Oliver Ruhnert (imago images)
Bild: imago images/O. Behrendt

Union-Manager Ruhnert - Der magische Leisetreter

Ob Gikiewicz, Andersson oder Trainer Fischer - Unions Klassenerhalt kennt viele Namen. Weniger häufig wird Oliver Ruhnert genannt. Dabei ist der Geschäftsführer Sport umso interessanter. Auch wegen seiner Widersprüche. Von Ilja Behnisch

Für einen, der gern die Auseinandersetzung sucht, ist Oliver Ruhnert ein ziemlicher Leisetreter. Zumindest ist der 47-jährige Geschäftsführer Profifußball des 1. FC Union niemand, der permanent mit großen Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht. Dabei sucht der gebürtige Sauerländer die Konfrontation nahezu in jeder Lebenslage. Als Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Stadtrat Iserlohn. Als Schiedsrichter in der Kreisliga. Als Verantwortlicher bei Union. Aber der Reihe nach.

Große Namen auf Schalke

"Magischer Manager" wird Ruhnert rund um die Alte Försterei inzwischen schon mal genannt. Ein Ruf, den er sich redlich verdient hat. Vorausgeilt war er ihm jedenfalls nicht, als er im August 2017 Chefscout bei Union wurde. Dass er ein Auge für Talente hatte, lag da allerdings bereits auf der Hand. Schließlich leitete er zwischen 2011 und 2017 die Nachwuchsabteilung des FC Schalke 04. Zu einer Zeit also, in der Königsblau zweimal A-Jugend-Meister wurde und Spieler wie Leroy Sané (demnächst Bayern München), Max Meyer (Crystal Palace) oder Thilo Kehrer (Paris St. Germain) hervorbrachte. Da hatte Ruhnert auch schon Trainererfahrung in der Vita stehen, von Mai 2009 bis Januar 2010 stand er zusammen mit Ex-Spieler Sven Kmetsch der zweiten Mannschaft der Gelsenkirchener als Übungsleiter vor.

Ein Händchen für Neuverpflichtungen

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrung und des Besitzes des A-Scheins für Trainer, der zweithöchsten Ausbildungsstufe im deutschen Fußball, blieb Ruhnert der täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz danach lieber fern. Lieber plant er seither die Zukunft, als vornehmlich im Tagesgeschäft zu verweilen. Die Akribie und Überzeugung, mit der er das tut, führte schließlich dazu, dass Ruhnert im Sommer 2018 zum Geschäftsführer Sport der Eisernen aufstieg. Ein ehemaliges SPD-Mitglied, welches inzwischen für die Linkspartei Lokalpolitik machte, sollte Union nach ganz oben führen. In der Politik undenkbar, im Fußball ein Geniestreich.

Das begann mit der Auswahl von Urs Fischer als neuem Trainer und zog sich bis in die Kaderplanung. 13 Abgängen standen in der Saison 2018/19 elf Neuzugänge gegenüber. Und obwohl Union mit dieser Personalrochade ungefähr vier Millionen Euro Transferüberschuss erzielte, stand die gerade noch dem Abstieg entronnene Mannschaft urplötzlich gestärkt da. Sebastian Andersson kam ablösefrei aus Kaiserslautern, Rafal Gikiewicz für 150.000 Euro aus Freiburg, Florian Hübner für 500.000 Euro aus Hannover. Selbst für Zweitligaverhältnisse waren das Schnapper und doch Spieler, die sowohl beim Aufstieg in die Bundesliga als auch beim Klassenerhalt ihren Mehrwert bewiesen haben.

Entspannung als Schiedsrichter

Auch vor der ersten Bundesligasaison in der Geschichte des 1. FC Union langte Ruhnert wieder zu und lag richtig. Und das, ohne besondere Rücksicht auf die Stammplätze der Aufstiegshelden zu nehmen. Ob bei den Transfers der Routiniers Neven Subotic und Christian Gentner oder bei der Leihe von Magdeburgs Marius Bülter – richtige Transferflops passierten Union seit Ruhnerts Amtsantritt keine.

Vielleicht auch, weil er in seiner Heimat immer wieder den nötigen Ausgleich zur fordernden Tätigkeit in der Hauptstadt findet. "Es ist ein bisschen Spaß und Sport. Wenn ich zu Hause bin, lasse ich mich als Schiedsrichter ansetzen. Die zehn Spiele zur Verlängerung der Lizenz habe ich oft schon im Halbjahr voll", sagte Ruhnert im Sommertrainingslager in Österreich, "und wenn ich Politik im Heimatort mache, ist das für mich auch Entspannung." Es sei jedenfalls ein Vorteil, "wenn man gezwungen wird, über andere Perspektiven nachzudenken. Das ist in vielen Gesprächen mit Spielern äußerst hilfreich."

Dass die Schiedsrichterei in der Kreisklasse entspannend wirkt, mag überraschen. Schließlich bekommen es die Unparteiischen in den unteren Ligen allzu oft mit Undankbarkeit und wüsten Beschimpfungen zu tun. Ruhnert aber erklärte unlängst dem "Neuen Deutschland": "Ich mache das sehr gerne, weil ich dann Spiele Rot gegen Blau habe und es mir am Ende egal ist, wer gewinnt. Sonst will ich immer, dass Rot gewinnt."

So wie Robert Habeck

Dass Ruhnert zwar für klare Meinungen einsteht, aber dennoch nie in die Schlagzeilen gerät, liegt wohl auch an seiner Politik-Erfahrung. Wer ihn zum Beispiel unlängst im Aktuellen Sportstudio des ZDF erlebte, sah einen Redner Ruhnert, dessen Körpersprache offen und doch bestimmt war. Einen Redner, der seine Kernaussagen mit wohlweislichem Gesteneinsatz untermauert und damit auch, für etwas einzustehen, ohne dabei populistisch zu sein.

"Da würde ich gern die Quelle kennen. Dieses Zitat hat es so nicht gegeben, das wäre auch nicht richtig", sagt Ruhnert etwa, als er im ZDF auf ein angebliches Zitat hinsichtlich der jüngsten Leistungen von Neven Subotic angesprochen wird. Sagt es und lächelt dabei und schafft, was so einfach klingt und doch so schwer zu erreichen ist – eine deutliche Aussage angenehm zu verpacken. Fast erinnert dieser Oliver Ruhnert in solchen Momenten an Grünen-Chef Robert Habeck. Auch so einer, der Angriffe abmoderieren kann, ohne seine Haltung zu verlieren. Wie Ruhnert etwa in der Causa Sebastian Polter, der vom Spielbetrieb ausgeschlossen war, weil er sich nicht dem gemeinschaftlich erarbeitetem Gehaltsverzicht der Union-Angestellten anschließen wollte.

"Ich denke, in so einem Umfeld, wenn 46 von 47 Personen dem zustimmen, wenn der Mannschaftsrat involviert ist, dann glaube ich, ist es nachvollziehbar, das gerade in dieser besonderen Situation tatsächlich eine Solidarität von jedem gefragt ist", sagt Ruhnert dazu im Sportstudio. Und schafft es, seine persönliche Meinung darzustellen und trotzdem im Union-Wir zu sprechen.

Einer, der die Herausforderung sucht

So auch in sportlichen Belangen und unlängst im Gespräch mit dem Inforadio vom rbb: "Du musst als Union Berlin einige Dinge sehr gut machen und auch richtig machen, um in dieser Liga zu bleiben. Und vielleicht ist es uns in diesem Jahr ein bisschen besser gelungen." Und vielleicht sucht dieser Oliver Ruhnert, der "magische Manager" und Unions Erfolgsgarant, gar nicht so gern die Auseinandersetzung, sondern vielmehr die Herausforderung.

Es ist davon auszugehen, dass das Bundesliga-Abenteuer von Union noch einige davon bereithalten wird. Oliver Ruhnert wird sich ihnen mit Freude entgegenstellen. Mit Haltung. Und trotzdem als Leisetreter.

Sendung: rbb UM6, 02.07.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ein ganz großes Lob und dicken Respekt an Oliver Ruhnert, der einer der wichtigsten Baumeister für den Erfolg des 1. FC Union ist!

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