Betten in Deutschlands erster Quarantänestation für Obdachlose in Berlin-Moabit (Quelle: rbb)
Video: rbb|24 | 13.05.2020 | Material: Abendschau | Bild: rbb

Corona-Infektionen - Berlin öffnet erste Quarantänestation für Obdachlose

Deutschlands erste Quarantäne-Station für Obdachlose ist am Berliner Hauptbahnhof eröffnet worden. 16 Betten stehen nun für Patienten mit leichten Corona-Symptomen bereit. Doch das Wohnheim bietet mehr als nur soziale Isolation. Von Josefine Janert

In den karg ausgestatteten Zimmern warten jeweils zwei bis vier frisch bezogene Betten, darauf liegen Handtücher und Zahnbürsten bereit. Dusche, Küche und Aufenthaltsraum sind gleich nebenan. So sieht Deutschlands erste Quarantänestation für Obdachlose aus. Sie wurde am Mittwoch in der Lehrter Straße 68 am Berliner Hauptbahnhof eröffnet. Noch sind auf der Station allerdings keine Patientinnen und Patienten untergebracht.

Experten vermuten eine schnelle Corona-Ausbreitung

In Berlin leben nach Angaben der Berliner Stadtmission etwa 40.000 Menschen ohne Wohnung. Viele stammen aus Osteuropa. Bisher ist in der großen Obdachlosenszene der Hauptstadt kein Fall von Covid-19 bekannt geworden. Doch Experten fürchten, dass das Virus dort grassieren könnte. Viele Obdachlose haben schließlich Vorerkrankungen, nehmen Suchtmittel und sind nicht in der Lage, sich gesund zu ernähren. Somit ist das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, hoch.

Die Quarantänestation mit 16 Betten sei "eine Möglichkeit, dazu beizutragen, dass das Virus sich nicht so rasant verbreitet", sagt Luise Marie Rust. "So wird auch die Allgemeinbevölkerung geschützt". Die 24-Jährige stammt aus Berlin und hat ein Medizinstudium in Hamburg begonnen. Nun hat sie ein Freisemester genommen, um die Quarantänestation zu koordinieren. "Mir liegt am Herzen, dass auch Menschen am Rande der Gesellschaft gesehen und versorgt werden", sagt die evangelische Christin.

Quarantäne für Menschen mit milden Symptomen

In die Quarantänestation können Menschen mit milden Corona-Symptomen aufgenommen werden. "Wir sind ja kein Krankenhaus", sagt Rust, "Die Einweisung erfolgt über das Gesundheitsamt". Das Gesundheitsamt entscheidet später auch über die Entlassung: Das wäre frühestens 14 Tage nach der Ansteckung und nach mindestens 48 Stunden ohne Krankheitssymptome.

Die Quarantänestation ist zunächst für drei Monate geöffnet. Die Kosten teilen sich die Berliner Senatsverwaltung und das zuständige Bezirksamt.

Ebenfalls in den nächsten drei Monaten bietet die Berliner Stadtmission 106 obdachlosen Menschen in dem neu eröffneten "Wohnheim Lehrter 24/7" eine dauerhafte Bleibe, um sie vor den Gefahren der Pandemie zu schützen. "Wir wohnen zu dritt in einem Raum und haben auch eine Dusche zur Verfügung", sagt Björn, ein 22-jähriger Berliner, der seit zwei Jahren auf der Straße lebt. Er habe keine Angst vor einer Corona-Erkrankung, aber Respekt vor der Ansteckungsgefahr. Deshalb sei er vor wenigen Tagen "sehr gern" in das Wohnheim eingezogen.

Die Platzfrage sei schwierig gewesen

Seit Ausbruch der Pandemie hat es zwei Monate gedauert, bis die Quarantänestation eingerichtet wurde. Es sei schwierig gewesen, einen geeigneten Platz zu finden, sagt Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke). Einen kompetenten Partner habe sie nun mit der Berliner Stadtmission gewonnen, die unter dem Dach der evangelischen Kirche tätig ist.

Die Quarantänestation befindet sich im Hauptquartier der Stadtmission in Räumen, die zuvor als Pflegezimmer für Obdachlose und als Notübernachtung für Frauen benutzt wurden. "Das ist ein Platz, den viele obdachlose Menschen kennen", sagt Breitenbach. Das Gesundheitsamt habe die Räume als für eine Quarantäne geeignet befunden.

"Wir wollen sie willkommen heißen"

Für die Betreuung von Patienten stehen rund um die Uhr Fachkräfte zur Verfügung, die im Umgang mit Obdachlosen erfahren sind. Viele Fachkräfte sprechen eine Fremdsprache, auch osteuropäische. Die Fachkräfte betreten die Station über eine neu eingerichtete Hygieneschleuse. Sie tragen Schutzausrüstung nebst FFP2-Masken.

Die Obdachlosen erhalten in der Quarantänestation drei Mahlzeiten pro Tag. "Wir wollen sie willkommen heißen", sagt die Koordinatorin Luise Marie Rust. "Wir haben freien Zugang zum W-LAN. Wir haben einen Fernseher, und es gibt einen Computer, einen Raucherraum und Gesprächsangebote." Obdachlose, die von Tabak und Alkohol abhängig sind, bekommen Zigaretten und Bier unter geregelten Bedingungen. Substitute für Opiate werden durch Suchtmediziner verabreicht.

Viele Obdachlose leben seit Jahren auf der Straße und sind längere Aufenthalte in einem Haus nicht mehr gewöhnt. In der Quarantänestation sind sie freiwillig. Sozialsenatorin Elke Breitenbach hofft darauf, dass die obdachlosen Menschen dort auch Beratungsgespräche in Anspruch nehmen und über eine Zukunft jenseits der Straße nachdenken.

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Beitrag von Josefine Janert

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4 Kommentare

  1. 3.

    Klingt gut. Aber wenn es auf der Höhe der Pandemie keine Fälle gab, wird es demnächst wohl auch keine geben. Corana ist nicht die einzigste ansteckende Krankheit. Ich wäre dafür die Quarantänestation als allgemeine Krankenstation zu behalten und zu nutzen.

  2. 2.

    Super Sache! Aber kommt ein bisschen spät, oder?

  3. 1.

    Nur durch Nachdenken kommt niemand zur menschenwürdigen Perspektive.

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