Remis in Überzahl - Keine Werbung für Unions Mannschaft

Do 30.11.23 | 08:46 Uhr | Von Till Oppermann
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Torschütze Robin Gosens. (Foto: dpa)
Audio: rbb24 Inforadio | 29.11.2023 | Guido Ringel | Bild: dpa

Im ersten Spiel von Nenad Bjelica als Union-Trainer holt die Mannschaft einen Punkt, der sich anfühlt wie ein verschenkter Sieg. Die Eisernen spielten 60 Minuten in Überzahl, boten aber eine schwache Leistung. Von Till Oppermann

Besonders aufgeregte Sportjournalisten greifen in besonders außergewöhnlichen Momenten zuweilen auf eine besonders häufig bemühte Phrase zurück. "Werbung für den Fußball" heißt es dann, wenn zwei gute Mannschaften auf Augenhöhe spielen, wenn viel Tempo im Spiel ist, wenn ein Stürmer erst fein den Ball annimmt und ihn dann in den Winkel zirkelt.

Hätten diese Sportjournalisten den Auftrag bekommen, über Union Berlins Gastspiel bei Sporting Braga zu berichten, müssten sie sich etwas Neues einfallen lassen. Das Champions League-Spiel auf dem vom nordportugiesischen Regen aufgeweichten Platz im Estádio Municipal de Braga war das Gegenteil von Werbung für den Sport.

Wäre die Königsklasse eine Zigarettenschachtel, wäre Union gegen Braga das Foto einer schwarzen Lunge auf der Packung. Ein überforderter Schiedsrichter, viele Fehlpässe und wenig Kreativität ergaben ein Spiel, das problemlos als Warnhinweis dafür dienen könnte, was mit einem Abend passieren kann, wenn man sich dafür entscheidet, Fußball zu gucken.

Immerhin: Zum Debüt des neuen Trainers Nenad Bjelica holte Union einen Punkt und wahrte zumindest theoretisch die Chance, europäisch zu überwintern. Das war es dann aber auch schon mit den guten Nachrichten. Union ist mittlerweile seit 16 Spielen sieglos.

Tor gibt Vorgeschmack auf Bjelicas Spielidee

In der Analyse war Bjelica nachsichtig mit seinen Spielern. Natürlich habe er sich mehr gewünscht, sagte der Kroate, "aber es war ein solides Spiel". Obwohl ihm vor seiner ersten Partie als Union-Coach nur zwei Trainingseinheiten blieben, um die Mannschaft auf Braga einzustellen, war sein Einfluss bereits sichtbar.

Bjelica will etwas ändern, das wurde schon mit der Startaufstellung klar: Aus Unions typischer Fünferkette wird unter dem neuen Trainer eine Viererkette. "Wir haben dann einen Mann mehr im Mittelfeld", erklärte Torschütze Robin Gosens, der in Braga etwas offensiver spielte als gewohnt. "Wir wollen mehr spielerische Elemente und mehr Tiefenläufe", so Gosens weiter.

Sein Führungstor in der 42. Minute gab seinem Trainer Recht. Nach einem Ballgewinn im Mittelfeld startete Linksverteidiger Jerome Roussillon auf der Außenbahn durch und wurde von Rani Khedira mit einem gechippten Pass in den Lauf eingesetzt. Roussillon spielte den Ball danach zum ebenfalls gestarteten Gosens, der zur Führung traf. "Ich bin kein Trainer, der fünfzig Kontakte bis zum Torabschluss braucht", hatte Bjelica auf seiner Einstandspressekonferenz angekündigt. Wenn Gosens von "zwei bis drei neuen Spielideen" sprach, die in den ersten Trainings geübt wurden, waren die Chippässe auf Spieler, die sich außen in der Tiefe anbieten, mit Sicherheit eine davon.

Union trotz Überzahl gefühlt in Unterzahl

Zur Wahrheit über das Tor gehört aber auch, dass es in einer Phase fiel, als Braga frisch in Unterzahl geraten war. Nach einer roten Karte für Niakaté hatten die Unioner ab der 30. Minute kurzzeitig das Kommando übernommen. Die Spieler kamen besser in die Zweikämpfe und der Ball lief etwas weniger holprig.

Für 15 Minuten sah es so aus, als könnte die Mannschaft einen Rhythmus finden, der sie zum Sieg führt. Das erwies sich aber spätestens in der 52. Minute als Trugschluss, als Josip Juranovic mit einem haarsträubenden Fehlpass im Spielaufbau Braga den Ausgleich auflegte.

Trotz ihrer Unterzahl reichte den Gastgebern eine biedere Leistung, um zu dominieren. "Wir hatten in der zweiten Halbzeit das Gefühl, ein Mann weniger zu sein", gab Gosens zu. Unions Unsicherheit nach dem individuellen Patzer erklärt die vielen Fehlpässe und die fehlende Spielkontrolle.

Khedira moniert fehlenden Mut und Aggressivität

Das ist allerdings nicht die einzige Erklärung: Denn Braga zeigte insbesondere in der zweiten Halbzeit, wie man lange Bälle nutzen kann, um Union wehzutun. Weil die Mannschaft von Artur Jorge um Unions schwaches und fehlerbehaftetes Aufbauspiel aus der Abwehr heraus wusste, spielte sie immer wieder hoch und weit hinter die Viererkette. Diese Pässe hatten nicht primär das Ziel anzukommen, sondern dienten dazu, Union weit hinten reinzudrücken und tief in der Berliner Hälfte die zweiten Bälle zu gewinnen.

Gleichzeitig war es so unmöglich, Braga früh zu pressen. Weil die Innenverteidigung mit den eher langsamen Robin Knoche und Diogo Leite tief stehen musste, um die langen Pässe zu verteidigen, mussten auch die Angreifer konservativer verteidigen. Sonst wäre der Abstand zwischen Unions Reihen zu groß geworden. Das war nicht schön, aber erfolgreich: Trotz ihrer Überzahl kamen die Köpenicker selten in Zweikämpfe.

Man müsse aggressiver sein und mutiger sein, monierte Rani Khedira deshalb. Noch viel dringender muss es Union endlich gelingen, so viel Ballkontrolle im Spielaufbau zu erlangen, dass es sich kein Gegner mehr erlauben kann, den Ball herzugeben.

Bjelica muss psychologisch und sportlich arbeiten

"Wir werden positiv bleiben, die guten Aspekte mitnehmen und weiter hart arbeiten", versprach Aïssa Laïdouni. Auf Nenad Bjelica warten bis zur Winterpause zwei große Aufgaben. Zuallererst muss er seine Spieler mental aufrichten. Individuelle Fehler wie vor dem Ausgleich und die darauffolgende Unsicherheit im Passspiel kann sich Union im Abstiegskampf nicht erlauben.

Außerdem muss er die Abläufe im Ballbesitzspiel seiner Mannschaft verbessern. Dass die Führung direkt auf eine seiner Ideen zurückzuführen war, wird ihm bei der Akzeptanz in der Mannschaft helfen. Die Akzeptanz der Fans gegenüber der Mannschaft dürfte nach ihrer schwachen Leistung in Portugal weiter gesunken sein. Da hilft auch kein Punkt.

Sendung: rbb24 Abendschau, 30.11.23, 19:30 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

46 Kommentare

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  1. 46.

    Ach Stefan, Sie sind aber auch ganz schön betriebsblind, wie ich Ihnen schon mehrfach versucht habe deutlich zu machen. Also nochmal: Bei jedem Zweitligaspiel des KSC in der AF waren auch viele Herthaner dabei, und der gesamte Gästeblock brüllte jedesmal lauthals irgendwelche Hertha Parolen. Das dürfte Ihnen doch nicht entgangen sein, oder Stefan?

    Und mal anbei: was die Abneigung gegen den FCU betrifft, kommen hier in den Kommentarspalten des Rundfunk Berlin-Brandenburg wohl nicht allzu viele Kandidaten infrage, würde ich meinen. Und das hat nichts mit einer hier immer wieder behaupteten "Alle lieben Union" Überzeugung der FCU Fans zu tun. Der FCU hat sicher so einige "Feinde", aber die sind abgesehen von zwei Berliner Vereinen hauptsächlich in anderen Bundesländern zu finden.

  2. 45.

    Der FCU hat Fischer nicht wegen des Geldes rausgeschmissen, wie Sie behaupten, sondern der Trainer hat in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Präsi seinen Rücktritt angeboten, weil er szn. mit seinem Latein an Ende war und der Mannschaft nicht mehr helfen konnte. Die letzten "Überflieger"-Jahre des FCU waren auch für ihn sehr anstrengend, was man ihm zuletzt zusehends angemerkt hat. Zudem ließ Zingler durchblicken, dass das Ende der Zusammenarbeit bereits vor der aktuell sportlichen Krise terminiert war und man es nur vorgezogen habe. Und dass der SC Freiburg großartige und vorbildliche Arbeit leistet, habe ich nie infrage gestellt, Regina.

  3. 44.

    "Lieber BCC-Fan,
    dass Sie hier tagtäglich Unwahrheiten preisgeben, ... " - Da scheinen Sie auf sich selbst zu schließen, denn dieses "tagtäglich" stimmt so nicht, wenn Sie alleine den Verlauf dieser Diskussion sehen. Und "Unwahrheiten" in meinem Kommentar(36) von heute, 6:32 Uhr?
    Welche "Unwahrheit" konnten Sie erkennen? Das @Driver nicht die hellste Kerze in Ihrer Fangemeinschaft ist, dass er eindrücklich in seinen Kommentaren 4 und 15 unter Beweis stellt.
    Und ehrlich: haben Sie erlebt, dass Union-Fans weinen, wenn sie absteigen, ihre Mannschaft mit Gewalt drohen und sie auffordern, dass Trikot auszuziehen? Das unterscheidet eben Union von Euch und Euren Absteiger, der brutale Schläger rehabilitiert, statt rauszuwerfen.

  4. 43.

    Ja, an einen ganzen Block voller Unionfans im Olympiastadion, die beim Heimpiel der Hertha lautstark den Gegner unterstützten und die Hertha schmähten, erinnere ich mich auch noch mehr als deutlich. Das hat meine emotionale Beziehung zu Union und seinen Fans sehr geprägt.

  5. 42.

    "Alle anderen Menschen dieser Welt liiieeeeben den Verein."
    Genau!
    Als Zugezogener wohne ich im Epizentrum des Fußballs überhaupt - in Köpenick. Um die Unionfans samt deren Expertisen zu erleben, tat ich mir beim Rudelglotzen im "CBC" in Köpenick 2019 den Fußballgipfel überhaupt zw. Union und Hertha an. Beides Clubs, die mich fußballerisch und emotional wie die Wasserstandsmeldungen interessieren. Die Berliner Derby-Atmosphäre hat mich nicht enttäuscht. Weder die inmitten der einzigartigen FCU-Fans im vollen "CBC" noch die im Stadion beim Förster. Unsachliche Kommentare im "CBC", Prollige MachoUNkultur, Pyrobeschuss in den Unionblock, "Auf-die-Fresse"- Poesie der Union-Poeten im Stadion.
    Mit diesem Erlebnis war mein Wissensdurst gestillt.
    Neidisch bin ich auf diese Vereinskulturen nicht geworden, da ich als SC-/Lok Leipzig-Anhänger in 22 Jahren von 1965 bis 1987 mehr fußballerisch hochwertige Erlebnisse genießen durfte, als dies z.B. die Union-Fans in 58 J. konnten.

  6. 41.

    Vielen Dank, werter "BCC-Fan", für ein weiteres Highlight in dieser Kommentarfunktion! Ich hoffe, Ihre Gesundheit ist tadellos, denn ich wünsche mir noch viele weitere Erläuterungen Ihrerseits zu Hertha und den Herthafans. Auch meine eigenen Probleme als Anhänger der Hertha kann ich nun viel besser verstehen!

  7. 40.

    Lieber BCC-Fan,
    dass Sie hier tagtäglich Unwahrheiten preisgeben, ist längst bekannt. Auch deshalb muss ich immer wieder über Ihren Unsinn lachen - vielen Dank für die Erheiterung! Vor allem wie bei Ihrem jetzigen Kommentar, der auf mehreren Ebenen einfach nur witzig ist: Wenn Kommentatoren über Unions zukünftigen Abstieg schreiben, müssen es in Ihrer Gedankenwelt Herthaner sein. Klar, alle anderen lieben den selbsternannten Kultclub nunmal, dass steht außer Frage. Dass Sie sich aber dann auch noch über "Absteiger"-Kommentare und das damit einhergehende fehlende Niveau echauffieren, während die Fans Ihres ach so tollen Clubs genau das selbe und sogar noch viel schlimmer (nicht nur in Kommentarspalten im Internet, sondern extra dafür ins Stadion des Rivalen gefahren, 2010 beim Spiel BSC gegen Bochum) gemacht hat - ja, da fangen meine Augen schon an zu tränen vor Lachen! Vielen Dank dafür!

  8. 39.

    Lustig, hämische Kommentare gegenüber dem FCU müssen immer von Herthanern kommen. Denn in der rosa-roten Welt der Unioner sind es nur Herthaner, die den selbsternannten Kultklub aus Köpenick nicht leiden können. Alle anderen Menschen dieser Welt liiieeeeben den Verein.
    Muss jeder selbst wissen, ob diese arrogante Sichtweise sympathisch ist... ;)

  9. 38.

    Ach,Unioner sind also Duckmäuser.Zu ihrer Selbstreflexion,würde genau das Gegenteil passen nämlich: Selbstdarsteller.
    Man kann eben nicht aus seiner Haut,als Herthaner.

  10. 37.

    Ja, aber Freiburg hat an Streich festgehalten und ihn nicht wegen des Geldes geschmissen. Dass ist der einzige Verein der Liga der zu seinem Werten steht und eine gute Nachwuchsarbeit fördert. Wie gestern gesehen mit Erfolg. Und dabei nicht abgehoben ist. Das ist Union leider nicht mehr, da hat sich Union leider „entwickelt“ wie andere Kommerz Vereine, schade

  11. 36.

    Scheint, hier scheinen die Fans des Zweitligisten BCC777 Morgenluft zu schnuppern.
    Gipfelt es doch in die Aussage "Das wars. Liga 2", oder "Und niemals vergessen: Absteiger!!!!" von der nicht gerade hellsten Kerze auf der blau-weißen Hertha-Torte @Driver.
    Soviel geballte "Ahnung" ist schon erschreckend, spiegelt aber das dortige Niveau wieder.
    Bei Allem was in den nächsten Spielen passiert, wird Union nie auf der selben Stufe stehen, wie dieser wettfinanzierte und Versicherungen verkaufenen Verein aus Charlottenburg.

  12. 35.

    Zitat: "Nur der SC Freiburg"

    Mir ist nicht ganz klar, was Sie hier ständig mit dem SC Freiburg haben. Die Ligaplatzierungen des Clubs beliefen sich in den vier Saisons bis zum Abstieg in 14/15 auf die Plätze 9, 12, 5, 14, während der FCU nach dem Aufstieg auf 11, 7, 5, 4 abgeschlossen hat. Und in der Abstiegssaison hat der SC sich von Beginn an kontinuierlich im unteren Drittel aufgehalten. Sie vergleichen also nicht nur deshalb Äppel mit Birnen, Frau Regina.

  13. 34.

    Zitat: "Und niemals vergessen: wir wollen kein Erfolg, wir wollen Duckmäuser sein!"
    Zitat: "Und niemals vergessen: Absteiger!!!!"

    Ach Gottchen, ein Herthaner macht sich so seinen Gedanken über den FCU...

  14. 32.

    Das wird Nix. So ist es wenn man dem Geld hinterher läuft und die guten Trainer in schwierigen Zeiten schmeiß!
    Nur der SC Freiburg

  15. 31.

    Ist nicht korrekt. Ich hatte schon mal vor Jahren "kontrolliert", wie viele Mannschaften der DDR-Oberliga "europäisch" gespielt haben. Platz 1 im Landesmeisterpokal. 2 und 3 im Uefa-Cup. Plus der Pokalsieger im Cup der Pokalsieger.
    Wenn der Pokalsieger auf einem "UEFA-Platz" stand, rückte evtl. der Viertplatzierte nach.
    Bsp. 1976/77
    1. SG Dynamo Dresden (M)
    2. 1. FC Magdeburg (UEFA)
    3. FC Carl Zeiss Jena (UEFA)
    4. Berliner FC Dynamo
    5. 1. FC Lokomotive Leipzig (P) EC der Pokalsieger)
    ....
    Prinzipiell ist es so, dass der Fußball-Zirkus aufgeblasen worden ist......und damit entwertet...
    In den 60igern gab es in der Sommerpause einen "Intercup", bei dem dann die mittelmäßigen Mannschaften "europäisch" spielen durften. Heute die Conference Liga.

  16. 30.

    Doch, es gab vier Plätze im guten alten UEFA Cup.
    Also, Platz 1-5 spielten international, plus Pokalsieger.
    Der Wettbewerb ist verwässert, die Qualität gesunken. Aber eine Gelddruckmaschine für Vereine und UEFA.

  17. 29.

    Interessante Kommentare. Eine Frage von einem Herthaner sei bitte erlaubt: Was erwarten hier eigentlich einige Leute von einem Trainer, der erst ein paar Tage da ist? Mit Herrn Fischer wart ihr doch auch mehr als geduldig, obwohl die jetzige Situation unter seiner Führung entstanden ist und ihm keinerlei Lösungsansatz einfiel. (Seine vorherigen Verdienste will ich damit in keiner Weise bestreiten.)

  18. 28.

    Zitat:
    "Schönfärberei. In der letzten Saison war der FCU auch auf Platz 4 und hat sich damit die Teilnahme an CL erspielt."
    Relativierung: "Champions L." ist ein Etikettenschwindel, da 75% der deutschen Teilnehmer keine Champions (Landesmeister!) sind. Als Viertplatzierter wäre früher nicht mal die Teilnahme am UEFA-Cup (heute EL) möglich gewesen.

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