Berliner Polizei am Limit - Gewerkschaft kritisiert massive Doppelbelastung durch Selenskyj-Besuch und EM

Mo 10.06.24 | 11:12 Uhr
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Pro-ukrainische Aktivisten protestieren mit ukrainischer Flagge unter Polizeischutz gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine (Quelle: dpa/Olaf Schülke)
Audio: rbb24 Inforadio | 11.06.2024 | Jenny Barke/Benjamin Jendro | Bild: dpa/Olaf Schülke

Public Viewing und internationale Spiele: Die Fußball-EM wird ein Großereignis, das auch die Polizei fordert. Dass zwei Tage vorher noch eine hochrangige Ukraine-Konferenz stattfindet, sorgt bei Gewerkschaftssprecher Benjamin Jendro für Unverständnis.

Zur Person

Standbild: Benjamin Jendro, Vertreter der Gewerkschaft der Polizei Berlin, im Interview mit rbb aktuell (Quelle: rbbaktuell)
rbbaktuell)

Benjamin Jendro ist seit 2016 Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP). Er hat in Potsdam Germanistik studiert und zuvor als Polizeireporter für "Bild" und "B.Z." gearbeitet.

rbb: Was halten Sie aus der Perspektive der Gewerkschaft der Polizei (GDP) von der Entscheidung, die Ukraine-Wiederaufbaukonferenz nach Berlin zu verlegen?

Benjamin Jendro: Grundsätzlich ist eine Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine natürlich ein wichtiges internationales Thema, insbesondere angesichts des noch andauernden Krieges. Berlin strebt eine Position als globaler Player an, was wir verstehen. Aber am Freitag, den 14.6. beginnt hier die Fußball-Europameisterschaft, was ohnehin schon massive Auswirkungen auf die Sicherheitsvorkehrungen in Hauptstadt hat. Um mal einige Stichworte zu nennen: Fanmeile, Fan-Treffs und Internationale Spiele in Berlin.

Eine solche internationale Konferenz dann zwei Tage vorher stattfinden zu lassen, zeigt für mein Empfinden wenig Verständnis auf politischer Ebene für die Sicherheitsvorkehrungen, die getroffen und von der Berliner Polizei umgesetzt werden muss.

Es erfordert viele Einsatzkräfte, wenn mehrere Dutzend Staatsgäste nach Berlin kommen, darunter möglicherweise auch gefährdete Personen. Das tägliche Versammlungsgeschehen mit Nahostbezug hält die Berliner Polizei ohnehin schon seit Monaten auf Trab.

Was muss die Berliner Polizei alles leisten? Ausländische Politiker reisen ja mit ihrer eigenen Entourage an.

Natürlich haben Staatsgäste Personenschützer und Eskorten dabei. Aber klar ist, dass die örtliche Sicherheitsbehörde, also die Polizei Berlin in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei, gewährleisten muss, dass der Staatsgast auch gesund wieder nach Hause kommt. Das bedeutet, dass man sich um Versammlungslagen kümmern, die Orte und Wege absichern muss.

Unsere Kolleginnen und Kollegen eskortieren Personen durch die Stadt, schützen Hotels und die Konferenzorte und bereiten sich auf alle Eventualitäten vor. Man kann nicht einfach nur einen Funkwagen hinstellen, weil auch Terroristen diese Bühne nutzen könnten. Es kommen mehrere Staatsgäste aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Gefährdungsstufen.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeit der Kräfte, die auch während der Europameisterschaft noch gefordert sind?

Die Polizei Berlin arbeitet bereits seit der Vergabe intensiv an den Vorbereitungen für die Europameisterschaft. Die hohe Belastung, insbesondere durch die zusätzliche Sicherheitskonferenz, führt aber zu einem Mangel an Ruhephasen für die Beamten.

Die Polizeiführung hat eine weitreichende Urlaubs- und Dienstausgleichssperre verhängt. Unsere Bereitschaftspolizei bleibt im Dauereinsatz und arbeitet teilweise 60 Stunden pro Woche. Das ist extrem belastend.

Vielleicht müssen wir auch mal darüber reden, dass wir bestimmte Sachen nicht gewährleisten können - und eine Versammlung dann auch mal nicht stattfinden kann

Benjamin Jendro - Sprecher der Gewerkschaft der Polizei in Berlin

Werden nur Beamte aus Berlin bei der Sicherheitskonferenz zur Ukraine tätig sein?

In Berlin haben wir 17 Einsatzhundertschaften, dazu können die örtlichen Polizeidirektionen noch Alarmhundertschaften aufstellen. Das macht 22 Hundertschaften, was aber nicht ausreichen wird. Wenn Dutzende Staatsgäste kommen, benötigen wir zusätzliche Kräfte aus dem Bundesgebiet.

Auch die Bundespolizei und andere Länder müssen also unterstützen. Man muss ehrlich sagen, in anderen Bundesländern haben sie vielleicht drei große Versammlungen im Jahr. Wir haben hier in Berlin an einem Wochenende schon fünf. Und das wiederholt sich jedes Wochenende. Wir haben mittlerweile bis zu 7.000 größere Veranstaltungen und Versammlungen in Berlin. Vielleicht müssen wir auch mal darüber reden, dass wir bestimmte Sachen auch nicht gewährleisten können - und eine Versammlung dann auch mal nicht stattfinden kann.

Also ist die Freude vor der Europameisterschaft getrübt?

Wir haben hier wahrscheinlich zwei Millionen Menschen, die in diese Stadt kommen. Die kommen ja nicht nur her, um sich ein Fußballspiel anzugucken. Die bleiben dann auch hier. Das heißt, auch im gesellschaftlichen Leben wird etwas passieren und sich verändern.

Eigentlich wäre es schön gewesen, unsere Kolleginnen und Kollegen hätten sich in den Wochen vor der Europameisterschaft schon mal ein Stück weit ausruhen und mental vorbereiten können. Das klappt aber nicht. Die EM ist also ein schönes Großereignis, auf das sich jeder freut. Berlins Polizisten freuen sich darauf nicht, weil sie daran nicht wirklich teilhaben können.

Hat der Messerangriff in Mannheim die Sorgen aufseiten der Polizei noch weiter wachsen lassen?

Ja, der Messerangriff in Mannheim hat für große Sorge gesorgt. Jeder weiß, dass ein scheinbar banaler Einsatz wie eine Ruhestörung oder häusliche Gewalt tödlich enden kann. Polizisten müssen immer vorbereitet sein, weil Einsätze im Grunde immer unkalkulierbar sind.

Von daher ändert das jetzt erstmal nichts daran, aber natürlich schwingt es bei jedem Kollegen mit. Abgesehen davon, dass wir zur Europameisterschaft auch von der Gefahr durch Hooligans sprechen, geht die größte Gefahr immer von völlig unberechenbaren Einzeltätern aus. Irgendwo kann jemand loslaufen und alles verändern. Ja, das schwingt jetzt mit und deswegen haben wir jetzt schon viel Schweiß auf der Stirn, wenn wir an die Europameisterschaft denken.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass nach dem Finale mit Deutschland als Europameister dann alle auch ordentlich durchatmen werden und sagen können: "Puh, wir haben es geschafft."

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jenny Barke. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.

 

Sendung: rbb24 Inforadio, 11.06.2024, 6:45 Uhr

 

46 Kommentare

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  1. 46.

    Wie ich ja schon geschrieben habe, alles wieder zurück nach Bonn. Wir Berliner brauchen weder Bundestag noch Bundesregierung und schon gar nicht diese lästigen Staatsbesuche in unserer Stadt.

  2. 44.

    Dann sagen wir doch einfach die EM ab!!

  3. 43.

    Das interessiert der Politik eben so wenig wie Arbeitnehmer mit dem ÖPNV zur Arbeit kommen. Die starken Einschränkungen im ÖPNV wurden schon beim letzten Besuch kritisiert, selbst von der DB. Die Wirtschaft sollte der Regierung die Schäden durch den Besuch mit auf die Rechnung schreiben. Jeder Fragt sich muss so etwas mitten in Berlin sein!? Sind andere Orte nicht besser geeignet, auch Sie im Sinne der Behörden abzusichern ? Was soll der ganze Quatsch mit massiven Einschränkungen für die Bürger dieser Stadt? Ist das überhaupt noch verhältnismäßig?

  4. 42.

    "unser Senat als oberste Regierung von Berlin hätte als Bundesland, in dem dieser Zirkus stattfinden soll, ja mal ein Veto einlegen können, oder? DAS hat der Senat damit zu tun."
    Eben genau DAS - nämlich nichts. Der Bund lädt, hier in Zusammenarbeit mit der EU, zu einem außenpolischen Treffen. Der Schutz der Teilnehmer obliegt den Polizeien der jeweiligen Länder und der Bundespolizei. Da kann und wird kein Landesfürst gegen aufbegehren. Dies führt ohne Frage zu einer erheblichen Belastung der örtlichen Einsatzkräfte und auch zu einer Belastung in der Bevölkerung. Nun ist Berlin aber Bundeshauptstadt und hat entsprechende Örtlichkeiten für diese Events auf Tasche. Daran wird sich eher nichts ändern. Art 22 GG führt aus: Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ist Berlin. Die Repräsentation des Gesamtstaates in der Hauptstadt ist Aufgabe des Bundes. ...
    Weiteres finden Sie im Einigungsvertrag, dem Umsetzungsbeschluß und dem Gesetz Berlin/Bonn.

  5. 41.

    Für 2 Tage findet die Ukraine-Wiederaufbaukonferenz statt. Viele hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus In -und Ausland werden erwartet. Warum muss für alles Berlin/ Deutschland herhalten. Es gibt genügend EU- Länder die von den Straßenblockaden usw. davon geschützt bleiben. Der Präsident der UKR hält eine Rede vor dem deutschen Bundestag. Die kann einer sich anhören muss aber nicht. Es wird von Wiederbau gesprochen? Der UKR- Krieg wie lange geht der noch? Die Schäden der Zerstörung an Leib und Seele, wie lange verträgt es die deutsche Bevölkerung noch wegen den Kosten die immer höher werden. Deutschland kann deswegen finanziell gerupft werden bis in die weite Zukunft? Was Selenskyj sich wünscht wird gegeben? Die Rede im Bundestag entspricht die ganz der Meinung aller Deutschen? Warum nicht eine Rede durch Video, dazu braucht keiner den überlasteten Polizeischutz in Berlin, was die Bevölkerung überfordert. Die EM beginnt ebenfalls.


  6. 40.

    "Reicht es nicht, dass wir der Ukraine alles geben, was wir an Waffen und Geld aufbringen können?"
    Putin führt seinen irrsinnigen Krieg fort und mithin auch seine Zerstörungen. Das kostet Geld. Wenden Sie sich mit Ihrer Beschwerde an Herrn Putin!
    "Hunderttausende Ukrainer schmarotzen sich derzeit durch unsere Sozialsysteme."
    Kriegsflüchtlinge als Schmarotzer zu bezeichnen, ist schon reichlich armselig, finden Sie nicht? Einige sind gewiss traumatisiert oder erhalten auch nicht ohne Weiteres einen Job, so ganz ohne Sprachkenntnisse und in Deutschland anerkannte Qualifikationen.
    "Jetzt legen wir in Berlin defacto das gesellschaftliche Leben lahm, und das nur wegen eines Mannes."
    Genau: wegen Herrn Putin! Wenn Sie sich also beschweren wollen, siehe oben.
    "Was will der hier? Uns noch weiter in Richtung 3.Weltkrieg mit reinziehen?"
    Nein, aber er wird auch für Sie weiterkämpfen, damit Sie weiterhin sicher, bequem und in Frieden ihre abfälligen Hetzkommentare schreiben können.

  7. 39.

    Zurecht wird das von der Gewerkschaft kritisiert
    Die Polizei ist hoffnungslos überfordert.
    Es sind zu wenige Polizisten.
    Die können sich auch nicht zerreißen.
    Aber welche Politiker interessiert das schon?
    Mag es doch noch mehr drunter und drüber gehen.
    Deutschland schafft sich ab.

  8. 38.

    Die Organisatoren dieser Veranstaltungen, die dafür verantwortlich sind, dass eine ganze Innenstadt lahmgelegt wird, dass zahllose Arbeitende nicht zur Arbeit kommen, Reisende nicht zu Bahnhöfen und Flugplatz - diejenigen sollten sich wirklich überlegen und fragen, ob sie alles logisch und vernünftig genug geplant und realisiert haben oder ob sie das Ganze verantwortungsvoller und vor allem anderswo hätten gestalten können und sollen.
    Das Ganze wird noch mehr Unmut der Bürger dieser Stadt hervorrufen.

  9. 37.

    Für mich ist die GdP glaubwürdig, glaubwürdiger als die GdL, Verdi usw.

  10. 36.

    Der Senat hat damit garnichts zu tun.
    Das wird von der Bundesregierung ausgehandelt.

  11. 35.

    Wie ich ja schon geschrieben habe, alles wieder zurück nach Bonn. Wir Berliner brauchen weder Bundestag noch Bundesregierung und schon gar nicht diese lästigen Staatsbesuche in unserer Stadt.

  12. 34.

    Steht im Beitrag. Berliner Polizei in Zusammenarbeit mit der Bundespolizei.

  13. 33.

    Ich verstehe beim besten Willen nicht, warum Veranstaltungen, die es erfordern die halbe Stadt zu sperren, mitten in Berlin stattfinden müssen?!?

    Gibt es nicht genug Landgüter im Umland von Berlin, wo auch der Sicherheitsaspekt deutlich besser durchsetzbar ist. Bei intensiverer Recherche mit Sicherheit auch solche Orte, wo keine Dörfer komplett gesperrt werden müssen. Aber nö. Das muss mitten in der Stadt. Respekt an die Polizei! Die mit Sicherheit tief in Vorbereitungen der Sicherheit der EM steckt. Bereits terminlich ist das unlogisch, es in diese Woche gelegt zu haben.

  14. 32.

    So stärkt man der Polizei nicht den Rücken. Für Staatsbesuche in einem solchen Ausmaß sollte es vielleicht Spezialeinheiten der Bundespolizei geben, damit die Stadtpolizei ihren sonstige Aufgaben nachgehen kann, um uns, die EinwohnerInnen zu schützen.

  15. 31.

    Regierung und Bundestag sollten ihren Sitz zurück nach Bonn verlagern. Dann muss Berlin nicht mehr unter diesen ständigen Staatsbesuchen leiden. In Bonn ließe sich das alles wesentlich einfacher organisieren.

  16. 30.

    Der Senat plant so etwas nicht. Das ist reines Verwaltungshandeln. Nebenbei ist das nicht das Statement der Polizei sondern einer einzelnen Gewerkschaft. Diese nutzt die Bühne auch gerne für eigne “Politik”. Und auch gegenwärtig werden Veranstaltungen nicht genehmigt wenn Sicherheitsauflagen nicht gewährt werden können.

  17. 29.

    Liebe Polizei, danke für Eure Arbeit.

  18. 28.

    Hallo, RM (25),
    unser Senat als oberste Regierung von Berlin hätte als Bundesland, in dem dieser Zirkus stattfinden soll, ja mal ein Veto einlegen können, oder? DAS hat der Senat damit zu tun. Diese Sicherheitskonferenz hätte doch z.B. nach Bayern verlegt werden können, ist doch eh näher dran an Frankreich, nach dem D-Day. Dort treffen sich Hochrangige doch immer gern. Ironie aus. Nur weil unsere Regierung in Berlin sitzt, musst das nicht zwingend heißen, dass jede "Veranstaltung" hier abgehalten werden muss.

  19. 27.

    Karin, ich danke Ihnen für diesen Kommentar.......ich bin bestimmt nicht immer Ihrer Meinung. Aber hier zu 100%

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