Berlin-Lichtenberg - Pilotprojekt für Windräder auf Hochhaus-Dach kommt nicht voran

Do 08.06.23 | 15:57 Uhr | Von Anja Herr
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Die Position der Kleinwindanlagen auf dem Dach des Hochhaus wird grafisch dargestellt.(Quelle:rbb)
Bild: rbb

Windräder drehen sich auf dem Dach eines Hochhauses - und die Bewohner darunter haben Strom: Dieses Projekt der Wohnungsbaugesellschaft Howoge sollte Signalwirkung haben. Doch die Genehmigung zieht und zieht sich - mit ungewissem Ausgang. Von Anja Herr

Anfang Januar war Stefan Schautes noch zuversichtlich. Optimistisch spazierte der Bereichsleiter Neubau der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Howoge auf dem 64 Meter hohen Wohnhaus "Liese" umher, wohlwollend betrachtete er die bereits vorhandenen Betonsockel: Hier sollten sie stehen - die 20 Meter hohen Windräder.

Der Installationsort der Kleinwindanlagen auf dem Hochhaus.(Quelle:rbb)
Betonsockel auf dem Dach des Hochhauses "Liese" | Bild: rbb

"Genehmigung noch nicht absehbar“

Kleinwindanlagen sollen die 100 Mietparteien in der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg direkt mit grünem Strom versorgt - so zumindest der Plan. Ein Novum. "Das ist eine Erstinstallation, wir müssen die Windkraftanlage testen. Und wenn das hier funktioniert, dann wird das sehr wahrscheinlich auch auf andere Projekte ausstrahlen", sagte Schautes. "Wir müssen die Stadt darauf vorbereiten, dass so was zukünftig zur Stadt, zum Wohnen dazugehört."

Aber: Wird es tatsächlich einmal dazugehören? Mittlerweile scheint fraglich, ob die kleinen Windräder auf dem Dach jemals genehmigt werden. "Das Verfahren läuft noch. Es braucht Zeit, weil es ein sehr komplexes Pilotprojekt ist", heißt es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Und Sprecher Martin Pallgen sagt sogar: "Wann eine Genehmigung erfolgen kann, ist derzeit noch nicht absehbar." Es gehe um bauordnungsrechtliche Details - wie zum Beispiel Standsicherheit, Brandschutz, Erschütterungsschutz, Schallschutz oder Verkehrssicherheit. Dazu sei die Verwaltung im Gespräch mit der Howoge. Aber Fakt ist auch: Im Gespräch sind Howoge, Bezirk und Senat schon sehr lange.

Bezirk lehnte Projekt von Anfang an ab

Bereits seit 2021 arbeitet die Howoge auf eine Genehmigung der Windräder hin. Im April vergangenen Jahres dann der erste Dämpfer: Der Bezirk genehmigt die Windkraftanlagen nicht. Das Vorhaben sei planungsrechtlich nicht zulässig, da es sich nicht in die Umgebung einfüge, so die Begründung. Durch sich drehende Rotoren drohe Eisabwurf auf die Frankfurter Allee und auf das Bahngelände. Die benachbarten Grundstücke seien durch Schattenwurf und Lichtreflexionen der Rotoren beeinträchtigt, die Bewohner des Hauses möglicherweise durch Geräusche des Getriebes. Außerdem solle das Dach von den Mietern zur Erholung genutzt werden - es sei fraglich, ob das möglich sei, wenn sich dort eine Windkraftanlage befinde.

Doch die Howoge hält an dem Projekt fest, legt Widerspruch gegen die Entscheidung des Bezirks ein. Daraufhin betreut die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung den Genehmigungsprozess - und zeigt sich optimistisch, teilt im August 2022 zu den Windrädern mit: "Grundsätzlich unterstützen wir das Vorhaben und nach erster Einschätzung ist es auch genehmigungsfähig, wenn noch ausstehende Nachweise erbracht werden."

Daraufhin plötzlich auch positive Signale aus dem Bezirk: Eine Genehmigung könne möglicherweise noch vor Weihnachten erfolgen, teilte Stadtrat Kevin Hönicke (SPD) Mitte Dezember mit. Im Februar hieß es, es könnte Ostern werden. Und kurz vor Pfingsten verwies Hönicke wieder auf die Senatsverwaltung, die prüfe, ob das Vorhaben genehmigungsfähig sei.

Bahn, Bundeswehr und Umweltverwaltung stimmen zu

Zu einer Entscheidung konnte diese sich aber immer noch nicht durchringen. Und das, obwohl mittlerweile alle notwendigen Nachweise vorliegen: Beteiligt wurden neben der Deutschen Bahn auch die Bundeswehr sowie die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Alle stimmen dem Vorhaben grundsätzlich zu. Die Umweltverwaltung erwartet allerdings, dass nach Inbetriebnahme noch Geräuschmessungen erfolgen. Die Einschätzung, dass der Betrieb der Anlage immissionschutzrechtlich vertretbar sei, erfolge daher unter Vorbehalt.

Auch eine Baufirma muss noch gefunden werden

Die Howoge hofft unterdessen weiterhin auf eine Baugenehmigung. Erst dann könne man eine Ausschreibung starten und ein Unternehmen binden, das die Anlage entwickelt, heißt es. Denn Kleinwindanlagen für Wohngebäude seien nicht auf dem Markt erhältlich, die Anlagen müssten speziell für das Wohnhaus "Liese" entwickelt werden. Eine Firma, die für die Produktion der Windräder angedacht war, ist laut Bezirk mittlerweile insolvent. Es seien aber noch mit weiteren Unternehmen bereits Machbarkeitsstudien und Untersuchungen erstellt worden, die in Frage kämen, teilte die Howoge mit.

Voraussetzung für eine Ausschreibung wäre eine Genehmigung der Windkraftanlagen, die letzten Endes der Bezirk erteilen muss. Baustadtrat Hönicke betonte allerdings, der Bezirk werde sich der Entscheidung der Senatsverwaltung anschließen. Prinzipiell fände er es gut, wenn auf Dächern von Wohnungsbaugesellschaften Windräder Strom produzieren könnten – auch weil das zu günstigeren Strompreisen für die Mieter führen würde. Ob es aber dazu jemals kommt, ist offen.

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Beitrag von Anja Herr

26 Kommentare

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  1. 26.

    Ach was... fügt sich denn das Hochhaus selbst in die Umgebung ein ? Die Hochhäuser am Zoo ? Die häßlichen Designer-Glas-Betonklötze in dieAltbaugebiete in Friedrichshain Kreuzberg usw. ? Der reine grüne Wilkürfilz. Mal sehen was geschieht, nachdem die endlich abgelöst wurden, auch in diesem Bezirk. Vielleicht können dann nun endlich auch die 2000 oder 3000 Wohnungen auf dem ex Pankower Güterbahnhof gebaut werden ohne ständig neue Auflagen und Forderungen wie etwa Kitas zu bauen deren Kosten dann auf den Mieten landen und der böse Vermieter ja so horrende Mieten nimmt.

  2. 25.

    Nein, ultrastreinreich wird man erst wenn es genug Überangebot gibt um die Speicher wirtschaftlich nutzen zu können. Man kann ja einfach Wasserstoff herstellen und später verbrennen. Das lohnt sich aber nicht wenn ich meine Anlagen nur ein paar Prozent der Zeit auslasten kann.

  3. 24.

    Es gäbe möglicherweise Alternativen, z. B. Photovoltaik-Dünnschicht auf der Gebäude-Außenwand/-Fenstern, integrierte Algen-Aquarien, Flettner-Rotor (https://de.wikipedia.org/wiki/Flettner-Rotor)

    und vllt. vieles andere mehr

  4. 23.

    Die Dünnschichttechnik zur Energiegewinnung war bereits auf einem so guten Weg (es ging nur noch um die Erhöhung der Ausbeute), als sie abgeschafft wurde, wie auch vieles im Sektor nachhaltiger Energiegewinnung.

    Große Hoffnungen, als die Umweltkanzlerin begann – und dann streng der Lobby folgte, das Land hinter ihr her. Und da sind wir nun.

  5. 22.

    Es geht hier nicht um ein demokratisches Verfahren, sondern um ein baurechtliches Verfahren. Wie in Deutschland üblich ist es den Beamten nicht möglich zukunftsorientierte Entscheidungen zu treffen. Die starre Anwendung des geschriebenen Rechts bedeutet mehr wie der Mensch.
    Das ist kaiserliches Beamtenturm.
    Das ist das Problem worunter Deutschland und der Fortschritt leidet.

  6. 21.

    Besser ein beeinträchtigtes Stadtbild als verschandelte Landschaft. Und so schön sind Hochhäuser ja nun auch ohne Windräder nicht.

  7. 20.

    Kleine Windräder sind auch nicht besonders sinnvoll. Der Energieertrag im Vergleich zur Lebensdauer ist nicht so gut. Auf Dächer macht PV im Allgemeinen mehr Sinn.

  8. 19.

    Die Nichtwissenheit einiger Kommentatoren ist erschreckend. SOLAR soll Wind ersetzen. Und was ist in der Nacht?
    Schon mitbekommen, dass Sie ultrasteinreich werden könnten, wenn sie eine physikalisch-wirtschaftliche Speicherung der Tagesenergie anbieten könnten?
    Es ist wie in den 80ern: Atomstrom? Nö, meiner kommt aus der Wand

  9. 18.

    Ja, schlimm. Aber man muss ja nun nicht jeden Unsinn/Verschandelung wiederholen (wollen).
    Erwiesen ist, dass Photovoltaik-Elemente in Kombination mit 'Architektur' erstklassige und sehr ansehnliche Fassaden bilden und überdies noch Strom produzieren können.
    Na, ja, wenn Wirtschaft nicht fähig ist, Erstklassiges zu übernehmen, so haben die Entwickler dort ein tolles Gebäude ausgestattet und eine noble Einrichtung. Nur haben die ja das nicht gemacht, um Ihr Gebäude auszustatten, sondern mühen sich nun, das der offenbar behäbigen Wirtschaft anzubieten. D als Entwicklungsland - offenbar also auch in dieser Hinsicht.

  10. 17.

    Endlich mit grünem Strom beginnen ist ja ok und wird auch Zeit. Doch weshalb müssen es Windkraftanlagen, wenn auch kleine, sein? Weshalb wurden Solarpaneele nicht bei der Planung in Erwägung gezogen? Optisch auf jeden Fall besser. Die Landeseigenen haben doch überwiegend Häuser mit Flachdächern, die eignen sich dafür besser. Ich stelle mir vor, dass zukünftig solche Teile auf jedem Dach stehen. Sieht in einer Großstadt bestimmt toll aus. Eine Schnapsidee.

  11. 16.

    Typisch Berlin!
    Um umweltverträgliche Energie können sich die anderen, wie z B. Brandenburg, kümmern. In der Stadt, die sich rühmt Hauptstadt von Start up Unternehmen zu sein, wird ewig diskutiert und geprüft und nochmals diskutiert und wieder geprüft usw.
    Ich finde es eine tolle Idee, die zumindest mal probiert werden muss und hoffentlich nicht erst in 10 Jahren.

  12. 15.

    Leider nein, habe halt gesehen, dass man es versucht hat.
    Einfach mal "wind turbines on high rises" bei google eingeben...

  13. 14.

    Die dazu gehörenden Fakten benennen Sie wohl besser nicht.
    Polemik ist ja auch viel einfacher.
    Mit den heutigen Bedenkenträgern hatte Carl Benz nie ein Auto gebaut....
    https://www.abendblatt.de/hamburg/altona/article235695781/nachhaltigkeit-regenerative-energie-greenpeace-windraeder-fotovoltaikanlagen-hafencity-magdeburger-hafen.html

  14. 13.

    "Was soll das auch für ein Stadtbild werden?" Man wollte Berlin auch schon mal mit den "Reichskrafttürmen" verzieren (https://www.spiegel.de/geschichte/windkraft-im-nationalsozialismus-der-traum-vom-reichskraftturm-a-cac2a3b9-c80e-423a-9179-90a0792e8014)

  15. 12.

    Danke, das wäre eine Antwort auf meine Frage. Haben Sie eine Link dazu?

  16. 11.

    Was soll das auch für ein Stadtbild werden?
    Bei aller Notwendigkeit der Energiegewinnung außerhalb fossiler Rohstoffe! Wo bleiben die Photovoltaik-Elemente an den Hauswänden?
    Ist das nur fürs Versuchslabor gemacht worden? Die Positiv-Wirkung und dürfte das Stadtbild weniger verschandeln als die Mühlen auf den Dächern. Reicht das noch nicht schon in den Landschaften aus?

  17. 10.

    Mir kommt das vor, als wolle man irgendwas, irgendwie erzwingen. PV funktioniert doch. Also was soll das?

  18. 9.

    Greenpeace hat sich sowas in Hamburg auf das Dach gesetzt und es hat noch nie vernünftig funktioniert. Rund vier Jahre hat man versucht und seit 2017 sind sie komplett abgeschaltet. Alle Reparaturkonzepte sind gescheitert. Nunmehr will man auf PV umbauen.

    Wieso glaubt man schlauer zu sein als GP und mehrere Fachfirmen? Ich hoffe da werden keien Förder- oder Mietergelder verschwendet.

  19. 8.

    Ich war erstaunt, als ich so etwas das erste Mal vor ca. 15 Jahren in Portland/Oregon (fertig montiert und funktionsfähig) sah. Auf mehreren Hochhäusern dort.
    Jetzt geh es auch hier richtig los...
    Bald.
    Vielleicht...

  20. 7.

    Mal rein grundsätzlich die Frage: Gibt es dafür irgendwo ein funktionierendes Referenzobjekt, wo das schon einmal erfolgreich umgesetzt wurde und was auch noch in Betrieb ist?

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