Blindenfuflball-Bundesliga Spiel des Hertha BSC Berlin gegen den MTV Stuttgart auf dem Erfurter Domplatz am 12. September 2020. (Quelle: imago images)
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Hertha BSC steigt in Blindenfußball ein - Die Zukunft gehört dem rasselnden Ball

"Die Zukunft gehört Berlin" - so lautet der Slogan von Hertha BSC. Das soll nun nicht mehr nur für die Profi-Kicker gelten, sondern auch für Blinde und Sehbehinderte. Hertha steigt in den Blindenfußball ein - mit einer Mannschaft, die es vermag, mit dem rasselnden Ball zu zaubern. Von Uri Zahavi

Das Rasseln des Balles dominiert die Geräuschkulisse in der Sporthalle in Lichterfelde an diesem Donnerstagabend. Wenn Patrick Küppers das besondere Spielgerät mit schnellen kurzen Kontakten zu Richtungswechseln bewegt, scheinen die Gespräche unter seinen Mitspielern und die Anweisungen des Trainers um ihn herum in einem decrescendo langsam zu verstummen. Es gibt für diesen kurzen Moment nur noch ihn und das Rasseln des Balls.

Patrick Küppers ist sehbehindert. Doch das hält ihn nicht davon ab, seiner Leidenschaft nachzugehen. Der 39-Jährige spielt seit drei Jahren Blindenfußball - seit Anfang September bei Hertha BSC. Das blau-weiße Trikot überzustreifen, erfüllt ihn mit Stolz. Doch für Küppers geht die Liebe zum Sport weit über die Vereinszugehörigkeit hinaus. "Ich habe 2017 die Blindenfußball-EM in Berlin verfolgt, das war in der Zeit, in der meine Augen schlechter wurden", berichtet er. "Ich habe schon in der Jugend viel Fußball gespielt. Ich fand den Sport schon immer rasant, toll und interessant. Ihn auszuüben, hat mir in den vergangenen drei Jahren sehr viel gegeben."

Von Viktoria Berlin zu Hertha BSC

"Viel gegeben": Wenn Küppers das sagt, dann meint er im Speziellen Sicherheit. Eine Aussage, die zunächst fast schon etwas absurd anmutet. Denn gerade beim Blindenfußball, bei dem die Feldspieler eine Brille tragen, die komplette Dunkelheit garantiert, müssen sich die Kicker auf ihr Gehör, ihren Instinkt und ihre Mitspieler verlassen. "Das Augenlicht zu verlieren, bedeutet Kontrolle abzugeben. Beim Fußballspielen lernt man, damit zu leben. Und man gewöhnt sich auch ein bisschen daran, gegen Hindernisse zu laufen", erzählt er und grinst.

Bei Hertha BSC haben Küppers und seine Mitspieler eine neue fußballerische Heimat gefunden. Die Mannschaft existiert bereits seit 2008, bislang lief sie jedoch für Viktoria Berlin auf. Nach dem Kollektivwechsel zum Charlottenburger Bundesligisten erhoffen sie sich nun neue Möglichkeiten. Einen eigenen Kunstrasen-Trainingsplatz mit den nötigen Banden beispielsweise. Doch dabei soll es nicht bleiben. "Unser Ziel ist es, neben dem Bundesliga-Kader sukzessive auch eine Nachwuchs- und eine Freizeitmannschaft für verschiedene Leistungsklassen aufzubauen. Es soll normal werden, als Blinder oder Sehbehinderter eigenständig in Berlin Fußball zu spielen", gibt Trainer Oliver Heise Einblicke in die Zukunftsplanungen.

Hertha setzt auf den Nachwuchs

Das schillernde Beispiel für Herthas Jugend-Ambitionen ist Emilio Eichler. Er ist der mit Abstand Jüngste in der Truppe. Wenn der 13-Jährige sich mit dem Ball am Fuß geschmeidig durch die gegnerische Abwehrreihe dribbelt, lässt er die Herzen von Fußballästheten höher schlagen. Für Emilio begann alles auf einer Dorfwiese: "Da habe immer mit meiner Mutter gespielt", erzählt der Schüler. "Weil zwei Jungs aus meiner Klasse im Verein spielen, habe ich meine Mutter gefragt, ob es nicht auch einen Blindenfußball-Verein gibt. Dann bin ich zum Probetraining hergekommen", führt Emilio aus. Und nie wieder gegangen.

Jetzt wünscht er sich Mitspieler in seinem Alter. Mit den Älteren sei es zwar auch toll, aber jemanden zu haben, "der genau so denkt, wie ich selbst" wäre schön. Im selben Alter wie Emilio ist Hertha-Fan Patrick Küppers zwar nicht, trotzdem haben sie etwas gemeinsam. "Mit 39 Jahren stehe ich hier und bin Nachwuchsspieler bei Hertha BSC", sagt er und strahlt über beide Ohren. Mit erst drei Jahren Blindenfußball-Erfahrung gehört er unabhängig vom Alter zur nachrückenden Blinden-Kicker-Generation. "Wie geil ist das denn?", fügt er an. "Die Zukunft gehört Berlin" lautet der Slogan von Hertha BSC. Das soll nun auch für den Sport mit dem rasselnden Ball gelten.

Beitrag von Uri Zahavi

2 Kommentare

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  1. 2.

    Leidenschaft kennt keine Grenzen!Dem Blindenfussball gehört wirklich die Aufmerksamkeit, weil das Team für den rasselnden Ball eine echte Leidenschaft hat und sie sich fühlen als jeder andere Fußballspieler auch.
    Weiter so mit dem Geist und den Fähigkeiten den Runden in das Eckige zu bringen wie Sehende Kicker auch!

  2. 1.

    "Hertha BSC steigt in Blindenfußball ein"
    Spielen die da nicht schon seit Jahrzehnten mit? :-D

    Nein, im Ernst: Als großer Fan des Blindenfußballs - ich habe ihn wie Patrick Küppers dank der EM 2017 in Berlin kennengelernt - freue ich mich sehr über die Perspektiven, die Hertha den Spielern (gibt es eigentlich auch Blindenfußball-Frauenmannschaften?) anbietet.

    Es wäre riesig, wenn einmal ein Bundesliga-Spieltag in Berlin stattfinden könnte, von einem erneuten großen Turnier wage ich gar nicht zu träumen.
    Alles Gute für die Abteilung Blindenfußball bei Hertha BSC und danke für den schönen Artikel!

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