Die Gruppenphase von league of Legends in der Berliner Verti Music Hall (Quelle: imago images/Camera 4)
Audio: Inforadio | 15.10.2019 | Johannes Mohren | Bild: imago images/Camera 4

League-of-Legends-WM in Berlin - Mit GrabbZ zum großen Ziel

Es ist eines der bekanntesten Computerspiele. Millionen Menschen kämpfen in der Fantasy-Welt von League of Legends. In Berlin findet gerade die WM statt. Das Team G2 hat dabei ein Heimspiel - und weckt Hoffnungen auf eine eSport-Zeitenwende. Von Johannes Mohren

GrabbZ tigert auf und ab. Der dunkelhaarige Mann spricht immer wieder ins Mikrofon seines Headsets. Es sind letzte Anweisungen an sein Team vor dem Spiel. Taktische natürlich, aber auch emotionale. "Ich achte immer darauf, die Jungs ein bisschen von ihrer Euphorie herunterzuholen, wenn es bald losgeht und sie immer noch Scherze machen", sagt der 24-Jährige. Denn ein wenig Lockerheit ist zwar gut. Sie muss sogar sein. Zu viel schadet aber der Konzentration.

Und die ist unerlässlich für die Jungs, die GrabbZ als Headcoach trainiert - und auf deren Können er vertrauen muss, sobald das Duell beginnt. Fünf Spieler vor fünf Bildschirmen. Mit einem Ziel: Dem Titel bei der League-of-Legends-Weltmeisterschaft.

Fabian "GrabbZ" Lohmann beim Bad in der Menge nach dem Titelgewinn im Ahoy Rotterdam (Quelle: picture alliance / Svenja Naudßus)
GrabbZ will mit seinem Team G2 den Titel holen. | Bild: picture alliance / Svenja Naudßus

Durch die Halle schallen Anfeuerungsrufe. Es ist nach 20 Uhr - und gespielt wird das sechste von sechs Spielen an diesem Tag. Ermüdungserscheinungen? Mitnichten. Es wirkt eher so, als hätten viele der Zuschauer - manche in Trikots, manche verkleidet, die meisten ganz normal-leger gekleidet - auf diesen Moment gewartet. "Let's go, G2!", rufen einige. Andere schließen sich an. Plötzlich wummern Sprechchöre durch die Verti Music Hall. Sie ist ausverkauft. So wie an allen acht Spieltagen der WM-Gruppenphase in Berlin. Wer Karten wollte, musste schnell sein. Nicht einmal zehn Minuten dauerte es, bis alle Tickets vergriffen waren. 

"Sobald das Spiel losgeht, ist der Tunnelblick an"

Auch bei den Duellen zuvor war die Stimmung gut gewesen. Doch da blieb es meist bei der Geräuschkulisse der leuchtenden Luft-Stangen, die in den Händen mehrerer tausend Fans zusammenklatschten. Nun wird es lauter, ja energischer. Wer die Augen schließt, könnte sich phasenweise glatt in einem Fußball-Stadion wähnen. "Es ist ungewohnt, wenn man auf die Bühne kommt", sagt GrabbZ, der eigentlich Fabian Lohmann heißt. "Das gibt schon ein bisschen Aufschwung. Aber im Endeffekt: Sobald das Spiel losgeht, ist der Tunnelblick an. Dann ist alles andere egal." Er ist der Coach des Teams G2 ESports. Es ist beheimatet in Berlin - und beladen mit großen Hoffnungen. Gerade jetzt, gerade hier. Bei der WM, die ihre Gruppenphase in der deutschen Hauptstadt austrägt.

Das europäische Team mit dem deutschen Trainer will beim Heimspiel die asiatische Dominanz brechen. Aus Taiwan, China und fünf Mal Südkorea kamen die letzten Titelträger. G2 traut sich zu, das zu ändern. "Unser Ziel ist es, das Ding zu gewinnen. Wir treten nicht an, um Vierter zu werden oder im Finale zu verlieren. Das Team ist zusammengekommen, um Weltmeister zu werden", sagt Lohmann. Das klingt selbstbewusst. Und der 24-Jährige hat allen Grund dazu. Weniger weil G2 in diesem Jahr in Europa dominierte. Das ist Pflicht. Für Aufsehen sorgte vielmehr, dass das Team auch das Mid-Season Invitational gewann. Eine Art Halbzeit-Turnier aller kontinentalen Champions - auch der aus Asien. Es war der erste große Titel für ein europäisches Team seit 2011.

Fans freuen sich über die neue Situation

Würde es nun mit dem WM-Triumph klappen, wäre es nicht weniger als eine kleine Zeitenwende. Und viele der Fans fiebern genau darauf hin. Das ist schon spürbar, bevor das Team überhaupt die Halle betritt. Draußen auf dem Balkon, auf dem sich viele der LoL-Fans in der Pause zwischen den Duellen tummeln. Wer durch die Menge läuft, hört vor allem englische Gesprächsfetzen. Aber nicht nur. Die deutschen Fans stecken große Hoffnungen in G2. "Es ist schön, für seine Region cheeren zu können", sagt ein Jugendlicher, während er mit seinen Kumpels über die Aktionen des letzten Spiels diskutiert - und das durchaus leidenschaftlich. "Es wäre auf jeden Fall zu begrüßen, wenn Europa mal wieder gewinnt. Ist ja jetzt ein bisschen her. Zeit wird's", findet ein anderer. 

Minuten später starren sie dann gebannt auf die riesige Leinwand, auf der sie das Spiel verfolgen können. Jede gute Szene wird bejubelt. Jede rasant ausgeführte Aktion in der monsterhaften Fantasy-Welt, die G2 dem Ziel näher bringt: Das gegnerische Hauptgebäude zu zerstören. Auch GrabbZ ist dann nur noch Zuschauer. Wenn das Spiel beginnt, ist sein Job beendet. Der Trainer muss von der Bühne. Rumtigern verboten. Keine leichte Situation. "Es kann frustrierend sein. Vor allem wenn ich daran denke, was sie machen und sagen sollten - und dann kommt das nicht. Und dann kommt es manchmal doch. Und dann freut man sich natürlich", sagt der 24-Jährige - und: "Oftmals sieht man aber bei meinen Jungs, die sehr viel Spaß am Spiel haben, wie sie ins offene Messer laufen und dabei lachen."

Der Pokal der E-Sport "League of Legends"-Weltmeisterschaft steht während der Gruppenphase in der Verti Music Hall auf der Bühne (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Der Pokal der League-of-Legends-Weltmeisterschaft steht während der Gruppenphase auf der Bühne. | Bild: dpa/Christoph Soeder

"In der Masse sind Korea und China noch viel besser"

An diesem Abend passiert ihnen das nicht. Es wird ein klarer Sieg gegen das Team Cloud9 aus Nordamerika. Ein weiterer Schritt hin zu dem großen Silber-Pott, der mitten auf der Bühne steht und - wie alles hier spektakulär in Szene gesetzt - im Scheinwerferlicht glänzt. Und einem ordentlichen Batzen Geld. Im vergangenen Jahr lag das Preisgeld am Ende bei mehr als sechs Millionen Euro. Selbst wenn davon in diesem Jahr tatsächlich ein ordentlicher Anteil zu G2 und damit nach Europa wandern sollte, sieht Lohmann in der Breite des eSports weiterhin eine tiefe Kluft: "Ich glaube, das Fnatic (Anm. d. Red.: WM-Teilnehmer mit Sitz in London) und wir Ausreißer sind. Europa an sich kommt nicht näher ran", sagt er.

Der G2-Headcoach, der mit dem Kampf der Kontinente gar nicht so viel anfangen kann ("Wir spielen nicht für Europa, wir wollen für G2 gewinnen."), spricht aus Erfahrung. "Wir haben vor dem Mid-Season Invitational gegen die schlechteren koreanischen Teams trainiert und die waren alle meilenweit besser als das Mittelfeld in Europa. Es gibt noch einiges zu arbeiten. In der Masse sind China und Südkorea noch viel, viel besser." Gerade Deutschland sei "leider immer noch sehr, sehr weit zurück". Er hofft, dass die Basisarbeit weiter vorangetrieben wird. Dass die Impulse aus dem Sport - wie etwa bei Schalke 04 - zunehmen. Und dass sich in der Politik etwas tut. Ein Titel für G2 könnte in diesem Prozess ganz sicher nicht schaden. 

Sendung: Inforadio, 15.10.2019, 11:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    E-Sport ist kein Sport?.... gut möglich.
    Allerdings, solche Aussagen zeigen dennoch eigentlich nur wie zurückgeblieben das Denken und Anpassungsfähigkeit in unserer Gesellschaft geworden ist. Null Akzeptanz zu Veränderungen, immer nur antiquiertes Besitzstanddenken. Die Jugend interessiert zusätzlich zum bisherigen (alten Sport) auch Neues (kompetetives Spiel).

    Zudem bei nahe zu ausverkauften Karten kann dies auch nicht mehr als Modeerscheinung abgetan werden.

    Brot und Spiele funktionieren immer, egal ob mit oder ohne extrem körperlichem Einsatz.

  2. 1.

    Um es nocheinmal deutlich zu sagen, E-SPORT ist kein Sport. Vereine wie Schalke interessiert das alles auch nur, weil es dort Geld zu verdienen gibt. Auch die Politik hat wohl wichtigeres zu tun, als sich um Computerspiele zu kümmern. Und nur weil etwas in Süd Korea oder China groß ist, muss das noch lange nicht in Deutschland wichtig und relevant sein bzw. werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Hoffenheims Andrej Kramaric mit dem 3:0 gegen Hertha BSC (imago images/Uwe Koch)
imago images/Uwe Koch

Hertha BSC nach dem Hoffenheim-Spiel - Es ist kompliziert

Auch gegen die bis dato drittschlechteste Abwehr der Liga kommt Hertha BSC nicht zum Tor-Erfolg, verliert gegen die TSG Hoffenheim mit 0:3. Ein noch viel größeres Problem als das nackte Ergebnis sind allerdings die Gründe dafür. Von Ilja Behnisch