Schätzungen zu Corona - Wieso die Fallzahlen steigen und Social Distancing hilft

Mi 18.03.20 | 06:08 Uhr | Von Haluka Maier-Borst
Wie es mit der Zahl der Corona-Fälle nach dem 17.03.2020 in Berlin weitergehen könnte. (Quelle: rbb|24/Haluka Maier-Borst)
Bild: rbb|24/Haluka Maier-Borst

Die Corona-Fallzahlen in Berlin und Brandenburg werden auch nach Einführung der neuen Maßnahmen steigen. Warum das so ist und wieso Vorkehrungen wie Quarantäne jetzt trotzdem enorm wichtig sein könnten, fasst Haluka Maier-Borst zusammen.

Zwölf Tote bundesweit, ein paar Tausend Infizierte (RKI, Stand 17.03., 19:20 Uhr) - was soll das schon heißen? Manche werden angesichts der aktuellen Zahlen nach wie vor die Dringlichkeit der beschlossenen Maßnahmen infrage stellen. Und in ein paar Tagen werden manche oder vielleicht sogar die gleichen Menschen die Wirksamkeit der Anordnungen bezweifeln, wenn die Fallzahlen weiter steigen werden. Aber es ist wohl genau andersherum: Gerade weil die Fallzahlen noch so niedrig sind und noch steigen werden, könnte der Verzicht auf Sport, Kneipe und Schule helfen.

"Epidemien auszubremsen ist ein bisschen, wie ein Schiff stoppen zu wollen. Das dauert."

Dirk Brockmann und Benjamin Maier von der Berliner Humboldt Universität erforschen, wie sich Epidemien ausbreiten und setzen sich auch aktuell mit dem neuartigen Coronavirus auseinander. "Epidemien ausbremsen, ist wie ein Schiff stoppen zu wollen. Selbst wenn ihre Schiffsschraube unten schon gegensteuert, braucht es, bis das Schiff anfängt zu bremsen", sagt Brockmann.

Entsprechend werden die nächsten Tage vor allem solche Leute positiv getestet werden, die sich noch vor dem Inkrafttreten der Maßnahmen infiziert haben. Da es im Mittel sechs Tage dauert, bis ein Infizierter Symptome zeigt, wird der bisherige Trend bei den Fallzahlen erstmal grob so weitergehen. Sprich: eine Verdopplung der Fallzahlen alle drei Tage.

Für Berlin könnte das bedeuten, dass man Ende der Woche irgendwo rund um die 1.300 Fälle stünde. Für Brandenburg wäre man bei rund 400. Diese Schätzungen basieren darauf, dass sowohl in einer Analyse von rbb|24 als auch einer wesentlich komplexeren, wissenschaftlichen Modellierung von Brockmann und Maier, sich eine Verdopplungszeit von drei Tagen für die gemeldeten Fälle abzeichnet. "Dieser Wert erscheint einigermaßen verlässlich, so weit man das bei dieser schwierigen, unübersichtlichen Lage sagen kann", erklärt Maier. Aber es bleiben nach wie vor einige Unsicherheiten.

Mögliche Gründe für einen weiteren Anstieg

Zum einen könnte die Zahl der Fälle weniger stark ansteigen, weil bereits vorab durch das sogenannte Contact-Tracing, also das Ausfindigmachen von Kontaktpersonen von Positiv-Getesteten, eine weitere Verbreitung früh gestoppt wird. "Das ist das, worauf wir hoffen, denn das kann dieses schnelle Anwachsen der Fallzahlen drastisch verhindern", sagt Maier. Um diesen Fall ein wenig abzubilden, hat rbb|24 eine Verlaufskurve eingezeichnet für eine Verdopplungzeit von vier Tagen.

Zum anderen könnte die Zahl der Fälle sogar noch stärker ansteigen. Das hat rbb|24 mit einer Verdopplungszeit für alle 2,5 Tage eingezeichnet. Mögliche Gründe dafür: Weil zum Beispiel Menschen unverantwortlich handeln und "Corona-Partys" feiern, vor denen das RKI warnt [tagessschau.de]. Oder weil die Gesundheitsämter bisher nicht mit dem Testen hinterher kommen, so wie es beispielsweise die "Süddeutsche Zeitung" berichtet hat. Oder weil es eben eine nicht unerhebliche Dunkelziffer an Infizierten gibt.

Dunkelziffern bei Corona besonders schwer zu schätzen

An verschiedenen Stellen im Netz kann man derzeit solche - mal mehr mal weniger wissenschaftlichen - Modellrechnungen zu den Corona-Dunkelziffern finden. Sie basieren vor allem auf den bisherigen Fallzahlen an Toten, weil diese als sicherstes Indiz gelten. Auch rbb|24 hat das getan und das Modell HU-Forscher Benjamin Maier vorgelegt. Und es nach kritischer Prüfung verworfen. "Ich habe mich auch an solche Modelle gewagt und am Ende hat man einfach eine unfassbare Spannweite von 'die offiziellen Zahlen spiegeln die Situation weitestgehend wider' bis hin zu 'die Zahlen werden um das Dutzendfache' unterschätzt. Mit so etwas zu rechnen oder gar rauszugehen, finde ich einfach nicht seriös", erklärt Maier.

In der Literatur zu anderen, vergangenen Epidemien finde man allerdings Erfahrungswerte, die zeigen, dass die gemeldeten Fälle ungefähr 20 bis 70 Prozent aller tatsächlichen Fälle ausmache. "Ich würde davon ausgehen, dass wir in Deutschland eine niedrigere Dunkelziffer haben als zum Beispiel in Italien, wo die Situation von Anfang an unübersichtlich war", sagt Maier. Gleichzeitig warnte aber aktuell der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler, dass die Erkrankungszahlen mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlich höher seien.

Wieso Social Distancing hilft

Unabhängig davon, wie hoch nun die tatsächlichen Fallzahlen sind, lässt sich aber sagen, dass das Einschränken von sozialen Kontakten, das sogenannte Social Distancing, hilft. Dafür gibt es, überspitzt gesagt, eine gesicherte Beweislage von über 100 Jahren. Das aktuell besonders oft gezeigte Beispiel ist das der beiden amerikanischen Städte St. Louis und Philadelphia zu Zeiten der spanischen Grippe 1918. 

In Philadelphia spielte man zunächst nach den ersten Fällen die Krankheit herunter und veranstaltete sogar noch eine Straßenparade. Erst 16 Tage später, am 3. Oktober 1918, ergriff man panisch Maßnahmen, nachdem bereits Tausende verstorben waren. St. Louis dagegen hatte das mahnende Beispiel Philadelphias vor Augen. Nachdem sich am 5. Oktober erste Fälle abzeichneten, setzte man bereits am 7. Oktober die Quarantäne um [PNAS]. Die Unterschiede in den Todesfallzahlen waren frappierend.

Auch beim aktuellen Coronavirus zeigt sich wieder, wie wirksam Quarantäne und Social Distancing beim Eindämmen einer Epidemie ist. Und das auch, wenn sie nur regional durchgeführt werden. So zeigte eine Gruppe um die Forscherin Jennifer Dowd der Universität Oxford einen Vergleich zwischen den italienischen Provinzen Bergamo und Lodi in einer Studie [OSFHome].

Castelpusterlengo, Lodi in Italien am 25. Februar 2020. (Quelle: dpa)
Bild: dpa/Photoshot

Während Lodi schon am 23. Februar Maßnahmen zum Social Distancing ergriff, tat Bergamo dies erst am 8. März, mit drastischen Folgen für die Fallzahlen. Während Bergamo über 2.000 Erkrankte hat, sind es in Lodi nur über 1000. Die Forschergruppe schreibt: "Das ist ein Beweis für das Potenzial des Abflachens der Kurve ('flattening the curve')."

Interessant sind diese Ergebnisse auch für Deutschland und speziell Berlin und Brandenburg, weil lange darüber gestritten wurde, ob Einzelentscheide auf Bundesländerebene eine Wirkung haben könnten. Sowohl das Beispiel von St. Louis und Philadelphia, als auch von Bergamo und Lodi legt das nahe.

"Sollte helfen, die Epidemie einzudämmen"

Benjamin Maier machen die Entwicklungen in China, Korea und in Teilen von Italien ebenfalls Hoffnung. Dies zeige, dass die Maßnahmen, zu denen man jetzt greife, wirken. "Social Distancing und ein teilweiser Shutdown kann im Idealfall wie ein Reset wirken und ganz deutlich das Gesundheitssystem entlasten", sagt er.

Die vorläufige Dauer der meisten Anordnungen, den Personenkonakt bis Mitte April herunterzufahren, findet Maier gut begründet: "Ich lehne mich vielleicht jetzt ein bisschen aus dem Fenster, aber zwei Mal die maximale Inkubationszeit, also 28 Tage, das sollte dabei helfen, die Epidemie deutlich einzudämmen." Dass sich diese Art von extremem Ausnahmezustand über Monate hinzieht, hält er für unwahrscheinlich. Allerdings müsse man auch nach diesem teilweisen Shutdown weiterhin vorsichtig sein und wohl Menschenmassen meiden.

Alle Zahlen auf dem Stand 17. März 2020, 8 Uhr

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