Falko Liecke (CDU), Stadtrat für Jugend und Gesundheit und stellvertretender Bürgermeister von Berlin-Neukölln (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
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Interview | Infektionsgeschehen in Neukölln - "Von der Partyszene geht eine Gefahr aus"

Neukölln gehört derzeit zu den Berliner Hochburgen der Corona-Lage. Im rbb|24-Interview analysiert der zuständige Gesundheitsstadtrat Liecke, warum das so ist. Und mit welchen Forderungen er am Freitag die Gesundheitssenatorin konfrontieren will.

rbb|24: Herr Liecke, Neukölln liegt mit einer aktuellen Inzidenz von 37,9 (Stand vom Donerstag) auf Platz drei der Berliner Bezirke mit der größten Infektionsdynamik. Wie begründen Sie als Vize-Bezirksbürgermeister und Gesundheitsstadtrat diese Situation? Wo liegen in Neukölln mögliche Corona-Hotspots?

Falko Liecke: Wir haben zur Zeit in Neukölln 219 aktive Fälle mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren. Am Mittwoch waren es 18 mehr Fälle als am Tag zuvor, davor waren es 25 mehr. Dabei gibt es hier ganz gemischte Ausbruchsbereiche. Es gibt nicht den einen Hotspot, vielmehr ziehen sich die Infektionen quer durch Neukölln. Kitas sind betroffen, das Krankenhaus Neukölln, Schulen, auch das Bezirksamt. Und überall sind es nur einzelne Personen, die positiv getestet wurden. Das ist also bei uns total heterogen. Das macht es aber auch so schwierig, weil wir uns nicht fokussieren können auf einen Ort.

Nun wird Neukölln aber auch immer wieder in Zusammenhang mit illegalen Partys gebracht, gerade in der Hasenheide gab es zuletzt an Wochenenden immer wieder illegale Partys mit Hunderten Teilnehmern. Darin sehen Sie aber nicht die Hauptursache für die vielen neuen Fälle?

Nein, dass von den Partys in der Hasenheide besonders viele neue Infektionsfälle stammen, können wir nicht belegen. Das liegt aber auch daran, dass viele der Menschen dort gar keine Angaben machen, wenn wir sie fragen. Wir sind natürlich auf die Informationen der Betroffenen und ihrer Kontaktpersonen angewiesen, und wenn sie schlicht nicht sagen, ich war in der Hasenheide oder im Berghain und habe mich dort angesteckt, dann können wir das auch nicht einordnen.

Klar ist: Wir in Neukölln haben natürlich viele Partys und feiernde Menschen, aber eben kein gezieltes Ausbruchgeschehen wie zuletzt im Brauhaus Neulich, wo wir viele Infizierte aus einer Kneipe hatten. Aber wir haben grundsätzlich eine ansteigende Anzahl von Corona-Infizierten, worüber wir unbedingt mit der Gesundheitssenatorin sprechen müssen.

Denken Sie, dass das herbstliche Wetter, das Berlin nun bevorsteht, das Problem der illegalen Open Air-Partys von allein löst?

Nein, von der Partyszene geht eine Gefahr aus, und dieses Problem wird sich in der kommenden Zeit sogar deutlich verschärfen, weil sich die Menschen von draußen, wo eine geringere Ansteckungsgefahr besteht, in die Innenräume verlagern, dort die Abstände nicht einhalten, singen, tanzen, Alkohol trinken. Das wird steigende Zahlen zur Folge haben. Aber wir planen vorausschauend für die kommenden Monate, wir haben das im Blick.

Herr Liecke, der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat wie zuvor schon Gesundheitssenatorin Kalayci ein Alkoholverbot ins Gespräch gebracht. Wäre ein solches hilfreich, um den feiernden Menschen etwas entgegenzusetzen?

Ich bin gar kein Fan von einem Alkoholverbot, ich glaube das bringt nichts. Wenn der Senat das erwägt, dann muss er ein solches nicht nur in Neukölln, sondern im gesamten S-Bahn-Ring einführen. Im Ergebnis werden die Menschen das trotzdem weiter tun. Wenn sie feiern wollen, dann fahren sie auch nach Pankow. Wir können das nicht verhindern.

Und wie stehen Sie zu den Vorstößen einzelner Bezirke wie Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf, Restaurants für die Außenbereiche die eigentlich verbotenen Heizpilze ausnahmsweise zu genehmigen? Wird Neukölln dem folgen?

Ich bin da nicht die Entscheidungsgewalt, aber politisch unterstütze ich Heizpilze sehr. Wenn wir das zulassen, helfen wir der Gastronomie über die Durststrecke der kalten Jahreszeit und bieten ihr damit auch eine wirtschaftliche Überlebenschance. Hinzu kommt, dass die Infektionsgefahr im Freien einfach geringer ist als in geschlossenen Räumen. Ich fände es gut, wenn auch Neukölln das genehmigen würde.

Herr Liecke, wie steht es um private Feiern, um Hochzeiten, die in Ihrem Bezirk ja gerne auch mal in sehr großem Umfang gefeiert werden? Gab es zuletzt in diesen Bereichen ein starkes Infektionsgeschehen?

Nein, bisher gar nicht, da gab es keine Auffälligkeiten. Aber ich denke, dass das kommen kann, und da müssen wir vorbereitet sein. Wir wollen das an die Inzidenz knüpfen. Wenn die einen bestimmten Wert überschreitet, zum Beispiel 50, dann müssen limitierende Maßnahmen greifen. Das muss so in der Berliner Verordnung stehen, und das versuche ich auch am Freitag beim Treffen mit Gesundheitssenatorin Kalayci durchzusetzen.

Grundsätzlich ist es wichtig, für private Feiern die Infektionsschutzverordnung hier in Berlin anzupassen und die Teilnehmerzahl zu limitieren. Da schauen wir auch nach München und sagen ebenso: Auf privaten Feiern sollten außen maximal 50 Gäste möglich sein dürfen, in geschlossenen Räumen höchstens 25. Daneben muss bei Feiern eine Anwesenheitsdokumentation verpflichtend sein, es muss Bußgeldtatbestände geben. Wir müssen den Menschen klar machen, dass man das nicht auf die leichte Schulter nehmen darf!

Sie waren ja beim Treffen am Dienstag mit Gesundheitssenatorin Kalayci dabei. Was genau wurde da beschlossen? Und mit welchen Erwartungen gehen Sie in das Treffen am Freitag mit Frau Kalayci? Welche konkreten Maßnahmen müssen ergriffen werden?

Wir haben am Dienstag gemeinsam verabredet, die Partyszene mehr ins Auge zu fassen und eine abgestimmte Kontrollstrategie zu entwickeln. Jetzt müssen wir das aber auch mit Leben füllen. Wir brauchen dafür deutlich ausgeweitete Kontrollmöglichkeiten. Neben der Polizei müssen Ordnungsamts- und Gesundheitsamtsmitarbeiter in allen drei Innenstadtbezirken nicht nur Clubs, sondern auch die Gastronomie und Partys strenger und intensiver kontrollieren, wir brauchen hier systematisierte Kontrollaktionen.

Wir müssen am Freitag mit der Senatsinnenverwaltung besprechen, wie wir Task Forces bilden können, um den Kontrolldruck zu erhöhen. Wir müssen wie schon gesagt die Berliner Infektionsverordnung verschärfen, also strengere Obergrenzen einführen, auch bei privaten Zusammenkünften. Auch bei der Frage von Öffnungszeiten der Gastronomie brauchen wir eine berlinweite Lösung, das können nicht wir Bezirke allein entscheiden.

Zudem brauchen wir eine Aufklärungskampagne im Internet, im Social Media-Bereich, um jüngere Menschen für die Problematik zu sensibilisieren. Da braucht es auch prominente Werber und Vorbilder, vielleicht würde sich ja zum Beispiel Dr. Motte dafür anbieten.

Kurzum: Wir müssen grundsätzlich bei privaten Feiern die Zügel anziehen, und zwar maßvoll. Dann denke ich auch, dass wir diese Pandemie gut überstehen können.

Herr Liecke, haben Sie schönen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Frank Preiss

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33 Kommentare

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  1. 33.

    'Jo, und das heißt nun, da man weder weiß, ob eine Maske schützt oder nicht, dass man sie nicht tragen soll?'
    Freiwillig gerne, verordnet nein. Sollte klar sein.

    'Was man vor allem weiß, ist, dass keine Maske, auf jeden Fall keine Wirkung zeigt.'
    Kein Aluhut zeigt auch keine Wirkung. Setzen Sie einen auf?

    'Also: Masken auf!'
    Jedem sein Fetisch.

  2. 32.

    Die meisten fassen die Maske sonstwie an, nur nicht wie es richtig ist. Neulich hab ich einen gesehen, der trug sie als Sonnenschutz auf der Glatze.


    Clubs auf? Aber sofort, und mit ordentlchen und überwachten Regeln!
    Den ganzen Sommer hätte man draußen Veranstaltungen durchführen können, Tempelhofer Feld oder Olympiastadion bieten viel Platz. Ab November kommt TXL dazu. Ein Partyverbot wird nie funktionieren.

    Der Haken: die ParfyPeople haben 6 Monate gelernt, dass es draußen auch schön ist und viel billiger dazu. Ob die jetzt so schnell wieder in die Clubs zurückkehren?

  3. 31.

    Als prominentes Vorbild für die jüngere Generation eignet sich ganz bestimmt der 60jährie Dr. Motte. Super Vorschlag!

  4. 30.

    Ja, Tschuldigung, da es beim Thema Masken offenkundig verschiedene Aussagen gibt, schalte ich lieber mein eigenes Gehirn ein.
    Wenn sie Corona am Finger haben und die Maske außen anfassen oder am Bügel sollte nichts passieren. Die Viren springen ja nicht in den Mund.
    Ich finde, die Clubs und Bars sollten schon deshalb wieder öffnen mit Maskenpflicht und Abstandsregeln, damit dieses Chaos Fr-So auf den Straßen aufhört. Es ziehen nur noch grölende Horden durch die Stadt.
    Clubs auf.
    Regeln her.
    Lüftung an.
    Security kassiert Verstöße ab - direkt Bar oder von EC-Karte.
    50% geht an die Betreiber.
    50% an Klinikpersonal.
    Alles zumachen schafft derart viel Agressivität.

  5. 29.

    Einfach mal die Leute beobachten (nein, nicht die PartyPeople). Was fällt auf? Wird keine Maske getragen, z.B. draußen auf dem Wochenmarkt oder in der Schlange am Eisstand, halten die Leute grösstenteils ordentlich Abstand. Wird aber Maske getragen, z.B. im Supermarkt, ist ausreichend Abstand meist Fehlanzeige. Wurde ja auch immer gepredigt "Maske schützt".

    Also schürt die Maske wohl instinktiv eine Sicherheit, die sie möglicherweise nicht bieten kann. Da die Leute aber näher zusammenstehen verkehrt sich der propagierte Nutzen dann möglicherweise ins Gegenteil.

    Dazu kommt dann noch die Art und Weise, WIE sie benutzt wird. 20x pro Stunde auf und ab, Kinn- und Ellbogendekoration, liegt irgendwo in der Ecke rum, ständig geht man mit den Fingern ran etc... Somit führt man sich zwangsläufig weitere Viren und Bakterien direkt vor Mund und Nase.

  6. 28.

    "Man muss nur klar denken:
    Masken unterbinden Infektionsketten:
    Nicht jede, nicht zu 100%.
    Aber da offenkundig die Höhe der Viruslast bei der Übertragung wichtig ist, sind Masken eine Art alte Haustürkette, die den ungebetenen Gast bremst."

    Diese Annahme wurde bisher nicht bestätigt und ist daher reine Spekulation.

  7. 27.
    Antwort auf [Jörg] vom 25.09.2020 um 14:53

    Liegt auch manchmal an der Internetseite.
    Sie müssen prüfen, ob die Bestätigung am Ende des Beitrages erscheint.
    Eig. finde ich den rbb noch ganz ausgewogen, wenngleich auf der Linken Seite meiner Meinung nach doch recht viele Netiquette-Verstöße durchgewunken werden.
    Aber was soll's: Gehört zur Meinungsfreiheit dazu.
    Ich finde, man muss sich auch mal was sagen dürfen.

  8. 26.

    Belegbare Zahlen auf den Tisch.
    Wie ich schon einmal schrieb,ich denke an Tankstellen infizieren sich mehr Menschen als in einer Kneipe.

  9. 25.

    sehr richtig, das habe ich im Streik-Blog auch schon kommentiert.

  10. 24.

    Jo, und das heißt nun, da man weder weiß, ob eine Maske schützt oder nicht, dass man sie nicht tragen soll? Was man vor allem weiß, ist, dass keine Maske, auf jeden Fall keine Wirkung zeigt. Also: Masken auf!

    Wie wurde die Maskenpflicht im Spanien durchgesetzt, wie wurde sich dran gehalten?
    Was ist ihr Problem an einer kleinen Maske?

  11. 23.

    Im Sommer gab es in Berlin eher ein auf und ab der Zahlen.....nun steigen sie .....
    Geht man davon aus das sich die Leute gesagt haben .....im Sommer draußen ist unschön warten wir bis es kalt und nass wird ....und dann alle ab zum Feiern ..... glaub ich nicht so wirklich dran.

  12. 22.

    Von Verdi wohl auch!!

  13. 21.

    Man muss nur klar denken:
    Masken unterbinden Infektionsketten:
    Nicht jede, nicht zu 100%.
    Aber da offenkundig die Höhe der Viruslast bei der Übertragung wichtig ist, sind Masken eine Art alte Haustürkette, die den ungebetenen Gast bremst.
    Allerdings mache ich mir auch etwas Sorgen, ob die verbrauchte feuchte Luft gut für mich im Winter gut ist.
    Allerdings trage ich lieber eine Maske als an Corona zu ersticken.
    Masken sind aber nicht der Hauptgrund für die gute Lage in Deutschland.
    Deutschland kennt Winter.
    Deutschland impft sich.
    Training was auch gegen Corona hilft.
    Ich denke dies in Kombination mit dem Gesundheitssystem sind die Schlüssel zum "Erfolg".

  14. 20.

    Und das komische an der Sache:

    Die Politik verordnet Maskenpflicht weil Masken ja (zumindest andere) schützen.

    Herr Drosten bezeichnet eine Wirksamkeit der Alltagsmasken als reine Spekulation und nimmt eben dies als Argument dafür, dass die erklärte Pandemische Lage nicht aufgehoben werden soll.

    Der Widerspruch ist doch offensichtlich.

    Und wie gesagt, schauen wir nach Madrid. Strikte und weitgehende Maskenpflicht auch draußen seit Juli. Resultat???? Nicht erkennbar.

  15. 19.

    Hab ich nicht selbst gefunden, war ein anderer Kommentator in einem anderen Beitrag

    Oben auf der Seite ist ein Videomitschnitt, ab 8:18 gehts um die Masken

    https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw37-pa-gesundheit-corona-709474

  16. 18.

    Von der Partyszene geht die Gefahr aus, ja klar und die Öffis streiken am Dienstag!! Wie nennenSie das denn?? Eine Frechheit von Verdi.

  17. 17.

    Ich lach mich kaputt, wie sich die Partyszene hier gebährdet, es stimmt also, die haben sich gerade als Schuldige geoutet.

  18. 14.

    Ein sicheres Zeichen, dass Sie sich überhaupt nicht informiert haben und deshalb nichts verstehen. Oder umarmen Sie in Bus und Bahn alle Mitfahrenden, sind mit denen grölend und saufend über längere Zeit in der Bahn?

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