Corona-Hygienevorgaben - Wie Berliner Schulen die Abiturprüfungen durchführen wollen

Di 07.04.20 | 18:30 Uhr | Von Ute Schuhmacher
  19
Symbolbild: SchülerInnen bei der Abiturprüfung. (Quelle: dpa)
Bild: dpa

Am 20. April sollen in Berlin die ersten Abiturprüfungen geschrieben werden. Das verlangt in Corona-Zeiten besondere Vorschriften: maximal zehn Schüler pro Raum, Handschuhe, Abstandsregeln. Noch fehlt manchen Schulen das Desinfektionsmittel. Von Ute Schuhmacher

Was Sie jetzt wissen müssen

Los geht es mit Latein. Alle Berliner mit Leistungskurs Latein schreiben nach bisherigem Stand am Montag, 20. April, ihre Abiturklausur.

So einfach wie das klingt, ist das in Corona-Zeiten natürlich nicht. Abiturienten und Lehrer müssen unter anderem sicherstellen, dass die Abstandsregeln von mindestens 1,5 bis zwei Metern in jedem Moment eingehalten werden. Das betrifft das "Guten Tag"-Sagen genauso wie die Abgabe der Arbeit.

Den Schülern wird gesagt, in welchem Zeitfenster sie in die Schule kommen müssen. Es dürfen nicht mehr als zehn Schüler gleichzeitig in einem Raum sein. Jeder darf nur seine eigenen Stifte und anderen Arbeitsmaterialien benutzen. Wer fertig ist mit der Prüfung, muss direkt nach Hause gehen.

Handschuhe tragen bei der Übergabe der Abituraufgaben

Die Liste der Verbote und Gebote ist lang. Die Abiturienten des Spandauer Hans-Carossa-Gymnasiums können sie sich online ansehen. Bevor es mit der Abiturprüfung losgeht, müssen sie unterschreiben, dass sie sich verpflichten, alle Regeln einzuhalten. Außerdem unterschreiben sie, dass sie nicht unter Quarantäne stehen und in ihrem Kontaktbereich auch kein Fall von Covid-19 besteht. Für alle minderjährigen Abiturienten müssen die Erziehungsberechtigten das Schreiben unterzeichnen.

Trotz der vielen neuen Regeln rund um die Abiprüfungen ist der Schulleiter des Hans-Carossa-Gymnasiums, Henning Rußbült, gelassen. Das könne man alles gut organisieren, sagt er.

In seiner Schule werden sie die große Sporthalle für die Abiturprüfungen nutzen. Da kann maximaler Abstand sichergestellt sein, können die Tische weit auseinander stehen. Die Prüfungsaufgaben werden in Umschlägen direkt auf die Tische gelegt, bevor die Prüflinge hereinkommen. "Wir werden darauf achten, dass auch bei der Übergabe der Arbeiten Schutzmaßnahmen getroffen und Handschuhe getragen werden", sagt Henning Rußbült. Das lasse sich alles organisieren. Er sehe den Abiturprüfungen, was diese Auflagen angehe, gelassen entgegen.

Noch fehlen ihm allerdings Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe. Da ist er noch mit der Schulaufsicht im Gespräch. Der Sprecher der Vereinigung der Oberstudiendirektoren in Berlin, Ralf Treptow, berichtet von Schulträgern, die sich nicht in der Lage sehen, zur Abiturprüfung genug Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe zur Verfügung zu stellen.

Anm. d. Redaktion: Als Reaktion auf diesen Beitrag hat sich bei dem Schulleiter inzwischen eine Ärztin gemeldet. Sie ist die Mutter eines ehemaligen Schülers. Sie hat angekündigt dem Hans-Carossa-Gymnasium die nötigen Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung zu stellen. Damit wäre zumindest für die Schule dieses Problem gelöst.

Attest per Telefonanruf

Ralf Treptow ist selbst auch Direktor, er leitet das Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow. Er habe für seine Schule genug Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe – durch Zufall, sagt er.

Die Abiturprüfungen dieses Jahr sieht er trotzdem kritisch. Da sind unter anderem die neuen Vorschriften zum Gesundheitszustand der Abiturienten: Die Schulen sind dieses Jahr nämlich verpflichtet, Abiturienten von der Prüfung auszuschließen, die beispielsweise innerhalb der vergangenen 14 Tage aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Außerdem dürfen keine Schüler mitschreiben, die Kontakt zu Rückkehrenden oder Covid-19-Infizierten hatten, Erkältungssymptome haben, zu einer Risikogruppe gehören oder mehr als 37 Grad Körpertemperatur haben.

"Das ist eine ganz andere Auslegung des Prüfungsrechts als bisher", sagt Ralf Treptow. "Bisher wurde der Kandidat gefragt, ob er sich gesundheitlich in der Lage fühlt. Und dann hatte er an der Prüfung teilzunehmen." Wenn nicht, musste er ein ärztliches Attest vorlegen. Das muss bei diesem Abitur auch sein, wenn man aus gesundheitlichen Gründen eine Klausur nicht mitschreiben kann. Allerdings ist es aktuell leicht, so ein Attest auch telefonisch zu bestellen.

Fünf Prüfungen für ein reguläres Abitur

Wer eine Abiturklausur verpasst, muss nachschreiben. Dafür gibt es auch in diesem ungewöhnlichen Jahr Nachschreibetermine. Weil durch die Corona-Krise aber schon Abiturprüfungen verlegt wurden, die eigentlich vor den Osterferien hätten stattfinden sollen, gibt es deutlich weniger Spielraum als normalerweise.

Außerdem beginnen in Berlin die Sommerferien schon Ende Juni. Auch deshalb gibt es nicht viel Zeit zum Ausweichen. "Die Gefahr besteht natürlich, dass wir am Ende der Prüfungszeit keine komplette Durchprüfung des Jahrgangs haben werden", sagt Schulleiter Treptow.

Abiturienten, die nicht alle fünf Abiturprüfungen ablegen, hätten allerdings kein reguläres Abitur. Dieses Risiko sieht auch der Schulleiter des Hans-Carossa-Gymnasiums. Henning Rußbült sagt, er finde es trotzdem richtig, auch in diesem Jahr zu versuchen, die Abiturprüfungen regulär abzunehmen. Sollte das in Einzelfällen nicht gelingen, müsste dafür eben eine Lösung gefunden werden.

Berücksichtigung von Wissenslücken

Rußbült sieht derweil nach eigener Aussage seine Schüler auf das Abitur gut vorbereitet, auch wenn ihnen knapp drei Wochen Unterricht in der Schule fehlen: Sie hätten davor drei komplette Semester und noch einige Wochen mehr ganz normalen Unterricht gehabt, der für das Abitur relevant sei, sagt er.

Im Übrigen wissen die Lehrerinnen und Lehrer, dass die Abiturienten möglicherweise das eine oder andere im Unterricht nicht hatten. Das wiederum könne bei der Korrektur der Abiturklausuren berücksichtigt werden, sagt Rußbült: "Das kann man im Erwartungshorizont zur Klausur entsprechend ausweisen. Dann ist sowohl eine Vergleichbarkeit der Arbeiten gegeben als auch ein gerechtes Korrigieren."

Sendung: Inforadio, 07.04.2020, 16:30 Uhr

Kommentarfunktion am 08.04.2020, 23.25 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

Beitrag von Ute Schuhmacher

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren