Bundestagswahl - Diese Tücken birgt die Wiederholungswahl in Berlin

Mi 20.12.23 | 20:08 Uhr | Von Christoph Reinhardt
  13
Symbolbild: Eine junge Frau steckt am Sonntag in einem Kreuzberger Wahllokal in der Wrangelstraße in Berlin die gefalteten Stimmzettel für die Wahl in die Urne. (Quelle: dpa/Stache)
Video: rbb24 Abendschau | 20.12.2023 | F. Hoppen | Bild: dpa/Stache

Auf die Mehrheiten im Deutschen Bundestag hat die Berliner Wiederholungswahl kaum Einfluss. Das politische Schicksal einiger Abgeordneter könnte sie sehr wohl beeinflussen. Die Wahlvorbereitungen haben begonnen. Von Christoph Reinhardt

Bezirkswahlleiter Rolfdieter Bohm aus Friedrichshain-Kreuzberg ist erleichtert. Für seinen Verantwortungsbereich folgt aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass nur etwa 60 Wahlbezirke ausgestattet werden müssen. Eingestellt gewesen sei er zwar auch auf eine vollständige Wiederholung im ganzen Wahlkreis, sagt Bohm, einschließlich aller Briefwahlbezirke. "Das ist jetzt zum Glück nicht gekommen, das kriegen wir hin."

Neue Namen und Ämter bei der Wahlwiederholung in Berlin

Aber die Uhr tickt. Schon am 8. Januar müssen die Briefwahlunterlagen fertig sein. Einfach nur die Wahlzettel von 2021 neu drucken, genügt nicht. Zwar dürften die Parteien ihre Vorschläge nicht mehr verändern, so steht es im Wahlgesetz. Aber Namen müssen aktuell sein.

Die NPD zum Beispiel hat sich inzwischen umbenannt in "Die Heimat" und darf nur so auf dem Wahlzettel auftauchen, sagt Bohm. Ein rechtliches Problem in Friedrichshain-Kreuzberg gibt es auch bei der Direktkandidatin der SPD: Cansel Kiziltepe gehört inzwischen dem Berliner Senat als Sozialsenatorin an. Eine Doppelrolle als Abgeordnete und Mitglied einer Landesregierung schließt das Wahlgesetz aber aus.

Praktisch gelöst sei das Problem inzwischen dadurch, dass Kiziltepe erklärt habe, das Mandat später nicht anzunehmen. "Auf dem Stimmzettel muss sie trotzdem stehen", sagt Bohm. Denn eine Änderung der Wahlvorschläge sei bei einer Wahlwiederholung rechtlich nur vorgesehen im Todesfall oder bei Verlust der Wählbarkeit.

Etwa durch einen Wechsel der Staatsangehörigkeit. Aber auch bei schweren Straftaten gibt es die Möglichkeit, dass ein Strafgericht die Wählbarkeit aberkennt. Dies komme "zum Glück sehr selten" vor, sagt Bohm, müsse aber wie bei jeder Wahl geprüft werden.

"Hochverräterisches Unternehmen" und abtrünnige Politiker

Spektakuläres Beispiel: Die Direktkandidatin der AfD in Steglitz-Zehlendorf, Birgit Malsack-Winkemann, die wie 2021 auf Platz 5 der Landesliste berlinweit auf den Wahlzetteln steht - und nach einem Jahr in Untersuchungshaft in der vergangenen Woche durch die Bundesanwaltschaft angeklagt wurde.

Der Vorwurf: die "Mitgliedschaft in oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens". Die Bundesanwälte sind überzeugt, dass die frühere Richterin und ihre mutmaßlichen Mitstreiter aus der Reichsbürger-Szene in einer Art Putsch Bundestagsabgeordnete festnehmen wollten, um eine neue Regierung zu installieren. Der Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt hat aber noch nicht begonnen. Es gilt die Unschuldsvermutung – bis zum Beweis des Gegenteils darf Malsack-Winkemann nicht vom Wahlzettel gestrichen werden.

Die Parteien müssen schnell entscheiden, wie sie solchen zwischenzeitlich entstandenen Problemen umgehen. Die Linke etwa im Fall von Alexander King, der 2021 auf Platz 8 der Landesliste den Einzug in den Bundestag verpasste, aber später als Nachrücker ins Berliner Abgeordnetenhaus kam. Inzwischen hat King der Partei den Rücken gekehrt, um sich dem Bündnis Sahra Wagenknecht anzuschließen.

Ab dem 2. Januar dürfen die Parteien in der gesamten Stadt ihre Plakate aufhängen.

Wiederholungswahl in Berlin mit Wahlplakat-Recycling

Die AfD hat ihr Wahlkampfmaterial von 2021 schon durchgesehen und will nur wenig ändern, sagt der Bundestagsabgeordnete Götz Frömming. Damals war er als AfD-Direktkandidat in Pankow mit knapp neun Prozent weit abgeschlagen und kam nur über die Landesliste ins Parlament.

Jetzt hofft er auf ein deutlich besseres Ergebnis: "Wir freuen uns auf den Wahlkampf, denn wir stehen derzeit bundesweit bei über 20 Prozent. Das beflügelt uns natürlich, unsere Botschaften nochmal auf der Straße zu zeigen."

Denn vor allem in Pankow könnten die Karten neu gemischt werden. Wegen der vielen Wahlfehler hat das Bundesverfassungsgericht die Ergebnisse von 180 der insgesamt 215 Wahlbezirke für ungültig erklärt.

Anders gesagt: In fast 85 Prozent der Pankower Wahlbezirke wird am 11. Februar nochmal gewählt. Zumindest bezirksweit fast doch eine komplette Neuwahl, bei der vor allem die Direktkandidaten auf alles gefasst sein müssen.

Hoffnung auf Ergebniskorrektur für Linke und CDU

Die Linke würde nur zu gerne an alten Erfolgen anknüpfen. Dreimal in Folge hatte ein linker Kandidat den Wahlkreis zuletzt gewonnen. Aber 2021 rutschte Direktkandidat Udo Wolf um über zwölf Prozentpunkte ab und verpasste einen Platz im Bundestag. Stimmen gutmachen konnte zwar Klaus Mindrup für die SPD, blieb aber knapp hinter Stefan Gelbhaar, der die grünen Erststimmen um 11,3 Prozent steigern konnte.

Wie sich die derzeit schlechten Umfragewerte der Ampel-Parteien auf die Wiederholungswahl auswirken, wird zumindest für den Grünen Gelbhaar nicht entscheidend sein – er ist über die Landesliste abgesichert.

Ebenso wie die Spitzenkandidatin der CDU, Monika Grütters. 2021 konnte sie den Wahlkreis Reinickendorf nur mit hauchdünner Mehrheit gewinnen und verlor fast zehn Prozentpunkte. Am 11. Februar will die CDU den günstigen Bundestrend nutzen und die Scharte wieder auswetzen. Alte Plakate wiederverwenden, wie die AfD es tut, ist für die CDU keine Option, denn die Partei hat inzwischen das Corporate Design gewechselt. "Ein paar Zehntausend Euro" hat die CDU für ihren Wahlkampf eingeplant.

Die FDP meldet einen Wahlkampetat "im unteren sechsstelligen Bereich", unter anderem für Großflächenwerbung. Die Linke will zehn- bis fünfzehntausend Plakate aufhängen, die SPD 6.800, die Grünen haben 9.000 Plakate bestellt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 20.12.2023, 17:04 Uhr

Beitrag von Christoph Reinhardt

13 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 13.

    Vielleicht sollten Sie mal den Wikipedia - Artikel "Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2023" lesen, insbesondere den Abschnitt "Unregelmäßigkeiten".

  2. 12.

    Jede Bürgerin und jeder Bürger hat das Recht, die Wahl in jederlei Wahllokal zu beobachten. Da muss nichts überlegt werden, das ist geltendes Recht.

  3. 11.

    Rechtspopulistischer Quatsch von denjenigen die versuchen unser Land schlecht zu reden. Die Entscheidung des Gerichts beweist das Gegenteil.

  4. 10.

    Walter Lange:
    "Man sollte über den Einsatz von Wahlbeobachtern nachdenken."

    Warum? Bisher konnten wir doch unsere Wahlfehler selber aufarbeiten. Wahlbeobachter sind doch eher dort angebracht und notwendig, wo Wahlen manipuliert werden und der Staat sich weigert, Wahlmanipulationen und Wahlfehler aufzuklären.

    Aber natürlich darf jeder die Wahl beobachten, so wie sich das in einem demokratischen Rechtsstaat gehört.

  5. 9.

    Man sollte über den Einsatz von Wahlbeobachtern nachdenken.

  6. 8.

    Ach, bin ich doch nicht der einzige dem das und so einiges andere auffällt?

  7. 7.

    Ich habe Fragen. Ist es im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung, dass einer Partei, die man andernorts als erwiesen rechtsextrem bezeichnen darf, ein ganzes Drittel des Videobeitrags überlässt?

  8. 6.

    Wieder einmal zeigt sich, dass das Recht - wie könnte es auch anders sein? - der Realität hinterherhinkt: Denn es bräuchte wohl schon hellseherische Fähigkeiten, jeden erdenklichen Umstand, der im Nachhinein auftritt, schon im Vorhinein zu wissen.

    Die Zeichen, dass es diesmal besser klappt, stehen m. E. gut:

    1. Keine drei parallelen Abstimmungen, kein Berlin-Marathon, der faktisch die Innenstadt abriegelt und nur winzige Durchlässe am Adenauerplatz und an der Grunerstraße lässt und
    2. die Erkenntnis, dass Hast & Eile nicht gerade günstige Voraussetzungen sind, damit bei ortsunkundigen Einpackern des Stimmzettelkartons nicht Schöneweide mit Schöneberg verwechselt wird.
    3. Pankow dürfte deshalb übel getroffen worden sein, weil die Bundesdruckerei an der Grenze von Kreuzberg und Mitte liegt. Das waren angesichts des Berlin-Marathons fast schon übermenschl. Voraussetzungen, um "auf die andere Seite" zu kommen.

  9. 5.

    Ich hoffe, dass sich die momentanen Wählerumfragen bei der Wahlwiederholung widerspiegeln. Eine Klatsche für die derzeitige rot-gelbe, besonders aber für die grüne Bundespolitik.
    Wie schon im Artikel geschrieben, wird es "wenig bis kaum (was für eine seltsame Umschreibung) Einfluß auf die Bundespolitik haben" - ein Signal allemal.

  10. 4.

    Ich sehe bei der Wiederholungswahl keine besondere Veränderung bw. eine andere Richtung bei der Politik.
    Da werden ein paar Abgeordnete rausgewählt, andere kommen rein. Dieser Abgeordnete-Wechsel verändert nichts. Leute werden evtl. eine Parteien wählen, die eine Mehrzahl in Deutschland nicht akzeptieren will. Mal was neues ausprobieren habe ich in Kommentare gelesen! Wer diese Partei wâhlt, wählt blind auf volles Risiko für Deutschland. Berlin, der Osten tickt anders als der Westen? Man beachte das Fragezeichen als Frage. Ich würde nicht pokern mit der Wahlstimme, wenn sie nebelig für die Zukunft werden kann.

  11. 3.

    Dann habe ich die Stelle im Artikel falsch verstanden, die da heißt: "Ein rechtliches Problem in Friedrichshain-Kreuzberg gibt es auch bei der Direktkandidatin der SPD"

  12. 2.

    Cansel Kiziltepe ist nicht direkt sondern über die Landesliste in den Deutschen Bundestag eingezogen. Entscheidend für diese Wahlwiederholung ist das Zweitstimmen-Ergebnis. Und bei der SPD kann man die Politik wählen, die Cansel Kiziltepe als Berliner Integrationssenatorin gerade verwirklicht.

  13. 1.

    ' Praktisch gelöst sei das Problem inzwischen dadurch, dass Kiziltepe erklärt habe, das Mandat später nicht anzunehmen. "Auf dem Stimmzettel muss sie trotzdem stehen", sagt Bohm.' Warum soll man jemand wählen (es war en Direktmandat), der schon vorher erklärt, daß die Wahl nicht angenommen wird?

Nächster Artikel