Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin geben ein Konzert in einem Seniorenheim in Berlin-Reinickendorf (Quelle: rbb/Vera Block)
Audio: rbbKultur | 04.05.2020 | Vera Block | Bild: rbb/Vera Block

RSB-Konzerte in Seniorenheimen - "Ich bin mehr für das Rockige - aber das war sehr beschwingt"

Kaum Besucher, keine Veranstaltungen: Durch die Corona-Krise ist es in vielen Berliner Kranken- und Senioreneinrichtungen ruhig geworden. Sofern nicht die Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin aufspielen. Von Vera Block

Ein Hinterhof als Konzertsaal, Büsche und Blumenbeete als Kulisse, die grüne Wiese als Bühne, die Balkone als Ränge. Auf dem gepflasterten Weg stehen vier Notenpulte. Der Innenhof des Seniorenheims Haus am Kienhorstpark in Berlin-Reinickendorf füllt sich kurz vor Konzertbeginn mit Menschen.

Mit Sonnenhut und Einweghandschuhen

"Echtes Publikum vor Ort! Und die Leute sind schon ganz gespannt und freuen sich", sagt die Leiterin der Einrichtung Angelika Liebing und zeigt auf die Terrasse und die Balkone. Sie beobachtet aufgeregt, wie Pflegerinnen ältere Damen in Rollstühlen in Reihen platzieren. Alle mit Abstand zu einander. Alle mit Mundschutzmasken und Einweghandschuhen. Alle tragen große Sonnenhüte.

Anders als bei einem gewöhnlichen Konzert stellt der Cellist Georg Boge zuerst seine drei Kollegen vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) vor. Er stimmt das Publikum auf die Musik ein und erklärt, dass das Stück vier verschiedene Teile haben wird, mal mehr, mal weniger beschwingt. Auf dem Programm steht das Jagdquartett von Wolfgang Amadeus Mozart.

"Gerade in den heutigen Zeiten brauchen wir etwas Heiteres", sagt Boge. "Es muss ja nicht oberflächlich sein, aber auf jeden Fall etwas, was gute Laune hervorruft." In dieser Hinsicht ist Mozart dafür sehr geeignet, so der Musiker, weil es einfach schön ist. "Und gerade wenn wir bei älteren Leuten sind: Sie wollen Lebensmut gewinnen und etwas Schönes haben, wo sie sich dran erfreuen."

Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin geben ein Konzert in einem Seniorenheim in Berlin-Reinickendorf (Quelle: rbb/Vera Block)
Der Hinterhof als Konzertsaal | Bild: rbb/Vera Block

Schöne Abwechslung

Die Reaktionen auf die Musik sind unterschiedlich. Eine Seniorin bewegt die Finger im Takt, eine andere sitzt regungslos da, das Kinn auf die Brust gesunken. Im zweiten Stock lehnt sich jemand aus dem Fenster und lächelt. Auf dem Balkon werden Stühle gerückt. Doch Georg Boge ist nicht irritiert: "Es geht darum, dass man die Leute erreicht, für die man spielt, und wenn ich so in die Gesichter gesehen habe unter ihren Sonnenhüten, dann glaube ich schon, dass wir ihnen für diesen Moment ein bisschen Glück geschenkt haben."

Haben sie. Der Hausbewohner Bernd Dittmann ist nach der Aufführung ganz berührt: "Mir hat das sehr gut gefallen, obwohl das nicht so meine Musik ist. Ich bin mehr für das Rockige - aber das war sehr beschwingt gewesen und hat mir rundum gut gefallen." Während der Quarantänezeit, erzählt er, seien die Hausbewohner auf die Wohnbereiche beschränkt: "Wir können uns kaum groß bewegen. Und dann ist das eine schöne Abwechslung."

Dass es ein Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin geben würde, habe schon im Vorfeld im Seniorenheim für Aufregung gesorgt, sagt die Leiterin Angelika Liebing. Denn seit dem Beginn der Quarantäne ist es ruhig geworden im Haus, die gewohnten Veranstaltungen finden nicht statt. Doch weil die Musikerinnen und Musiker des RSB nur in kleinen Ensembles auftreten und im Freien spielen, wagte das Haus das Experiment. Allerdings unter strengen Auflagen, so Liebing: "Wir halten ganz streng die hygienischen Maßnahmen ein. Mundschutz, Hände desinfizieren, Körpertemperatur wird gemessen, Daten werden aufgenommen. Von daher minimieren wir das Risiko."

Ehrenamtlich musizieren statt alleine üben

Für die Musiker und Musikerinnen des RSB ist das Prozedere inzwischen Routine. Seit dem 10. April haben sie in mehreren Seniorenzentren und Krankenhäusern in Berlin gespielt. Ehrenamtlich, betont Anne Ströhler vom Rundfunk-Sinfonieorchester. Die ganze Aktion gehe auf den Flötisten Rudolf Döbler zurück, der beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin für die Schulprogramme verantwortlich ist. "Viele Musikerinnen haben sich gemeldet und gesagt, machen wir." Zumal viele Orchestermitglieder gerade nur einsam Zuhause üben und das gemeinschaftliche Musizieren vermissen.

Isolation erträglich machen

Vielleicht ist ein kurzer Auftritt im Innenhof kein Ersatz für ein echtes klassisches Konzert. Aber der Nutzen für Senioren, selbst wenn sie an Demenz leiden, ist groß, sagt Angelika Liebing vom Haus am Kienhorstpark. "Alte Menschen neigen dazu, depressiv zu sein, und nach solchen Veranstaltungen sind sie viel beschwingter. Die Augen leuchten, Gespräche werden geführt. Die ganze Stimmung hebt sich."

Die Musikerinnen und Musiker des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin nennen ihre Konzerte in Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen bescheiden "Ständchen spielen". Sie sehen diese Auftritte als eine Dankesgeste an das medizinische und pflegende Personal, aber vor allen Dingen als einen Versuch, den kranken und alten Menschen die Isolation zu erleichtern.

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Beitrag von Vera Block

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1 Kommentar

  1. 1.

    Tolle Aktion! Vielen Dank an die Musiker und ihr ehrenamtliches Engagement! Soetwas gibt Zuversicht und ist ein Lichtblick in diesen isolierten Tagen.

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