Lern-Defizite in der Corona-Pandemie - Eltern und Lehrerverbände kritisieren Aktionsprogramm für Brandenburger Schüler

Unterricht ohne Maske in der Grundschule Seelow
Audio: Antenne Brandenburg | 27.08.2021 | Felicitas Montag | Bild: rbb

Mit rund 69 Millionen Euro will Brandenburg in den nächsten zwei Jahren Lerndefizite von Schülerinnen und Schülern aufholen. Es sieht unter anderem mehr Lehrkräfte vor. Eltern und Lehrerverbände kritisieren die bisherige Umsetzung. Von Felicitas Montag

Gerade einmal drei Wochen läuft die Schule wieder in Brandenburg und schon sind die ersten Schülerinnen und Schüler oder auch ganze Klassen in Quarantäne. Betroffen sind unter anderem Schulen in Storkow (Oder-Spree), Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) und in Schwedt (Uckermark). Für sie geht der Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Home-Schooling wie vor den Sommerferien weiter. Das läuft in vielen Schulen inzwischen routiniert ab, doch die Lernrückstände sind seit Beginn der Pandemie zum Teil sehr groß.

Erfolg des Ferienprogramms nicht messbar

Anfang Mai hatte der Bund deshalb das Aktionsprogramm "Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche" beschlossen, um das aufzuholen, was seit Beginn der Pandemie verpasst wurde. Von den fast zwei Milliarden Euro, stehen rund 69 Millionen Euro dem Land Brandenburg in den nächsten zwei Jahren zur Verfügung.

Teil des Aktionsprogramms ist auch ein Nachhilfeprogramm, das während der Sommerferien angeboten wurde. Daran hätten bisher aber nur vier Prozent der rund 290.000 Brandenburger Schülerinnen und Schüler teilgenommen, sagt Günther Fuchs, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Eine Qualitätskontrolle gebe es aber nicht.

Das beklagt auch René Mertens, Sprecher des Landeselternrates. Er siehe dessen Umsetzung kritisch. So sei nicht bekannt, ob es eine spezielle Nachhilfe, ausgerichtet auf die persönlichen Bedürfnisse der Kinder, gegeben habe oder nur eine allgemeine Betreuung. "Dazu kann uns niemand Auskunft geben", so Mertens.

Lernstandserfassung soll Defizite ermitteln

Derzeit wird an den rund 900 Schulen in Brandenburg ermittelt, welche Defizite die Schülerinnen und Schüler haben. Im Anschluss daran sollen, je nach Bedarf, entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Laut Mertens haben die Kinder 45 Minuten Zeit für die Lernstandserfassung.

Tatsächlich - so hätten ihm Eltern berichtet - seien aber viele Kinder in der Hälfte der Zeit fertig gewesen. "Aber nicht, weil sie es nicht konnten, sondern weil sie die Aufgaben so schnell gelöst haben. Das heißt, das Anforderungsniveau wurde bewusst niedrig gehalten, damit keine so schlimmen Ergebnisse herauskommen", beklagt Mertens.

Schulen bekommen 3000 Euro für außerschulische Maßnahmen

Die erste Phase des Aktionsprogramms ist bereits angelaufen. Demnach stehen den brandenburgischen Schulen jeweils 3.000 Euro zur Verfügung, um außerschulische Projekte zum sozialen Lernen und zur Kompetenzentwicklung zu realisieren. Das Geld muss bis Ende Oktober abgerufen sein, sagt Hartmut Stäker, Präsident des Brandenburgischen Pädagogen-Verbands. Notwendig sei hierfür ein Vertrag mit einem externen Dienstleister. Der Zeitrahmen für die Umsetzung sei für ihn zu knapp. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Schule, die vorher kein Programm hatte, diese Dinge aus dem Boden stampft. Sie muss also schon ein Programm haben, das dann für diese 3.000 Euro abgerufen werden kann."

Schulen leider unter Lehrermangel

Für GEW-Landeschef Günther Fuchs fungiert das Nachhilfeprogramm lediglich als Unterstützung. Strukturelle Probleme ließen sich damit nicht lösen. "Wir brauchen nicht nur mehr Lehrkräfte, sondern auch Sozialpädadogen, einen schulpsychologischen Dienst und Therapeuten", erklärt er. Diese Arbeit könnten Lehrerinnen und Lehrer allein nicht leisten.

Laut Bildungsministerium wurden in diesem Jahr bereits rund 1.200 neue Lehrkräfte eingestellt. Darunter seien aber viele Seiteneinsteiger, betont der Gewerkschaftler. Ab Oktober sollen 200 zusätzliche Lehrkräfte und weiteres pädagogisches Personal eingestellt werden. Allerdings nur befristet für zwei Jahre. Günther Fuchs, fragt sich, wo diese Fachkräfte herkommen soll, denn derzeit gebe es mehr als 400 offene Stellen. "Hochqualifiziertes Personal, dass die individuelle Förderung von Schülern vorantreibt, ist mit befristeten Arbeitsverträgen an diesem Arbeitsmarkt nicht zu bekommen". Fuchs warnt davor, viel Geld auszugeben, ohne die erhofften Effekte zu erzielen.

Studierende sollen als Lern-Assistenten eingesetzt werden

Um den akuten Bedarf an Lehrkräften zu decken, sollen - wie im vergangenen Schuljahr - auch dieses Jahr wieder Studierende an Brandenburger Schulen als sogenannte Lehr-Lernassistenten eingesetzt werden. Landeselternrat-Sprecher Mertens bezweifelt, dass diese Maßnahme auch den Lehrermangel in der Fläche decken kann: "Diese Studierenden werden sich natürlich auf ihren Wohnort, ihre Wohnumgeben und auch die Lernorte konzentrieren. Niemand fährt von Potsdam in die Uckermark, in den Hohen Fläming oder in die Ostprignitz. Es sei schon schwierig, ausreichende Fachlehrer in die Fläche zu bekommen." Daher werde es auch nicht gelingen, Studierende dort hinzubekommen, betont Mertens.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.08.2021, 15:10 Uhr

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Beitrag von Felicitas Montag

4 Kommentare

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  1. 4.

    Autorin " Mama" hat alles richtig erfasst. Ich möchte dem noch etwas hinzufügen.
    Die finanziellen Mittel könnten weiterhin sinnvoll für die Weiterbeschäftigung aller Schulgesundheitsfachkräfte im Land Brandenburg eingesetzt werden. Nach 4!! Jahren erfolgreicher Arbeit soll dieses Modellprojekt zum 31.12.2021 wegen Geldmangel auslaufen. Unzählige Evaluationen (siehe Webseite dazu) bescheinigen, dass dieses Projekt nicht nur in den 18 Modellschulen sondern in allen Schulen dauerhaft etabliert werden muss. "Ich kann doch die Kinder jetzt nicht im Stich lasden." sagte mir eine betroffene Krankenschwester in einer Grundschule. Gerade jetzt in der Paandemie ist es noch wichtiger geworden, dass Kinder/Jugendliche einen Ansprechpartner für ihre Ängste und Sorgen haben. Jeder normal denkende Bürger versteht dies, unsere Bildungsministerin leider nicht. Andere Bundesländer schaffen Stellen für Schulgesundheitsfachkräfte, Brandenburg streicht sie. Die Leidtragenden sind wieder einmal unsere Kinder.

  2. 3.

    In unserer Schule gibt es nicht genug Personal für Förderunterricht

  3. 2.

    Was wissen wir nach den Lernstandserhebungen mehr als vorher? Liegen Defizite vor, ist das doch bereits bekannt! Und: Was machen wir mit den Ergebnissen? Wenn eine Förderung notwendig sein sollte, wer übernimmt diese? Es mangelt doch schon jetzt an Personal! Die vom Ministerium angepriesene Förderung in Sommer- bzw. Herbstferien in Form von Lerncamps ist ausgebucht bevor sie für alle auf der Website verfügbar ist. Unser Schulsystem braucht mehr Fachpersonal, welches mehr Freude am Lernen vermittelt. Für diese Erkenntnis braucht es keine Lernstandserhebungen.

  4. 1.

    In unserer Schule bekommen die Schüler die Lernstandsanalysen mit nach Hause und haben 1 Woche Zeit. Ist doch ein Witz. Wollen die Schulen so verhindern, das jemand zur Kontrolle kommt und Förderprogramme bespricht. Oder das das Schulamt nachfragt, bei schlechten Ergebnissen,ob und wie der Distanzunterricht funktioniert hat? Meinem Sohn fehlen 14 Monate, er ist jetzt 10.Klasse. Prost Mahlzeit, das kann was werden.

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