Interview | Internationaler Hebammentag - "Die Hebammen wurden am Anfang völlig vergessen"

Symbolbild: Hebamme bei der Arbeit
Bild: imago images / Ulli Winkler

Jennifer Kuberski ist seit September ausgebildete Hebamme. Zum internationalen Tag der Hebammen spricht die Cottbuserin über ihren Berufseinstieg während der Pandemie, über ihre Ausbildung und darüber, was Corona mit ihrem Beruf und den werdenden Müttern macht.

rbb|24: Frau Kuberski, Sie haben eine klassische Hebammenausbildung gemacht, also noch nicht das Studium, das unter anderem an der BTU Cottbus-Senftenberg angeboten wird. Wie läuft denn diese Ausbildung ab, wie viel darf man dabei tatächlich schon machen?

Jennifer Kuberski: Die Ausbildung dauert drei Jahre. Dabei gibt es gesetzliche Vorgaben, dass man mindestens 1.500 Theoriestunden und 3.000 Praxisstunden absolviert haben muss. Dann ist es so, dass man vier Wochen Theorie hat, und anschließend immer vier Wochen Praxisunterricht, bei dem man die Theorie umsetzen soll.

Sie haben die Theorie in Cottbus gelernt, für den Praxisteil waren Sie aber in Frankfurt (Oder). Warum sind Sie nicht direkt in Cottbus geblieben?

Das Problem ist, dass es in Cottbus zu viele Hebammenschülerinnen gibt, als dass man alle im Thiem-Klinikum einsetzen könnte. Wir waren 15 in meiner Klasse. Wir werden zum Beispiel nicht auf chirurgischen Stationen eingesetzt, das hat nichts mit unserem Beruf zu tun. Man ist eingeteilt im Kreißsaal, auf der Wochenbettstation, auf der Neugeborenenstation oder in der Gynäkologie. Deshalb waren wir alle aufgeteilt in ganz Brandenburg.

Jennifer Kuberski (Bild: privat)
Jennifer KuberskiBild: privat

Wie schwer ist es denn, für den Beruf Nachwuchs zu finden?

Man hat nach der Ausbildung die Auswahl: Arbeite ich in der Klinik oder gehe ich in die Freiberuflichkeit? Der Personalmangel in Kliniken ist groß, was dann wieder ein höheres Arbeitspensum bedeutet. Wenn ich jetzt an Frankfurt denke, da habe ich nicht nur eine Frau im Dienst betreut, sondern häufig zwei oder drei. Als Zahnarzt beispielsweise hat man immer nur einen Patienten, ich habe immer zwei. Man blickt auf das ungeborene Kind, die Herztöne und auf die Mutter. Also erhöht sich der Arbeitsaufwand. Bei drei Frauen habe ich also sechs Patienten, um die ich mich kümmern muss. Viele [Hebammen] sagen dann, das ist ihnen zu viel. Die gehen dann in die Freiberuflichkeit.

Die Freiberuflichkeit hat aber auch ihre Tücken. Viele Mütter wollen ihre Hebamme bei der Geburt dabei haben. Das machen aber nicht mehr viele, oder?

Die Haftpflichtprämie ist ziemlich hoch. Da sagen viele Hebammen, das können sie sich nicht leisten. Die bieten dann nur Vor- und Nachsorge an. So mache ich das auch. Ich mache sozusagen die Schwangerenberatung.

Sie teilen sich Ihre Praxis mit weiteren Hebammen. Kann man da viel von den "Erfahreneren" lernen?

Viel sehen können wir uns nicht in der Praxis. Ich mache nur die Vor- und Nachsorge, dabei kann ich vieles planen. Eine Kollegin macht aber Geburten, sie ist Beleghebamme. Dadurch ist sie viel in der Klinik, muss aber danach noch die vielen anderen Frauen besuchen.

Könnten Sie sich das auch vorstellen?

Derzeit nicht. Erstmal könnte ich mir diese Haftpflichtprämie überhaupt nicht leisten und wenn man mal von dem finanziellen Aspekt weggeht, habe ich immer noch einen dreijährigen Sohn. Das würde nicht passen, wenn ich Beleghebamme wäre. Dann könnte es sein, dass ich mal drei Tage nicht da wäre. Bei einer Geburt nach der anderen, die Hausbesuche, die Schwangeren wollen auch versorgt werden. Das würde ich nicht schaffen.

 

Sie sind mitten in der Pandemie in die Freiberuflichkeit gestartet. Macht Corona den Start ins Berufsleben noch einmal schwerer?

Ja, definitiv. Manche Frauen haben Angst, wenn sie wissen, ich fahre von Haushalt zu Haushalt. Auf der anderen Seite hat man so schon nicht viel Zeit, die muss man nun noch weiter eingrenzen, also die Kontakte beschränken. Dann trägt man die ganze Zeit Kittel und Maske, um einerseits sich zu schützen und andererseits die Patientinnen. Dann fragen mich ganz viele Frauen, wie es mit den Geburtsvorbereitungskursen aussieht. Das ist so wichtig, gerade wenn sie das erste Kind kriegen. Das ist eben zur Zeit nicht in Präsenz möglich. Online ist es einfach nicht das Gleiche. Dann die Rückbildungsgymnastik, dabei kann die Hebamme auch nicht korrigieren.

Normalerweise werden bei diesen Treffen viele Kontakte der Mütter untereinander geknüpft. Das fehlt jetzt. Wenn eine Frau positiv getestet ist, den Fall hatte ich auch schon, dann muss ich alles telefonisch machen. Den Bauch kann ich mir aber nicht über das Telefon ansehen. Oder das Neugeborene kann ich auch nicht telefonisch begutachten. Das war für mich schwierig, das Kind einzuschätzen.

Ist es durch Corona generell schwieriger ein Kind zu bekommen?

Natürlich, für die Familien ist das doof. Viele Kliniken ermöglichen es jetzt, dass die Väter bei der Geburt dabei sein können. Aber die Frauen dürfen danach keinen Besuch empfangen. Wenn es beispielsweise keinen Papa gibt, sind die Frauen ganz alleine. Da kann ich leider kaum helfen.

Sind Hebammen dann auch Seelsorger?

Das ist man schon häufiger, als Hebamme. Man kann eigentlich selbst nur Gespräche führen und probieren für die kurze Zeit, die man hat, so vieles wie möglich zu klären und zu zeigen, sie sind eben nicht allein.

Wie oft sind Sie tatsächlich bei den Frauen?

Wenn man jetzt an das Wochenbett denkt, dann könnte ich in den ersten zehn Tagen nach der Geburt zwei Mal am Tag hinfahren. Nach den zehn Tagen dauert die Betreuungszeit noch zwölf Wochen. Ich kann dann auch häufiger hinfahren, wenn ich merke, sie brauchen mehr Betreuung. Die andere Frage ist dann, schaffe ich das zeitlich.

Wie könnten denn Hebammen besser unterstützt werden, unabhängig von der Corona-Pandemie. Was müsste besser laufen?

Man könnte so vieles besser machen, zum Beispiel finanziell. Manche Hebammen hören deshalb auf zu arbeiten. Einerseits, wegen der Versicherung - und Millionär wird man durch Hebammenarbeit auch nicht.

Warum wollten Sie trotzdem in die Freiberuflichkeit?

Stellen gibt es genug, die Kliniken reißen sich darum, dass Hebammen bei ihnen anfangen. Aber ich kann die Frauen ganz anders betreuen, man hat in der Freiberuflichkeit ein ganz anderes Verhältnis zu den Frauen. Ich lerne sie schon in der Schwangerschaft kennen, weiß was sie möchten, worauf sie Wert legen. In der Klinik kommt die Frau zur Geburt, ich kenne sie vorher nicht. Nach der Entbindung ist sie noch drei bis fünf Tage in der Klinik, dann sehe ich sie nie wieder. Es ist einfach ein schöneres Verhältnis, ein Vertrauensverhältnis in der Freiberuflichkeit. Es war immer mein Wunsch, die Frauen betreuen zu können, vor, während und nach der Geburt.

Kann man denn trotz Corona eine Nähe zu den Frauen aufbauen? Emotional und körperlich?

Eingeschränkt. In der Klinik, bei der Entbindung, geht das natürlich nicht unter den Maßnahmen, die vorgegeben sind. Als freiberufliche Hebamme geht das noch besser, aber eingeschränkt ist man allein schon durch die Maske. Man sieht nicht mal, wie fühlt sich der andere. Der Beruf hat allgemein viel mit Haptik zu tun, mit Fühlen und Spüren. Ich kann einfach nicht immer anderthalb Meter Abstand halten, das geht nicht. Ich muss den Bauch abtasten, erfühlen wie das Kind liegt. Man probiert es einzuschränken, aber immer klappt das nicht.

Gab es denn von Beginn an Sonderregelungen für Hebammen?

Die Hebammen wurden am Anfang völlig vergessen. Wir sind nur ein kleiner Berufsstand und zählen eben nicht zur Pflege. Der Berufsverband musste immer wieder nachhaken, bei der Schutzausrüstung oder beim Impfen. Da gab es immer wieder Unklarheiten, was ist erlaubt und was nicht. Ganz kurios, wenn man Geburtsvorbereitungskurse online anbieten möchte, dann muss der Bildschirm beispielsweise eine gewisse Größe haben. Das sind wieder Einschränkungen. Hebammen dürfen sich jetzt aber impfen lassen. Ansonsten teste ich mich täglich, trage die Maske, Schutzkittel und Füßlinge über den Schuhen. Die Schutzausrüstung muss ich aber selbst beschaffen.

Gibt es eigentlich einen Corona-Babyboom?

Ich persönlich kriege nicht mit, dass es einen Babyboom gibt. Es wird aber unterschiedlich wahrgenommen. Die einen sagen, dass bei ihnen die Geburtenrate deutlich angestiegen ist, andere sehen das nicht. Der Lockdown kann ja auch entgegengesetzt wirken. Wenn man Tag und Nacht aufeinander hockt kann es auch sein, dass man sich nicht mehr so gern hat.

Nun sind Sie erst seit kurzem in dem Beruf, dennoch gibt es Schwierigkeiten. Sind Sie denn gut ausgelastet und haben Sie überhaupt noch Lust auf Ihren Job?

Ja natürlich, keine Frage. Und ausgelastet bin ich auch. Man muss ja sagen, wenn sich die Frauen nicht direkt mit dem positiven Schwangerschaftstest melden, sieht es schon schlecht aus. Ich habe schon viele Frauen und muss auch schon Absagen erteilen. Die Frauen sind dann enttäuscht, weil sie bei vielen Hebammen anfragen und nicht weiter wissen. Momentan habe ich noch ein paar Plätze für Dezember, aber dann ist Schluss.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Aline Lepsch für Antenne Brandenburg.

Sendung: Antenne Brandenburg, 05.05.2021, 14:10 Uhr

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