Archiv - Eine Frau tanzt im Kostüm auf dem Karneval der Kulturen 2019 (Bild: imago-images/Christian Spicker)
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Video: rbb|24 | 31.05.2020 | Bild: imago-images/Christian Spicker

Kultveranstaltung in Berlin-Kreuzberg - Wie der Karneval der Kulturen mit der Absage umgeht

Der 25. Karneval der Kulturen muss wegen der Corona-Pandemie ausfallen, und das obwohl das gesamte Programm schon feststand. Für die Musiker ist die Absage besonders hart: Weil es noch keine Verträge gab, bekommen sie keine Gagen. Von Roberto Jurkschat

Etwa 4.500 Teilnehmer, 1.000 Künstler und mehr als eine Million Besucher hatten die Organisatoren für den Karneval der Kulturen am Pfingstwochenende eigentlich erwartet. Eigentlich habe schon das gesamte Programm für die 25. Auflage der Kreuzberger Kultveranstaltung festgestanden, sagt Karnevalsleiterin Nadja Mau im Gespräch mit rbb|24. "Dass alles abgesagt werden musste, ist bitter. Alle 77 Gruppen und alle Künstler hatten wir schon angemeldet und natürlich haben sich alle total auf die Veranstaltung gefreut."

Ausgerechnet der 25. Karneval der Kulturen kann - wie unzählige weitere Großveranstaltungen - in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Der Lockdown trifft den Berliner Kulturbetrieb "ins Mark", wie es die Karneval-Veranstalter in einer Mitteilung formulieren. Dennoch, sagt Nadja Mau, gab es auch Verständnis für die Absage. 

Alle Bühnenprogramme standen schon fest

830.000 Euro hatte der Senat in seinem Haushalt für die Organisation der Veranstaltung eingeplant, einen Teil davon hatten die Organisatoren schon ausgegeben. Die Künstler für die Bühnenprogramme standen längst fest, auch wenn noch keine Verträge mit den Musikern, DJs und Tänzern abgeschlossen wurden. "Wenn wir die Verträge gemacht hätten, dann hätten wird die Leute natürlich auch bezahlen müssen", sagt Mau. "Für die Leute, die jetzt einen Auftrag verloren haben, ist das natürlich auch hart. Aber uns sind als Veranstalern die Hände gebunden, weil wir gegenüber dem Kultursenat eine Schadensminderungspflicht haben." Damit seien jegliche neuen Ausgaben der Fördermittel nach der Absage der Veranstaltung praktisch verboten worden.

Für Robert Wienröder sind die vielen wegen der Corona-Krise abgesagten Konzerte und Festivals und auch der gestrichene Auftritt beim Karneval der Kulturen finanziell dennoch ein heftiger Schlag. Der Berliner Pianist und Musikstudent hatte mit den drei Kollegen seiner Band "Still in the Woods" eigentlich fest damit gerechnet, am Samstagabend auf der Bühne vor der Amerika-Gedenkbibliothek zu stehen - auch die Gage war schon eingeplant. Da es aber noch keinen Vertrag gab, gibt es kein Ausfallhonorar.

Keine Gage, kein Bafög, kein Arbeitslosengeld

"Für uns ist es im Moment total schwierig, weil wir als Solo-Selbständige in diesem Sinne keine Betriebskosten haben und deshalb nicht von den Soforthilfen profitieren können", sagt Wienröder. Geld für seinen Lebensunterhalt bekommt Wienröder auch nicht vom Jobcenter, weil er als Student keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat. Auch Bafög bekommt er nicht - deshalb ist Wienröder jetzt zurück zu seinem Vater gezogen. "Ich habe es schon bei sämtlichen Finanzbehörden versucht und auf die Notlage hingewiesen. Man hat mir zugestimmt, dass das ein Problem ist. Aber helfen konnte mir trotzdem niemand."

Keiner der Veranstalter, die seiner Band einen Auftritt in Aussicht gestellt hatten, habe etwas gezahlt - auch keinen kleineren Betrag. "Als Musiker ist das heftig, denn wir sind leider auch in einer Situation, dass wir es uns nicht mit den Veranstaltern verscherzen dürfen", sagt Wienröder. In der Musikbranche würden sehr viele Auftritte über gute Kontakte zustande kommen, deshalb kenne er niemanden, der Veranstalter jetzt auf Ersatzzahlungen verklage. "Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, wie andere Leute das machen, die nicht zu ihren Eltern zurückziehen können."

Kostüme für den Karneval 2021

Margarita Maria Guzmán López von der Tanzgruppe "La Rebelión" gehört zu denen, die im Karnevalszug mitlaufen wollten. Die Kostüme hatten die 40 Leute aus ihrer Gruppe schon vorbereitet: Outfits von Personen aus dem politischen Leben in lateinamerikanischen Ländern. "Für uns war das eine Geste der Solidarität mit einigen sozialen Bewegungen in Lateinamerika", sagt die Berlinerin, die schon seit dem Jahr 2002 beim Karneval der Kulturen mitfeiert. 

"Wir hatten zum Glück keinen finanziellen Nachteil, weil wir die fertigen Kostüme auch im nächsten Jahr beim Karneval tragen können", sagt López. "Die meisten sind aber trotzdem extrem traurig, weil diese Veranstaltung für viele Menschen mit Migrationshintergrund eine besondere Bedeutung hat. Wir haben damit eigentlich die perfekte Gelegenheit, unsere Kulturen zu präsentieren und andere Kulturen kennen zu lernen."

rbb-Stream mit Karneval-Impressionen

Wie es weitergeht mit dem Kulturbetrieb in Berlin und mit dem Karneval der Kulturen, hängt nach Meinung der Karneval-Organisatoren vor allem von der Unterstützung des Senats ab. Klar ist, dass der Lockdown in Berlins Kulturszene tiefe Spuren hinterlässt. "Die Befürchtung, dass die kulturelle Vielfalt nach der Corona-Pandemie nicht mehr in der Form bestehen wird wie bisher, ist mehr als berechtigt", heißt es in einer Mitteilung der Veranstalter. "Den langjährige Aufbau einer reichhaltigen, diversen, vielfältig beeinflussten Kulturlandschaft als Ausdruck einer freien, pluralistischen Gesellschaft sehen wir akut gefährdet. Grenzen werden geschlossen, die Zahl rassistischer und antisemitischer Übergriffe steigt in der Krise, Rechte erobern wieder öffentliche Räume."

Dieser Entwicklung wolle man sich auch in diesem Jahr entgegenstellen - und den Freunden der Kreuzberger Kultveranstaltung ein virtuelles Ersatzprogramm bieten: Als Medienpartner des Karnevals streamt der rbb am Pfingstmontag ab 14 Uhr Impressionen des Karneval der Kulturen aus den vergangenen 24 Jahren. 

Sommerliche Temperaturen und rund eine Million Besucher

Sendung: rbb Fernsehen, 01.06.2020, 14 Uhr

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Beitrag von Roberto Jurkschat

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6 Kommentare

  1. 6.

    Wegen einer solch wunderschönen Veranstaltung, werden die meisten Kreuzberger*innen sich von den wenigen, die alles und jedes nur schlechtreden auf gar keinen Fall beeindrucken lassen. Freue mich aufs nächstemal. Bin dann wieder dabei.

  2. 5.

    Natürlich haben die Menschen unheimlich Spaß daran in Ecken und Hausflure zu pinkeln, Flaschen zerschmeißen das überall Scherben herumliegen und man mit den Kindern vorsichtig sein muss, Haustüren aufbrechen um zum kotzen auf den Hof zu kommen und so weiter. Der Vorschlag von @ DMBerlin ist auch gut. Weg mit dem Karneval nach Brandenburg, viel Platz, es kann gelärmt werden und es kommt auch wirklich nur der dorthin, der auch will. Wir in Kreuzberg vollen den Müll nicht mehr, Es reicht! Ist doch nur noch ein Kommerzfest bei der die Bevölkerung völlig außer Acht gelassen wird.

  3. 4.

    Hallo,

    ich kann Sie so gut verstehen....das hat nichts mehr mit fröhlichen Feieren zu tun, wenn Menschen regelmäßig sich Zugang zum Hinterhaus verschaffen und da ihr Geschäft tätigen...und nicht nur pinkeln! Morgens läuft man Slalom an kaputten Flaschen und anderen Müll!

    Am Anfang des KdK war es nicht so- da war es ein Miteinander....jetzt flüchtet der Kreuzberger meistens an Pfingsten...und hofft, dass alles noch steht, wenn er zurückkommt!

  4. 3.

    Ich empfehle einfach in ein einsames brandenburgisches Dorf umzuziehen. Dort werden Sie nicht von so vielen verschiedenen lebensfrohen und fröhlichen Menschen belästigt !

  5. 2.

    Liebe Jana,
    Kreuzberg funktioniert halt anders.
    Es sind die abwechslungsreichen Menschen aller Kulturen, die Kreuzberg zu dem machen was es ist.
    Da gehört der Karneval der Kulturen einfach dazu. Die Menschen haben für zwei drei Tage großartigen Spaß.
    Dass dir deine Ruhe wichtig ist kann ich verstehen, aber zu Kreuzberg passt das nicht.
    In Tempelhof hingegen ist es schön ruhig. :)
    Viele Grüße

  6. 1.

    Ein Glück das dieser Hokuspokus wenigstens in diesem Jahr ausfällt. Unerträglich für die Anwohner der betroffenen Bereiche. Aber das interessiert ja weder Veranstalter noch Gäste.

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