Leeres Buero von Ambion (Quelle: rbb/Julia Vismann)
Bild: rbb/Julia Vismann

Unternehmen in der Corona-Krise - "Es geht nicht mehr um Gewinne, sondern ums Überleben"

Geschlossene Läden, abgesagte Events, fehlende Umsätze: Mit millionenschweren Hilfspaketen soll kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Corona-Krise geholfen werden. Doch viele fürchten, das Geld werde sie nicht erreichen. Von Julia Vismann

Was Sie jetzt wissen müssen

"Wir haben 100 Prozent Umsatz-Einbruch", sagt Marein Beissel von der Event-Agentur "Wilde Beissel von Schmidt". Unternehmen im Veranstaltungsbereich sind unmittelbar von der Corona-Krise betroffen. Alle Konferenzen und Messen sind abgesagt worden und für die Stornierungen werden keine oder nur geringe Ausfallsummen gezahlt.

Als die Geschäftsführerin vergangene Woche drei Mitarbeiterinnen entlassen musste, sind Tränen geflossen. 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten teilweise in Kurzarbeit geschickt werden. Bitter sei, dass die drei Geschäftsführerinnen der Agentur selber nicht von der Kurzarbeit profitieren könnten, da sie von Sozialabgaben befreit sind. Um die Krise überstehen zu können, werden sie sich keine Gehälter auszahlen.

Zuschuss für Solo-Selbstständige

Hart sei es auch für die selbstständigen Kleinunternehmer, Messebauer, Künstler und freien Produzenten, die für die Agentur arbeiten, sagt Marein Beissel. Sie hält die Soforthilfen des Berliner Senats für Solo-Selbstständigen und Kleinunternehmer mit maximal fünf Angestellten für eine gute Maßnahme. Der Zuschuss ist auf 5.000 Euro begrenzt und kann mehrmals beantragt werden. Marein Beissel bezweifelt aber, "dass die Soforthilfe so unbürokratisch ausgezahlt wird, wie es versprochen wurde".

Geld aus der "Kriegskasse"

"Wie es jetzt weitergeht, weiß keiner". Für den Herbst können sie nichts planen, sagt die Mutter von zwei Kindern. Ihre Agentur arbeitet auch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung und Daimler ist ein Kunde. Wie Volkswagen und viele Zulieferer haben sie die Produktion eingestellt. Kein Kunde traue sich im Moment Aufträge zu verteilen, auch die  Ausschreibungen für Konferenzen werden zurzeit nicht bearbeitet, sagt die Agenturchefin. Sie lasse nun prüfen, ob die von der Bundesregierung angekündigten Kredite über die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW [kfw.de] für sie infrage kämen.

"Da scheint aber noch nichts von den Kreditprogrammen bei den Banken und den Beratern angekommen zu sein." Im Internet wird mitgeteilt, dass die Unternehmen weiter selbstschuldnerisch bürgen müssten, um einen Kredit aufnehmen zu können. Das bringe der Agentur gar nichts, zumal sie die Kredite ja irgendwann zurückzahlen müssten und bisher nicht planen können, wann wieder Geld in die Kasse komme. "Wir sind jetzt dabei, das Geld aus unserer Kriegskasse auszugeben, die wir über zehn Jahre angespart haben. Das ist bitter. Es geht nicht mehr um Gewinne, sondern ums Überleben", sagt Geschäftsführerin Beissel. 

Aber trotzdem ist die Agenturchefin optimistisch: "Wir nutzen jetzt die Zeit, um uns umzustellen und neue Techniken auszuprobieren für Hybridkonferenzen und Hybridevents, also teils digital, teils physisch."  Die drei Geschäftsführerinnen versuchen für die Zeit nach der Krise gut aufgestellt zu sein.

Harte Kritik an der Investitionsbank Berlin

Besonders hart trifft es mittelständische Unternehmer im Veranstaltungsbereich, die Verantwortung für viele Mitarbeiter haben. Ambion, eine Firma für Veranstaltungstechnik mit Sitz in Berlin und Kassel, musste ihre 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bundesweit in Kurzarbeit schicken. Darüber hinaus gebe es enorme Strukturkosten, wie Miete, Leasingraten für Firmenfahrzeuge oder Versicherungen. Auch die Löhne für Auszubildende seien ein hoher Posten, da sie nicht in Kurzarbeit geschickt werden können, sagt Jesko Purmann, einer der drei Geschäftsführer von Ambion.

Jesko Purmann (Quelle: rbb/ Julia Vismann)
Ambion-Geschäftsführer Jesko Purmann | Bild: rbb/ Julia Vismann

"Es ist nicht abzusehen, wann es wieder nennenswerte Veranstaltungen oder Messen geben wird", sagt Purmann. Da helfen auch keine zinslosen Kredite, die von der Bundesregierung über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Aussicht gestellt wurden. Er habe mit den beiden Hausbanken der Firma gesprochen und bestätigte ebenfalls, dass die von der Politik so vielversprechenden Maßnahmen derzeit noch nicht angekommen seien.

Außerdem glaubt der Ambion-Geschäftsführer, dass es für seine Firma unmöglich sei an die bereitgestellten Mittel über die KfW zu kommen. Denn Voraussetzung sei, dass es für das Unternehmen eine positive Fortführungsprognose gebe. Ohne Aufträge in naher Zukunft sei das aber nicht gegeben.

Auch das Rettungspaket der Investitionsbank Berlin [ibb.de] sei ein Witz. "Hier geht wieder nur der Kreditnehmer ins Risiko, nicht der Staat oder die Bank. Und vier Prozent Zins ist eine bodenlose Frechheit", ärgert sich Jesko Purmann. Denn es werden zinslose Rettungsbeihilfen bis zu einer Höhe von 0,5 Millionen Euro gewährt. Für Rettungsbeihilfen ab einem Betrag von 0,5 bis 2,5 Millionen Euro wird ein Zins in Höhe von vier Prozent pro Jahr vereinnahmt, steht auf der Internetseite der IBB. Außerdem werde keine Rettungsbeihilfe für Unternehmen gewährt, deren Gründung weniger als drei Jahre zurückliege.

"Sonst wird es dunkel, Frau Merkel"

Ambion ist eine Firma, die dafür sorgt, dass Politiker auf Konferenzen oder Veranstaltungen nicht im Dunkeln stehen und gut zu hören sind. "Jetzt! Sofort! Hilfe! Sonst wird es dunkel, Frau Merkel" heißt es auf der Internetseite der gemeinsamen Kampagne mehrerer großer Technikfirmen aus der Veranstaltungsbranche. Sie fordern Stundung von Steuern oder auch Bürgschaften und Zuschüsse für den Erhalt von Arbeitsplätzen.

Aufgrund der Kampagne erreichten Purmann viele Zuschriften von verzweifelten Unternehmern aus der Technik- und Veranstaltungsbranche, die um ihre Existenz bangen. "Ich hoffe, dass die Regierung da handelt und rückwirkend zahlt und die Hausbanken nicht gleich den Geldhahn zumachen," sagt er. Die versprochene Soforthilfe des Berliner Senats greife zumindest bei den Solo-Selbstständigen, Kreativen und Künstlern.

Beim Stadtmarketingunternehmen Berlin Partner wurde ihm bestätigt, dass die bisherigen Maßnahmen für mittelständische Unternehmen irgendwie noch nicht ankommen. Man bemühe sich nun aber zumindest die Förderung von Löhnen für die Auszubildenden anzuschieben. Berlin Partner ist eine Initiative des Landes Berlin und fördert Unternehmen aus der Technik- und Innovationsbranche.

Die Kreditvergabe für die Finanzierung von Fixkosten hält Purmann außerdem für fragwürdig. Ein Zuschuss oder Förderungslösung wäre nachhaltiger. Denn es ist zu erwarten, dass Firmen, die sich jetzt weiter verschulden, in der Folge in die Insolvenz geraten, sagt der Ambion-Geschäftsführer. "Auch mittelständische Unternehmen mit mehreren Hundert Mitarbeitern können nicht lange ohne Umsatz überleben. Jetzt geht es um Zeit!"

Der Schutz der Bevölkerung geht vor

Alle Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, die für diesen Artikel interviewt worden sind, unterstützen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Coronavirus-Ausbreitung. Auch, wenn sie dadurch in eine wirtschaftlich existenzbedrohende Situation geraten. Sie bleiben mit ihren Kindern zu Hause und achten darauf, dass soziale Kontakte minimiert werden.

Sendung: Radioeins, 20.03.2020, 10:00 Uhr

FAQ zum Umgang mit dem Coronavirus

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Beitrag von Julia Vismann

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11 Kommentare

  1. 11.

    Hallo RBB,
    vielleicht können Sie einmal die Praktiken der großen Supüermärkte durchleuchten und anprangern.
    Bei einem großen Lebensmittelmarkt mit "K" habe ich das Gefühl, dass die Preise ca. um 30 % angehoben wurden.
    Die bereichern sich auf Grund der Corona-Krise. Ich glaube aber auch , dass die anderen Märkte das ebenfalls tun.

  2. 10.

    "Diese Ausnahmezustände dürfen nicht Wochen bis Monate dauern"

    Sagen Sie es dem Virus und den schwachköpfigen Überträger.
    Udo Lindenberg hat wohl kein größeres Problem mit der Krise, die GEMA wird weiter genug Gelder überweisen.
    Ferner will der Bund seine Gelder sogar ohne jede Prüfung der Vermögensverhältnisse ausschütten, warum also nur Panik verbreiten.

  3. 9.

    Drei Monate keine Reaktion, keine Vorkehrungen, keinen Plan erstellt.......bis zum Schluss keine Reisewarnung für China und Italien, bis vor wenigen Tagen sind noch Flugzeuge aus dem Iran in Berlin gelandet! Dann die Notbremse! Ganz Deutschland wird wirtschaftlich gegen die Wand gefahren!? Riesige Geldmengen (nach den genannten Summen) sollen zur Unterstützung bereit gestellt werden? Bei genauer Betrachtung stellt sich jetzt schon heraus, große DEUTSCHE Konzerne werden profitieren, wahrscheinlich sogar Kapital schlagen aus der Situation! Mittlere und kleine Firmen, Handwerker, Arbeitnehmer und die ohnehin armen Menschen werden verlieren! Mittlerweile tut man gut daran, Maßnahmen zu hinterfragen!

  4. 8.

    Wenn erst mal unzählige Klein- und Mittelständige Unternehmen pleite sind und die Bevölkerung NACH der Krise nicht mehr so munter drauf los konsumieren kann wie vorher, schauen wir dann doch mal das Gejammer an. Sie haben völlig Recht und gut dass Sie das ansprechen. Ein komplexes Ding, es geht um mehr als einen Virus.

  5. 7.

    So ein Blödsinn. Um lebensnotwendige Waren herzustellen,braucht man verhältnismäßig wenig Menschen. Wir sind nicht umsonst eine Dienstleistungsgesellschaft.

    Das Problem ist,dass man trotzdem nicht alles zusammenbrechen lassen darf.

  6. 6.

    "Es geht nicht mehr um Gewinne, sondern ums Überleben"

    Was sollen sie denn machen, wenn es angeordnet wurde, nicht zu arbeiten. Den Artikel ist garantiert kein Vernunftslobhymne über Freiwilligkeit.

  7. 5.

    Allerdings könnten wir zumindest unsere Lieblingscafés, Sportvereine etc. mit einer Spende unterstützen. Sofern wir nicht in Kurzarbeit sind könnten wir das Geld das wir sonst dort ausgeben ja den Leuten spenden.
    Während Tschernobyl haben das die "Bios" zumindest bei den Milchbauern gemacht.
    Zudem erwarte ich von den großen Firmen dass der obere Wasserkopf und die Aufsichtsräte mal für ein Weilchen auf ihre Gehälter verzichten.
    Und wer aus dem Urlaub(!) jetzt ausgeflogen wird sollte m.E. auch die entstandenen Rückführungskosten zahlen - statt mal wieder zu meckern, dass der Staat zu wenig tut.

  8. 4.

    Ich muss ihnen zustimmen, hört sich zwar toll an Gesundheit geht vor und ist sicherlich auch richtig, aber wenn alles zusammengebrochen ist gibt's für gar keinen mehr irgendeine Art der Gesundheit.
    Anders gesagt wenn wir uns jetzt komplett einmauern haben wir nur noch wenige Jahre wir alle in dieser Welt zu leben.

  9. 3.

    Und so muss man letztlich die unangenehme Frage stellen, ob sich Millionen von Existenzen mit einigen Hunderten Geretteten aufrechnen lässt. Das ist zwar bitter, aber es muss sein.

  10. 2.

    Das ist nur eines von tausenden Unternehmen. Aber das trifft es auf den Kopf. Es wird ausgesprochen, aber keiner hört es, will es hören oder aber kann es derzeit verarbeiten, weil der Focus woanders liegt. Es geht um massig Existenzen.

    Liebes RBB-Team, ich weiß auch Ihr arbeitet derzeit auf Hochtouren, aber vielleicht helfen der Politk Zahlen, wie viele Unternehmen und wieviele Menschen (Angestelle) es betrifft und wie hoch die Schäden sind. Es ist kaum anzunehmen, dass die versprochenen Gelder ausreichen und auch (rechtzeitig) ankommen.

    Allein die Arbeitsagentur wird Wochen brauchen, das Kurzarbeitergeld zu bewilligen - neben den eigentlichen Aufgaben. Viele haben nichts auf der hohen Kante zum überbrücken

  11. 1.

    "Der Schutz der Bevölkerung geht vor!"
    Das beinhaltet auch, Kleinunternehmen, Café- und Bistroinhaber, Betreiber von Dönerimbissen und Sisha-Bars oder Kneipen vor dem finanziellen Ruin zu retten. Nur geht das leider derzeit total unter! Diese Ausnahmezustände dürfen nicht Wochen bis Monate dauern. Wir Menschen müssen uns nunmal auch der Tatsache stellen, dass wir im Leben nicht alles kontrollieren, uns nicht gegen alles absichern und uns auch nicht vor allem schützen können.

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