Obdachlose auf der Straße, Zoologischer Garten Berlin. (Quelle: imago imgaes)
Video: Abendschau | 19.03.2020 | Bild: imago images

Berliner Tafeln geschlossen - Corona-Krise erschwert Notversorgung für Obdachlose

Helfer warnen vor Gefahren für Obdachlose durch die Corona-Krise in Berlin: Das Gesundheitsrisiko für Obdachlose ist hoch, doch Hilfsstellen fahren ihre Angebote zurück, die Spendenbereitschaft nimmt ab. Der Senat ringt um Lösungen. Von Roberto Jurkschat

Was Sie jetzt wissen müssen

In Ambulanz in der Berliner Stadtmission wächst die Sorge vor der Ausbreitung des Coronavirus unter Obdachlosen. Wie die Leiterin der medizinischen Dienste, Svetlana Krosovki-Nikiforovs rbb|24 sagte, handle es sich bei Obdachlosen um eine gesundheitlich ohnehin schon gefährdete Gruppe. Durch die Corona-Pandemie gerieten Obdachlose nun zusätzlich unter Druck. Viele Hilfsangebote in der Hauptstadt wurden nach Angaben der Stadtmission bereits zurückgefahren: Einzelne Kältestationen, Tafeln und Suppenküchen haben geschlossen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen und um ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter zu schützen.

Während die Berliner Senatsverwaltung nach Aussage von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine Ausgangssperre nicht ausschließt, hat die Verwaltung noch nicht bekanntgegeben, wie eine Ausgangssperre bei Menschen ohne Wohnung aussehen soll.

Senat versucht das Angebot der Notunterkünfte zu verlängern

Die Kältehilfe wird in Berlin ab Mitte März planmäßig heruntergefahren, die meisten Notunterkünfte in Berlin schließen. Bereits jetzt haben laut der Berliner Kältehilfe vier von fünf Berliner Suppenküchen den Betrieb eingestellt, fünf Notunterkünfte sind dicht. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) hat angesichts der Risiken für Obdachlose erklärt, sie wolle Obdachlosen neue Unterkunftsangebote machen. Am Donnerstagabend sagte Breitenbach in der rbb-Abendschau: "Wir können nicht sagen, liebe Menschen, bleibt zu Hause und meidet soziale Kontakte - und gleichzeitig schicken wir die Obdachlosen auf die Straße."

Auch die Nachtcafés, in denen Menschen eng auf eng sitzen, haben nicht mehr geöffnet. "Da ist einfach eine enorm hohe Infektionsgefahr", so Breitenbach. Deshalb werde versucht, die bisherigen Kältehilfe-Einrichtungen, die die Obdachlosen morgens verlassen müssen, umzuwidmen. Man wolle Obdachlosen einen Schlafplatz bieten, "also ein kleines Zuhause, wo sie auch Essen bekommen und versorgt werden." An einer Lösung arbeite die Gesundheitsverwaltung mit verschiedenen Trägern.

Versorgung Obdachloser "immer schwieriger"

Durch das Ende der Kältehilfe würden erfahrene, hauptamtliche Mitarbeiter frei. Der Plan sei, sie an festen Orten zusammenzuziehen. Wie viele Obdachlose solche Angebote annähmen, sei dabei im Moment aber nicht abschätzbar.

Die Berliner Kältehilfe hat ihre Kapazitäten für Notübernachtungen bislang noch nicht heruntergefahren, laut Sprecherin Barbara Breuer stehen weiterhin 327 Schlafplätze zur Verfügung. In der Unterkunft habe man Hygienemaßnahmen verstärkt, im Notfall könnten Obdachlose auch medizinisch betreut werden. "Betreiber der Einrichtungen für Obdachlose versuchen, die Versorgung zu sichern", erklärte Stefan Strauß, Sprecher der Berliner Gesundheitsverwaltung rbb|24 auf Nachfrage. Allerdings wird die Versorgung Obdachloser laut Strauß "angesichts der aktuellen Vorsichtsmaßnahmen und Krankmeldungen von Mitarbeitern immer schwieriger".

Ambulanz der Stadtmission streicht medizinische Sprechstunde

Während die Stadtmission ihre Notunterkunft offenhält, wurde in der medizinischen Ambulanz für Obdachlose am Bahnhof Zoo die ärztliche Sprechstunde gestrichen, rund 20 Patienten kommen bislang pro Woche zur Untersuchung in die Lehrter Straße. "Geöffnet sind wir auch weiterhin, machen Verbände und geben Medikamente aus", sagt Krasovki-Nikiforovs von der Stadtmission, "aber ohne die ärztliche Diagnostik wird die medizinische Betreuung von Obdachlosen zunehmend schwieriger".

Gesundheitlich seien Obdachlose besonders gefährdet, wie die Leiterin der medizinischen Dienste sagt. Obdachlose hätten keine Orte, um sich zurückzuziehen, in die Ambulanz kämen häufig Menschen mit Atemwegserkrankungen, mit geschwächtem Immunsystem und ohne Möglichkeit, sich regelmäßig die Hände zu waschen oder zu duschen. Zudem hätten die wenigsten Obdachlosen eine Krankenversicherung. "Die Frage ist, wie die Notambulanzen der Krankenhäuser die derzeit ohnehin ausgelastet sind, mit solchen Notfällen umgehen", sagt Krasovki-Nikuforovs.

Ein Patient, der bereits vor einer Woche mit Fieber und Grippesymptomen in die Ambulanz der Stadtmission gekommen war, wurde in einer Berliner Klinik auf Corona getestet - der Befund war negativ. Nach Angaben der Gesundheitsverwaltung kam aus Notunterkünften bisher keine Corona-Meldung. Sollte das künftig vorkommen, müssen Gesundheitssenatorin Breitenbach zufolge die Gesundheitsämter der Bezirke entscheiden, was mit Obdachlosen nach einer Covid-19-Infektion passiert - "ob sie ins Krankenhaus kommen oder ob eine Quarantäne funktioniert". Dafür seien Vorkehrungen getroffen worden.

Stadtmission berichtet von sinkender Spendenbereitschaft

Neben den Gesundheitsrisiken müssen Obdachlose noch mit anderen Auswirkungen der Corona-Pandemie klarkommen. "Viele berichten uns, dass sich die Menschen vor dem Kontakt mit Obdachlosen scheuen und die Spendenbereitschaft stark gesunken ist". Weil auf Berlins Straßen derzeit weniger Menschen unterwegs sind, fielen für Obdachlose auch Einnahmequellen wie Flaschensammeln oder Bettel-Möglichkeiten. 

Frederieke Hechler von der Obdachlosenhilfe in Berlin-Wedding sagt, dass Obdachlosen auch die Schließung von Essensausgaben zu schaffen mache. Die Obdachlosenhilfe versuche Supermarktspenden zu sammeln und in die Bresche zu springen. Das Problem: In den Supermärkten sind die Regale leer. "Die Händler haben mir gesagt, dass wir nächste Woche nochmal fragen sollen", sagt Frederieke Hechler gegenüber rbb|24. Derzeit versuche der spendenfinanzierte Verein die Lebensmittel einzukaufen. "Es ist aber offen, wie lange wir das finanziell stemmen können." 

Leere Straßen: Kältebus bekommt kaum noch Notfall-Hinweise

Svetlana Krosovki-Nikiforov ist besorgt, weil die Temperaturen in den kommenden Nächten wieder unter den Gefrierpunkt fallen sollen. Der Deutsche Wetterdienst kündigt für die Nacht zu Sonntag in Berlin "Frost zwischen -2 und -5 Grad, in Bodennähe bis -8 Grad" an.

"Im Winter bekommen die Fahrer pro Nacht rund 60 Anrufe, viele davon von Passanten, die Menschen in Not sehen und sie dem Dienst melden", so Krosovki-Nikiforov. Seit die Gaststätten in Berlin geschlossen sind und viele Berliner zuhause bleiben, sei die Zahl der Anrufe stark gesunken, auf zwei bis vier Meldungen pro Nacht. Deshalb habe sie vor dem Wochenende ein mulmiges Gefühl. "Ich gehe davon aus, dass wir am Wochenende Notfälle auf der Straße haben werden, die niemand bemerkt".

Sendung: Abendschau, 19.03.2020, 19:30 Uhr

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  • Wie funktioniert der Test?

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  • Welche Behandlung gibt es für Infizierte?

  • Gibt es Immunität gegen das Virus?

Beitrag von Roberto Jurkschat

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6 Kommentare

  1. 6.

    habe nichts mehr zu essen,und kein geld mehr! habe versucht beim jobcenter online ein darlehn zu beantragen,dies wurde jedoch abgelehnt,habe auch versucht mich an die presse zu wenden,aber ich kenn mich da nicht so gut aus,wo,und wie!
    es kann nicht sein,das die regale in supermärkten immer noch seit wochen leer sind( günstige artikel) dadurch musste ich zu teuren produkten zurück greifen,was mein geld schnell auffrass! nun stehe ich ohne alles da,und das amt hilft auch nicht.
    überlege zu stehlen,oder mich mit absicht anzustecken,damit ich im krankenhaus wenigstens was zu essen zu haben!
    weiss jemand hilfe? telefon nummern oder so?

  2. 5.

    Danke, liebe rbb24, für diese Recherche über eine Bevölkerungsgruppe, die häufig vergessen wird! Es sollten tatsächlich kurzfristig leerstehende Gebäude zur Unterbringung genutzt werden. In Krisenzeiten ist Umdenken gefragt, um auch die Schwächsten in der Gesellschaft zu schützen!

  3. 4.

    die idee ist super kann mir nicht vorstellen, dass es jemand aber auch tut. trotzdem sollte dazu ein konzept erstellt werden um der regierung und den hotels die jetzt null umsaetze haben die moeglichkeit zu geben was fuer die aermsten zu tun.
    wer Albert Camus ´die pest gelesen hat weiss , dass ein miteinander und mitmenschlichkeit den untergang der zivilen gesellschaft bekaempfen kann.
    es leben ja mittlerweile nicht nur einzelne personen ohne unterkunft sondern eltern mit kindern ebenso.

  4. 3.

    Also mal ehrlich -unsere Politiker haben für solch Überlegungen leider keine Zeit.
    Oder um es auf den Punkt zu bringen-es interessiert unsere Volksvertreter nicht.

  5. 2.

    Natürlich, im Hilton werden genug Zimmer frei sein und Käfer vom Reichstag kann gern Essen liefern.

    Die vorgehaltenen Flüchtlingsunterkünfte müssen natürlich weiter frei bleiben, die Einladungen unterliegen schliesslich der EU-Sperre.

  6. 1.

    Können diese Personen nicht in den nun unbesetzten Hotels und Pensionen unterkommen? Zudem könnte man die Lebensmittelreste der geschlossenen Restaurants nutzen, um sie dort zu versorgen.

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