Archivbild: Kirsten Niehuus, Chefin Medienboard Berlin/Brandenburg bei einer Filmpremiere zum Film TRAUMFABRIK. (Quelle: dpa)
Audio: radioeins | 14.05.2020 | Interview mit Kirsten Niehuus | Bild: dpa

Filmbranche in Corona-Zeiten - "In nächster Zeit werden nur platonische Liebesfilme gedreht"

Eigentlich sollten die Filmstudios in Babelsberg brummen, denn sie erwarten große US-Produktionen wie "Matrix". Doch auch die Filmbranche steht wegen der Coronakrise still. Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus über Drehs auf Abstand und Existenzängste der Kinos.

rbb: Kirsten Niehuus, was für die Filmstudios in Babelsberg gilt, gilt für die gesamte Drehlandschaft diesen Sommer: In einer Zeit, in der normalerweise viel gearbeitet und gedreht wird, steht alles still. Viele Produktionen mussten abgebrochen werden. Hast Du einen Überblick darüber, wie viele Projekte es durch die Coronakrise schaffen oder vielleicht sterben?

Kirsten Niehuus: Wir haben eine Liste mit von uns geförderten Projekten gemacht, die abbrechen mussten. Doch es gibt schon fast für alle Projekte Szenarien, um die Dreharbeiten danach wieder aufzunehmen. 

Die Produzentenallianz, also die Vereinigung fast aller deutscher Produzenten in Deutschland, hat einen Leitfaden erarbeitet, der jetzt mit dem Bundesarbeitsministerium erörtert wird. Denn es geht ja auch um Arbeitsschutz, Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen - das alles muss alles eingehalten werden. Ich schätze mal, dass in nächster Zeit wenige Liebesfilme gedreht werden. Jedenfalls werden das dann sehr platonische Liebesfilme, denn selbst durch Schnitttechnik wird es sehr schwierig, eine klassische Liebesszene mit 1,5 Meter Abstand zu drehen, das geht mehr mit Gedichtvorträgen. 

Es ist ja auch sehr kompliziert zu casten. Ich muss Schauspieler zusammenbringen und schauen, wie die Chemie ist. Sind die Vorbereitungen komplizierter?

Ja, die Vorbereitungen sind viel komplizierter. Aber wie in vielen Bereichen ist die aktuelle Situation ein enormer Schub der Digitalisierung auch für die Filmproduktion. Das fängt damit an, dass sich Teams in sogenannten "Writers' Rooms" treffen für die Drehbücher. Dann gibt es Videokonferenzen, über die gecastet wird. Ich glaube das ist nochmal eine neue Herausforderung im kreativen Zusammenarbeiten. 

Dann haben wir die Situation, dass bis auf zwei Kinos in Hessen alle Kinos in Deutschland geschlossen haben. Solange wird es auch keine neuen Kinofilme geben. Die Zuschauer weichen nun auf Videoplattformen aus. Wir hoffen sehr, dass die danach wieder zurück in die Kinos kommen, wenn die Kinos wieder geöffnet sind. 

Was wird denn gezeigt, wenn die Kinos wieder geöffnet sind? Haben wir irgendwann ein ganz großes Loch, weil so viel nicht gedreht wurde?

Wir haben erstmal noch zwei Filme im Köcher, die auch beim Deutschen Filmpreis sehr gut abgeschnitten haben: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani und "Undine" von Christian Petzold. Beide sollten relativ zeitnah nach der Berlinale gezeigt werden. Die liegen jetzt noch im Lager und konnten noch nicht ausgeliefert werden. Das wird ein bisschen Stoff sein für die deutschen Programmkinos, um das Publikum wieder zu beglücken. Aber es fehlt natürlich auch an alle Formen von großen und mittleren US-Filmen, da sind die Starts komplett verschoben worden.

Wir haben auch Filme, die direkt ins Netz gegangen sind. "Die Känguru-Chroniken" sind abgebrochen und dann ins Netz gestreamt worden. Es gibt lauter Mischformen, da ist es schwer vorherzusehen, wann wieder ein geregelter Kinonachschub erfolgen kann.

Auf der anderen Seite gab ja auch viele Diskussionen darüber, dass es zu viele Filme gibt. Vielleicht hilft das ein bisschen, dass wir jetzt so viele Filme haben. Damit kommen wir eine ganze Zeit hin, können damit Programm machen. Aber ein kleiner deutscher Arthouse-Film kann nicht das ersetzen, was eine großer amerikanischer Blockbuster-Film für die Kinos bedeutet.

Warum hat sich das Medienboard Berlin-Brandenburg dazu entschieden, seinen Filmförderpreis vorzuziehen? Der findet sonst immer einen Monat später statt. 

Eigentlich wären wir ja jetzt alle in Cannes. Nach der Berlinale ist das eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt und findet jetzt auch nicht statt. Das hat uns tatsächlich die Zeit gegeben, den Kinoprogrammpreis vorzuziehen. Aber viel wichtiger in dem Zusammenhang ist, dass die Kinos gerade extrem auf Hilfen angewiesen sind, deshalb haben wir schon recht früh beschlossen, die Kinoprogrammpreisprämien dieses Jahr zu verdreifachen.

Insgesamt gab es 61 Bewerber in der Region, die eine Prämie von 10.000 Euro bekommen haben. Die Prämie muss nicht mit dem Preis verrechnet werden, jeder kann diese Anfangshilfe behalten und dann kommt noch die Prämie on top. Wir wissen, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber da wir auch keine zusätzlichen Förderungen bekommen haben, können wir die Umschichtung des Budgets nur zu Lasten von anderen Förderkategorien finanzieren.

Du hast es schon gesagt: Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie sieht du die Zukunft der Filmbranche?

Also ich würde mir auch wünschen, dass auf Bundes- und Landesebene geholfen wird. Gestern hat im Abgeordnetenhaus Hans-Joachim Flebbe (CinemaXx-Gründer und Betreiber des Berliner Zoopalasts, Anm. d. Red.) den Vorschlag gemacht, dass in Berliner Kinos die Mietzahlungen, die ja eine erhebliche Ausgabe ausmachen, vom Senat bis Ende des Jahres übernommen werden. Das wird wahrscheinlich nur gehen, wenn alle zusammenstehen. Wenn also die Verleiher, also die Organisation, die die Filme von den Produzenten in die Kinos bringen und dafür eine Provision bekommen, von den Provisionen runtergehen, wenn die Mieten runtergehen. Das kann nur kollektiv geschehen, und wenn der Staat auch dazu hilft. Aber nur der Staat allein wird es auch nicht richten können.

Es gibt viel Unterstützung vom Publikum. Aber es gibt die berechtigte Angst, dass viele Kinos diese Krise nicht überstehen werden, gerade die kleinen Kinos in Berlin.

Berlin ist ja einzigartig in seiner Vielfalt der Kinolandschaft. Die Häuser bieten damit vielen Filmen, die woanders schon gar nicht mehr gezeigt werden, ein Zuhause und ein Publikum. Die Gefahr ist sicher nicht auszuschließen, dass sie das nicht überleben. Ob es unbedingt die kleinen sind, weiß ich gar nicht so unbedingt. Klein bedeutet oft ja auch wendig und flexibel. Aber grundsätzlich besteht die Gefahr, deshalb halte ich es auch für wichtig, dass politisch gehandelt wird.

Bei allem, was wir gerade diskutieren, hat man immer das Gefühl, dass es für Kinos noch keinen Fahrplan gibt...

Ich würde mir auch wünschen, dass es klarere Ansagen gibt, wann die Kinos wieder aufmachen. Insbesondere finde ich das gerade schwer nachvollziehbar, abgesehen davon, dass es gerade noch zu kalt ist, aber das kann sich ja nächste Woche ganz schnell ändern. Und das wäre auch noch mal mein Appell an die Politik: Die Eingewöhnung über die Freilichtkinos schon mal wieder so schnell wie möglich zu starten und dann aber auch klar zu sagen, wann die restlichen Kinos wieder öffnen dürfen. Denn nur Kino kann, was Kino kann und Kino muss.

Das Interview führte Knut Elstermann für Radioeins. Bei dem Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Radioeins, 14.05.2020, 19 Uhr

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