Beurteilung von Brandenburgs "Neuem" - Erstes Zeugnis für Bildungsminister Freiberg

Mi 12.07.23 | 07:38 Uhr | Von Markus Woller
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Archivbild: Steffen Freiberg (SPD), Brandenburger Minister für Bildung, Jugend und Sport, spricht bei einer Presskonferenz. (Quelle: dpa/C. Soeder)
Audio: rbb|24 Inforadio | 12.07.2023 | Amelie Ernst | Bild: dpa/C. Soeder

Genau 86 Tage ist Steffen Freiberg für das Bildungsressort zuständig. Knapp drei Monate, in denen der 41-Jährige vieles angestoßen, manches auch schon wieder verworfen hat. Am Zeugnistag erhält auch der Minister seine Beurteilung. Von Markus Woller

Eingewöhnung

Der "Neue" hat sich schnell eingefunden in die Ministerrolle. Vom plötzlichen Aufstieg nach dem Rücktritt seiner Vorgängerin Britta Ernst im April zeigte sich Steffen Freiberg (beide SPD) nicht überfordert. Keine Überraschung, war er doch als bisheriger Staatssekretär maßgeblich für deren (teilweise sehr umstrittenen) Maßnahmen mitverantwortlich.

So auch für den Vorschlag, 200 Lehrerstellen, die ohnehin nicht besetzt werden können, durch Hilfskräfte zu ersetzen. Als eine der ersten Amtshandlungen hat Freiberg diesen Vorschlag wieder kassiert. Nicht, weil er ihn mittlerweile für falsch hielt, sondern weil er schlicht politisch nicht durchzusetzen war.

Landtag, Eltern, Schüler - quer durch die Bildungslandschaft wurde das als sehr gute Entscheidung angesehen. Stattdessen sollen die Schulen nun ein eigenes Budget bekommen, mit dem sie fehlende Lehrer nach eigenem Ermessen durch Hilfskräfte ausgleichen können. Der Landeselternrat mahnt aber schon: "Das darf keine Lehrer ersetzen!"

rbb|24-Note: Sehr gut

Kommunikation

Freiberg kommuniziert offener als seine Vorgängerin. Zwar hatte Britta Ernst schon länger Gespräche, unter anderem mit Eltern- und Schülervertretern, ins Leben gerufen. Den Eindruck, dass da auf Augenhöhe kommuniziert wurde, haben aber nicht alle geteilt.

Der neue Minister bezieht bei der Ausarbeitung von Vorschlägen gegen den Lehrermangel nun auch die Gewerkschaften mit ein. Lehrern bietet er gerade die Möglichkeit, in einer Art Speeddating mit ihm persönlich ins Gespräch zu kommen. "Ich find's erstmal gut, dass er diese Tage einräumt und dass er uns Lehrern zuhört. Das gab's vorher nicht", sagt Schulleiterin Brigitte Herscher aus Blumenthal (Ostprignitz-Ruppin). Der Minister selbst sagt, er will damit nicht das große Rad drehen, sondern die kleinen Schrauben, an denen es hakt.

rbb|24-Note: Gut

Lehrermisere

Der "Neue" hatte zum Start einen Fünf-Punkte-Plan im Gepäck, um der Lehrermisere Herr zu werden. Darin steht unter anderem: eine Zwei-Millionen-Euro-Werbekampagne für die Lehrergewinnung; ein Programm, um rentenwillige Lehrkräfte doch länger im Job zu halten; mehr Personal in den Schulämtern, damit Lehrer schneller eingestellt werden können.

Doch Punkte-Plänen aus dem Bildungsministerium trauen viele Akteure nicht mehr über den Weg. Was unter Freibergs Vorgängerin auf solchen Plänen stand, ist meist verpufft. So wie 2018 der Fünf-Punkte-Plan, den Ernst zur Verbesserung im Lesen und Schreiben erdachte. Am Ende belegte Brandenburg im IQB-Bildungstrend einen der letzten Plätze deutschlandweit.

Mittlerweile hat Freiberg seinen Plan sogar auf zehn Punkte ausgeweitet. Während die SPD-Bildungssprecherin Katja Poschmann den Minister für seine Ideen lobt, sieht die Linke-Bildungsexpertin Kathrin Dannenberg noch "tausend Fragezeichen". Das "63plus" genannte Programm für ältere Lehrer beispielsweise sei bislang so unklar formuliert, dass sich viele Lehrkräfte nicht dafür haben entscheiden wollen, so Dannenberg. Das Ministerium plant nun erstmal ein Pilotprojekt zum zweiten Schulhalbjahr, Anfang nächsten Jahres.

Ob Freibergs Fünf-bis-zehn-Punkte-Plan wirklich zündet? Kurzfristig jedenfalls nicht!

rbb|24-Note: Befriedigend

Lehrerausbildung

Von seiner Vorgängerin hat Freiberg den Plan für eine Grundschullehrer-Ausbildung in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) übernommen. Zusammen mit dem Kulturministerium und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) baut das Land dort einen zweiten Standort für die Lehrerausbildung auf. Auch die lange von Gewerkschaften geforderte praxisnahe Ausbildung soll dort möglich werden.

Erstmals soll es ab 2026 ein Duales Studium für Lehramtsanwärter geben, damit die so viel Praxis wie möglich bekommen und zugleich die Schulen entlasten können. Schon im kommenden Wintersemester sollen die ersten etwa 50 Studierenden ihre Lehrerausbildung in Senftenberg beginnen. Dass damit die jährlich rund 1.800 bis 2.000 neu zu besetzenden Lehrerstellen langfristig auch vergeben werden können, glaubt aber niemand.

Es fehlt weiter ein Plan, wie der Misere auf lange Sicht beizukommen ist, bemängeln Opposition und Elternvertreter. Mehr Anreize, auch finanzieller Natur, täten Not, damit Lehrer sich entscheiden, nach Brandenburg zu kommen oder - wenn sie denn hier ins Vorrentenalter kommen - noch ein paar Jahre dranzuhängen. Außerdem brauche es eine "ehrliche" Lehrermodellrechnung, damit klar ist, was zukünftig in Sachen Lehrernotstand wirklich aufs Land zukomme.

rbb|24-Note: Ausreichend

Unterrichtsqualität

Das Thema Unterrichtsqualität hat der "Neue" noch nicht ausreichend angepackt. Die Frage, warum Thüringen und Sachsen regelmäßig auf den vorderen Plätzen in Vergleichsstudien landen und Brandenburg zurückfällt, bleibt unbeantwortet. Am Geld kann es nicht liegen. Pro Kopf wird hierzulande mehr in Bildung investiert als etwa in Sachsen.

Ab dem kommenden Schuljahr sind nun an Grundschulen 15 bis 20 Minuten Lesezeit an vier bis fünf Tagen pro Woche geplant. Brandenburg führt damit das sogenannte Leseband ein, ein Konzept, das in Hamburg zur Verbesserung der Lesekompetenz geführt hat.

Weitergehende Forderungen, in den ersten Schuljahren weniger Englisch, dafür mehr Kernfächer zu unterrichten, sind aber umstritten. "Ich hätte erwartet, dass er uns ein Konzept gegen die Lese- und Rechtschreibschwäche unserer Schüler vorlegt, das ist bis heute nicht passiert", resümiert Dennis Hohloch von der oppositionellen AfD. Außerdem glaube Hohloch nicht, dass die Verbeamtung von Bachelor-Lehrern, die der Brandenburger Landtag erst kürzlich beschlossen hat, zur Verbesserung der Unterrichtsqualität beiträgt.

rbb|24-Note: Mangelhaft

Extremismus

In den ersten Wochen nach den rechtsextremen Vorkommnissen an der Oberschule in Burg (Spree-Neiße) hat Freiberg zu zögerlich reagiert. Und das, obwohl schnell klar war, dass es sich offenbar nicht um singuläre Ereignisse an einer Schule, sondern um ein größeres Problem handelt.

Mittlerweile gab es in Cottbus eine Fachtagung zum Thema Extremismus. Außerdem hat sich der Minister nun auch persönlich einen Eindruck in der Schule verschafft und mit den Lehrkräften gesprochen, die den Skandal öffentlich gemacht hatten. Welche konkreten Ergebnisse die angekündigte Aufarbeitung in der Schule denn nun erbracht hat, ist hingegen öffentlich weiterhin nicht bekannt.

rbb|24-Note: Ungenügend

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 12.07.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Markus Woller

10 Kommentare

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  1. 10.

    Also zusammengefasst einen Notenschnitt von 3,5, somit deutlich unter Abi-Schnitt. Aber wer weiß, "learning by doing" hat schon manche Perle hervorgebracht.
    Die Hoffnung stirbt zuletzt ;-).

  2. 9.

    Moment mal..., es gibt keine „ehrliche Lehrermodellrechnung“? Das würde ja bedeuten, dass absichtlich falsch gearbeitet wird. Ob man das mit den Verurteilten beim Dieselskandal vergleichen kann?

  3. 8.

    Wenn es gelingen könnte, auf allen Ebenen dafür zu sorgen, dass alle nur 1 Jahr früher in den Beruf kommen, dann hat er einen guten Job gemacht. Nur dann. Und wie sieht die Praxis aus? Welche Maßnahmen werden dem gerecht?

  4. 7.

    " Die Frage, warum Thüringen und Sachsen regelmäßig auf den vorderen Plätzen in Vergleichsstudien landen und Brandenburg zurückfällt, bleibt unbeantwortet."
    Na wie wär es denn damit einfach mal bei den "Nachbarn" klingeln und fragen was diese so aus dem Hut zaubern!
    Und da auch dort nächstes Jahr gewählt wird könnte Brandenburg mit freundlicher Unterstützung (Zusammenarbeit)
    2-3 Schritte vorwärts gehen, zum Wohle der Kinder!
    Auf geht`s!

  5. 6.

    Da ist also dieser Minister nur für die Bildung zuständig! Tolle Artikel!

  6. 5.

    Das in "Bildung" investiert wird, glaube ich nicht, eher heisst das mit "Bildung" in marode Schulen ( Gebäuden).
    Aber Was hat das wirklich mit Bildung zu tun?

  7. 4.

    Die Geschichte mit 63+ für Lehrer ging in die Hose. Die, die früher gehen wollten, lassen sich nicht drauf ein. Die, die ohnehin weitermachen wollten bis 65 oder 67, tun dies nun mit weniger Wochenstunden, aber voller Bezahlung. Solche Effekte kann man vorher erkennen, wenn man realitätsnah ist. Damit hat er unterm Strich genau das Gegenteil erreicht. Dafür gibt es von mir ein glattes ungenügend!

  8. 3.

    Das frage ich mich auch. Kriteriengeleitete Bewertung ist wohl nur in der Bildung bekannt.

  9. 2.

    Wer hat denn das Zeugnis ausgestellt ??

  10. 1.

    Mit dem sog. "Projekt Leseband" (Wieso bedarf es dazu "Modellschulen" - schädlich kann regelmäßiges Lesen ja wohl nicht sein?) ist der so schon vollgestopfte Lehrplan nicht mehr zu schaffen... Außerdem dürfte das Lesen schon immer integraler Bestandteil des Deutschunterrichtes sein...
    Vielleicht sollte man im Ministerium mehr Augenmerk auf die grundlegenden Kulturtechniken legen, die besser analog in der GS zu erlernen sind, als inhaltsunabhängig auf eine Glasscheibe zu tippen bzw. zu wischen.

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