldet?

Ja, es haben sich schon Menschen bei uns gemeldet. Aber es ist noch sehr frisch. Wir werden natürlich alles statistisch erfassen und evaluieren, sodass wir in den kommenden Monaten bessere Aussagen treffen können.

Welche Möglichkeiten stehen Ihnen zur Verfügung, um den Betroffenen zu helfen?

Menschen können sich entweder telefonisch, per Chat, Mail oder auch vor Ort in Berlin bei uns melden. Das geht auch völlig anonym und wir arbeiten absolut vertraulich. Dann ist erst einmal das Wichtigste, mit diesen Personen zu klären, was das Anliegen ist. Das können ganz unterschiedliche Hintergründe sein. Und es ist sehr wichtig, dass wir sie ernst nehmen, weil Menschen im Vereinsumfeld dafür oft kein Gehör finden. Gewalt und vor allem auch sexualisierte Gewalt sind im Sport nach wie vor ein tabuisiertes Thema.

Oft können Jugendliche das selbst gar nicht richtig einordnen, dass dort Machtgefälle vorherrschen und bewusste Strategien von Tätern und Täterinnen verfolgt werden.

Ina Lambert, Geschäftsführerin "Safe Sport"

Dann versuchen wir herauszufinden, welche Hilfe gefragt ist. Zum Beispiel ob die Person erst einmal psychologische Beratung oder vielleicht sogar Krisenintervention benötigt und wir emotionale Stabilität und Orientierung bieten müssen und vielleicht auch eine Einordnung geben, was der Person überhaupt geschehen ist. Wir haben die Möglichkeit, bis zu zehn Beratungseinheiten selbst anzubieten – egal ob psychologisch oder juristisch. Ansonsten verweisen wir gegebenenfalls weiter an andere Stellen und helfen bei der Suche nach weiterführender Hilfe.

Sie sagen, dass das Thema Gewalt im Vereinsumfeld immer noch stark tabuisiert wird. Wie war denn dann die Reaktion der Vereine auf die Gründung der Ansprechstelle?

Was an uns herangetragen wurde, ist eher positiv. Der DOSB [Deutscher Olympischer Sportbund, Anm. d. Red.] und auch die DSJ [Deutsche Sportjugend, Anm. d. Red.] haben uns über ihre Verteiler an die Landessportbünde herangetragen. Die unterstützen also, dass unser Angebot bis in die kleineren Vereine vordringt. Und das ist auch wirklich nötig, weil wir wollen und müssen bekannt werden. Wir haben auch einen Instagram-Account und sind bei Linkedin aktiv. Und da bekommen wir auch viel Zuspruch von Vereinen, die uns dort folgen und unsere Beiträge kommentieren und teilen. Was uns offen erreicht, ist also durchaus positiv.

Was empfehlen sie den Vereinen an Präventivmaßnahmen, damit es gar nicht erst dazu kommt, dass Menschen Ihre Ansprechstelle ansteuern müssen?

Tatsächlich ist das nicht unserer Aufgabe. Wir empfehlen, dass sich Vereine damit an die jeweiligen Ansprechpersonen ihres Landessportbundes wenden. Außerdem ist gerade ein Zentrum für "Safe Sport" für das kommende Jahr in Planung. Das soll dann auch im Bereich der Prävention, aber auch der Intervention und Aufarbeitung in Richtung Vereine und Verbände aktiv sein. Wir setzen derzeit ausschließlich im Bereich der Intervention mit Betroffenen an und werden auch nicht selbst auf die Vereine und Verbände zu gehen.

Aber es gibt bereits Auflagen des Bundes für Vereine. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Zum Beispiel, dass Ehrenamtliche ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen. Außerdem muss es Schutzkonzepte geben, aber das wissen die Vereine alles und viele haben es schon etabliert. Bei vielen ist aber auch noch Bedarf. Natürlich sind dort aber nicht alle Personen psychosoziale Fachkräfte, die in diesem Thema ausgiebig geschult sind. Das kann man von Ehrenamtlichen - die zum Beispiel in einem kleinen regionalen Fußballverein arbeiten - auch gar nicht erwarten. Der richtige Umgang mit dem Thema ist also sehr schwierig, aber auch dringend notwendig, um junge und alte Menschen zu schützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jonas Bürgener, rbb Sport.

2 Kommentare

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  1. 2.

    Eine sehr gute und notwendige Idee. Leider geht aus dem Artikel sowie aus dem Internetauftritt des Vereins nicht hervor, wie viele Planstellen und halbe Stellen sie beschäftigen bzw. wie hoch der e.V. gefördert wird und in welchem Zeitraum. Sie benennen ja selbst die zu erwartende Größenordnung und das lässt ein enormes Missverhältnis vermuten. Auf der Webseite sieht man neben drei Gründungsmitgliedern auch vermutlich drei betreuende Kräfte, darunter die Geschäftsführerin. Das wird wohl nicht einmal bezirklich ausreichen.

    Ferner sollte darauf hingewiesen werden, dass es nur psychosoziale Beratung einerseits und juristische Beratung andererseits sind, die dort angeboten werden. In einen etwaigen Strafprozess werden Betroffene als Nebenkläger*innen also nicht begleitet. Das ist ein Hemmnis, die Täter*innen zu stellen.

    Nichtsdestotrotz ein gebotener Schritt, bei dem man sich wünscht, dass überregionale Vernetzung vieler kleiner Beratungsstellen und Opferbetreuung folgen.

  2. 1.

    Wie hoch ist eigentlich die Gewaltrate durch Spieler gegen Schiedsrichter?

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