Fußball-EM in Deutschland - Polizei wittert Risiken - Fans fürchten überzogenes Eingreifen

Do 30.05.24 | 08:46 Uhr | Von Shea Westhoff
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Polizeikräfte im Rahmen eines Fußballspiels (Archivfoto)
Audio: Fritz | 30.05.2024 | O-Ton: GdP-Sprecher Benjamin Jendro | Bild: IMAGO/Herbert Bucco

Mit Blick auf die Europameisterschaft freuen sich viele auf ein friedliches Fußballfest. Um das sicherzustellen, bringt die Polizei ihre Einsatzkräfte in Stellung. Fanvertreter warnen vor einer "Eskalationsspirale".

Ausgerechnet der vermeintlich "körperlose Sport" Basketball hat am Wochenende denjenigen Recht gegeben, die während der anstehenden Fußball-Europameisterschaft 2024 möglichst weitreichende Sicherheitsvorkehrungen wollen.

Am S-Bahnhof Prenzlauer Allee ging es am Samstagabend plötzlich sehr körperlich zu: Anhänger zweier rivalisierender griechischer Basketballklubs fielen übereinander her, bewaffnet mit Baseballschlägern, Knüppeln und Gürteln. Es ging brutal zur Sache, einer wurde lebensgefährlich verletzt. Anlass der Auseinandersetzung war ein in Berlin stattfindendes Sportereignis, in dem Fall das "Final Four"-Turnier der Basetball-Euroleague, das in der Uber-Arena ausgetragen wurde.

Fanmeile habe kriminelles Potenzial

In Bezug auf das anstehende Fußball-Großereignis in Deutschland sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, der rbb24 Abendschau: "Die Fußballspiele in den Stadien sind sehr, sehr sicher." Jendro spricht von einem großen "Personalkörper", der für Sicherheit während der Begegnungen sorge.

Allerdings: Um das Stadion herum fänden ebenso zahlreiche Events statt. "Und jeder kann sich vorstellen, wenn da 300.000, 400.000 Menschen auf der Fanmeile sind, das weckt dann vielleicht auch Potenzial beim einen oder anderen für irgendwelche Straftaten."

Die Europameisterschaft, sie soll ein Fußballfest werden und die Vorbereitungen dafür laufen auch in Berlin auf Hochtouren. Die Hauptstadt empfängt ja nicht nur zu sechs EM-Partien im Olympiastadion, darunter das Finale am 14. Juli (21 Uhr). Sie beherbergt mehrere begleitende Massen-Events, wie Public-Viewings etwa am Brandenburger Tor sowie in der 15.000 Zuschauer fassenden Fanzone inklusive Pop-Up-Stadion am Reichstag.

Drohnenabwehr, Straßenblockaden

Die Gefährdungslage sei "abstrakt, aber unverändert", betonte die Berliner Innensenatorin Iris Spranger vor zwei Wochen. "Die Sicherheit der Berlinerinnen und Berliner sowie unserer Gäste hat oberste Priorität." Laut Polizeipräsidentin Barbara Slowik werde seit zwei Jahren am Sicherheitskonzept gearbeitet.

Die Berliner Polizei wird während des Turniers von Einsatzkräften aus anderen Bundesländern sowie von der Bundespolizei unterstützt.

Hooligans, Terrorismus, Krawalle, es sind Gefahren, die bei Fußball-Großereignissen zumindest mitschwingen. Damit es nicht zum Ernstfall kommt, setzt die Polizei außer auf zahlreiche Beamte unter anderem auf Gesichtserkennung, verdeckte Einsatzkräfte, Mittel zur Drohnenabwehr sowie Straßenblockaden.

Es gebe mehr zu beachten, als es noch zur Weltmeisterschaft 2006 der Fall war, so Michael Mertens, NRW-Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Damals war Deutschland ebenfalls Gastgeber. Mittlerweile hätte die "Bedrohung durch den Terror die Welt verändert und auch solche Großereignisse verändert", sagte Mertens im rbb24 Inforadio.

Fanhilfen sind besorgt wegen brutaler Einsätze

Bei den Vertretern des Dachverbands der Fanhilfen schrillen mit Blick auf die EM ebenfalls die Alarmglocken – allerdings wegen überzogener Polizeieinsätze, wie befürchtet wird.

Auf jeden Fall betrachtet man die abgelaufene Spielzeit als "Saison der Polizeigewalt", wie aus der am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung des Dachverbands hervorgeht. Darin wird auf den gemeinsamen Bericht der einzelnen Fanhilfen verwiesen, nach dem es in 24 Partien zu erheblichen Grenzüberschreitungen durch die Polizei gekommen sei. "Selten zuvor gab es in einer Saison eine derart große Zahl von überzogenen Einsätzen der Polizei gegen Fußballfans", wird Linda Röttig in der Mitteilung zitiert. Sie ist Mitglied im Vorstand des Dachverbands der Fanhilfen. Eine "erschreckende Brutalität" sei von den Einsatzkräften teils ausgegangen.

Auch auf ein Heimspiel von Hertha BSC im Februar wird verwiesen: Die Partie gegen den 1. FC Magdeburg sei von "massiver Polizeipräsenz begleitet" gewesen. Die Polizei habe auf unkonventionelle Einlasskontrollen zurückgegriffen, mit Spürhunden beim Gästeanhang. Bei der Abreise sei es auch zu einem Einsatz von Pfefferspray gekommen. Herthas Fanhilfe habe im Nachgang von einer "realitätsfernen Leistungsschau der Polizei" gesprochen. Selbst bei den jüngsten Krawallen beim Regionalliga-Spiel zwischen dem BFC Dynamo und Energie Cottbus, als 155 Polizisten verletzt wurden, verweist die Fanhilfe darauf, dass "ein Großteil der verletzten Einsatzkräfte nicht durch Fangewalt, sondern den Einsatz des eigenen, offensichtlich nicht kontrollierbaren Pfeffersprays verursacht wurde". Das habe die Polizei selber so angegeben.

"Angriff auf die Fankultur"

Fälle wie diese haben bei den Fanhilfen den Verdacht geschürt, dass der Liga-Alltag genutzt worden sein könnte, "um nicht nur Fans ganz bewusst einzuschüchtern, sondern auch um Einsatztaktiken und gezielte Aktionen für das Turnier zu erproben." So stellt es Röttig vom Vorstand des Dachverbands der Fanhilfen dar. Das aus ihrer Sicht teils überzogene Einschreiten der Polizei betrachtet sie "als Angriff auf die Fankultur. Das sind massive Eingriffe in die Freiheits- und Bürgerrechte", sagte sie in einer Medienrunde am Mittwoch. Es sei "eine Eskalationsspirale der Polizei, die aufhören muss - gerade im Hinblick auf die EM."

"In erster Linie treten wir immer deeskalierend auf", antwortet Polizeigewerkschaftler Mertens auf die Frage, wie die Polizei auf mögliche angespannte Situationen im Laufe der EM denn reagieren wolle. "Auch wenn wir eine starke Präsenz zeigen an manchen Standorten, in manchen Spielen, dann dient das dazu, dass die Menschen wissen, dass sie in Sicherheit ins Stadion gehen können und sich auch da bewegen können."

Die Präsenz der Polizei sei aber auch eine Botschaft an alle, die "etwas anderes vorhaben, als nur Fußball zu schauen."

Sendung: rbb24 Abendschau, 28.05.2024, 19:30 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

28 Kommentare

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  1. 28.

    "Ich kann Ihnen aber mehrere Länder aufzählen, in denen "diese Phänomene von Gewaltausbrüchen" wesentlich häufiger und extremer auftreten."
    Phänomene sind SELTEN auftretende Erscheinungen! Gewalt in deutschen Stadien ist ergo KEIN Phänomen!
    Der Hinweis auf "häufigere und extremer" auftretende Gewalt in anderen Ländern relativiert die hiesige.
    Vor Gericht käme ein Straftäter mit Ihrer "Logik" nicht weiter, würde er auf "effektivere" Täter verweisen.
    Lesetipp: Siehe den Artikel hier bei rbb 24 zum Thema "Steigende Gewalt in den Amateurligen ...."!

  2. 27.

    "Na dann sind sie doch bestimmt in der Lage ... "
    Nein, das bin ich nicht. Ich bin weder Sozialwissenschaftler noch Fanforscher und in ausländische Stadien und Fanszenen habe ich keinen Einblick.
    Ich kann Ihnen aber mehrere Länder aufzählen, in denen "diese Phänomene von Gewaltausbrüchen" wesentlich häufiger und extremer auftreten.

    "Ich tippe mal so Krawallfrei wird die EM 2024 bestimmt nicht verlaufen......leider!"
    Das fürchte ich leider auch. Alle möglichen Gefahrenlagen zu beherrschen, stellt für ein freiheitlich-demokratisches Land wie Deutschland eine andere Herausforderung dar als für ein flächenmäßig winziges autoritär-diktatorisches Emirat.

  3. 26.

    Diese Aussagen wie schlimm das ist, geben uns alle die mit auf den Weg, die noch nie ein Spiel im Stadion erlebt haben. Die erleben auch nicht wie mit Besuchern, insbesondere Auswärtsbesuchern, durch die Polizei umgegangen wird. Da reist man per Sbahn an und begegnet auf den Bahnsteigen hochgerüsteten Polizeigruppen, die einem per Polizeimscht den Weg versperren und anweisen welche Wege man zu gehen an. In einem Ton, der in jedem Bürger Agressionen weckt. Die Bundespolizei ist dabei eskalierend

  4. 25.

    Wenn ich jeden Tag erleben muss, wie aggressiv sehr viele Menschen in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit reagieren wird mir Angst und Bange.
    Da wird nur noch gedroht,gebrüllt und beleidigt.
    Es ist einfach furchtbar geworden in dieser Stadt.

  5. 24.

    Nur kurz:
    Da wäre ich mir nicht so sicher! Wer hätte zu Zeiten des "Pokals der Landesmeister" gedacht, dass irgendwann sogar der Sechstplazierte der Buliga "CL" spielen darf., wenn der BVB "Rheinmetall" sein Endspiel gewinnen sollte?!?
    "Europäisch" spielen kann bald jeder. Siehe auch die Conference Liga!

  6. 23.

    "...regelmäßiger Stadiongänger und Auswärtsfahrer so fast jede Spielstätte im deutschen Profifußball gesehen. Reisen bildet intensiver und realitätsnaher als..."
    Fahren zu Auswärtsspielen ist wohl kein Reisen? In diesem Kontext hatte ich Sie schon richtig verstanden!
    Lassen Sie es! Sie spielen nicht in meiner Liga!
    Außerdem ist es peinlich, wenn Sie andere, ergo nicht nur mich , belehren und dabei mit einer mangelhaften Rechtschreibung glänzen!!!

  7. 22.

    "ich habe als jahrzehntelanger regelmäßiger Stadiongänger und Auswärtsfahrer so fast jede Spielstätte im deutschen Profifußball gesehen."
    Na dann sind sie doch bestimmt in der Lage den Unwissenden zu erklären warum in anderen Ländern, z.B. Dänemark, Finnland usw., diese Phänomene von Gewaltausbrüchen nicht oder sehr selten vorkommen?
    Auch während der WM 2022 gab es keine Gewalttaten in Stadien und Umgebung.
    Ich tippe mal so Krawallfrei wird die EM 2024 bestimmt nicht verlaufen......leider!

  8. 21.

    Eigentlich kann man froh sein das der BFC nie die Champions Leage erreichen wird und kann.

  9. 20.

    "ist mir bisher unbekannt gewesen. "
    Merkt man ;-) Ausserdem sprach ich von Reisen... nochmal lesen und verstehen bitte.

    " ernüchternd sein. "
    Ernüchternd für mich ist Ihr Beitrag und das Bild, das Sie damit abgeben.

  10. 19.

    Dass jahrzehntelanges Besuchen von Fußballstadien der Bildung dienlich sei, ist mir bisher unbekannt gewesen.
    Wegen dieser reisenden Bildungsbürger sorgt sich die Gewerkschaft der Eisenbahner um die Sicherheit ihrer Bahnangestellten und um den Zustand der Transportmittel.
    Dass die Polizei so martialisch aufgerüstet hat und sogar mit Wasserwerfern im (!!)Stadion aufgefahren ist (Bsp. Lok Lpz. - Chemie Lpz.) muss ja wohl an den gebildeten Feingeistern auf den Rängen liegen.
    Ich stand als Bereitschaftspolizist 1973 im Trainingsanzug und Wollmütze beim Spiel Lok-Fortuna Düsseldorf vor 73 000 Zuschauern unten im Graben des Zentralstadions.
    Vielleicht sollten die "Sozialwissenschaften" mal eine Untersuchung zum durchschnittlichen Bildungsgrad der Fußballfans durchführen.
    Meine Vermutung: Das Ergebnis wird mich nicht überraschend, für die Fußballfans aber ernüchternd sein.

  11. 18.

    Vielleicht können die unsägliche Autokorsi unterbunden werden!

  12. 17.

    HG .Bei Union, Hertha, Cottbus und wie sie alle heißen sind genau auch diese Gruppen unterwegs. Da ist es mir relativ gleich, ob es vielleicht auch Menschen wie sie gibt, die solche Ereignisse genießen wollen.

  13. 16.

    Mal so aus eigener Erfahrung. Parolen helfen nicht weiter und einer allein ist nie schuld. Da können sich Fans, Demonstranten und die liebe Polizei alle schön an die eigene Nase fassen. Wer sich allerdings durch die reine Anwesenheit, auch bei einer "Leistungsschau", schon provozieren oder einschüchtern lässt, hat irgendetwas falsch verstanden.

  14. 15.

    " Offensichtlich gehören ..."
    Woran machen Sie diese These fest?

    "Daher meine Kritik."
    Die kann ich nachvollziehen. Jedoch kann ich Ihren Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen nicht zustimmen, da sie weit an der Realität vorbei gehen. Wie ich schon schrieb, besuchen Sie gerne mal Hertha oder Union und schauen Sie, wie viele Kinder und Frauen jede Woche ein Fußballfest feiern und vielleicht finden Sie wieder den Blick fürs Wesentliche an diesem Sport und nicht nur für ein paar wenige Chaoten und die negativen Begleiterscheinungen.

  15. 14.

    HG. Schön dass sie so viele Stadien kennen. Offensichtlich gehören die von mir genannten Gruppen mit zu einem „guten“ Fußballspiel?? Ebenso die dabei verletzten Polizisten, zerstörte Bänke und ähnliches. Ich hoffe nur, dass ihnen auch klar ist, das diese randalierenden Horden unserer Steuergelder in Anspruch nehmen. Für mich sind das keine Fans, die kommen nur weil es toll ist die „Bullen“ aufzumischen. Daher meine Kritik.

  16. 13.

    Versuchen Sie es erstmal mit sinnerfassendem Lesen, bevor Sie verfälschte Unterstellungen tätigen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Außer, ich denke, ich habe als jahrzehntelanger regelmäßiger Stadiongänger und Auswärtsfahrer so fast jede Spielstätte im deutschen Profifußball gesehen. Reisen bildet intensiver und realitätsnaher als "Bild" ;-)

  17. 12.

    HG. Sie finden die gewaltsamen Ausschreitungen einiger sogenannter „Fans“ offenbar als normal oder notwendig. Ebenso das Abbrennen von Pyrotechnik, was wiederum zu Unterbrechen der Spiele führt. Wie nennen SIE denn diese Horden, denn begeisterte Fans sind es nicht. Mit der Randale in den Stadien ist ja nicht Schluß, auf den Straßen geht es ja häufig weiter.

  18. 11.

    Die Polizei sollen lieber mit der gleichen Konsequenz versuchen der Kraftfahrzeugverkehr zu kontrollieren, wo etwa 3 000 Menschen pro Jahr allein in Deutschland ins Jenseits befördert werden.

  19. 10.

    680 Mio. Steuergelder für das Spektakel. Da sind die Kosten für Polizei noch nicht mal drin.
    Was solls,die verarmten Spieler müssen ja auch bezahlt werden....

  20. 9.

    "an aller Gewalt ist immer nur die Polizei schuld"
    Ich kann kein "immer nur" im Artikel oder den Aussagen der Interviewten erkennen.
    Fakt ist, massive Gewalt geht von Teilen der Ultras aus. Fakt ist aber auch, dass durch manches polizeiliches Einsatzszenarium diese Gewalt provoziert wird.
    Habe ich mehrfach als Unioner-Normalfan auf Auswärtsfahrten vor allem zu sog. Test- oder Freundschaftsspielen erlebt.
    Wollen Sie ein Beispiel?

    Ich bin davon überzeugt, dass die Faninitiativen aller Vereine vieles tun. um gewaltbereite Besucher (ich möchte diese nicht Fans nennen) zu isolieren.

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