Bundestrainer Hagen Stamm mit der Wasserball-Nationalmannschaft. / imago images/Insidefoto
Audio: Inforadio | 30.03.2020 | Interview mit Hagen Stamm | Bild: imago images/Insidefoto

Interview | Wasserball-Bundestrainer Hagen Stamm - "Wir schwimmen schon seit vielen Jahren gegen Probleme an"

Es war sein Traum: Hagen Stamm wollte das Nationalteam 2020 noch einmal zu den Olympischen Spielen führen. Nach der Verschiebung ist nun vieles ungewiss - für "Mr. Wasserball" selbst und seinen Sport. Ein Interview über die Zukunft und alte Zeiten.

Was Sie jetzt wissen müssen

Es sollte der Schlussakkord für Hagen Stamm werden und gleichsam eine Krönung seiner beeindruckenden Karriere: Nach drei Teilnahmen als Spieler - und Bronze in Los Angeles 1984 - wollte er auch als Trainer zum dritten Mal zu den Olympischen Spielen fahren. Dafür hatte er das  deutsche Nationalteam 2016 noch einmal übernommen und die am Boden liegende Mannschaft wieder konkurrenzfähig gemacht. "Für mich wäre es natürlich der Traum. Das wäre eine wunderschöne Abrundung", sagte er Anfang Januar im rbb|24-Interview.

Sportlich waren sie auf einem guten Weg. Als das Qualifikationsturnier coronabedingt abgesagt wurde, schien die Teilnahme - sogar ohne diese letzte, durchaus hohe Hürde - fast sicher. Das WM-Ergebnis aus Gwangju von 2019 hätte wohl gezählt und das Team um Stamm wäre in Tokio dabei gewesen. Dieser Traum steht - mit der Verschiebung der Spiele - nun auf der Kippe. "Gesundheitlich ist es natürlich okay. Aber die Jungs verkraften es überhaupt nicht", sagt der 59-Jährige. Viele Leistungsträger wollten nach den Spielen aufhören, hatten und haben bereits andere Pläne. Ob es für 2021 noch einmal eine schlagkräftige Truppe gibt? Aktuell fraglich. Mit rbb|24 spricht der "Mr. Wasserball" über die ungewisse Zukunft seines Sports, eine mögliche Freiluft-Saison und alte Zeiten.

rbb|24: Nehmen wir an, 2021 werden die Olympischen Spiele tatsächlich - wie geplant - nachgeholt. Steht Hagen Stamm dann noch als Wasserball-Bundestrainer am Beckenrand?

Hagen Stamm: Das kann ich jetzt überhaupt nicht beantworten. Meine aktuelle Aufgabe besteht darin, die Wunden bei den Spielern zu kühlen. Wir haben eine tolle Vorbereitung gemacht - und eine teure. Wir waren topfit. In Hamburg haben wir noch ein gutes Turnier gespielt, Konkurrenten geschlagen - und auch gegen Favoriten gut ausgesehen (Anm. d. Red.: Zwischen dem 9. und 11. März wurde in Hamburg noch ein Vier-Nationen-Turnier zur Vorbereitung auf die Olympia-Quali gespielt. Das deutsche Team gewann zwei von drei Duellen und wurde Zweiter). Wir waren an dem Punkt, wo wir hinwollten. Viel besser als noch bei der Europameisterschaft im Januar, weil wir weniger Verletzte hatten. Ich muss also jetzt erst einmal mit den Spielern sprechen - teilweise habe ich das auch schon gemacht - und die Meinungen von ihnen einholen.

Was ist Ihr Gefühl ...

Bei den Spielern stecken natürlich auch familiäre und berufliche Planungen dahinter. Ich bin mir also nicht sicher, ob sie für das nächste Jahr alle an Bord bleiben. Und daraus resultierend muss man dann schauen, wie es mit mir weitergeht. Da bin ich in guter Gesellschaft. Ich glaube, die Bundestrainer aller Sportarten haben einen Vertrag bis 31.12.2020. Da müssen sich dann alle Verbände Gedanken machen, ob sie mit dem Trainer weitermachen wollen oder nicht. Aber das ist jetzt nicht primär. Entscheidend ist: Was machen die Aktiven - wie kriegen wir sie vielleicht so motiviert, dass sie es im nächsten Jahr noch einmal mit dem gleichen Elan angehen?

Einer der drei, vier Leistungsträger, die überlegen, aus der Nationalmannschaft zurückzutreten, ist ja auch Ihr Sohn Marko. Können Sie ihn verstehen - oder nicht doch mit ein bisschen väterlicher Autorität zum Weitermachen bewegen?

Nein, die väterliche Autorität ist da lange nicht mehr angesagt. Der Junge ist über 30 Jahre alt, hat sein eigenes Leben und er muss selbst entscheiden. Bei ihm wird sehr viel vom Herz abhängen. Er ist ein Spieler, der immer hundert Prozent gibt und der immer voll dabei ist. Und wenn er vom Herzen und vom Kopf nicht dabei ist, dann bringt das auch nichts. Er muss das selbst für sich prüfen. Ich bin aber guten Mutes, dass er ganz alleine die Entscheidung fällt. Denn er liebt Wasserball. Und ich habe ja schonmal zwischen den Tönen gehört, dass er sogar sagt: Warum nicht auch noch Paris 2024 noch einmal angreifen? Er ist so gut im Saft, dass er das könnte. Die guten Spieler werden auch immer älter. Das kann man sich international anschauen. Die Ungarn haben 38- und 39-Jährige dabei und sind aktuell gerade top. Und bei den Serben und Kroaten ist es genauso. Aber es hängt nicht nur von ihm, sondern mindestens noch 15 anderen ab, die wir dann wieder im Zirkus begrüßen müssen und mit einer neuen Vorbereitung dann hoffentlich die neuen Aufgaben angehen. 

Als am 12. März die Absage für das Quali-Turnier in Rotterdam kam, haben Sie den Jungs wohl eine Wasserball-Pause von zehn Tagen verordnet und gesagt, sie sollen erst einmal ein Bier trinken. Was sagen Sie ihnen jetzt?

Wir sind in Berlin mit großem Abstand der einzige Standort, an dem aktuell - mit großem Abstand - Bundesstützpunkttraining durchgeführt werden kann. Sie verlegen den Kraftraum in die Schwimmhalle. Die Matten haben drei, vier Meter Abstand. Der Krafttrainer versucht, die Jungs fit zu halten. Danach werden Schwimmeinheiten gemacht. Wasserball wird nicht gespielt, weil dann wieder die Nähe zu hoch gewesen wäre. Man muss sie jetzt motivieren, die körperliche Fitness zu erhalten - und das passiert gerade. Erstmal übergangsweise vier Mal die Woche. Dann muss man weiterschauen. Ganz viel wird davon abhängen, was die Liga macht. Wird sie im Juni und Juli noch fertig gespielt? Das würde ich persönlich befürworten, weil man die Spieler dann noch einmal mit einer neuen Motivation ausstatten könnte. Auch die Pokal-Endrunde ist noch nicht ausgetragen. Da habe ich Hoffnung, dass der Verband entscheidet, dass im Sommer noch einmal Wasserball gespielt wird. Sonst fallen die Spieler nämlich in ein Loch und wissen gar nicht, wofür sie jetzt arbeiten sollen.

Sollten das Qualifikationsturnier und auch Olympia nicht in diesem Jahr stattfinden - was ja jetzt der Fall ist - hatten Sie an eine Freiluftsaison für die Bundesliga gedacht. Das ist ja ein ziemlich attraktives Szenario. Gab es dazu Gespräche?

Das muss der Verband festlegen. Viele Vereine haben sehr attraktive Freibäder. Ich bin zum Beispiel auch sehr gerne Zuschauer im Forumbad am Olympiapark. Es gibt viele gute Freibäder, wo man die Wasserball-Bundesliga zu Ende spielen könnte. Das wäre eine Idee, den Juni und Juli zu nutzen - in der Hoffnung, dass der Spuk Ende Mai zu Ende ist - um die Hauptrundenspiele und die Playoffs im Freien zu spielen. Das hätte schon einen gewissen Reiz. 

Hagen Stamm 1984 als Wasserball-Nationalspieler (Quelle: imago/Sven Simon)
Hagen Stamm gewann als Spieler 1984 Olympisches Bronze. | Bild: imago/Sven Simon

Hätten Sie mit all Ihrer Erfahrung gedacht, dass es jemals so eine kritische Situation geben könnte?

Naja, hoffentlich schließt sich bei mir der Kreis nicht. Meine ersten Olympischen Spiele sind so geendet, dass ich für Moskau 1980 nominiert war und an der Wand ein Schriftstück habe auf dem steht: 'Robustere Kräfte verhinderten den Start bei den Olympischen Spielen in Moskau'. Damals gab es einen Boykott wegen Afghanistan, dem Einmarsch der Russen. Das heißt: Meine ersten Olympischen Spiele als Spieler haben nicht stattgefunden. Im Endeffekt sieht es jetzt auch komisch aus mit 2021, allerdings nicht durch Krieg oder irgendwelche Aggressionen, sondern durch einen Virus, mit dem wirklich keiner gerechnet hat. 

Wird die Sportart Wasserball diese Corona-Krise überleben?

Naja, wir können ja gut schwimmen (lacht). Wir schwimmen schon seit vielen Jahren gegen alle Widerstände und Probleme an. Da sitzen aktuell alle in einem Boot. Es wird in Zukunft schwierig mit dem Geld. Wir müssen gucken, ob man das kompensieren und durchhalten kann. Da wird auch viel davon abhängen, wie sich alles weiterentwickelt. Der Wasserball ist natürlich gefährdet, weil unsere Finanzmittel eingeschränkter sind. Wir hoffen, dass wir die Klippen umschiffen können und dann hoffentlich wieder durchstarten können in eine bessere Saison 2021.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Astrid Kretschmer, rbb Sport. Es handelt sich um eine redigierte und gekürzte Fassung. Das Interview nachhören können Sie bei Klick ins Aufmacherbild.

Sendung: Inforadio, 29.03.2020, 14:24 Uhr

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