Corinna Preuß beim Interview im Studio Cottbus (Quelle:rbb/Krüger)
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Audio: Antenne Brandenburg|20.11.2020|Thomas Krüger | Bild: rbb/Krüger

Interview | Leiterin der Telefonseelsorge Cottbus - "Es belastet, nicht zu den sterbenden Eltern zu können"

Die Corona-Pandemie beeinflusst nahezu alle Bereiche Lebens. Einige Menschen kommen gut damit zurecht, andere sind verunsichert. Das bekommt auch die Cottbuser Telefonseelsorge zu spüren, erläutert Leiterin Corinna Preuß im Interview.

rbb: Frau Preuß, spüren Sie im Moment mehr Interesse an der Telefonseelsorge?

Corinna Preuß: Die Telefonseelsorge ist seit Jahren konstant stark nachgefragt. Es sind die existentiellen Themen, die uns am Telefon begegnen, aber auch die ganze Spannbreite des Lebens, die sich bis zu den Alltagsthemen ziehen kann. Auch Corona spielt natürlich eine Rolle. Es wird über die Einschränkungen, die damit verbundenen Belastungen gesprochen. Es ist aber in vielen Gesprächen auch das Hauptthema. Da geht es um die Unmöglichkeit, von Eltern Abschied zu nehmen, die im Pflegeheim im Sterben liegen. Wir erleben auch sehr stark, dass es für Menschen, die ohnehin stark sozial isoliert sind und kaum Kontakt finden, noch einmal schwerer geworden ist. Es ist für sie kaum noch möglich, beim Bäcker um die Ecke ins Gespräch zu kommen oder beim Einkaufen ein Schwätzchen zu halten. Diese kleinen wichtigen Dinge sind weggefallen. Aber auch die vielleicht lebenserhaltenden Strukturen in der Woche wie die Gruppentherapie oder Einzelgespräche gibt es nicht mehr.

Was bewegt die Menschen in diesen Wochen besonders, womit wenden sie sich an Sie und ihre Mitarbeiter?

Jedes Gespräch ist einzigartig, jeder Mensch erlebt diese Corona-Situation individuell. Da ist der Familienvater, der beruflich stark eingespannt ist und nun wegen der Quarantäne noch seine Kinder zu Hause beschulen muss. Da gibt es Menschen, die stark unter Ängsten leiden und durch diese unklare Situation noch zusätzlich belastet werden. Da gibt es den Gastronomen, der mit Herz und Seele sein Restaurant betrieben hat und jetzt nicht mehr arbeiten gehen kann. Gerade er ist doppelt betroffen: Durch die finanziellen Probleme, aber auch durch den Wegfall der sinnstiftenden Arbeit, den Kontakt zu den Gästen. Die Gespräche dauern meist eine halbe Stunde, es kann aber weit mehr werden. Wir wollen da sein für die Menschen und ihnen die Zeit geben, die sie brauchen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in Cottbus?

Aktuell sind bei uns im Team 40 ehrenamtliche Mitarbeiter. Kürzlich sind fünf neue dazu gekommen, das ist sehr schön. Wir brauchen mehr Seelsorger, könnten das Telefon noch sehr viel mehr Stunden besetzt halten, denn die Nachfrage ist einfach da.

All das geschieht anonym auf beiden Seiten. Wer wendet sich denn an die Telefonseelsorge, mehr Männer oder Frauen, sind es auch Jugendliche?

Es sind eher ältere Menschen, die sich bei uns melden. Für Kinder und Jugendliche gibt es separate Angebote. Es rufen immer noch mehr Frauen an, doch gerade in der Zeit der Corona-Pandemie nimmt der Anteil der Männer zu.

Wie wird versucht zu helfen? Ist es "nur" das Zuhören?

Unsere Mitarbeiter werden in einer einjährigen Ausbildung auf diesen Dienst vorbereitet. Da geht es vor allem auch um die Selbsterfahrung, sich selbst kennenzulernen. Es ist bei dem Dienst am Telefon wichtig, dem Menschen als Mensch zu begegnen, ihn verstehen zu wollen in seiner Not. Die Lösung liegt oft bei den Anrufenden selbst. Unsere Aufgabe sehen wir darin, ihnen zuzuhören und gemeinsam nach Wegen zu suchen. Wenn ich im Schutz der Anonymität über eine schambesetzte, tabuisierte Situation sprechen kann, wird mir selbst vieles klarer. In diesen Gesprächen ist es wichtig, dass die Anrufenden Vertrauen haben können, dass da jemand sitzt, der ihnen wertschätzend und offen begegnet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Corinna Preuß sprach Thomas Krüger, Antenne Brandenburg. Dieser Artikel ist eine redigierte und gekürzte Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherfoto des Artikels nachhören.

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8 Kommentare

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  1. 8.

    Das ist bitter und richtig traurig. Das war ja schon während der ersten Welle so.
    Die Kliniken haben angst, dass evtl. infizierte Angehörige das Virus einschleppen könnten.
    Einige Menschen sind einsam gestorben, Angehörige konnten kein Abschied nehmen.
    Auch Menschen, denen eine riskante bzw. schwierige OP bevorstand durften oft keinen Besuch empfangen.
    Dabei wäre es ein Leichtes entsprechende Schutzmaßnahmen zu treffen.
    Ich finde da fehlt es den Verantwortlichen an Menschlichkeit und Mitgefühl.

  2. 7.

    Welche Bürokraten-Hirne denken sich solche Unmenschlichkeiten aus? Wie weit ist es mit "uns" gekommen? Und das soll Schutz sein? Für wen und warum - und vor allem: Gegen wen?

  3. 6.

    Ich lass mir das verbieten und eine andere Frau berichtet hier aus eigener Erfahrung.
    So fragen kann nur jemand, der in diesem Jahr noch keine Angehörigen in Krankenhaus oder Pflegeheim hatte. Die haben da Hausrecht. In manche Klinik darf man rein, wenn ein Tod zeitlich absehbar ist. Kinder dürfen weder in Pflegeheim noch Krankenhäuser. Unsere Tochter dürfte die Oma seit März nicht im Heim besuchen. Wir dürften Ostern nicht mal zum Winken auf das Gelände,. andererseits gab es auch sehr menschliche Schwestern, die Ihren Job im 1. Lockdown riskierten um einen kleinen Kontakt am Gartenzaun auf Abstand möglich zu machen. Sodass man sich mal sehen konnte.
    Das ging nur mit Patienten, die noch irgendwie laufen konnten.
    Die Patienten, die nur noch im Bett liegen können, haben in unserem Heim keine Chance ihre Angehörigen zu sehen.

  4. 4.

    Wer lässt sich bitte sowas verbieten!!!

  5. 3.

    Sehr traurig! Und m.E. auch eine sehr falsche Entscheidung des Krankenhauses! - Vielleicht tröstet die Vorstellung ein wenig, dass eine gewisse Verbindung auch über den Tod hinaus bestehen bleibt. (Darauf baue ich auch als Nicht-Religiöser.)

  6. 2.

    Ja.....Ich spreche aus Erfahrung. Meine Mama ist im Juli an Krebs gestorben im Krankenhaus in Dresden..... Ihr letzter Wunsch war das mein Bruder und ich in den letzten Stunden bei ihr sind.... Wir mußten regelrecht darum kämpfen, das wir nochmal zu ihr durften. Mein Kind wollte sich auch von seiner Oma verabschieden, da führte leider kein Weg rein...

  7. 1.

    Echt jetzt? Da wird also Angehörigen der Zutritt zu wirklich sterbenskranken Menschen verweigert, weil man die ja eventuell mit einem Virus infizieren könnte? Nee, das ist doch aus einem Roman von Franz Kafka, oder?

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