Strengere Auflagen - Das bedeuten die neuen Kinderschutz-Richtlinien für Berliner Vereine und Verbände

So 15.12.24 | 11:55 Uhr | Von Shea Westhoff
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Audio: rbb24 Inforadio |15.12.2024 | Nikolaus Hillmann, Shea Westhoff | Bild: IMAGO/Funke Foto Services

Weitreichende Maßnahmen für den Kinderschutz werden im Berliner Sport verpflichtend. Tausende Ehrenamtler müssen deshalb Kurse besuchen. Ist der LSB vorbereitet? Die wichtigsten Fragen und Antworten. Von Shea Westhoff

  • Berliner Sportverbände müssen ab 2025 Kinderschutzkriterien erfüllen, sonst drohen finanzielle Sanktionen
  • Ab 2026 gelten die Auflagen auch für Vereine, wenn sie Förderungen aus öffentlicher Hand erhalten wollen
  • Das Kinderschutzsiegel soll auch als Orientierungshilfe dienen, ob ein Verband/Verein eine sichere Umgebung für Kinder und Jugendliche bietet
  • Mit den Richtlinien geht zusätzlicher bürokratischen Aufwand einher

Die neuen Richtlinien des Landessportbundes Berlin (LSB) zum Schutz der Kinder könnten wegweisend sein, denn mit ihnen sind Verpflichtungen verknüpft: Ab 2025 müssen alle Berliner Sportverbände bestimmte Kriterien für den Kinderschutz erfüllen. Tun sie es nicht, geht es ihnen ans Geld. Ab 2026 müssen auch die Vereine nachziehen, sofern sie bestimmte Förderungen erhalten wollen.

Der LSB hatte bereits 2021 das sogenannte Kinderschutzsiegel eingeführt, also ein Zertifikat, das den Einsatz eines Verbandes oder Vereins für die Sicherheit der Kinder unterstreichen soll. Allerdings habe man damit "noch nicht die breite Wirkung erzielt, die wir dabei erzielen wollen", sagt Friedhard Teuffel, Direktor des LSB.

Was ändert sich für die Verbände und Vereine?

Ab kommendem Jahr sind es zunächst die Verbände, welche die vom LSB vorgegebenen Voraussetzungen beim Kinderschutz zu erfüllen haben. Dabei geht es, vereinfacht gesagt, um die Verankerung von entsprechenden Leitlinien in der Satzung, gezielte Schulungen von Betreuern und die Überprüfung von Führungszeugnissen.

Bei Nichterfüllen der Anforderungen müssen die Sportverbände 50 Cent pro Verbandsmitglied unter 18 Jahren zahlen. Als Übergangsfrist haben die Verbände noch bis zum 30. Juni Zeit für die Erfüllung der Kriterien.

Im Jahr darauf betreffen die Auflagen dann auch die Vereine: Finanzhilfen durch Förderprogramme, beispielsweise zur Unterstützung bei der digitalen Transformation oder zur Bezuschussung von neuen Sportmaterialien, können die Vereine ab 2026 (je nach Förderprogramm ab 2027) nur noch beantragen, wenn sie das Kinderschutzsiegel haben.

Welche sechs Kriterien müssen Verbände und Vereine erfüllen?

  • Kinderschutzbeauftragte müssen benannt und entsprechend geschult werden. An seiner Sportschule bietet der LSB dafür einen Workshop an. Der Beauftragte soll im Verband und Verein vor allem ein Ansprechpartner sein, wenn "eine Situation auftritt, die Unbehagen erzeugt", sagt Teuffel. Für Kinder, Jugendliche, Eltern und alle Vereinsmitglieder müsse klar sein, wer die Ansprechperson ist und wie man diese erreicht
  • Die weitreichendste Neuerung: Alle Betreuer, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen alle zwei Jahre Schulungen und Fortbildungen absolvieren, welche sich mit dem Kinderschutz und der Vorbeugung jeglicher - insbesondere sexualisierter - Gewalt im Sport befassen
  • Jeder, der Kinder oder Jugendliche betreut, muss ein erweitertes Führungszeugnis beantragen und spätestens alle fünf Jahre beim Verein oder Verband vorzeigen
  • Der Verein oder Verband muss die Prävention - also Vorbeugung - jeglicher Gewalt in der Satzung verankern
  • Der Vorstand muss die Kinderschutzerklärung des LSB unterschreiben. Außerdem müssen alle ehren-, neben- und hauptamtlichen Personen, die Kinder oder Jugendliche betreuen, einen Ehrenkodex unterzeichnen
  • Die weiteren vom LSB vorgegebenen Eckpunkte für ein Schutzkonzept sind bekannt und werden umgesetzt

Ist der LSB administrativ gewappnet?

Hunderte Vereine werden künftig Betreuer oder Trainerinnen aus dem Kinder- und Jugendbereich zu Schulungen entsenden - nicht zuletzt, um weiterhin an den Förderprogrammen teilnehmen zu können. LSB-Direktor Teuffel rechnet mit ungefähr 600 bis 700 Berliner Klubs. Und die verfügen teilweise über fünf, zehn oder noch mehr Kinder- und Jugendtrainer. Bedeutet: Den LSB erwarten also langfristig tausende Betreuer, die sich im Bereich des Kinderschutzes beraten lassen, für Kurse anmelden und sich dort letztlich fortbilden lassen.

Dafür hat der Landessportbund personell aufgestockt. Es wurden drei Stellen geschaffen, die sich mit Präventionsberatung, den Schulungen oder den zusätzlich anfallenden administrativen Aufgaben beschäftigen, sagt Teuffel. Die Tätigkeit der Kinderschutzbeauftragten sei zudem auf eine volle Stelle ausgebaut worden.

Außerdem habe der LSB sechs Stellen geschaffen, die bei den Verbänden angesiedelt sind und sich dort um die Beratungen für die Prävention, aber auch für das Kinderschutzsiegel verantwortlich sind.

Ob die Kinderschutz-Weiterbildungen allesamt in Präsenz stattfinden werden, also an der LSB-Sportschule in Schöneberg, oder ob es die Möglichkeit der digitalen Teilnahme gibt, ist noch offen.

Wie viele Vereine und Verbände haben das Siegel schon?

Aktuell haben 27 Verbände die Voraussetzungen für das Kinderschutzsiegel erfüllt, darunter mit dem Berliner Fußball-Verband (BFV) auch der mitgliederstärkste. Außerdem haben 88 Vereine - hauptsächlich ebenfalls mitgliederstarke - die Voraussetzungen erfüllt.

Auf Nachfrage bestätigt Teuffel, dass man beim LSB anpeilt, dass bis zum 30. Juni jeder Sportverband über ein Siegel verfügt.

Man muss regelmäßig gucken, dass die Übungsleiter Fortbildungen besucht haben. Man muss selbst einen Kinderschutzbeauftragten im Verein haben. Man muss ein Kinderschutzkonzept implementiert haben.

Hendrik Melz, Bezirkssportbund Reinickendorf

Was sind die Herausforderungen für die Vereine?

Zu erwarten ist ein erhöhter bürokratischer Aufwand für die Vereine. Hendrik-Brian Melz vom Bezirkssportbund Reinickendorf, der die Interessen der Klubs im Bezirk vertritt, fasst es so zusammen: "Man muss regelmäßig gucken, dass die Übungsleiter Fortbildungen besucht haben. Man muss selbst einen Kinderschutzbeauftragten im Verein haben. Man muss ein Kinderschutzkonzept implementiert haben." Auch eine Satzungsänderung mit der Verankerung des Kinderschutzes ließe sich nicht mal eben so bewerkstelligen: Das könne nur einmal im Jahr bei einer Mitgliederversammlung bestimmt werden, sagt Melz. Er sorgt sich um die kleineren Klubs: Diese müssten nun erst einmal geeignetes Personal finden, das sich entsprechend fortbildet.

Was kostet das die Vereine und Verbände?

Es fallen Kosten für Weiterbildungen von Übungsleitern an, die in Vereinen und Verbänden mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Der LSB teilt auf Anfrage mit: "Hier entstehen bei zentralen Schulungen beim Landessportbund Kosten pro Teilnehmenden in Höhe von 28 Euro. Außerdem bietet der LSB Schulungen bei Vereinen und Verbänden an. Diese sind für maximal 30 Teilnehmende ausgelegt und kosten insgesamt 200 Euro, wovon 180 Euro das Dozent*innen-Honorar ausmachen."

Zudem gibt es die Workshops für die Kinderschutzbeauftragten: "Hier muss nur eine Person pro Verein/Verband teilnehmen, nämlich die (zukünftigen) Kinderschutzbeauftragten. Die Teilnahmegebühr beträgt hier 96 Euro."

Sendung: rbb24 Inforadio, 15.12.2024, 16:40 Uhr

Beitrag von Shea Westhoff

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18 Kommentare

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  1. 18.

    @Andreas,16 Uhr: Bei der Kirche (zumindest evangelische) ist das schon seit Jahren üblich. Zumindest bei denjenigen, die mit Kindern/Jugendlichen arbeiten.
    Ansonsten: Garantie gibt es leider wirklich nicht!
    Wir sollten alle unser Verhalten jedem und jeder überprüfen und uns hinterfragen,ob wir damit jemanden verletzen.
    Unsere Kinder sollten wir stärken, ihrem Gefühl zu vertrauen und dem Ausdruck zu verleihen. Wir müssen lernen, unseren Kindern zu vertrauen und sie ernstnehmen. Wer schon bei scheinbaren Kleinigkeiten sich über das Kind lustig macht, wird im Ernstfall nicht mit der Offenheit des Kindes rechnen müssen.
    Ein Kind, das missbraucht wurde, muss sich durchschnittlich an 7 Personen wenden, bis es Gehör und Unterstützung findet. Die meisten geben vorher auf! Das sollte nicht sein!
    Kinderschutz betrifft nicht nur Missbrauch. Alle, die beruflich mit Kindern zu tun haben, wissen das. Das Bewusstsein dafür zu stärken macht Sinn und sollte jeden Cent wert sein!

  2. 17.

    Lesen sie bitte den Beitrag genauer…
    Das Führungszeugnis ist nur ein Teil…. Sofern sie mit Kindern arbeiten also Trainer der Jugendmannschaft sind (machen oft Eltern deren Kids dort spielen) müssen sie einen Ehrenkodex unterschreiben… dazu Schulungen alle 2 Jahre … wer die bezahlt ist noch offen….
    Was erstaunlich ist… scheinbar müssen das alles nicht nur Männer machen sondern ebenso Frauen.
    So ein Herangehen wird sicher ganz viele dazu bewegen jetzt mit Ehrenämtern anzufangen und die bereits langjährig dies machen werden sich freuen über so eine Wertschätzung.

  3. 16.

    Hier geht es zwar konkret um Kinder, aber Ehrenamtler sind ja in vielen Bereichen tätig. Ich bin gemeinsam mit zahlreichen meist älteren Frauen in einem Pflegeheim tätig. Die meisten von uns arbeiten bereits seit etlichen Jahren dort. Und nun sollen plötzlich Führungszeugnisse vorgelegt werden, die doch ohnehin nur fünf Jahre zurückreichen. Ja, das finden einige zu aufwändig. Und ich persönlich frage mich, wie sinnvoll das ist. Auch ein Führungszeugnis garantiert keine Sicherheit. Vielleicht wurde man einfach nur noch nicht erwischt. Dieses ständige Streben nach Sicherheit behindert uns auf allen Ebenen. Früher hatten viele Menschen noch einen gesunden Menschenverstand, dem sie vertrauen konnten. Der wurde durch aufwändige und kostspielige Bürokratie ersetzt, die letztlich auch nicht mehr Sicherheit bietet.

  4. 15.

    Die Vereine und auch die Verbände sollten schnell einen neuen LSB gründen, weil dieser inzwischen fernab der Sorgen und Nöte der sporttreibenden Gemeinschaft unter dem Deckmantel der kulturellen Vielfalt aber auch gar nichts mehr mit " Sport " zu tun hat sondern vielmehr eigene, verquerte Interessen der örtlichen Politik verfolgt, schade um das viele Geld, was der Kinder- und Jugendsport gut gebrauchen könnte.

  5. 14.

    Antwort auf "Su Vali" vom Sonntag, 15.12.2024 | 12:46 Uhr
    "Ich kenne auch andere Bereiche, in denen Ehrenamtliche künftig ein Führungszeugnis vorlegen müssen." Ich musste das schon vor zehn Jahren als Übungsleiterin im Kindersport. Warum nicht??
    "Dafür wird es jedoch so manchen abschrecken, sich für andere ehrenamtlich zu engagieren." Ja, die, die sich mit bestimmten Absichten um solche Ämter bewerben!
    "Was gewinnt man, wenn man Vertrauen von vornherein zerstört?" Lieber zerstöre ich das Vertrauen eines einzelnen Bewerbers, als irgendwann erkennen zu müssen, daß ich mir einen Verbrecher in den Verein geholt habe.

  6. 13.

    Was hier gar nicht zum Ausdruck kommt ist, dass es auch um den rechtlichen Schutz der Ehrenamtler geht. Die Klagefreudigkeit von Eltern hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Daher ist es wichtig, welche Mindestregeln Ehrenamtler einhalten müssen um rechtlich nicht angreifbar zu sein.

  7. 12.

    Antwort auf "Ringo" vom Sonntag, 15.12.2024 | 14:23 Uhr
    "Schämt euch" Schämen mussten sich die, die dafür gesorgt haben, dass solche Maßnahmen überhaupt nötig sind!
    Ja, sicher werden viele, besonders die kleinen Vereine, dadurch Probleme bekommen, andererseits dürfte es sich langfristig positiv auswirken.

  8. 11.

    Wenn man wirklich ehrlich wäre dann müsste die Kirche sowas auf machen aber das ist ja was anderes.

  9. 10.

    Antwort auf "Su Vali" vom Sonntag, 15.12.2024 | 12:46 Uhr
    "Ich kenne auch andere Bereiche, in denen Ehrenamtliche künftig ein Führungszeugnis vorlegen müssen." Ich musste das schon vor zehn Jahren als Übungsleiterin im Kindersport. Warum nicht??
    "Dafür wird es jedoch so manchen abschrecken, sich für andere ehrenamtlich zu engagieren." Ja, die, die sich mit bestimmten Absichten um solche Ämter bewerben!
    "Was gewinnt man, wenn man Vertrauen von vornherein zerstört?" Lieber zerstöre ich das Vertrauen eines einzelnen Bewerbers, als irgendwann erkennen zu müssen, daß ich mir einen Verbrecher in den Verein geholt habe.

  10. 9.

    "Allerdings habe man damit "noch nicht die breite Wirkung erzielt, die wir dabei erzielen wollen", sagt Friedhard Teuffel, Direktor des LSB."

    Das freiwillige Kinderschutzsiegel reicht offensichtlich nicht. So werden die Vereine jetzt mit finanziellen "Anreizen" in die richtige Richtung geschoben. Gut so!

    Und wer nicht bereit ist, Aufwand für den Kinderschutz zu betreiben, sollte sein ehrenamtliches Engagement vielleicht eher im Seniorensportsuchen.

  11. 8.

    Die grundsätzliche Idee ist lobenswert, aber noch mehr Bürokratie zu der sowieso schon überbordenden Bürokratie kann nicht die Lösung sein und wird für einige das Aus bedeuten.

  12. 7.

    Führungszeugnis hin oder her, wird ja nicht jeder erwischt. Das ist absolut keine Garantie.

  13. 6.

    Soo wichtig. Es hilft ungemein, wenn es klare Ansprechpartner gibt, die alle kennen. Und wenn mehr Leute ein paar Grundregeln kennen und beachten. Dann kann man auch leichter anderen helfen.

  14. 5.

    Kinderschutz ist sehr wichtig, aber war da nicht noch was mit Bürokratieabbau? Hier geschieht genau das Gegenteil.

  15. 4.

    Ein Monstrum an Bürokratie.was nichts bringt. Es ist schon schwierig Ehrenamtliche zu finden. Dann diese Auflagen mit finanziellen Konsequenzen für die Vereine. Schämt euch

  16. 3.

    Die Zahlen bezüglich Kindesmissbrauchs sind erschreckend hoch.. von daher kann diese Maßnahme nicht verkehrt sein...wenn ich als Erzieher mit Kindern arbeite besteht auch die Nachweispflicht in Form des erweiterten Führungszeugnisses.. wer mit Kindern zu tun hat muss diesbezüglich eine weiße Weste haben...und man hört ja öfter mal von Trainer(innen??)die ihre Schützlinge missbrauchen

  17. 2.

    Kinderschutz ist zweifellos enorm wichtig. Mit diesen aufwändigen Schulungen und Prüfungen wird man aber wohl eher nicht viel erreichen. Und das zu hohen Kosten. Es gibt keine absolute Sicherheit. Manchmal muss man auch einfach vertrauen.
    Ich kenne auch andere Bereiche, in denen Ehrenamtliche künftig ein Führungszeugnis vorlegen müssen. So ein Führungszeugnis reicht nur fünf Jahre zurück. Man weiß also nicht, was davor war. Dafür wird es jedoch so manchen abschrecken, sich für andere ehrenamtlich zu engagieren.
    Was gewinnt man, wenn man Vertrauen von vornherein zerstört?

  18. 1.

    Das Ehrenamt ist auch Carearbeit. Das Ehrenamt muss doch eigentlich so gefördert werden, dass man „Lust“ darauf hat...
    sonst???