Gemeinsame Energieregion - Macht Berlin genug Wind für Brandenburg?

Do 28.09.23 | 09:09 Uhr | Von Markus Woller
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Zwischen vielen Windenergieanlagen ist die Baustelle für ein neues Windrad zu sehen. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: rbb24 Abendschau | 27.09.2023 | Bild: dpa/Patrick Pleul

Berlin braucht Brandenburg, um seinen Energiebedarf zu decken. Klimaneutral klappt das nur mit gemeinsamen Anstrengungen und klaren Ausbauzielen. Bei der Windenergie zweifelt mancher, dass der Wille in Berlin groß genug ist. Von Markus Woller

  • Berlin verfehlt seine Ziele beim Windkraftausbau
  • Branchen-Tag diskutiert über Zusammenarbeit
  • Berlin wird für Ausbau erneuerbarer Energien in Brandenburg zahlen müssen

Jan Teut weiß, wieviel Kraft es kostet, in Berlin ein Windrad errichten zu wollen, erzählt er. Der Windanlagenbauer hat im September 2021 die sechste und bislang letzte Anlage auf Berliner Boden gebaut. Das Genehmigungsverfahren glich einem Spießrutenlauf der Institutionen, wie Teut es beschreibt.

"Wenn wir so ein Projekt anschieben, dann haben wir Kosten im sechsstelligen Bereich", sagt der Projektplaner. "Da wollen wir schon wissen, dass wir das Projekt realisieren können." Doch im Zahnradwerk der Ämter, Bezirke und verschiedener Senate hätten sich bislang alle Ambitionen zerrieben, weitere Windkraftlangen in der Hauptstadt auch nur zu planen, geschweige denn zu bauen.

Wohnungsnot bremst Windkraft-Ausbau

Grund für den Streit der Institutionen ist in vielen Fällen die Flächenkonkurrenz in der sonst so eng bebauten Stadt. Viele der Grundstücke, die infrage kommen, haben Senat und Bezirke eben auch für den dringend benötigten Wohnungsbau im Auge. Kein Wunder, dass alle sechs Berliner Anlagen bisher im eher dünnbesiedelten Außenrand von Pankow entstanden sind.

Berlin will bis 2030 die CO2-Werte halbieren. Teut sagt, er wünsche sich mehr Kreativität und Ernsthaftigkeit, um diese Klimaziele erreichen zu können. Windkraft in Kiefernmonokulturen am Stadtrand oder in Gewerbegebieten - so etwas sollte möglich sein, sagt er. Er sehe Potenzial für 20 bis 30 weitere Anlagen.

Die Frage, ob sich Berlin vielleicht zu sehr auf Brandenburg als Energielieferant verlässt, entlockt ihm nur ein Lächeln. "Sagen wir es so: In Berlin ist noch viel Luft nach oben."

Windanlagen in Brandenburg oft umstritten

Beim Branchen-Tag "Erneuerbare Energien" in Potsdam ist genau das Thema. Experten und Politiker aus Berlin und Brandenburg diskutieren hier, wie die Zusammenarbeit in Bezug auf die Energiesicherheit zukünftig gestaltet werden soll.

Klar ist: In Brandenburg schaut man genau hin, wie viele Anstrengungen Berlin auch bei der Windkraft unternimmt. Schließlich werden im Flächenland Brandenburg die Konflikte rund um immer neue Windkraftparks immer größer. Noch dazu in Zeiten, in denen Windenergie durch eine Gesetzgebung des Bundes zu dem Label "von überragendem öffentlichen Interesse" gekommen ist und damit jetzt noch schneller ausgebaut werden soll.

Wenn das energiehungrige Berlin sich zukünftig auf die Solidarität verlassen können soll, dann erwarten nicht wenige, dass auch die Hauptstadt ihre Klimaziele umsetzt und auch bei der Windenergie mehr Elan zeigt.

Windenergieverband will genau hinschauen

Die Berliner Klima-Staatssekretärin Britta Behrendt (CDU) verweist auf eine Potenzialanalyse, die das Land zu diesem Thema bis zum Ende des Jahres vorlegen möchte. Dann soll klar sein, wo Berlin auch den Windkraftausbau vorantreiben kann.

Jan Hinrich Glahr, Chef des Landesverbands des Bundesverband Windenergie, macht klar: "Diese Studie werden wir uns genau anschauen. Auch wir können die Karten lesen und sagen, welche Flächen geeignet sind", so der Verbandschef. Man werde "genau darauf achten, dass Berlin die Flächen, die sich eignen, auch wirklich freischaltet", betont er.

Größere Potenziale aber, da sind sich alle einig, hat die Hauptstadt eher bei den Themen Geothermie und Solar. Dort könne man schon heute große Fortschritte verzeichnen, so Staatssekretärin Behrendt. Sie warnt aber auch vor zu hohen Erwartungen an den Stadtstaat: "Wenn man weiß, welche Strukturen wir vor Ort haben: Da wird es darum gehen, dass wir in Kooperation mit Brandenburg die Windenergiepotenziale auch gemeinsam nutzen."

Brandenburg erwartet Gegenleistung

"Man kann die Energieversorgung Berlins nicht ohne Brandenburg denken", zeigt sich auch der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) überzeugt. Man arbeite gerade auf Fachebene sehr gut zusammen. Berlin sei momentan dabei, eine Energiestrategie zu erarbeiten. Diese werde "wie Stecker und Steckdose" mit der Brandenburger zusammenpassen müssen, so Steinbach. Das Ziel: Die Energieregion Berlin-Brandenburg.

Auf der Welt gebe es aber nichts umsonst, so Steinbach. Brandenburg erwarte im Gegenzug entweder einen Leistungsausgleich oder auch direkte Zahlungen, wenn Berlin Nutznießer der Brandenburger Energiewende sein wolle. Er denke da unter anderem auch an den Wasserstoff, der zukünftig mit Brandenburger Windrädern erzeugt werden könnte, und den Ausbau des entsprechenden Infrastrukturnetzes. Darüber gebe es aber in der momentanen politischen Konstellation keine unterschiedlichen Meinungen, so Steinbach.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 27.09.2023, 19:30 Uhr

Beitrag von Markus Woller

82 Kommentare

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  1. 82.

    Wäre schön wenn in Ihrer Aufzählung ergänzend auch BaWü vorkommen würde... trotz grüner Regierung weniger WKAs in 2022 als die Bayern.

  2. 81.

    Marktwirtschaft für Anfänger: Franz. Atomstrom wird seit Jahren importiert, weil der wie traditionel im normalen Sommer billiger zu haben ist als fossiler Strom aus eigenen Kraftwerke. Ohne Wind und Solar könnten die deutschen Kraftwerke 90GW Leistung bereit stellen, die Last liegt in der Spitze aber deutlich unter 70GW.

  3. 80.

    Komisch, dass die Rudolfs Fakten meine Aussagen bestätigen (Frankreichs AKW als stützender Stromlieferant und Deutschland Dauerimporteur).
    Ansonsten Framen Sie weiter fleißig weiter...ist schließlich 2023

  4. 79.

    Alles richtig. Mir war nur die Ergänzung wichtig, dass es keinen billigen Atomstrom aus Frankreich gibt, da der an der Börse nicht günstiger als der teuerste gehandelte Strom ist und auch die Beschaffung über Futures durch Netzkapazitäten begrenzt ist.

  5. 78.

    Nur bekommt auch bei Merit Order der preiswertere Anbieter den Zuschlag für den Preis, den derjenige aufruft, der das höchste Gebot zu Deckung der Nachfrage abgegeben. Dass die Netzkapazotäten endlich sind, ist dabei bekannt. Weniger bekannt sind die zumeist höheren Börsenstrompreise in Frankreich. Die Schere klafft bereits jetzt für den kommenden Winter noch stärker auseinander.

  6. 77.

    Börstenstrompreise liegen tiefer als vor zwei Jahren. Wirkt sich der Atomausstieg von Söder und Co. sogar preisdämpfend aus? Wenn er und sein Rechtsaussen von den orangen Freien Wählern nicht den Bau von Stromtrassen blockiert hätten, könnte der Anteil der preiswerten Erneuerbaren an der Last noch viel höher und damit der Preis niedriger sein. So muss aber sogar in Bayern EE abgeregelt und unnötig teurer fossiler Strom erzeugt werden. Die Zeche zahlen wg. einheitlicher Strompreiszone alle in Deutschland. Anfang 2022 hat FDP-Chef Lindner erklärt, warum es in Deutschland kein Zurück zur Atomkraft geben wird: "Eine Energiequelle, die nur etabliert werden kann, wenn der Staat in die Haftung geht, die zeigt schon marktwirtschaftlich an, dass es sich nicht um eine nachhaltig verantwortbare Energiequelle handeln kann."

  7. 76.

    An der Börse gibt es noch immer die Meritorder und an den Futuremärkten sind auch Netzkapazitäten zu beachten. Einfach unbegrenzt billigen Atomstrom über die Grenze leiten funktioniert nicht.

  8. 75.

    Aber natürlich können Photovoltaikanlagen blenden. Teilweise werden vor Genehmigung sogar Blendgutachten verlangt.

  9. 74.

    Brandenburg ist schon immer der Frondienstleister Berlins gewesen, beginnend als es noch die Hauptstadt Ostberlin und die Bezirke F/O und Potsdam gab.
    Nach der Wende ging es so weiter.
    Jetzt bieten Brandenburger Politiker Frondienste ihrer Bevölkerung an.
    Es gibt Wahrheiten, die man nicht oft genug aussprechen kann.

  10. 73.

    Arktwortschaft für Anfänger: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Die Franzosen bieten ihren Atomstrom aus schlecht regelbarer AKW ganz banal billiger an als wir ihn fossil erzeugen können. Schön blöd, wer da nicht einkauft. Umgekehrt werden die spätestens, wenn es kälter wird, wieder bei uns Strom kaufen, da deren AKW bei weitem nicht den dann deutlich höheren Bedarf decken können.

  11. 72.

    Hallo Rudolf,
    Danke, mit Fakten hat es der kleine Kohle/Atom Lobbyist nicht so...
    Weltweiter Ausbau / ans Netz gebrachte AKW 4 GW
    Erneuerbare über 200 GW. Lassen wir die Kohle Atomlobby weiter träumen.

  12. 71.

    Marktdaten Physikalischer Stromfluss (Importe!!!) vom 1.8.23 (beispielhaft Monatssummen – Quelle smard.de)
    Frankreich: -1.579.218 MWh (EE-Anteil ca. 10%, Kernenergie 65%)
    Niederlande: -1.486.654 MWh (EE-Anteil ca. 25%, Gas ca. 50%)
    Dänemark: -1.211.215 MWh (EE-Anteil ca. 75%)
    Norwegen: -751.097 MWh (EE-Anteil ca. 99%, Wasser ca. 91%)
    Schweden: -351.884 MWh (EE-Anteil ca. 60%, Kernenergie ca. 30%)
    Gesamt: -3.893.414 MWh (Nettoexport)
    Anteil EE: -2.392.713 MWh (ca. 60%)
    Anteil Kernenergie: 1.132.057 MWh (ca. 30%)
    Die positive Nachricht: Ca. 90% sind CO2-frei erzeugt.
    Aber: Ein nicht unerheblicher Teil stammt aus Kernenergie. Man könnte auch formulieren: Ohne Kernenergie würde es nicht funktionieren!

  13. 70.

    Ok, danke für die Aufklärung. Hatte mal von Blendung durch Photovoltaikanlagen gehört. Kann aber inzwischen anders sein oder damals schon nicht ganz korrekt berichtet.

  14. 69.

    Man sind Sie ein Kleingeist, ist doch logisch das Frankreich den nach Reparatur selbst nicht benötigten Atomstrom ins Verbundnetz einspeist. Das ändert aber nichts an dem Fakt das die größere Menge Import aus EE kommt.

  15. 68.

    Fake News vom Statistschen Bundesamt...wow, steile These Herr Ulf

    "Im zweiten Quartal dieses Jahres wurden 7,1 Milliarden Kilowattstunden mehr ein- als ausgeführt, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch berichtete. Das entsprach ziemlich genau der Strommenge der drei deutschen Atomkraft-Meiler im zweiten Quartal 2022 (7,3 Milliarden kWh)."

  16. 67.

    Da in Cottbus nicht ein jeder das Handelsblatt liest:
    "Die meisten Importe kamen im ersten Halbjahr 2023 aus den Niederlanden und Frankreich, das seine Produktion von Atomstrom wieder deutlich hochgefahren hat."
    Lächerlich machen Sie sich zudem mit ihrer Ausdrucksweise, aber das nur nebenbei.

  17. 66.

    Noch eine Quelle für den Blödsinn:
    ZfK: Atom-Comeback: Frankreich exportiert wieder mehr Strom nach Deutschland

  18. 65.

    Das der Herr John Berlin im Auftrag der Kohlelobby unterwegs ist...Nicht neu.
    Deshalb geht er auch nicht auf die verlogenen Geschäftgebahren der Leag eIn.
    Der Artikel steht u. a. bei der Markisen Allgemeine noch im Netz.

  19. 64.

    Wir haben über 20kWp senkrecht auf der Ostfassade eines Gebäudes installiert. Blendwirkung auch bei tiefstehender Sonne nicht zu sehen. Vorher grau jetzt schwarz.
    Richtung Süden steht die Sonne noch etwas höher, blenden sollte also bei senkrecht nach Süden noch weniger ein Problem sein.

  20. 63.

    "Sie scheinen keine Ahnung zu haben aber davon eine ganze Menge! Lesen sie den Bericht vom 23.08.23"

    Da habe ich nichts zu Entschädigungszahlungen, um die es geht, gefunden; nur zu den länderspezifischen Netzentgelte.

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