Still aus dem Film: Bad Poems (Quelle: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales)
Bild: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales

Ungarisches Kino beim Filmfestival Cottbus - Der Fleischer, der Slacker und der Provinzfürst

Das Filmfestival Cottbus zeigt in einer Sonderreihe ungarisches Kino der Gegenwart - mit Action, düsterem Arthouse und tiefgängiger Melancholie. Der schärfste politische Film aus dem Land von Viktor Orbán ist ein neuaufgelegter Klassiker von 1969. Von Fabian Wallmeier

Ein Goldener Bär für "Körper und Seele", ein Oscar für "Son of Saul" – das ungarische Kino hat in den vergangenen Jahren international verstärkt von sich reden gemacht. Das Filmfestival Cottbus widmet ihm nun eine eigene Reihe: "Close Up HU" zeigt dabei weniger Entwicklungslinien auf, sondern konzentriert sich auf das neueste Filmschaffen und bildet vor allem ab, wie vielschichtig es ist.

Im Retro-Look kommt "Lügengeschichten" daher: Mit Kreisblenden wie zu Stummfilmzeiten und den übergroßen Serifen-Lettern im Vorspann ruft der Film von Attila Szász Erinnerungen an die frühe Blütezeit des Kinos hervor. Der Film spielt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Betrüger meldet sich auf Annoncen von Frauen, die ihre im Krieg verschollenen Männer suchen, und tischt ihnen Lügengeschichten über die vermeintlichen Heldentaten des jeweiligen Gatten auf.

Als er aufzufliegen droht, flieht er aufs Land, wo er dasselbe Spiel noch einmal spielt, sich dann aber ernsthaft verliebt. Der Mann der Frau, ein brutaler Schläger und Kriegsverbrecher, kehrt zurück, und der Film steuert langsam auf einen Showdown zu. Sehr konventionell erzählt Attila Szász eine umgekehrte Heldengeschichte, in der sich der Betrüger am Ende doch als traumatisierter Held und Beschützer entpuppen darf.

Still aus dem dem Film: The Butcher, the Whore and the One-Eyed Man (Quelle: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales)
Unerbittliche Wirklichkeit: "Der Fleischer, die Hure und der Einäugige" | Bild: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales

Verrohung in widrigen Umständen

Auch "Der Fleischer, die Hure und der Einäugige" von János Szász arbeitet mit Kreisblenden, wenn auch sparsamer: Am Anfang richtet die Blende den Blick der Zuschauenden auf eine Frau in einem Bett, am Ende auf einen Mann, der gerade hingerichtet worden ist. Dazwischen entfaltet sich ein historisches Drama von ausgesuchter Kälte. In kontrastreichem Schwarz-Weiß erzählt Szász von der Zwangsgemeinschaft einer Prostituierten und eines berüchtigten Soldaten und Mörders, der 1925 unehrenhaft aus dem Militär entlassen wird. Dritter im Bunde ist ein Fleischhändler, der in einem kleinen Dorf das Sagen hat. Er schuldet dem Soldaten noch Geld und will ihm die Frau buchstäblich abkaufen.

Wie Attila Szász erzählt auch sein Namensvetter János von einer Flucht aufs Land, beide Filme arbeiten mit Verweisen auf die Filmgeschichte und in beiden Filmen wird eine vergangene Epoche der ungarischen Geschichte heraufbeschworen. Doch das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. "Der Fleischer, die Hure und der Einäugige" ist "Lügengeschichten" in jeder Hinsicht überlegen: Er ist formal strenger und konzentrierter, inhaltlich stringenter und erbarmungsloser. Ein brutales Kammerspiel, das präzise zeigt, wie Menschen in den Umständen ihrer Zeit immer weiter verrohen können. In Farbe zeigt Szász nur eine einzige Sequenz kurz vor Ende des Films - es ist ein Traum der Frau von einem Leben, das hätte sein können. Dann kehrt das Schwarz-Weiß zurück und mit ihm die unerbittliche Wirklichkeit.

Filmstill aus dem Film "Curtiz" (Quelle: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales)
Regisseur Michael Curtiz kam als Mihály Kertész Kaminer in Budapest zur Welt | Bild: Filmfestival Cottbus/© HNFF World Sales

Gebrülltes Rumpel-Englisch am Set von "Casablanca"

Auch in Tamás Yvan Topolánszkys Biopic "Curtiz" gibt es kleine Szenen in Farbe. Hier ist es allerdings nur das "Achtung Aufnahme"-Rotlicht vor einer Studiotür, das die Szenerie kurz in Rot tränkt. Auch setzt Topolánszky das Schwarz-Weiß ganz anders ein als Szász. Während es in "Der Fleischer" die Kargheit und Unerbittlichkeit des Gezeigten unterstreicht, lässt es in "Curtiz" die Pracht des alten Hollywood wieder auferstehen. Der Film spielt am Set von "Casablanca" und dreht sich um den Regisseur, Michael Curtiz, der als Mihály Kertész Kaminer in Budapest zur Welt kam.

In Rumpel-Englisch brüllt er sich tyrannisch durch die Dreharbeiten, befeuert von den Schwierigkeiten, die ihm das Studio bereitet: Verlangt wird ein explizit amerikanischer Film, ein Anti-Nazi-Statement in Kriegs-Zeiten: "Wir oder die!" Darin kann man durchaus einen Verweis auf die Zensurbestrebungen unter dem Ultranationalisten Viktor Orbán im Ungarn von heute erkennen.

Am Ende setzt sich bei Topolánszky die Kunst gegen die Politik durch. Doch "Curtiz" ist nicht nur ein Film über "Casablanca" und über das künstlerische Schaffen gegen politische Widerstände, sondern vor allem das immer wieder leicht ins Pathetische abdriftende Psychogramm eines Zerrissenen. Der Womanizer Curtiz wird von seiner Vergangenheit eingeholt, als plötzlich seine lange verleugnete Tochter im Studio auftaucht und seine in Ungarn als Jüdin verfolgte Schwester ihn um Hilfe bittet. Auf menschlicher Ebene hat er am Ende, den künstlerischen Erfolgen zum Trotz, auf ganzer Linie versagt.

Kurze Filme über die gesellschaftlichen Problemzonen

In Cottbus laufen natürlich nicht nur Filme, die sich historischer Stoffe bedienen. Bei der Auswahl der explizit heutigen Filme fallen zwei Häufungen auf: Es gibt auf der einen Seite Genre-Filme und moderner anmutende Arbeiten, die sich eher auf unterhaltende Art mit gesellschaftlichen oder individuellen Erzählungen befassen, und es gibt auf der anderen Seite eine Reihe von Kurzfilmen, die ausdrücklich politische und gesellschaftliche Problemlagen beackern. In Mihály Schwechtjes "Versteckspiel" etwa wird in gerade einmal elf Minuten gezeigt, wie brutal in Ungarn teilweise mit Minderheiten umgegangen wird. Eine Gruppe von Roma-Jungs steigt begeistert in einen SUV, lässt sich von zwielichtigen Männern durch die Gegend fahren - und bekommt nicht mit, wie Roma-Mädchen gefesselt im Kofferraum landen, um verkauft zu werden. Das ist zwar auf so engem Raum eindrücklich erzählt, reißt das Thema aber letztlich nur an.

Die Kurzdoku "Das Referendum" ist am Tag des Referendums über die EU-Flüchtlingsquoten im Oktober 2016 angesiedelt. Viktor Orbán entschied diese Abstimmung klar für sich - wenn auch bei niedriger Wahlbeteiligung. Besonders erfolgreich war seine Propaganda-Kampagne im kleinsten Dorf Ungarns: In Iborfia stimmten alle zehn Wahlberechtigten in seinem Sinne ab. Alexa Bakonys "Das Referendum" zeigt das Dorf an diesem Tag in aller Seelenruhe. Ein älterer Herr ist der Protagonist. Er kauft Wurst, geht auf den Friedhof, schaut in der Gegend herum und sieht die Berichterstattung im Fernsehen - die so parteiisch ist, dass Orbáns Erfolg niemanden mehr wundern kann. Der Film dagegen bleibt beobachtend und verzichtet auf eine Parteinahme.

Still aus dem Film: Those (Quelle: Filmfestival Cottbus/© University of Theatre and Film Arts, Budapest)
In "Die da" präsentieren Dorfbewohner ihre Haltung gegenüber Flüchtlingen | Bild: Filmfestival Cottbus/© University of Theatre and Film Arts, Budapest

In "Die da" erzählt eine Märchenerzähler-Stimme, wie schön es einst war im Dorf - bevor "die da" kamen: Flüchtlinge werden aufgenommen - und Regisseurin Krisztina Meggyes lässt die Bewohner erzählen, was sie davon halten. Die erste Hälfte des 30-Minüters versammelt größtenteils Ängste und rassistische Anschuldigungen. In der zweiten Hälfte überwiegen gleichgültige, verständigere, teils sogar freundlichere, wenn auch von Ressentiments bestimmte Töne. Eine Momentaufnahme einer Gesellschaft, die unter Orbán immer stärker zur Abschottung neigt.

"Das hier ist nicht Europa"

Eher klischeehaft werden die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im blockbusterhaftesten Film der Auswahl behandelt: "Kojote" von Márk Kostyál ist ein actionreicher Neo-Western, in dem ein Ehepaar nach einer Erbschaft aufs Land zieht, um das Haus, das er von seinem Großvater geerbt hat, zu renovieren. Doch am mächtigen und gewaltbereiten Provinzfürsten, der andere Pläne hat, ist kein Vorbeikommen. "Lasst es uns auf die europäische Art regeln", schlägt der Enkel brüllend inmitten einer der Schlägereien vor. Die Antwort ist eindeutig: "Das hier ist nicht Europa. Das war es nie, auch wenn alle so tun".

Der Film hatte in Ungarn erhebliche Startschwierigkeiten, weil in der Figur des Provinzfürsten ein enger Vertrauter Orbáns erkennbar war, setzte sich dann aber doch durch: Online, kostenlos auf Youtube, wurde er zum Erfolg und kam mit Verspätung doch noch groß ins Kino.

Viel überzeugender als dieser längliche und prügelszenenreiche Action-Reißer ist aber einer der leichteren Filme von "Close Up HU" geraten. "Falsche Poesie" von Gábor Reisz erzählt von einem Mann Anfang 30, der nach der Trennung von seiner Freundin aus Paris nach Budapest zurückkehrt und nun etwas orientierungslos durch das Leben streift. Man fühlt sich manchmal an amerikanische Slacker-Filme der frühen 1990er Jahre erinnert, wie beispielsweise Richard Linklater sie über ähnliche Typen gedreht hat. Doch Reisz erzählt wunderbar frisch fabulierend, ist dabei im Tonfall melancholisch und liebevoll ironisch - und in der filmischen Ausgestaltung, mit vielen Rückblenden und die Kindheit des Protagonisten, ausgesprochen eigen und einfallsreich. So entsteht mühelos ein sehr heutiges Generationsporträt.

Der schärfste politische Film ist 50 Jahre alt

Was nun aber sagt diese Auswahl über den Zustand des ungarischen Kinos aus? Natürlich kann eine Filmfestival-Sektion nicht mehr als Schlaglichter werfen. Den Cottbuser Programmgestaltern ist es in jedem Fall geglückt, zu zeigen, dass das aktuelle Filmschaffen ungarischer Regisseurinnen und Regisseure breit gestreut ist - in den Genres und in den Themen. Überraschend ist dagegen, wie wenig explizit politisch die Filme der Auswahl sind. Eine offene Auseinandersetzung mit den politischen Umwälzungen unter Viktor Orbán ist die Ausnahme.

Dass der schärfste, am deutlichsten politische Beitrag von "Close Up HU" in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, ist bezeichnend. Péter Bacsós "Der Zeuge", dessen restaurierte, etwas verlängerte Neufassung dieses Jahr in Cannes lief, ist eine verblüffend unverblümte Satire auf den bürokratischen Wahnsinn und die erbarmungslosen tödlichen Mechanismus des Kommunismus. Das muss natürlich nicht heißen, dass es so scharfe Filme über die politischen Zustände unter Viktor Orbán nicht gibt - in Cottbus sind sie in diesem Jahr aber nicht zu sehen.

Beitrag von Fabian Wallmeier

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