Antisemitische Vorfälle - "Du darfst jetzt auf gar keinen Fall mit deiner Kippa rausgehen"

Mi 18.10.23 | 17:59 Uhr | Von Linh Tran
Archivbild: Verstaerkter Schutz vor juedischen Einrichtungen nach den Angriffen der Hamas in Israel: Polizei vor der Synogoge am Fraenkelufer im Berliner Bezirk Kreuzberg. (Quelle: dpa/C. Ditsch)
Audio: radioeins | 20.10.2023 | Interview mit Markus Beckedahl | Bild: dpa/Ditsch

Nach dem erneuten Aufflammen des Israel-Gaza-Konflikts ist es in Berlin vermehrt zu antisemitischen Vorfällen gekommen. Jüdische Einrichtungen passen ihre Sicherheitsvorkehrungen an. Von Linh Tran

Häuser in Berlin, in denen jüdische Menschen leben, werden mit Davidsternen markiert, bei Demonstrationen sind Hamas-Flaggen zu sehen und antisemitische Parolen zu hören. In der Nacht auf Mittwoch werden zwei Molotow-Cocktails auf die Synagoge in Berlin-Mitte geworfen. Fest steht: Die Situation in Israel hat auch starke Auswirkungen auf die Menschen in der Region Berlin-Brandenburg.

Antisemitische Angriffe sind in Deutschland keine Seltenheit. Allein im letztem Jahr 2022 gab es laut dem Dachverband der Meldestellen für antisemitische Vorfälle (Rias) e.V. [report-antisemitism.de] im Schnitt mehr als zwei Vorfälle am Tag. In Folge der Situation in Israel stieg die Zahl der Vorfälle nochmals an: Allein in den sieben Tagen nach dem Beginn des Israel-Gaza-Konflikts, vom 7. Oktober bis zum 15. Oktober, wurden von Rias 202 antisemitische Vorfälle in ganz Deutschland dokumentiert. Im Vergleich im Vorjahreszeitraum sei das ein Zuwachs von 240 Prozent. Der Großteil dieser Vorfälle sei israelbezogen, heißt es von Rias.

In Berlin zählte die Polizei seit dem Angriff der Hamas mehr als 360 Straftaten, wie am Mittwoch eine Sprecherin auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. In 121 Fällen handele es sich um Gewaltdelikte. Dazu zählen den Angaben nach 19 Körperverletzungen und 13 Fälle von "Landfriedensbruch". Hinzu kommen 110 Sachbeschädigungen.

"Wir fühlen uns angegriffen. Wir fühlen uns als Zielscheibe."

Israelis oder Menschen mit jüdischem Glauben berichten, dass sie sich stark bedroht fühlen. "Seitdem ich das mitbekommen habe, habe ich mich auch immer umgedreht und geschaut, ob auf meiner Haustür etwas draufgesprüht oder gemalt ist - und das hatte ich noch nie in den 26 Jahren, die ich in Deutschland lebe", erzählt Anna Segal. Sie ist Geschäftsführerin der Kahal Adass Jisroel e.V., einer der jüdischen Einrichtungen, die die im Gebäude der Brunnenstraße angesiedelt ist, das in der Nacht zu Mittwoch mit Molotow-Cocktails beworfen wurde. Segal lebt mit ihren Kindern und ihrem Mann in Berlin, will ihren Glauben auch offen ausleben. Sie fühle sich aber nicht mehr sicher, sagt sie dem rbb. "Wir fühlen uns angegriffen. Wir fühlen uns als Zielscheibe."

Sie versuche, ihre Kinder nicht mit der aktuellen Situation zu beunruhigen, sagt Segal, aber auch die würden merken, dass sich nun etwas geändert habe. Der ältere Sohn habe zu dem jüngeren gesagt: "Du darfst jetzt auf gar keinen Fall mit deiner Kippa rausgehen. Du musst unbedingt unerkenntlich sein draußen."

Anna Segal, Geschäftsführerin Kahal Adass Jisroel e.V., vor der Brunnenstraße 33. (Quelle: rbb)Anna Segal, Geschäftsführerin der Kahal Adass Jisroel e.V.

"Aus allen Spektren wird Antisemitismus begangen"

Julia Kopp von Rias Berlin wundert die Zunahme an antisemitischen Angriffen in den letzten Tagen nicht, wie sie sagt. "Wir stellen immer wieder fest, dass es in Berlin zu einem Anstieg von antisemitischen Vorfällen kommt, wenn der israelisch-palästinensische Konflikt eskaliert. Zuletzt war das im Jahr 2021", sagt die Projektreferentin. Und dennoch sieht auch sie eine neue Qualität der Vorfälle. "Wir stellen immer wieder Markierungen an Wohnhäusern von Juden und Jüdinnen fest. Aber das ist noch nie in dieser Häufigkeit gemeldet worden. Solche Markierungen im persönlichen Umfeld führen vor dem Hintergrund der Terrorangriffe der Hamas und antisemitischer Reaktionen darauf in Berlin zu einer starken Verunsicherung."

Gleichzeitig weist Julia Kopp darauf hin, dass der Antisemitismus in den letzten Tagen sehr einseitig geframt wird: "Wir als Rias gehen von politisch-weltanschaulichen Spektren aus. Und aus allen Spektren wird Antisemitismus begangen", betont sie. Die Versammlungen auf der Straße seien auch von einem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus ausgegangen.

"Neue Dimension erreicht"

Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, äußert sich besorgt zu dem Brandanschlag auf die Synagoge in der Brunnenstraße: "85 Jahre nach der Reichspogromnacht sollen in Deutschlands Hauptstadt Synagogen wieder brennen. Die antijüdische Gewalt auf den Straßen Berlins hat damit eine neue Dimension erreicht." Jüdische Institutionen hätten ihre Sicherheitsmaßnahmen nun angepasst.

Anna Segal wünscht sich für die Zukunft auch mehr Sicherheitspersonal vor dem Gemeindegebäude in der Brunnenstraße. "Mehr Sicherheitskräfte, die speziell dafür ausgebildet sind, schneller und besser zu reagieren" - das sei ihr Wunsch. Der Polizei vor Ort mache sie wegen der Vorfälle keinen Vorwurf, ihr Anliegen gehe vor allem an die Entscheidungsträger. "Uns geht es mehr um die Menschenleben", sagt Segal. "Mehrere Hundert Menschen, die hier täglich ein und aus gehen."

Sendung: Radioeins, 20.10.2023, 5:45 Uhr

Beitrag von Linh Tran

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