Schüler und Schülerinnen sitzen während der Deutsch-Abitursprüfung mit dem vorgeschriebenen Abstand zueinander in der Sporthalle eines Gymnasiums vor ihren Prüfungsaufgaben. (Quelle: dpa/Felix Kästle)
Bild: dpa/Felix Kästle

Interview | Bildungsforscher Kai Maaz zu Lernrückständen - "Ich würde nie von einer verlorenen Generation sprechen"

Vier der vergangenen elf Monate waren die Schulen in Berlin und Brandenburg geschlossen. Welche Folgen hat das für die Schülerinnen und Schüler? Welche Defizite haben sich entwickelt? Bildungsforscher Kai Maaz hat sich damit sich intensiv beschäftigt.

rbb: Herr Maaz, wie groß sind die Lerndefizite?

Kai Maaz: Das können wir noch nicht genau sagen, weil wir keine verlässlichen Daten haben, weder für die gesamte Republik noch für Berlin und Brandenburg. Was wir aber aus internationalen Studien wissen ist, dass allein die acht Wochen Schulschließung im letzten Jahr zur Verlangsamung der Lernraten geführt haben, dass sich Lernrückstände entwickelt haben und dass diese unterschiedlich ausfallen.

Bei leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern und auch bei solchen aus sozial benachteiligten Familien sind diese Rückstände größer. Wenn die Ergebnisse der internationalen Studien auch auf Deutschland zutreffen – und ich wüsste nicht, warum das nicht so sein sollte – dann wird sich die Leistungsheterogenität in den Schulklassen und in den Lerngruppen nach der Pandemie vergrößern.

Lassen sich die Rückstände aufholen?

Ich denke schon. Aber wir müssen dafür sicherlich auch Geduld mitbringen. Da hilft es meines Erachtens auch nicht, Schuljahre zu wiederholen oder zu verlängern – eine Forderung, die man gegenwärtig häufiger hört. Denn aufgrund der großen Heterogenität wird es durchaus viele Schülerinnen und Schüler geben, die so gut wie keine Beeinträchtigung haben. Manche von ihnen haben möglicherweise sogar von der individuellen 1-zu-1-Betreuungssituation zu Hause profitiert und sich positiver entwickelt als unter normalen Bedingungen. Ich würde auch nie von einer verlorenen Generation sprechen.

Wie ist das bei Erstklässlern? Wenn bei den Grundlagen bereits Defizite auftreten, kann das nachgeholt werden?

Die Frage kann man, glaube ich, ebenfalls nicht pauschal beantworten. Auch hier wird sich eine große Heterogenität zeigen. Im Übrigen wird aber auch gar nicht erwartet, dass Erstklässlerinnen und Erstklässler nach dem Ende der ersten Klasse perfekt lesen können. Das ist etwas, was sich im Verlauf der ersten drei Schuljahre entwickelt. Es braucht nun vielleicht ein bisschen mehr Geduld und Flexibilität, um bestimmte Lernziele zu erreichen. Eventuelle Lernrückstände lassen sich aber auf jeden Fall noch aufholen.

Eine zentrale Forderung der von Ihnen geleiteten Expertenkommission ist, dass möglichst schnell die Lernstände der Schülerinnen und Schüler erfasst werden. Wie soll das praktisch laufen?

Es gibt ja auch in Berlin und Brandenburg in den verschiedenen Jahrgangsstufen die Verfahren der Lernstandserhebung. Die sind in meinen Augen auch jetzt das richtige Instrument. Dabei geht es gar nicht darum, das standardisiert über alle Schulen des Landes durchzuführen. Stattdessen sollen die einzelnen Schulen möglichst schnell Kenntnis über den individuellen Leistungsstand ihrer Schülerinnen und Schüler erhalten.

Die wirkliche Herausforderung ist aber – und da brauchen wir möglicherweise auch hier in der Region ein Umdenken –, dass die Ergebnisse stärker dafür genutzt werden müssen, den Unterricht zu verbessern. Wir müssen also überlegen: Wie kann ich Schülerinnen und Schüler mit bestimmten Lernrückständen besser fördern? Welche Angebote habe ich? Was halten die Landesinstitute an didaktischen Materialien und an Fördermöglichkeiten bereit?

Insgesamt müssen wir Diagnose und Förderung viel mehr als Einheit denken und miteinander verbinden. Das wird sich sicherlich kurzfristig nicht perfekt umsetzen lassen. In manchen Bundesländern gibt es hierzu aber schon einen größeren Erfahrungsschatz, wovon auch die anderen profitieren können. Dort wird das Ganze als Chance wahrgenommen und nicht als ein Kontroll- und Evaluationsinstrument.

Müssen wir die Lehrpläne kürzen?

Ich glaube, wir können jetzt mitten im Schuljahr nicht die Frage klären, ob wir die Lehrpläne einkürzen müssen. Das wäre nicht zielführend. Um kompetenzorientierten Unterricht auch unter den jetzigen Rahmenbedingungen zu ermöglichen, könnten wir aber schon darüber nachdenken, die Quantität von Inhalten etwas zu reduzieren, ohne die Qualität und die Breite zu beschneiden.

Das heißt konkret?

Man muss sich beispielsweise fragen, wie viele Bücher gelesen oder wie viele mathematische Lehrsätze behandelt werden müssen. Ich denke, dass man hier auch mit etwas weniger auskommen und trotzdem in die notwendige Tiefe gehen kann. Denn darauf kommt es vor allem an. Es geht darum, die Qualität des Unterrichts zu sichern, und nicht darum, möglichst viele unterschiedliche Inhalte abzuarbeiten.

Haben Sie das Gefühl, dass man Ihnen in der Politik auch zuhört?

Ich denke schon, dass die Politik sehr gut zuhört. Es ist wichtig, dass jetzt an abgestimmten Gesamtstrategien gearbeitet wird. Wir sollten uns nicht nur mit der Frage befassen, wann die Schulen aufmachen, sondern auch damit, wie ein pädagogisch sinnvoll gestalteter Wechselunterricht aussieht. Es wäre auch umsichtig, die außerschulischen Bildungsträger miteinzubeziehen. Natürlich braucht es dafür Ressourcen, die man zeitnah einplanen könnte. All das sind Aspekte einer Gesamtstrategie, die langfristiger angelegt ist.

Und diese Perspektive fehlt in Berlin und Brandenburg?

Diese Gesamtperspektive fehlt meines Erachtens in ganz Deutschland noch. Wir stehen vor wirklich großen Herausforderungen, die alle gemeinsam berücksichtigt werden müssen: Abbau von Bildungsungleichheiten, Umgang mit Heterogenität in den Lernkontexten, Ausbau des qualitativen Ganztags, nachhaltige Digitalisierung unserer Bildungseinrichtungen, Sicherung des Lehrkräftebedarfs. Diese Herausforderungen wird man nicht in ein oder zwei Jahren lösen können, die brauchen einen längeren Atem. Ich finde es ein gutes Signal aus der Politik, eine solche weitreichende Strategie jetzt in den Blick zu nehmen.

Die Finanzminister werden mit den Ohren schlackern, das kostet nämlich alles wahnsinnig viel Geld.

Das kostet alles sehr viel Geld, das ist richtig. Aber es wird noch mehr Geld kosten, wenn wir die genannten Defizite nicht angehen. Insofern kann man durchaus an eine alte und vielleicht etwas plakative Formel erinnern: "Frühes Fördern ist günstiger als spätes Reparieren". Die heutigen Investitionen werden langfristig zu sehr positiven Effekten führen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Stefanie Brockhausen, Antenne Brandenburg, und Dagmar Bednarek, Abendschau.

 

11 Kommentare

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  1. 11.

    Ich glaube auch nicht, dass man pauschal von einer verlorenen Generation sprechen kann. Es ist aber Fakt, dass die Corona-Maßnahmen und der mehr schlechte als rechte Fernunterricht die Kluft zwischen guten Schülern und Schülern mit Lerndefiziten extrem verstärkt hat. Die einen werden ihren Weg trotz der Krise gehen, die anderen werden die aufgetretenen Defizite zu großen Teilen nie wieder aufholen. Das wird sich aber erst beim Versuch ins Berufsleben einzusteigen, bemerkbar machen.

  2. 10.

    Es liegt mir fern, diese Zeit schön zu reden. Und mir sind die Entbehrungen, seelischen Belastungen usw. durchaus bekannt.
    Was mich ärgert, ist die "verlorene Generation".
    Diese Sichtweise halte ich für falsch.
    Jedem Niedergang folgt ein Aufschwung, ao war es in der Geschichte der Menschheit stets und sicher bleibt es so.
    Verloren ist nichts.
    Auch hier wirkt die Evolution, das "fitteste" wird sich durchsetzen und überleben.
    Und neue Wege finden.

  3. 9.

    "Vergleichen Sie wirklich gerade die Generation, die zur Zeit des letzten Weltkrieges Kinder waren mit der heutigen jungen Generation? Ist das angemessen? "
    ??
    Nein, das ist unangemessen. Deshalb habe ich auch geschrieben. ;-) [Reinhard] hat den Vergleich angestellt.

    Aber da ich ähnliche Sätze nun schon öfter in den Kommentaren las, konnte ich mich nicht zurückhalten. Sie haben für mich als Alt-68er was von Geschichtsklitterung.

  4. 8.

    Vergleichen Sie wirklich gerade die Generation, die zur Zeit des letzten Weltkrieges Kinder waren mit der heutigen jungen Generation? Ist das angemessen?
    Meine Mutter, Jahrgang 1933, betont trotz emenser aktuellen Einschränkungen immer wieder, dass sie doch schon "ganz andere Zeiten mit wesentlich schlimmeren Entbehrungen" überstanden habe. Auch das ist eine Sicht auf die aktuelle Situation, die gewiss ihre Berechtigung hat.

  5. 7.

    Auslegungssache, was man als "verlorene Generation" bezeichnenen könnte.
    Was die Nachkriegsgeneration angeht, so gibt es zahlreiche Feldstudien des Analytikers Schultz-Hencke. Er hätte damals eher nicht von "vollwertigen Menschen gesprochen". Sein Befund war eine stark zugenehmende Zahl depressiver Charaktere und andere psychische Schäden aufgrund der auch seelisch verarmten Bevölkerung.
    Selbst mein von 5 Jahren verstorbener Vater (Jg. 1930) sprach bei sich selbst von einer "Verrohung" durch diese Jahre.
    Also quasi schönreden muss man diese Zeit nicht.

  6. 6.

    Also der Fleiß sei an dieser Stelle honoriert. Wenn der Berufsanspruch zu den Zeugnissen, Beurteilungen und der Persönlichkeit passt, sollten keine 50 Bewerbungen nötig sein. AG schätzen bei jungen Leuten einen Plan, wo man darauf hinarbeitet. Abi, Lehre statt Studium zeigt was? MSA - Lehre ist besser? Abi - Studium - Spezialisierung ist noch besser? Praktika für "umsonst" ist sehr schädlich!

  7. 5.

    Es macht mich traurig, wie tief der Blick auf die Defizite im kollektiven Bewußtsein unserer Gesellschaft verankert ist.
    Ich hoffe in unbestimmter Zukunft Artikel lesen zu dürfen, die aufzeigen, welche Chancen ein Ausbruch aus den täglichen Routinen bieten kann- Stichworte selbstbestimmtes Leben und Lernen, Entfaltung der Persönlichkeit (und zwar weg vom wirtschaftlichen Blick darauf, hin zum menschlichen)...

    Kinder leben in den meinsten Schulen dieses Landes tagaus-tagein fremdbestimmt. Wo dürfen sie überhaupt mitbestimmen (und das ist reales, demoktatisches Lernen) WAS, WANN, auf welchem Weg sie sich Wissen aneignen?

    Alle zur gleichen Zeit, den gleichen Stoff und immer schön miteinander vergleichen und bewertet werden- darüber kann ich nur den Kopf schütteln. Werden wir so die großen Herausforderungen dieses Jahrhundert tatsächlich bewältigen?

    Werft endlich die Angst über Bord !
    Beginnt zu vertrauen in die Fähigkeiten unser Kinder !!
    Lebt es vor !!!

    Mut sei mit euch !

  8. 4.

    Verlorene Generation? Ist doch noch gar nichts passiert. Ich habe 1997 meine Abi gemacht. Danach gab es trotz 50 Bewerbungen keine Lehrstelle. Also nach dem Zivildienst ins Studium. 5 Jahre später wieder 50 Bewerbungen, aber kein Job. Also kostenslose Praktika. Am Tag 8h kostenlos in Unternehmen geschuftet und nachts kellnern oder frühmorgens Zeitungen austragen um sich den lebensunterhalt zu verdingen. So ging es meinem halben Studienjahr. Nach 2 Jahren war die Luft bei mir raus und ich ging für 12 Jahre in die Schweiz. Jetzt hat sich zwar vieles geändert, aber wenn jemand hier in BB von Fachkräftemangel spricht, bekomme ich immer noch einen Hals! Die jetzige Abi-Generation muss sich überhaupt keine Sorgen machen.

  9. 3.

    "von einer verlorenen Generation"
    Man oh man, Jammern auf höchstem Niveau.
    Was ist mit Denen, die 45 eingeschult wurden, als alles in Trümmern lag und die Väter zum Teil noch in Kriegsgefangenschaft waren ?
    Wurden die zur verlorenen Generation oder zu den Gründern unserer heutigen Wirtschaft und Wohlstandes, zu vollwertigen Menschen, oder nicht ?
    Ich kann das Klagen nicht mehr hören.

  10. 2.

    Schön das Herr Maaz hier öffentlich zu Wort gekommen ist. Solch solide Aspekte kommen ein bisschen zu kurz, sind aber nötig, um eine, manchmal aufgeheizte emotionale Stimmung "abzukühlen". Das kann auch hier im Forum klären, wer für was zuständig ist. Es berücksichtigt sowohl die starken Schüler als auch die mit Förderbedarf. Die Bildungsverwaltung ist nun auf dem Weg? Die Elternschaft ist ja mit sehr unterschiedlichen Standpunkten "unterwegs", je nach ...

  11. 1.

    Dieses ganze homeshooling funktioniert nur, wenn von Dritter Seite Druvk und Kontrolle besteht. Dieses fakultative rumlernen seit fast einem Jahr ist Frustration pur.
    In dem USA haben die Schüler auch homeshooling aber mit Konzept. Mit virtuellen Klassenräume und FESTEN Hausaufgaben und Abgabeterminen und zu jedem Sachverhalt gibts ZUSÄTZLICH ein Lernvidio erstellt und Erklärt vom betreffenden Lehrer.

    Alle junge Menschen und die brauchen Druck und Grenzen, sonst Lottern sie rum. Klar, die Politik setzt auf unsere verantwortungsvollen jungen Leute, die wissen worauf es im Leben ankommt. Nichts wissen die junge Leute. Woher soll die Motivation kommen.
    Ich brauche doch nur mich selbst anzusehen. Ich frühstücke mit meinem beiden kindern in Schlafsachen, meine Tochter hat das Wohnzimmer erobert und mein Sohn ist ins Elternbett eingezogen, weil er so bis acht schläft. Den Schlaf brauche ich, da ich bis in die Nacht arbeiten muss. Regel....das war gestern!!!

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