Ein Wohnblock der Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd in Hennigsdorf. (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Audio: Inforadio | 22.05.2020 | Oliver Soos | Bild: rbb/Oliver Soos

Bis zu sechs Wochen ohne Ausgang - Ketten-Quarantäne in Flüchtlingsheim in Hennigsdorf

In Brandenburger Flüchtlingsheimen haben sich mindestens 216 Bewohner mit Covid-19 infiziert. Nicht immer funktioniert die Isolation der Erkrankten. Es kommt zu so genannten Ketten-Quarantänen, mit Ausgangssperren von bis zu anderthalb Monaten. Von Oliver Soos

"Ja, ich sehe, dass das ein quälendes Problem ist, wenn Unterkünfte mit großer Enge und schwierigen sanitären Verhältnissen wochenlang, in Serie, unter Quarantäne gestellt werden", sagte Brandenburgs Sozial- und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Mittwoch im Landtagsausschuss. Es klingt nicht nur quälend, sondern auch irrsinnig: Eine Unterkunft, in der es Corona-Infektionen gibt, wird komplett unter Quarantäne gestellt. Alle Bewohner, sowohl positiv als auch negativ getestete, erhalten eine Ausgangssperre von 14 Tagen. Nach einigen Tagen werden die Bewohner dann wieder getestet. Dabei wird festgestellt, dass sich einige neu infiziert haben und so beginnt die 14-tägige Ausgangssperre für alle wieder von vorn.

"Wir kennen Geflüchtete, die sechs Wochen in Quarantäne waren und selbst nie Symptome gezeigt haben. Zum Teil sind das Mütter mit Kindern", sagt Lotta Schwedler vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Sie spricht dabei von der Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd in Hennigsdorf. Betreiber ist hier der Landkreis Oberhavel. Schwedler bezeichnet diesen Landkreis als das Negativbeispiel in Brandenburg. "In Potsdam zum Beispiel wurde sehr schnell gehandelt. Da durften negativ getestete Kontaktpersonen ausziehen. Sie wurden in leerstehenden Hotels untergebracht", erzählt Schwedler. Noch vorbildlicher sei der Landkreis Prignitz. Hier gebe es keine Corona-Fälle, weil die Flüchtlinge mehrheitlich in Wohnungen statt in Massenunterkünften untergebracht seien.

"Plötzlich stoppt mich der Security-Mann"

Die Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd wurde früher von den Grenztruppen der DDR als Kaserne genutzt. Hinter einem Zaun, der von Sicherheitsleuten bewacht wird, stehen fünf gelb-orange angestrichene Blockbauten. Hier begann alles am 16. April, als eine Reinigungskraft positiv auf Covid-19 getestet wurde. Zwei Tage später verließ Nde Nzongou Barthelemy nichts ahnend die Unterkunft und ging zu seinem Frühdienst. Der Mann aus Kamerun arbeitet als Altenpflegehelfer. Er erzählt, dass er die Verhängung der Quarantäne wie eine böse Überraschung erlebt hat. "Ich habe nach der Arbeit ein bisschen geschlafen und dann wollte ich einkaufen gehen. Plötzlich stoppt mich der Security-Mann am Ausgang und sagt, dass ich nicht raus darf. Die ganze Unterkunft sei unter Quarantäne. Ich war völlig überrascht und habe mit ihm diskutiert und dann hat er die Polizei gerufen", erzählt Barthelemy.

Andere Medien berichten über große Aufregung und kleinere Tumulte in der Unterkunft. „Es kam sehr plötzlich. Wir hatten keine Bescheide bekommen, hatten keine Informationen“, sagt Barthelemy. In den folgenden Tagen werden alle rund 400 Bewohner getestet. 68 haben sich mit dem Coronavirus infiziert, auch Barthelemy. Er beschreibt die Anfangszeit als chaotisch. "Erstmal kam kein Arzt, wir hatten kein Desinfektionsmittel. Erst nach vier Tagen gab es Gesichtsmasken", erzählt der Kameruner. Auch an Essen heranzukommen sei kompliziert gewesen. Man habe Listen ausfüllen und bis zu drei Tage auf die Lebensmittel warten müssen, so Barthelemy.

Ketten-Quarantänen in vier Wohnblocks

Die Bewohner wenden sich an die Öffentlichkeit und fordern in einem offenen Brief mehr Informationen und einen Internetzugang. Der Landrat des Landkreises Oberhavel, Ludger Weskamp (SPD), hat die Unterkunft besucht. Er spricht im Interview mit Radioeins von leichten Symptomen bei den Bewohnern. In den Häusern gäbe es 20 Prozent freie Kapazitäten. Man habe, so gut es geht, kranke und gesunde Bewohner voneinander getrennt, erzählt Weskamp.

Im Fall von Barthelemys Haus hat das geklappt. Er durfte das Gelände nach zwei Wochen wieder verlassen. Dabei muss er als Nachweis ein Bändchen tragen, was er als stigmatisierend und diskriminierend empfindet. Doch immerhin darf er raus. In den anderen vier Wohnblocks kam es bis zuletzt zu Ketten-Quarantänen. "Eine Mutter hat uns verzweifelt angeschrieben, sie wisse nicht mehr, wie sie ihre Kinder beschäftigen soll", erzählt Lotta Schwedler vom Flüchtlingsrat Brandenburg.

Nonnemacher erwägt umstrittene Antikörpertests

Die Linken-Abgeordnete Andrea Johlige kritisierte diese Situation im Landtagsausschuss als "absolute Vollkatastrophe". Sie forderte Sozial- und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher auf, den Landkreisen Anordnungen zu geben. Nonnemacher betonte, dass Ketten-Quarantänen ein bundesweites Phänomen seien und in Brandenburg nur in Ausnahmefällen vorkämen. Fünf Sammelunterkünfte seien unter Vollquarantäne gestellt worden. Aktuell gäbe es nur in Stolpe-Süd und in einer Einrichtung in Potsdam noch Ausgangssperren, so die Ministerin.

Mittlerweile sei ein Krisenteam des Ministeriums aus Ärzten, Psychologen und Sprachmittlern regelmäßig in den betroffenen Unterkünften im Einsatz, so Nonnemacher. Die Ministerin räumt allerdings ein, dass der Bitte, die Unterkünfte mit WLAN auszustatten und negativ getestete Flüchtlinge in andere Einrichtungen umziehen zu lassen, nur zum Teil nachgekommen sei. Nonnemacher erzählt, dass sie mit den Gesundheitsämtern darüber berät, Antikörpertests in den Flüchtlingsheimen anzubieten, um die Quarantänezeiten für immune Bewohner zu verkürzen. Über die Zuverlässigkeit von Antikörpertests wird in Deutschland noch diskutiert. Doch die Not in den Flüchtlingsheimen rechtfertige eine Ausnahmeregelung, so Nonnemacher.


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Beitrag von Oliver Soos

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34 Kommentare

  1. 34.

    In meiner Verwandschaft und auch in meinem Bekanntenkreis gibt es niemanden, der bei einem Flugzeugabsturz oder einem Schiffsunglück umgekommen ist. Heißt das jetzt nach Ihrer Logik, dass Flugzeuge nie abstürzen und Schiffe nie sinken? Wahnsinn! Was für eine Mega-Verschwörung! Vielen Dank, dass Sie mich darauf hingewiesen haben!

  2. 32.

    Weshalb kann ich hier nichts über das Flüchtlingsheim in Kremmen lesen?
    Zwei Häuser sind komplett in Quarantäne, bei mehr als 20 infizierten.
    Betroffene Häuser sind mit einem Bauzaun umstellt, aus denen sich Betroffene nicht viel machen.
    Gruß Frank

  3. 31.

    "Man sollte den Asylsuchenden Wohnungen anbieten, von denen es in Berlin so viele gibt."
    Das ist ihre Aussage, die Sozialämter sagen etwas anderes:
    "Die Sozialämter der Bezirke können sie nicht umquartieren, weil preiswerte Wohnungen fehlen."
    https://www.bz-berlin.de/berlin/berliner-senat-baut-acht-neue-fluechtlingsheime
    Welche Wohnungen meinen sie denn?
    Das es kaum preiswerten Wohnraum in Berlin gibt ist doch kein Geheimnis.

  4. 29.

    Jetzt müssen sie uns nur noch verraten was ihr Kommentar mit dem Thema zu tun hat. Oder hat man bei ihnen fremde Menschen einquartiert, die die Infektion noch fördern?

  5. 28.

    "Warum zur Hölle testet man überhaupt die Menschen, wenn doch gar keine gravierenden Symptome vorhanden sind."

    Weil die Ansteckungsgefahr bereits Tage vor Symptombeginn vorhanden ist, bzw. selbst wenn überhaupt keine Symptome auftreten.
    Einer der Hauptgründe, weswegen das Virus so gefährlich ist. Genau deswegen all die Maßnahmen.
    Sie könnten also vollkommen unbemerkt infektiös sein und so unwissend andere gefährden.
    Das Testen Symptomloser ist daher alles andere als sinnlos.

    Wir stehen übrigens erst am Beginn der Pandemie, da nach derzeitiger Einschätzung erst ein geringer Teil der Bevölkerung die Infektion durchgemacht hat und wahrscheinlich leider so lange weitergehen wird, bis wir einen Impfstoff haben. Die Chance, dass Sie noch jemanden mit ernsteren Symptomen in Ihrem Unfeld haben werden, ist daher nicht grad klein.

  6. 27.

    Warum zur Hölle testet man überhaupt die Menschen, wenn doch gar keine gravierenden Symptome vorhanden sind. Da könnte man jetzt auch einfach mal jeden auf Epstein Barr oder sonstige Viren testen und daraufhin isolieren. Einfach mal so. Dabei geht es nicht nur um Flüchtlingsheime sondern prinzipiell. Dieser ganze Unsinn gehört endlich beendet. In meinem Bekanntenkreis zum Beispiel, gibt es nicht einen einzigen, der je ernste Symptome hatte. In ihrem vielleicht? Wo sind die unendlichen vielen infiziert und daran erkrankten denn. Infiziert ja, krank kaum einer. Na sowas. Gefährliches Virus...

  7. 26.

    Die Massenunterkünfte stellen in sich einen erheblichen Verstoß gegen Menschenrechte allgemein dar. Sie sind aufzulösen und die Geflüchteten in Einzelunterkünfte unterzubringen. Das entspannt die Lebenslage der Betroffenen, beugt Segregation und Stigmatisierung bis hin zu offenen Angriffen vor. Ebenso sind Rechtsansprüche per se zu gewähren und nicht per se zu verwehren, gerade auch im Bereich Gesundheitsfürsorge. Diese "Mängel" haben und sind Struktur - und gewollt. Auch die gesundheitliche Situation ist durch die künstlich herbeigeführte Situation der Massenunterkünfte eine besonders prekäre - ein guter Zeitpunkt, sich endlich von der menschenverachtenden Idee der Sammelunterkünfte für Entrechtete loszulösen und tatsächlich den Boden von Menschenrechten und Menschlichkeit zu betreten. Dass bei den bisherigen Versuchen der Abschreckung und Isolation undifferenziert mit der Lebenssituation von Nicht-Erkrankten umgegangen wird, ist teil der Gesamtproblematik.

  8. 24.

    Deutschland, mit der Vergangenheit, und rund um die Uhr "Gegen das Vergessen"! Die Leiharbeiter leben so wie das Vieh, das täglich abgeschlachtet wird. Massentierzuchthaltung, Massenunterkünfte für die Arbeiter. Wie ignorant kann man sein da von Sammelunterkünften zu sprechen, um dieses perverse handeln zu verharmlosen!? Massenunterkünfte für Asylanten, bewacht von Sicherheitsdiensten. "Gegen das Vergessen"!? Damals hießen die Bewohner der Massenunterkünfte Juden, bewacht von der Gestapo. Warum nach Bergen Belsen, wenn man die Machenschaften von damals vor der eigenen Haustür erleben kann? Wer hat das wieder eingeführt, warum wird das stillschweigend geduldet? Ein auf Show machen bei Kranz Niederlegungen, weil man sich schuldig fühlt, und aus welchem Grund auch immer Massenunterkünfte in der BRD errichtet wurden, es verstößt immer noch gegen die Menschenwürde, damals genauso wie heute. Das sollte man den verantwortlichen vor Augen halten!! Auf die Ausreden wäre ich gespannt.

  9. 23.

    Laut yem "economist" belegt Kamerun Platz 142 von 167 im Demokratieindex. Also ein autoritär regierter Staat, bedeutet Menschen werden wegen ihrer Überzeugung verfolgt. Asyl wird demjenigen gewährt wem in seiner Heimat politische Verfolgung droht. Zudem ist der Mann hier mittlerweile Systemrelevant. Also etwas abwegig ihre Gedanken und haben auch nicht so viel mit dem Artikel zu tun.

  10. 22.

    Nein, Rassist bin ich nicht. Das möchten Sie nur gern zu interpretieren.

    Aber ich bin Realist. Quarantäne gilt für alle und ist einzuhalten. Darum geht es. Kann man doch mit etwas gutem Willen auch begreifen und muss nicht fehlinterpretieren.

  11. 21.

    Egal wo die Menschen herkommen, es ist einfach nur menschenverachtend wie diese hier untergebracht sind und mit ihnen umgegangen wird!!! Das Land Brandenburg sollte sich was schämen!!!!! Und diese hohlen Reden der Fr. Nonnenmacher kann ich nicht mehr hören!! Tut endlich was, auch für die schwächsten in unserem Land! Und wenn ich dann höre, insbesondere von den Grünen, man sollte noch viel mehr Flüchtlinge ins Land holen, frage ich mich, wie sie das schaffen wollen. Man schafft es noch nicht einmal, ein paar hundert Menschen " menschenwürdig " leben zu lassen! Das gibt einem schon zu denken.

  12. 20.

    Lesen Sie einfach mal, was zum Thema Menschenrechtsverletzungen, Misshandlungen, Folterungen usw. in Kamerun zu finden ist. Da können politisch verfolgte Menschen durchaus auf die für sie möglicherweise lebensrettende Idee kommen, einen Asylantrag in einem sicheren Land wie Deutschland zu stellen.
    Dass eine dezentrale Unterbringung für die Betroffenen und unsere Gesellschaft insgesamt besser wäre, darin stimme ich mit Ihnen überein. Die Probleme mit dem Virus zeigen dies nun auch deutlicher.

  13. 19.

    Quarantäne über mehrere Wochen betrifft auch Familien, wo sich die Mitglieder nacheinander/ untereinander/ angesteckt haben. Die werden auch nicht ausquatiert. Sie müssen sich um Ihre Kinder kümmern und selber den Einkauf organisieren - dort wird es doch vor die Tür gestellt, auch wenn es mal drei Tage dauert - und ich weiss nicht, ob die geheilten einen Antikörpertest bekommen, sie warten eher sehr lange bis sie mit einem PCR-Test virenfrei getestet werden, weil die Gesundheitsämter überlastet sind. ....Jeder hat während der Pandemie Einschränkungen in Kauf zu nehmen.....

  14. 18.

    Dann begeben sie sich doch selbst in vorsorgliche Quarantäne, am besten im Bunker im eigenen Garten, anstatt hier solche menschenverachtenen Reden zu schwingen.
    Wenn es keine Flüchtlinge wären, würden Sie sicher weniger aufgebracht sein. Ihren Rassismus können Sie nur schwer verstecken, Dieter!

  15. 17.

    Witzig, da ist die Linke nicht mehr an der Regierung beteiligt und trotzdem ist sie schuld!

    ´Verstehe nicht, warum das mit den Hotels so ein Problem darstellt, müssten doch genügend frei sein. Holt endlich die Menschen da raus und sorgt wenigstens für i-net!

    Was Krieg und Flucht an Traumatisierung nicht schaffen, das schaffen wir!

  16. 15.

    Ihr Kommentar ist vollkommen unverständlich. Was hat Corona mit den Linken und Grünen zu tun? Was für Versprechungen? Was für unsinnige Verbote?

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