Stromanbieter in Berlin - Stadtwerke stemmen sich gegen Kundenschwund

So 19.11.23 | 08:29 Uhr | Von Franziska Hoppen und Jan Menzel
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Archivbild: Eine Windenergieanlage der Berliner Stadtwerke im Windpark «Albertshof». (Quelle: dpa/P. Pleul)
Video: rbb24 Abendschau | 19.11.2023 | Franziska Hoppen | Bild: dpa/P. Pleul

Als kleiner, aber feiner Ökostrom-Anbieter mit Heimvorteil wurden die Berliner Stadtwerke gegründet. Zuletzt haben aber Tausende Kunden wegen hoher Preise gekündigt. Die Stadtwerke reagieren jetzt. Von Franziska Hoppen und Jan Menzel

  • Landeseigener Ökostrom-Anbieter verliert Kunden wegen zu hoher Preise
  • Gründe für hohe Preise liegen in Energiekrise und zu großer Nachfrage
  • Anbieter will Tarif für Bestandskunden vergünstigen

Auf den Dächern der Berliner Messehallen glänzen lange Reihen von Solaranlagen. Gerade erst wurden acht neue öffentliche Ladepunkte in der Nähe des Kudamms eingeweiht. Und vor den Toren Berlins drehen sich mehr als ein Dutzend große Windräder. Die Berliner Stadtwerke expandieren seit Jahren kräftig und treiben die Energiewende voran. Auch in den Kundenzahlen spiegelte sich der Erfolg lange wider. Doch dann platzte die Energiekrise mit ihren massiven Preissteigerungen dazwischen.

"Wir haben gerne etwas mehr gezahlt für lokalen Ökostrom, aber das war zu viel des Guten", kommentiert ein User auf rbb24 die Preispolitik des Berliner Landesunternehmens in den vergangenen Monaten. Ein anderer ärgert sich und denkt über einen Anbieter-Wechsel nach: "Als treuer Kunde darf man doch wohl hoffen, dass man gewisse Vorteile hat, wenn man mit den Stadtwerken durch Dick und Dünn geht".

Stadtwerke mit großem Kundenschwund

Diese beiden Stimmen stehen stellvertretend für tausende Haushalte, die ihren Strom bei dem landeseigenen Unternehmen beziehen beziehungswweise bezogen haben. Hatten die Stadtwerke im vergangenen Jahr noch etwas mehr als 35.000 Kunden unter Vertrag, haben zwischenzeitlich rund 3.500 gekündigt. "Wir sind im vergangenen Jahr so ein bisschen Opfer unseres eigenen Erfolgs geworden", erklärte Stadtwerke-Sprecher Stephan Natz.

Tatsächlich waren die Stadtwerke lange mit sehr günstigen Preisen am Markt erfolgreich. Ohne dass dafür eine große Werbekampagne gefahren wurde, sprach sich das Angebot herum und deutlich mehr Berlinerinnen und Berliner wollten den Ökostrom des lokalen Unternehmens. Allerdings seien es am Ende mehr Kunden geworden, als man erwartet hatte, so Natz: "Wir mussten zu den damals sehr hohen Konditionen an der Börse zusätzlichen Strom beschaffen und das hat letztlich zu höheren Preisen geführt." Diese lagen zuletzt mit 52,9 Cent für die Kilowattstunde für mehrere tausend Bestandskunden deutlich über dem, was andere Stromlieferanten verlangen.

CDU und SPD kritisieren Entwicklung der Stadtwerke

Sind die landeseigenen Stadtwerke also nicht konkurrenzfähig? Für den energiepolitischen Sprecher der CDU Christian Gräff ist das nicht akzeptabel: "Wenn wir als öffentliche Hand Stadtwerke haben und ein Angebot kommunal erbringen, Strom zu erzeugen und zu verteilen, dann muss das Angebot mindestens mit dem Markt mithalten, wenn nicht günstiger sein." Das sei besonders für Haushalte in sozial schwieriger Situation wichtig, so Gräff weiter.

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Jörg Stroedter, der seit den Anfängen ein Fürsprecher des Unternehmens ist, erinnert an das ursprüngliche Ziel von 100.000 Kunden. "Das ist ja überhaupt nicht eingetreten. Wir sind ja im Gegenteil jetzt in der falschen Entwicklung und da muss man gegensteuern".

Ein riesiges Problem sieht auch der beteiligungspolitische Sprecher der Linken Sebastian Schlüsselburg. Er hatte mit einer parlamentarischen Anfrage den Kundenschwund der Stadtwerke öffentlich gemacht. Für Schlüsselburg ist aber auch klar, wie sich das Problem lösen lässt.

So wie andere Stromerzeuger auch haben die Stadtwerke in der Hochphase der Energiekrise von den hohen Preisen profitiert und satte Übergewinne eingefahren. "7,9 Millionen Euro sind bei den Stadtwerken verblieben. Das ist ein Punkt, wo wir sagen müssen: Dieses Geld muss jetzt eingesetzt werden, um Kunden zurückzugewinnen bzw. vom Kündigen abzuhalten", so Schlüsselburg.

Gewinne schon anderweitig verplant

Die Stadtwerke haben diese Gewinne allerdings schon anderweitig verplant. Das Unternehmen will das Geld investieren, mehr Windräder bauen und weiter Solaranlagen auf Dächern installieren. Die Strompreise sollen aber trotzdem für mehrere tausend Bestandskunden sinken, kündigt Stadtwerke-Sprecher Stephan Natz gegenüber dem rbb an. "Die bekommen einen Brief und diejenigen, die noch einen teuren Tarif haben, werden von uns eine Preissenkung von etwa 30 Prozent in diesem Brief angekündigt bekommen."

Zum 1. Januar sollen die neuen, konkurrenzfähigen Preise für Bestandskunden gelten. Die Berliner Stadtwerke bewegen sich mit diesen Tarifen auf dem Niveau anderer Öko-Stromanbieter. Wahrscheinlich eine gute Voraussetzung, um auch wieder das alte Kundenniveau zu erreichen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 19.11.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Franziska Hoppen und Jan Menzel

60 Kommentare

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  1. 60.

    Ich finde den lokalen Aspekt auch beim Strom nicht zu vernachlässigen. So wie man beim Obst und Gemüse drauf achtet dass das Zeug nicht um die halbe Welt gekarrt wird, kann man beim Strom eben auch drauf achten, dass zumindest das Geld weitestgehend in der Region bleibt und nicht nach Düsseldorf oder Essen überwiesen wird.
    Unsere Stadtwerke sponsern das Stadtfest und viele andere Dinge in der Stadt. Das entschädigt dann auch mal für ein paar EUR mehr auf der Rechnung.
    Lokale und kommunale Anbieter sollten es natürlich nicht übertreiben --> Kontrollaufgabe der Gesellschafter.

  2. 59.

    Da Sie fachlich üblicherweise gut informiert sind und hin und wieder nur einseitig kommentieren, haben Sie sicher nur vergessen, dass die Kosten für Netztstabilität auch so hoch sind weil Brennstoffe (Gas) für Ersatzkraftwerke aktuell und insbesondere 2022 extrem hoch waren. Des Weiteren fielen einige geplante Kohlekraftwerke ungeplant aus, weil die Schiffe auf dem Rhein nicht fahren konnten. Unser großer westlicher Nachbar hat in 2022 ebenfalls einige Unplanbarkeiten verursacht. Und ja auch extrem gute Windlagen und inzwischen auch hin und wieder zu viel PV-Strom haben Geld gekostet.
    Um die reine Strommenge die nicht eingespeist werden konnte, ist es natürlich trotzdem schade.
    Aber diese vielen Jahre praktisch Stillstand und beobachten sind eben schwierig aufzuholen. Das wird auch noch einige Zeit dauern auch wenn demnächst der eine oder andere Engpass im Netz beseitigt wird bzw. wurde.

  3. 58.

    Na dann verraten Sie uns doch bitte, wie Sie gestalten wollen. Bisher reden Sie nur die derzeitige Praxis schlecht.
    Was wollen Sie konkret anders haben? Einfach nur billigeren Strom? Wer zahlt die Differenz bzw. welche Investitionen werden dann nicht mehr vorgenommen?
    Mit MO kommt genügend Geld ins System um alles - trotz bisher nur wenig plan- und kaum speicherbarer EE und noch unzureichender Netzkapazität - relativ gut am Laufen zu halten und gleichzeitig werden Anreize zu weiteren Investitionen in noch günstigere Erzeugung geschaffen um noch mehr Gewinn machen zu können. Funktionierende Marktwirtschaft bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit und vorhandenen Kapazitäten für weiteren Ausbau und Innovationen.
    Was wollen Sie?

  4. 57.

    Sie scheinen offensichtlich nicht lösungsorientiert argumentieren zu wollen oder zu können. Es mag ja sein, dass 2006 kein Netzwerkmanagement nötig war. Vor 200 Jahren war auch kein Verkehrsmanagement nötig. Als weiteres Plus der gegenwärtigen Realität der Energiewirtschaft könnte man natürlich auch erwähnen, dass etwas weniger Atommüll als 2006 anfällt, welcher die nächsten paar Tausend Jahre vor sich hin strahlt.
    Eventuell sollte man darüberhinaus nicht auf dem Wissenslevel der 7. Klasse stehen bleiben, sondern zumindest versuchen sich an heutige Gegebenheiten anzupassen um diese gestalten zu können.

  5. 56.

    Warum 2006 nahezu kein Netzmanagement benötigt wurde ist Ihnen klar??
    Netzausfälle sind aktuell nur durch Mrd € an Redispatch-Maßnahmen (u.a. temporäre Lastabschaltungen) zu vermeiden.
    Liegt physikalisch auch auf der Hand...wenn man in der 7.Klasse nicht nur auf dem Gang stand.

  6. 55.

    Den Quark verbreiten Sie.
    Die Rede war von Stromausfällen.
    Und diese sind an Dauer kontinuierlich gesunken seit 2006(wo ja noch ordentlich dreckiger Atomstrom und Fossil eine angeblich Achso hohe Versorgungssicherheit gewährleistet haben sollten)
    Quelle:
    https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Versorgungsunterbrechungen/Auswertung_Strom/start.html

  7. 54.

    ... "da der Staat grundsätzlich nur das reale Nettoeinkommen besteuern darf (Leistungsfähigkeitsprinzip)."??? Das war hoffentlich nur unglücklich formuliert. Ich glaube, was Sie meinen ist, daß Ihnen die Berücksichtigung steht Ihnen zu, warum darf nicht zumindest die Differenz zur deutschen Durchschnittsmiete/Wohnkosten vom Steuerpflichtigen Einkommen abziehen. Zur Gegenfinanzierung muß es dann im umgekehrten Fall natürlich draufgeschlagen werden.

  8. 53.

    Wo kann ich anteilig meine Miete absetzen? Ich könnte ja auch aufs Dorf ziehen und pendeln. Leistungsprinzip und so…

  9. 52.

    Quark, es gab noch so viel Netzeingriffe wie zuvor! Informieren Sie sich bei den ÜNBs.
    ""Im Jahr 2022 beliefen sich die Kosten für Netzengpassmanagementmaßnahmen nach Angaben der Bundesnetzagentur bei rund 4,2 Milliarden Euro und damit fast doppelt so hoch wie noch 2021. Nur an 160 Stunden gab es im vergangenen Jahr keine Netzeingriffe.""

  10. 51.

    "MO kein gottgegebenes Dogma und kann so prinzipiell reformiert, aktualisiert und verändert werden"
    Sieht die EU offenbar anders. Aber Sie können sich gerne für eine Alternative engagieren. Bitte mit sachlicher Vorstellung des neuen Systems und Argumentation der Vor-/Nachteile gegenüber MO.

  11. 50.

    Die Versorgungssicherheit ist höher denn jemals zuvor und das ist die eigentliche Nebelkerze der Fossillobby.

    Rentabilität für die Erzeuger ist tatsächlich das eine Argument, realistische Abbildung des Preises für den Kunden das Andere.
    Derzeit sehe ich vor Allem ein drastisches Ungleichgewicht zum Wohle des Profits der Konzerne.
    Wie alles was vom Menschen (für den Markt) gemacht ist, ist MO kein gottgegebenes Dogma und kann so prinzipiell reformiert, aktualisiert und verändert werden.

  12. 49.

    Als Kunde der Berliner Stadtwerke zahle ich nur minimal mehr als bei anderen Anbietern, wie mir ein Blick bei Verivox verrät (die einmaligen Lockprämien sollte man ausblenden). Zugleich finde ich die Unterstützung der lokalen Ökostrom - Produktion erfreulich. Das sie zugleich zB auch Angebote machen an solchen Projekten als Anleihezeichner mit zuletzt 5% auf 5 Jahre zu profitieren ist doch super. Alles zusammengerechnet ist meine Bilanz damit deutlich positiv, sowohl was die Finanzen, die Transparenz und den lokalen und ökologischen Aspekt betrifft.

  13. 48.

    Die Kosten der Umweltschädliche trägt der Verursacher?
    Wer zahlt bei einem AKW GAU, wenn ganz Deutschland plus X still steht?
    Die Versicherung?
    Ernsthaft?

    Wer zahlt für die Brennstäbe, die endgelagert werden müssen?
    Und wo eigentlich?
    Und muss meine Tochter sich eigentlich darum kümmern?
    Warum eigentlich?
    Unsere nächsten Generationen haben davon keinen Profit gezogen, aber hochgefährlichen radioaktiven Müll an der Backe.

    Sind dann immernoch die AKW Betreiber in der Pflicht, sich im den Müll zu kümmern?
    Oder die BRD/ unser Staat/ die Bundesländer?

  14. 47.

    Ihr Verweis auf die IEA hinkt.

    Sie wollen vermeintlich neutral dargestellt haben, dass eine Energieform (Wind) teurer ist als eine andere (Atom) und beziehen sich auf die Atom-freundliche "Internationale Energieagentur"?

    ich bitte um einen neutralen Verweis. Danke vorab.

  15. 46.

    Ein weichgespülter, viel zu verharmlosender Kuschelbericht. 52,9 Cent sind schlicht Wucher. Nichts anderes. Mein Stromanbieter war stets unter der Strompreisbremse. Das Märchen von den lieben, nicht privaten Erzeugern soll weitergesponnen werden.

  16. 45.

    Zur Versorgungssicherheit benötigen Sie stets 100% Stromangebot. Daher Meritorder um Produktion für Grundlast und Lastspitzen gleichsam rentabel zu machen.

  17. 44.

    Auch wir hatten ganz genau abgewogen, was wir wählen und unterstützen und was nicht. Zahlten dann jahrelang teures Biogas und teuren Biostrom bei einem Anbieter, der es mit Bio ernst meinte. Klein und fein.
    Dann kamen die Sanktionen und neuen Gaspreise, nun wurde nicht mehr lokal bio produziert, sondern teuer global eingekauft, dann in Stadtwerk umgewandelt. Mit der Begründung, es sei nicht genug für entfernter Wohnende da, wurde uns der Vertrag gekündigt.
    Seitdem extrateures Grundversorgergas in Berlin. Exakt gleicher Abschlag – bei 7% MWSt wurde einfach Grund- u. Verbrauchspreis raufgesetzt, erst bei 19% MWSt wieder ausgeglichen. K*****!

  18. 43.

    "Müssen"? Nein, das war eine Wahl, die der GIER. Eigenes Ziel 100.000 Kd. verraten, denn damit hätte man den Preis gut halten können. Alles der Gier unterzuordnen, macht alles kaputt. Auch hätte man den Übergewinn an die KUNDEN zurückgeben können. Sie haben ihn ja auch eingezahlt.

    "Allerdings seien es am Ende mehr Kunden geworden, als man erwartet hatte, so Natz: "Wir mussten zu den damals sehr hohen Konditionen an der Börse zusätzlichen Strom beschaffen und das hat letztlich zu höheren Preisen geführt."

  19. 42.

    Empfehlenswerter Beitrag diesbezüglich bei den Kollegen von Deutschlandfunk Aus der Dlf Audiothek | Hintergrund | Erneuerbare Energien – Wie die Strombörse die Preise beeinflusst https://share.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=dira_DLF_5fd6ba5a

    Merit-Order ist unzeitgemäß und muss reformiert werden um realistische Preise und günstigere Erzeugungskosten an die Kunden weiterzugeben.

  20. 41.

    Ich bin jetzt nicht so ein tiefer Fachmann für Energiepreise und gesetzlichen Grundlagen. Aber scheint es nicht so, dass der Energiepreis immer noch am teuersten Kohlestrom und Atomstrom orientiert ist und für alle Energieverbraucher auch die CO2 Steuer anfällt, auch wenn die Energie aus Wind oder Sonne erzeugt wurde? Wenn dies im Groben noch so sein sollte, haben kleinere Stadtwerke natürlich gegenüber den 3 großen Stromkonzernen immer den Nachteil, dass bei weniger Stromkunden kein so günstiger Einkaufs- bzw. Erzeugerpreis realisiert werden kann. Gibt es diese Strompreiskopplung am teuersten Kohle- bzw. Atomstrom immer noch? Mal so paar Fragen in die Fachdiskussion hier...

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