Ein Mitarbeiter eines Lebensmittelgeschäfts füllt in der Gemüseabteilung ein Regal auf und trägt eine Maske als Mundschutz. (Quelle: dpa/Tobias Hase)
Audio: Inforadio | 08.06.2020 | Jule Käppel | Bild: dpa/Tobias Hase

Studierende in der Corona-Krise - "Ich werde mit einem Schuldenberg von einigen Tausend Euro dastehen"

Nebenjobs sind für viele Studierende unerlässlich. In der Corona-Zeit waren sie mit lockeren Verträgen jedoch die Ersten, die ihre Arbeit verloren - und sie gehören nun zu den Letzten, denen geholfen wird. Von Jule Käppel

Viele Studierende haben ihre Jobs während der Corona-Krise verloren. Miete, Krankenkasse, Essen und Studiengebühren wie Verwaltungskosten wollen dennoch bezahlt werden. Noch bevor sie in den Beruf starten können, liegt so eine schwere Schuldenlast auf den Schultern vieler Studierender.

Zwei Betroffene aus der Region sprechen über ihre Geldsorgen und mangelhafte Lösungen der Bildungspolitik. In Potsdam und weiteren deutschen Städten protestieren Studierende am Montagvormittag vor Landesparlamenten und Wissenschaftsministerien für eine bessere Unterstützung.

Schulden könnten sich immer weiter anhäufen

Student Kaya hat es besonders hart getroffen: "Wenn dann irgendwann wieder Einnahmen da sind, werde ich das Problem haben, dass ich mit einem Schuldenberg von einigen Tausend Euro dastehe", sagt er. "Ich weiß noch nicht, wie ich den mal abbezahlen soll." Für Lehramtsstudentin Lena "wäre es schön, sich überhaupt mal wieder ohne Sorgen eine neue Hose kaufen zu können, wenn die eine kaputt ist, die man hat."

Kaya und Lena sind zwei von rund 1,2 Millionen Studierenden in Deutschland, die während der Corona-Pandemie ihren Nebenjob verloren haben - und mit ihm die Grundlage für den Lebensunterhalt. Kaya musste seine Miete stunden. Geldsorgen bestimmen seine Gedanken. "Ich weiß nicht, wie lange ich Zeit habe, die angehäuften Schulden abzuzahlen. Wenn mein Vermieter die Schulden im nächsten Jahr zurückfordert, ist das schlichtweg nicht möglich, weil ich dann die doppelte oder anderthalbfache Miete zahlen müsste. Die Krankenkasse kommt auch noch dazu. Das sind Zahlen, die sind nicht umsetzbar." 

Student Kaya (Quelle: rbb/Jule Käppel)Der Berliner Student Kaya

Finanzierunsproblem nur in die Zukunft geschoben?

Kaya, der Student aus Berlin-Moabit, ist mit 32 Jahren zu alt für Bafög. Bis jetzt hat er sein Studium mit Schicht-Diensten an einer Hotel-Rezeption finanziert. In der Krise hat er keine Chance auf etwas Neues. "Es waren einfach Unmengen von Leuten, die durch die Krise ihren Job verloren haben und im Supermarkt anfangen wollten. Ich war noch relativ früh dran, aber es hieß schon – 'Wir haben hier zwanzig Bewerbungen auf dem Tisch. Das wird wahrscheinlich nichts werden.'"

Weil er bereits einen Bildungskredit abbezahlen muss, hilft ihm das neue Studiendarlehen nicht, das das Bundesministerium für Bildung nun auf den Weg gebracht hat. 650 Euro monatlich gibt es zinsfrei, aber nur bis kommenden März. Wer nicht so schnell wieder ins Plus kommt, muss Zinsen zahlen.

Interessenvertretungen der Studierenden kritisieren, das Finanzierungsproblem werde mit dieser Maßnahme in die Zukunft verschoben.

Studentin Lena (Quelle: rbb/Jule Käppel)Studentin Lena aus Berlin

Am Ende bleibt vielleicht doch nur die Familie

Lena bekommt zwar Bafög, ohne ihren Job in der Kita hat die 23-Jährige aus Oranienburg aber gerade genug Geld für die Fixkosten. "Es ging so weit, dass meine Großeltern mir angeboten haben, mir Geld zu leihen, weil sie gesehen haben, dass es jetzt langsam schwierig wird. […] Ich war echt darauf angewiesen, dass mir meine Familie unter die Arme greift."

Kaya möchte als ältestes von drei Kindern seiner alleinerziehenden Mutter nicht zur Last fallen. Ihm könnte ein Zuschuss vom Studentenwerk helfen. Dafür hat das Bildungsministerium 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die gebührenfreie Zahlung erhalten Studierende, die weniger als 500 Euro auf dem Konto haben, maximal für drei Monate.

Nach Rechnung des Dachverbands Freier Zusammenschluss von Student*innenschaften betrifft dies bundesweit 750.000 Studierende. Würde der Fonds zu gleichen Teilen an sie ausgezahlt werden, bekäme jeder nur einmalig 150 Euro.

Noch fließt kein Geld an die Studierenden

Noch fließt aber ohnehin kein Geld. Es hakt an der Programmierung für die Online-Anträge. Auf die dringend benötigten Zuschüsse müssen die Studierenden wohl weitere Wochen warten.

Sendung: Inforadio, 08.06.2020, 09:46 Uhr

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Beitrag von Jule Käppel

5 Kommentare

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  1. 5.

    Vollverpflegung gibt es kostenlos bei den Tafeln, ebenso gibt es kostenlos Kleidung, Schuhe usw. Vater Staat lässt niemanden verhungern oder erfrieren,tausende Familien haben Schulden und müssen ein Leben lang den Gürtel enger schnallen, deshalb nicht jammern, sondern positiv denken.

  2. 4.

    Wozu studieren die angehenden Informatiker überhaupt noch wenn sie schon alles können? Es gibt auf diesem Markt ein genügendes Jobangebot für derartige jobsuchende Profis. Scheinbar fehlt aber noch etwas an Wissen um die Sache.

  3. 3.

    Zitat "Es hakt an der Programmierung für die Online-Anträge."

    Es gibt doch sicher genuegend jobsuchende Studenten der Informatik und Naturwissenschaften, die dabei helfen koennten.

  4. 2.

    Ich denke mal, die Studiengebühren sind das wenigste. Da mein Kind selbst studiert hat, weiß ich, wie schwierig das ist. Ohne unsere Hilfe wäre da nichts gegangen. BAföG bekommt man auch nur für ein Erststudium, danach kann man sehen, wie man klar kommt. Deswegen, nur mit unserer Hilfe konnte es unbeschwert studieren. Der Dank für unsere Hilfe war dann ein super Abschluss mit einem Master. Hat sich gelohnt, aber auch für uns war das sehr beruhigend, das unser Kind in Ruhe das Studium beenden konnte.

  5. 1.

    Studentenwerk und AStA könnten auf ihre Semesterbeiträge verzichten und damit für solche in wirtschaftliche Not geratene Studenten eine erste Entlastung anbieten.

    Die Familie sollte unterstützen, wie es ja an sich in wirtschaftlicher Not schon immer war, insofern macht es die Oma der Studentin richtig, in dem sie hilft.

    Wenn auch das im Einzelfall nicht möglich ist, sollte das BAföG unbürokratisch für diesen Zeitraum der Einschränkungen der wirtschaftlichen Tätigkeit im Land befristet aufgestockt werden für die, die ansonsten jobben mussten, jetzt aber keinen Job mehr haben weil Lokal, Hotel oder ein anderer Aushilfsjobarbeitgeber ausgefallen ist.
    Nachweis für die Bedürftigkeit sollten die letzten Lohnabrechnungen vor der Pandemie sein, analog dem Prinzip nach dem auch die Arbeitsagentur bei früheren Nebenjobs die abzugsfreie Zuverdienstgrenze bemisst.

    Da Studenten meist nicht große Reserven haben ist es vor allem wichtig dass das zügig geschieht, und nicht erst im Herbst

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