Wasserproben durch Greenpeace - Umweltschützer messen in der Oder höheren Salzgehalt als im Meer

Do 02.03.23 | 17:43 Uhr
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Am 12.12.2022 besuchte Steffi Lemke (Grüne), Bundesumweltministerin, den Nationalpark Unteres Odertal, um sich über den aktuellen Zustand der Oder zu informieren. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: rbb|24 | 03.03.2023 | Material: rbb24 Brandenburg aktuell | Bild: dpa/Patrick Pleul

Nach der Umweltkatastrophe in der Oder hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace untersucht, wo besonders viel Salz in den Fluss geleitet wird. Unterhalb von Bergbau-Betrieben fanden sie Salzkonzentrationen, die über denen von Meerwasser liegen.

Nach dem Fischsterben in der Oder im vergangenen Sommer erhärten Wasseruntersuchungen der Umweltorganisation Greenpeace den Verdacht, dass die Katastrophe durch die polnische Bergbau-Industrie verursacht worden ist. Wie aus einem Greenpeace-Bericht hervorgeht, der dem SWR [tagesschau.de] und dem "Tagesspiegel" vorliegt, wies das Flusswasser unterhalb von einigen Steinkohle-Minen besonders hohe Salzkonzentrationen auf.

Im August verendeten ein erheblicher Teil des Fischbestandes und zahlreiche weitere Tierarten. Lange Zeit war unklar, was zu der Umweltkatastrophe geführt hat. Wissenschaftler von Greenpeace Polen haben in den letzten Wochen mehrfach Wasseranalysen im Süden Polens durchgeführt. Laut dem Abschlussreport sind die Verursacher mehrere Betriebe der Steinkohle-Industrie in der Region Schlesien, die in großen Mengen Salzwasser in die Zuflüsse der Oder einleiten.

Gewässer-Experten waren sich schon länger einig, dass ungewöhnlich hohe Salzgehalte im Sommer zur Vermehrung einer giftigen Algenart (Prymnesium Parvum) geführt hatten. Diese Alge löste das Fischsterben aus. Woher das Salz kam, war bisher unklar.

Bergbau-Betriebe leiten abgepumptes Wasser ein

Im Fokus der aktuellen Greenpeace-Untersuchungen standen die Zuflüsse der Oder, in die Bergbau-Betriebe ihre Abwässer einleiten. In der Region gibt es zahlreiche Steinkohle-Minen. Diese pumpen unentwegt sehr große Mengen Wasser aus den Stollen ab, damit dort gearbeitet werden kann. Es ist bekannt, dass dieses "Pumpwasser", je nach Region, sehr salzhaltig sein kann.

Salzgehalt teils höher als im Meer

Die höchsten Salzkonzentrationen dokumentierte Greenpeace in den Oderzuflüssen Klodnica, Bierawka und Bielszowicki (Region westlich von Katowice), an denen mehrere Steinkohle-Minen liegen. Hierbei ergab sich, laut dem Untersuchungsbericht, ein eindeutiges Bild: Während oberhalb, also flussaufwärts, die Salzgehalte sehr niedrig lagen, stiegen die Salzgehalte ab den Einleitungsstellen der Minenbetriebe massiv an. Die Salzkonzentration war an mehreren Stellen sogar höher als in Meerwasser.

Die Toxikologen von Greenpeace sind sich sicher, dass diese Salze zu der massenhaften Vermehrung der giftigen Algen geführt haben. Christian Wolter, Fischökologe des Leibniz-Institutes für Gewässerökologe und Binnenfischerei (IGB) begrüßte gegenüber dem SWR die Greenpeace-Untersuchung: "Es war wichtig, dass Proben an den Einleitungsstellen genommen wurden, um die Verursacher klar zu identifizieren", sagte er. "Damit bestätigen die Ergebnisse dieses Berichts, worauf das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei schon lange hinweist: Die optimalen Wachstumsbedingungen für die giftige Alge, also die hohe Salzkonzentration in der Oder, wurden vom Menschen verursacht."

Auch Behörden messen hohe Salzgehalte im Oberlauf

Das größte polnische Bergbauunternehmen "Polska Grupa Górnicza" (PGG), das die meisten Minen im Einzugsgebiet betreibt, beantwortete Fragen des SWR trotz mehrfacher Nachfrage nicht. Das Unternehmen "JSW SA", das dort eine Mine betreibt, teilte auf Anfrage mit: "Die Einleitung von Salzwasser in die Umwelt basiert auf Genehmigungen der zuständigen Behörden. Es gab zahlreiche Überprüfungen, bei denen keine Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden."

Das polnische Umweltministerium beantwortete konkrete Fragen des SWR ebenfalls nicht, sondern teilte lediglich allgemein mit, dass das zentrale Forschungslabor für Umweltschutz "derzeit zweimal wöchentlich an 20 Mess- und Untersuchungsstellen Proben des Oderwassers" entnimmt.

Informationen zu Grenzwertüberschreitungen beim Salzgehalt finden sich aber in öffentlich verfügbaren Messergebnissen polnischer Behörden. Dazu schreibt das polnische Umweltministerium, welches zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wie Greenpeace: "Die höchsten Salzgehalte werden im Oberlauf des Flusses beobachtet, wo unterirdisches Wasser aus dem Steinkohle-Bergbau eingeleitet wird."

Warnung vor erneuter Umweltkatastrophe

Greenpeace Polen warnt davor, dass sich solch eine Umweltkatastrophe wiederholen könnte. Zudem seien von den massiven Salzwasser-Einleitungen der Bergbau-Industrie nicht nur die Oder, sondern auch die Weichsel massiv betroffen. In seinem Abschluss-Report fordert Greenpeace daher die polnischen Umweltbehörden zum Handeln auf. Es müssten sofortige Umweltprüfungen bei den Bergbaubetrieben durchgeführt, die Abwassermengen reduziert und Entsalzungsanlagen eingebaut werden.

Experten und Politiker fordern zum Handeln auf

Ob und wie die polnischen Umweltbehörden nun handeln, ist noch unklar, da die Untersuchungsergebnisse von Greenpeace Polen erst am Donnerstag veröffentlicht wurden. Fischereiexperte Christian Wolter vom Leibniz-Institut fordert Konsequenzen: "Wir hoffen, dass hinter den Kulissen auf politischer Ebene bereits an Lösungen wie Rückhaltebecken oder der Festlegung eines ökologisch verträglichen Grenzwertes auf wissenschaftlicher Basis gearbeitet wird. Die Einleitungen müssen dringen reduziert werden, damit sich diese Umweltkatastrophe in diesem Sommer nicht wiederholt."

Als Reaktion auf die aktuellen Ergebnisse fordert auch Benjamin Raschke, Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Brandenburger Landtag, von der polnischen Regierung zügiges Handeln. "Wir sind sehr froh, dass Greenpeace etwas Licht ins Dunkel gebracht hat und fordern die polnischen Behörden auf, dem umgehend nachzugehen", sagt Raschke. Auch er warnte vor einer erneuten Katastrophe.

Um diese zu verhindern, müssten alle Anrainer jetzt zusammenarbeiten, sagte Sascha Maier vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (Bund) dem rbb. "Das könnte jetzt wirklich ein Anstoß sein, dass die Behörden in Deutschland, Polen und Tschechien zusammenarbeiten und zusehen, dass sie gemeinsame Messungen entlang des Flusses auf den Weg bringen." Dies sehe auch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie zum Schutz von Gewässern vor, so Maier weiter. Allerdings würden entsprechende Messungen nur bei wenigen Flüssen tatsächlich erfolgen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.03.2023, 14:00 Uhr

24 Kommentare

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  1. 24.

    Sulfat ist, auch für Laien bekannt, ein Salz.
    Ansonsten einfach den Report suchen und lesen. Danach urteilen.

  2. 23.

    Ich würde den Greepeace-Bericht als laienhaft einstufen.

    Laut https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/fischsterben-oder-salzgehalt-bergbau-101.html wurde die elektrische Leitfähigkeit (Einheit µS/cm) gemessen, aber reißerisch vom "Salzgehalt" gesprochen, der höher sei als der im Meer

    Den Salzgehalt zu messen erfordert höheren apparativen Aufwand. Die elektrische Leitfähigkeit ist ohne andere Einflüsse sicherlich auch ein Indikator für den Salzgehalt und macht eine allgemeine Aussage zur Verunreinigung des Flusses, kann aber bzgl. des Salzgehaltes zu Fehlmessungen führen, wenn andere Einflüsse nicht beachtet werden, etwa durch bergbaubedingte Einträge von Sulfat-Anreicherungen.
    Die unsaubere Darstellung des im Tagesschau-Link gezeigten Greenpeace Diagramms (Die Entfernung der Messstelle ab Einleitung wird nicht beziffert) und der rätselhafte Einschwung der Leitfähigkeit auf einen relativ hohen konstanten Wert ist nicht nachvollziehbar.

  3. 22.

    In dem Fall ist der erste Unterschied, dass es offensichtlich niemand sonst so intensiv gemacht hat.
    Das grundsätzliche Ergebnis wurde im übrigen durch das polnische Umweltministerium bestätigt.
    Der zweite Unterschied ist der dass Greenpeace keine wirtschaftlichen Interessen mit der Messung und Auswertung/Interpretation verfolgt.
    Warum sollten sie also die Daten manipulieren und das Risiko der Unglaubwürdigkeit eingehen?

  4. 21.

    Als Messknecht wissen Sie ja sicher zu welcher Stoffgruppe Sulfate zugeordnet werden.
    Woher wissen Sie das "nur" die Leitfähigkeit und nicht diverse Salzionen gemessen bzw. analysiert wurden?
    Die exakte Bestimmung der Konzentration diverser Anionen in Wasser ist ja kein Hexenwerk, wie Sie als Messknecht sicher auch wissen.

  5. 20.

    Umweltschützer erstellen also ihre eigenen Gutachten, im gleichen Atemzug wird der Industrie oder der Autoindustrie vorgeworfen, sich mit manipulierten Gutachten reinzuwaschen oder den Absatz anzukurbeln. Ich seh da bei Greenpeace jetzt keinen Unterschied.

  6. 19.

    Leider vermisse ich, in dem ansonsten guten ausführlichen Bericht, insgesamt die Angaben zu den Grenzwerten u. den tatsächlich gemessenen Werten. Ohne diese Details bleibt aus meiner Sicht vieles nebulös im Dunkeln. Auch in Deutschland, wie fast in allen anderen Ländern dieser Welt, wird Raubbau an der Natur betrieben. Hierzu zählt für mich nicht nur die Verseuchung des Wassers, sondern auch der Raubbau u. das Verseuchen anderer Ressourcen, wie Boden, Wald, Bodenschätzen, Luft und des Klimas.

  7. 18.

    Es wurde nicht der Salzgehalt sondern die Leitfähigkeit gemessen. Falls dort durch den Bergbau auch ein hoher Sulfat-Anfall verursacht wird, steigen die Leitfähigkeitswerte erheblich an, ohne dass der Salzgehalt sich in gleicher Größenordnung vergrößern würde.
    Leider fehlen die Maßstabsangaben für die Messpunkte, alos in welcher Entfernung die Messungen vorgenommen wurden. Dass die Werte auf so einem hohen Endwert sich einstellen, halte ihc nicht für plausibel.

  8. 17.

    Ich sage nur polnisches Kraftwerk. und die Umweltauflagen der EU die höhere Temperaturen Einspeisung( Oder) der Kühlflüssigkeit / Wasser erlauben.

  9. 16.

    Das denken Sie, in Deutschland passiert das gleiche! Es gibt zu viele Grauzonen im Umweltrecht und diese wurden absichtlich durch Lobbyinteressen geschaffen, Wenn Sie Behörden hier in Deutschland fragen, kommen zunächst nur Beschwichtigungen das alles im gesetzlichen Rahmen wäre. Bis andere Proben nehmen und nachforschen. Die Gesetze sind so formuliert das sie der Industrie nicht schaden und nicht das sie die Umwelt schützen würden. Genau hier liegt das Problem, Lobbyinteressen stehen über dem Wissenschaftlich notwendigen. Die Industrie kauft sich ihre Politik und lässt zukünftige Generation dafür bezahlen. Nicht nur in Europa, sondern außerhalb agieren europäische Firmen noch viel rücksichtsloser. Indien, Afrika,China usw. sind wir ein Umweltverbrechen beteiligt und die EU will das auch so. Damit weiter Profite auf kosten anderer Erwirtschaftet werden.

  10. 15.

    Es gibt jede Menge Artikel zu Greenpeace und Jänschwalde im Netz, nur nicht einen einzigen der Ihre Behauptung belegt.
    Ein Schelm wer an böses bei Ihrer Motivation denkt? Oder einfach nur Diffamierung?

  11. 14.

    Umweltschutz, Klimaschutz und Ressourcen Ausbeutung vertragen sich nicht mit unseren
    Wirtschaftssystem des unbedingten Wachstums. Die Gier nach immer mehr macht einen kleinen Teil sehr reich und den Rest immer ärmer. Das ist das Fiasko an allen.

  12. 13.

    Da haben Sie absolut Recht. Das gleiche trifft nicht nur auf die Werra sondern auch auf die Ems zu und auch in den Rhein werden an den deutschen Chemiestandorten Tonnen salzhaltigen Wassers täglich eingeleitet. Das Problem ist kein polnisches sondern ein weltweites, nur muss es nichtsdestrotrotz gelöst werden, wenn wir zukünftig noch irgendein lebendes Gewässer haben möchten.

  13. 10.

    Man sollte nicht mit dem Finger Richtung Polen zeigen. K&S macht mit der Werra das Gleiche und das ist bei uns genehmigt.

  14. 9.

    -Umweltverbände und das Messen von Grenzwerten-
    Ich erinnere nur an die Messung der "grünen" Kühlturmkletterer von "steigendem" CO2 an einem Kühlturm im Kraftwerk Jänschwalde, welcher technologisch definitiv nicht an das Rauchgassystem angeschlossen war und ist und nun wirklich nur 100% Wasserdampf an die Umwelt abgibt. Aber im Sinne der Propaganda wird dann selbst H2O zu CO2. ;-)
    Meine Meinung halt...
    P.S. welches Meer steht denn eigentlich zum Vergleich?

  15. 8.

    Man kann über solche Geschichten nur den Kopf schütteln . Offenbar haben einige Firmen und einige Leute hier an der Oder Narrenfreiheit ganz nach dem Motto " was interessiert uns Natur und Umwelt " !! Und alle schauen munter dem treiben weiter zu .

  16. 7.

    Zum Glück gibt es Greenpeace. Deutsche und polnische Behörden sind offenbar unfähig und unwillig. Zum Schaden der Tiere in der Oder und der Menschen an der Oder.

  17. 6.

    Traurig, dass Konzerne in Polen einfach einleiten dürfen, während es in Deutschland schon bestraft wird, wenn man sein Auto am Straßenrand wäscht.
    Warum kann man im großen Stil ungestraft die Umwelt schädigen? Oder gibt es in Polen so wenig Umweltauflagen?

  18. 5.

    Ich hätte mir eine (noch) aktivere Rolle des IGB's bei der Aufklärung der Ursachen des Fischsterbens gewünscht. Das Institut ist groß und mit intelligenten Leuten besetzt und vermutlich gibt es jede Menge "Papers" zum Thema, die alle irgendwo auf Servern schlafen. Der Druck auf die lokale und Bundespolitik hätte stärker sein müssen, gegebenenfalls mit öffentlichem Protest. Hätten die Leute zur Demo in Friedrichshagen aufgerufen - ich wäre dabei gewesen.

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