01.08.2020, Berlin: Obdachlose liegen auf einer Brücke unweit des Bahnhof Friedrichstraße (Bild: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Tag der Wohnungslosen - Sorge um Berliner Obdachlosenbetreuung im Corona-Winter

Obdachlose gehören wegen ihrer meist sehr schwachen Gesundheit in der Corona-Pandemie zu den Risikogruppen. Zwar gibt es auch für sie Hilfen. Doch viele Angebote – etwa zusätzliche Unterkünfte - sind wieder gestrichen worden. Und der Winter naht. Von Stefan Ruwoldt

Am Freitag, 11. September ist Tag der Wohnungslosen.

Dieser Beitrag ist erstmals am 2. September erschienen.

"Sie kamen mit Hunger und mit tausend Fragen, nein: Sie waren ausgehungert, ja verzweifelt." Und sie wollten Masken, wie Jörg Richert sagt. Der Geschäftsleiter der Berliner Karuna Sozialgenossenschaft spricht über Berlins Obdachlose und ihre besondere Lage durch die Coronapandemie. Er steht im Café Pavillon am Boxhagener Platz, einer kleinen Einrichtung für kostenlose Essenausgabe an Bedürftige. Richter telefoniert, beantwortet nebenbei Fragen und hält hin und wieder sein Handy zur Seite, um kleine und große Hinweise zu geben. "Eigentlich ist der Zustand von davor erreicht: Alle sind wieder draußen."

Jörg Richert, GEschäftsführer der Sozialgenossenschaft Karuna (Bild: imago images/F. Boillot)
Jörg Richert, der Geschäftsführer der Sozialgenossenschaft Karuna. | Bild: imago images/F. Boillot

Hilfen unter besonderen Bedingungen

Obdachlose gehören überwiegend zu den durch die Pandemie besonders gefährdeten Gruppen. Sie sind meist im fortgeschrittenen Alter, haben sehr oft erhebliche Vorerkrankungen und fast alle eingeschränkte Widerstandskräfte. Wegen all dieser Gründe hatten die Berliner Behörden im Frühjahr reagiert.

Es wurde eine Quarantänestation für mögliche und tatsächliche Infektionsfälle unter Obdachlosen eröffnet sowie Unterkünfte im Tiergarten in der Kluckstraße und in der Storkower Straße in Pankow eingerichtet. Außerdem wurden Teams rausgeschickt, die kleine Geldbeträge an Obdachlose zahlten, weil die Versorgungsketten aufgrund der Pandemie nicht mehr funktionierten. Denn es gab weniger Spenden, viele Essensausgaben waren eingeschränkt geöffnet oder ganz geschlossen. Einnahmen durch Flaschensammeln waren kaum mehr möglich und in den Notübernachtungseinrichtungen und Sozialunterkünften kam nur noch ein Teil der Obdachlosen in Berlin unter aufgrund der nun notwendig gewordenen Abstands- und Hygienemaßnahmen.

Mehr Hygiene, mehr Platz, höhere Kosten

Doch das sei jetzt fast alles vorbei, sagt Richert. "2.000 Obdachlose leben in Berlin" - das hatte die erste offizielle und sehr aufwändige Zählung für Berlin im vergangenen Winter ergeben. 2.000 Obdachlose, für die die Notunterkünfte in Berlin vor der Pandemie schon nicht ausreichten und für die es im kommenden Winter noch härter wird. Unter den nun mit der Coronapandemie gültigen Standards braucht es mehr Platz, um für mehr Hygiene zu garantieren. Es dürfen nun nur noch wenige Obdachlose gemeinsam untergebracht werden und all diese Versorgungszusätze machen die Unterkünfte nun erheblich teurer.

Ein erster Eindruck, aber noch nicht von Zahlen belegt

Und es gibt möglicherweise ein weiteres Problem, erklärt Richert: "Es ist erst ein Eindruck, aber der ist durch viele Beobachtungen erhärtet: Gerade aus osteuropäischen Ländern sehen wir nun wieder mehr Obdachlose in Berlin, weil dort die Lebenssituation für sie nun noch schlimmer ist als vor der Pandemie." Berlins Sozialsenat bestätigt eine solche Zunahme zwar nicht, doch Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) teilt – bei aller Vorsicht, wie sie betont - die Beobachtung von Karuna-Geschäftsleiter Richert: "Es fällt hier in Berlin sehr auf, dass ein großer Teil der Straßenobdachlosigkeit Menschen aus osteuropäischen Ländern betrifft." Doch auf ganz Deutschland betrachtet sei dieser Anteil sehr gering.

Sorge um mögliche Vollstreckungen und Rausschmisse wegen Mietverzug

Ein wichtiger Schritt für die Versorgung der Obdachlosen sei zum einen die Bereitsstellung der Notunterkünfte auch unter den neuen Hygienebedingungen, sagt Werena Rosenke. Mindestens ebenso wichtig aber sei auch der weitere Verzicht auf Vollstreckungen, also Rausschmisse bei Mietverzug. Zwar sei dieser Verzicht in Berlin durch eine Empfehlung des Senats geschehen, doch gebe es bislang keine weiteren Erklärungen der Berliner Justiz, die natürlich unabhängig sei und der man solch einen Verzicht nur schwerlich anweisen könne.

Die Gefahr von Wohnungsverlust und Wohnungslosigkeit steige derzeit eher, weil für viele die schwierige Lage durch Job- oder Einnahmeverluste jetzt nach den ersten Monaten möglicher Überbrückungen nun akut werde, so Werena Rosenke.

Sozialarbeit aufwändige und damit natürlich auch teurer

Hinzu kämen weitere, bislang kaum zu regelnde Ausfälle in der Versorgung, so Werena Rosenke. Tagesaufenthalte Obdachloser seien aufgrund der Schließung der Einrichtungen eingeschränkt. Statt Gespräche zu führen, müssten Sozialbetreuer unter Umständen nun Lunchpakete verteilen, Beratungen müssten neu und durch die Hygienemaßnahmen aufwändiger organisiert werden und dem Gesundheitsschutz gelte es nun noch mehr Aufmerksamkeit zu geben. Eine hohe Priorität aber habe nun vor dem Winter die Unterbringung: "Besser einzeln als eng bei eng beieinander! Und die Unterbringungskapazitäten müssen ausgebaut werden“, sagt Werena Rosenke.

Pandemiebedingter Anstieg der Obdachlosigkeit befürchtet

Unterstützt wird Werena Rosenkes Sorge um einen Anstieg der Obdach- und Wohnungslosenzahlen von Lars Schäfer, Referent für Wohnungsnotfallhilfe bei der Diakonie Deutschland. Es käme mittelfristig zu einem Anstieg der Wohnungslosen und in der Folge auch der Obdachlosen. Um diese Entwicklung zu stoppen, brauche es nun Lösungen, weil durch die Pandemie die Ursachen für solche sozialen Notlagen vervielfacht wurden.

Wenn durch Corona nun die Träger ihre Angebote reduzieren müssten, hätte dies fatale Folgen: "Obdachlose selbst - die können nicht reagieren." Hinzu komme, dass durch die Pandemie die prekäre Lage Wohnungsloser, also von Menschen ohne eigene Wohnung aber mit einem Dach über dem Kopf, eskaliere: "Wohnungslose eben ohne eigenen Mietvertrag, die in Zimmern oder in Wohnungen bei Verwandten, Freunden oder Bekannten wohnen, verlieren jetzt in diesen Zeiten nicht selten ihr Dach überm Kopf." Etwa wenn die Wohnungsinhaber nun vielleicht selbst arbeitslos werden, oder von zu Hause arbeiten, den Platz brauchen. "Und die dann sagen: Nein, hier nicht mehr!"

Das Cafe Pavvilon am Boxhagener Platz (Bild: imago images/Christian Behring)
Das Café Pavillon am Boxhagener Platz gibt kostenlos Essen an Bedürftige aus. | Bild: imago images/Christian Behring

Die große Lehre: "Aktives Mitgefühl" statt "Hilfeverteilung"

Als große Lehre aus den ersten Monaten der Pandemie nennt Karuna-Geschäftsleiter Jörg Richert "aktives Mitgefühl statt Hilfenverteilung": "Die Menschen müssen in Bewegung bleiben." Wichtig sei nun, auch die Menschen zu ermuntern, sich zu bewegen, auch unter den Coronabedingungen. Und darum müssten die Hilfsangebote von Beratung, von Beschäftigung, von Wiedereingliederung, von betreutem Wohnen und dem Wieder-eine-Wohnung-finden erhalten und noch ausgebaut werden.

Zusätzlich zu der in wenigen Wochen steigenden Kältehilfe brauche es darum diese wichtigen Betreuungsangebote: "Es gibt Einrichtungen, die hatten vorher 50 Plätze für die Nacht, dort sind unter den neuen Bedingungen noch 15", erläutert Richert die neuen Einschränkungen. Die Kosten aber blieben die gleichen. Da könne man sich ausrechnen, was nun nötig sei.

Sozialsenatssprecherin Karin Rietz äußert sich nur vorsichtig über die Vorbereitung der Kältehilfe: "Dies stellt das System vor einige Herausforderungen, trotzdem sind wir mehr als zuversichtlich, auch in diesem Winter die volle Platzzahl anbieten zu können“, sagt sie rbb|24.

Als "unklar" allerdings könnte man deuten, was Karin Rietz als Sprecherin von Sozialsenatorin Elke Breitenbauch über die Finanzierung der mit Sicherheit ansteigenden Kosten der Sozialbetreuung sagt: "Bisher wurden die erforderlichen, höheren Ausgaben im Rahmen der Haushaltswirtschaft erbracht. Über die Kosten für die kommende Kältehilfesaison wird im Rahmen der aktuellen Beratungen zum Nachtragshaushalt gesprochen."

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Beitrag von Stefan Ruwoldt

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42 Kommentare

  1. 42.

    Der Berliner Senat favorisiert die Aufnahme von Asylsuchenden, die nach dem Dublinabkommen gar nichts mit Deutschland zu tun haben und deren Anträge noch nicht bearbeitet sind. Für die "eigenen" Obdachlosen werden dann wieder Sperrholzkisten als Kälteschutz bereit gestellt.
    Oh man, wo leben wir nur?

  2. 40.

    Spielen Sie wirklich Geflüchtete gegen Obdachlose gegeneinander aus?!Und wo ist da ein großer unterschied?
    (Gerade aus osteuropäischen Ländern sehen wir nun wieder mehr Obdachlose in Berlin, weil dort die Lebenssituation für sie nun noch schlimmer ist als vor der Pandemie.)Sieht es und sah es in Moria anders aus?
    Was gab es da so an Krankheiten?Für die Flüchtlinge sind Unterkünfte vorhanden,da könnte man 2000 oder 5000 Menschen aufnehmen,aber für die 2.000 Obdachlosen gibt es wenig Unterkünfte und man sorgt sich um die Kosten?Ernsthaft?

  3. 39.

    Ganz einfach. Die Leistungserschleicher mit dem 7er BMW, Audi A8 und Porsche rausschmeißen, dann ist genug Platz für wirklich Obdachlose. Wo ist das Problem?

  4. 38.

    Der zuständige Innensenator befindet sich auf dem Weg nach Griechenland um dem Bundes-Außenminister zu zeigen wie Er seine Arbeit zu machen hat. - Sind noch Fragen offen ?

  5. 37.

    Es ist schon beschämend wie man in dieser Stadt mit den schwächsten der Gesellschaft umgeht. Wieso werden nicht mehr Einrichtungen und Anlaufstellen eingerichtet statt welche zu streichen. Da die Stadt Berlin 240Millionen Euro für SonderZahlungen für Ihre Staatsdiener hat müssten für die Obdachlosen auch Gelder da sein. Wenn man dann noch in Betacht zieht das aber Millionen für den BBR rausgeschmissen werden und wurden ist es für mich eine Schande wie man in dieser Stadt mit Obdachlosen umgeht. Senat schäme dich es sind Menschen die Ihr ins Abseits stellt und keine Zukunft gewehrt.
    HochachtungsvollStoll Karl-Heinz

  6. 35.

    in Berlin gibt es noch viele frei Unterkünfte sagte Innensenator Geisel

  7. 34.

    Wie so oft unterstreicht und verstärkt die Corona-Krise bestehende soziale Ungerechtigkeiten. Es gab zuvor zu wenige Unterkünfte und Angebote, die menschenwürdig sind, zu wenige Sozialarbeitende und zu wenig Sichtbarkeit des Problems der Wohnungslosigkeit. Auch an welcher Stelle Wohnungslose mit ihrer existenzielll bedrohlichen Alltagsproblematik in den Medien auftauchen und wie lange und ausgiebig über Privilegiertere geschrieben und berichtet wird, ist ein Abbild der Gesellschaft, so unangenhem wie Anti-Wohnungslosenarchitektur oder -maßnahmen von Bus und Bahn.

    Zwei Korrekturen: Die sog. Zählung von Wohnungslosen war eine Erhebung von Daten - nicht von Wahrheit. Daten werden in der Wissenschaft ausgewertet und keine Wahrheit präsentiert. Zudem waren rein quantitative Ansätze von vornherein gänzlich ungeeignet zur Erfassung vom Umfang nötiger sozialstaatlicher Hilfen. Die Differenzierung zw. wohnungs- und obdachlos ist konstruiert und nur in Teilen des Journalismus verbreitet.

  8. 33.

    Wer ist denn „man“? Ich finde es nicht klug, anderen Ländern zu drohen oder sie zu maßregeln. Wie sollten in D erstmal unsere eigenen Möglichkeiten ausschöpfen.

  9. 32.

    Wo ist denn bitte das Problem? Jeder Beamte, Arbeitnehmer und Selbstständige bezahlen einen Soli-Groschen und davon finanzieren wir die Obdachlosen und Flüchtlinge. Vielleicht bleibt noch was übrig, dann können wir die Seebrücke auch unterstützen. Der „Groschen“ sollte Einkommensabhängig sein.

  10. 31.

    Vielleicht sollte man in den Obdachlosenasyl Heimen in Schöneberg und Kreuzberg ( im englischen Besitz) Garagen gür die Luxus Auros mit ein planen

  11. 30.

    Deutschland und die EU müssen die Herkunftsländer zwingen Mindeststandards für ihre Bürger einzuhalten. Wer da gleichgültig wegschaut ist zu bestrafen.

  12. 29.

    Ich finde Mokumbas Text sehr klug :-)
    Ursache und Wirkung ... Es schadet ja nicht, wenn man mal versucht, etwas tiefgründiger nachzudenken.

  13. 28.

    " Deutschland muss auf Länder, wie z.B. Polen, brachialen finanziellen Druck ausüben, um dort die Korruption zu bekämpfen". Warum? Die USA spielen Weltpolizei, soll Deutschland Europapolizei spielen? Mit welchem Recht? Ich finde das gelinde gesagt arrogant.

  14. 27.

    Alle meckern rum, schieben die Verantwortung weiter und spielen den Klugscheißer, aber keine hilft oder macht konstruktive Vorschläge.

  15. 25.

    Es macht keinen Sinn, hier aufeinander los zu gehen! Das Flüchtlingsthema und das Obdachlosenthema (Verzeihung für die Wortwahl)haben nichts miteinander zu tun! Erbärmlich ist hier auch nicht der Berliner Senat, oder die Bundesregierung! Erbärmlich ist hier die ganze EU! Wie weiter unten angesprochen, kommen viele Obdachlose tatsächlich aus dem EU-Ausland. Das stellt für deren Betreuung auch noch ein zusätzliches Probleme dar! Längerfristig muss die wahnsinnige Armut in anderen EU-Staaten bekämpft werden! Deutschland muss auf Länder, wie z.B. Polen, brachialen finanziellen Druck ausüben, um dort die Korruption zu bekämpfen! Fast alle EU Gelder gehen in Polen und Ungarn an die "Herrenfamilien" Duda und Orban! Auch Bulgarien und Rumänien sind nur von Korrupten regiert! Einzig "Kante" zeigen kann die Lage dieser Menschen eventuell verbessern! Die sind hier, wie viele Flüchtlinge auch, mit falschen Erwartungen gestrandet! Deutschland ist nicht das "gelobte Land"......im Gegenteil!

  16. 24.

    Warum gibt es in diesem Beitrag nicht eine einzige Stellungnahme eines Politikers?
    Werden wirkliche Probleme dort gar nicht mehr adressiert?
    Am besten zur Maske noch die Augenklappe mit dazu, damit der Bürger die Probleme nicht sehen muss.

  17. 23.

    Warum kümmert sich die EU nicht mal um ein Programm, dass auch Obdachlose in ihrer Heimat bleibem können?
    Jeder bekommt in seinem Land einen warmen Schlafplatz, Container, Essen.
    Geld wäre dafür da, aber man hat ja Wichtigeres zu tun.
    Diese Menschen werden angelockt.
    Und das wird alles so hingenommen.
    Für mich ist das eine Kapitulation vor Armut und Verwahrlosung.
    Warum wird denn nicht eine Unterkunft in Regierungsnähe gebaut?
    Oder möchte man die Menschen dort nicht sehen/haben?

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