Interview | Ausstellung im Hamburger Bahnhof - "Semiha Berksoy war in jeder Hinsicht überlebensgroß"

Sie war Operndiva, Malerin und ein Star in der Türkei. Geboren 1910, studierte Semiha Berksoy in Berlin an der Hochschule für Musik. Der Stadt blieb sie ihr Leben lang verbunden. Der Hamburger Bahnhof würdigt jetzt ihr Schaffen.
Sie war die erste muslimische Primadonna und eine der schillerndsten Künstlerinnen Ihrer Zeit: Semiha Berksoy. In den 1930er-Jahren studierte sie in Berlin und begeisterte das hiesige Publikum. Die Ausstellung "Singing in Full Colour" - zu deutsch: Singen in allen Farben - im Hamburger Bahnhof schaut jetzt zurück auf Berksoys Schaffen und vor allem auf ihre Verbindungen zu Berlin. Die Retrospektive wird am Freitag, den 6. Dezember, eröffnet und ist bis zum 11. Mai 2025 zu sehen. Ausstellungsmacher Sam Bardaouil erklärt im Interview, warum Berksoy im Hamburger Bahnhof in den Fokus gerückt wird.
rbb: Herr Bardaouil, die Ausstellung heißt “Singing in Full Colour“. Wie kamen Sie auf den Titel?
Sam Bardaouil: Der Hintergrund des Titels ist, dass Semiha Berksoy einerseits eine sehr bekannte Opernsängerin war. Wir wollten also die Idee der Musik, der Performance und des Gesangs einbinden. Sie war aber auch eine sehr bedeutende Malerin. Da kommt die Idee der Farbe her. Ihre Gemälde waren sehr lebendig, dynamisch und farbenfroh. Mit "Singing in Full Colour" wollen wir diese multidisziplinäre Künstlerin, Opernsängerin, Diva und sehr erfolgreiche Malerin vorstellen.

Was möchten Sie mit dieser Ausstellung zeigen?
Ich denke, Semiha Berksoys Kunst hier im Hamburger Bahnhof zu zeigen, ist eine Möglichkeit, viele Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen sind wir sehr daran interessiert, wichtige künstlerische Positionen zu zeigen, die bisher vielleicht nicht die gebührende Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen haben, die sie verdient hätten. Berksoy als wichtige Künstlerin des 20. Jahrhunderts hat diesen Moment noch nicht gehabt.
Der zweite Grund, warum wir Berksoy zeigen wollten, ist, dass sie eine starke Verbindung zu Deutschland und insbesondere zu Berlin hatte. Berksoy war von 1936 bis 1939 in Berlin, um an der Hochschule für Musik zu studieren. Hier begann sie, sich als Opernsängerin zu etablieren. Leider musste sie nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Istanbul zurückkehren. Sie kam aber immer wieder nach Berlin zurück. Es war eine dunkle Zeit damals in Deutschland und in Europa.

Wie hat Berksoy das erlebt?
Ich denke, Berksoy versuchte - ähnlich wie viele andere Menschen, die damals in Deutschland lebten - ihren Platz zu finden. Diesen großen, dunklen Wandel zu verstehen, der sich in allen Bereichen der Gesellschaft vollzog. Sie kam als sehr junge Studentin hierher. Sie konzentrierte sich auf ihr Studium und auf ihre Karriere.
Aber natürlich hatte sie Freunde aus allen möglichen Bereichen des Lebens. Wenn wir uns die Korrespondenz von Berksoy aus der Zeit anschauen, sehen wir, dass einige ihrer Freunde in ihren Briefen davon berichteten, dass ihre Familien weggezogen sind. Wir wissen nicht, ob sie jüdisch waren oder nicht, aber einige gingen nach Zürich, andere in die Vereinigten Staaten.
Hat sie sich politisch positioniert?
Bei allen Nachforschungen, die wir angestellt haben, fanden wir keine Hinweise darauf, dass sie sich direkt zu den Geschehnissen damals geäußert hat. Was wir zum Beispiel wissen, ist, dass sie in ihren Unterlagen in Deutschland ihre Ethnie nicht angegeben hat. Vielleicht, weil sie nicht wollte, dass man weiß, dass sie keine "Arierin" ist. Ich denke also, dass sie sich an einigen Stellen selbst geschützt hat. Aber wir wissen nichts über offene politische Äußerungen von Berksoy aus dieser Zeit.
Man kennt Berksoy vor allem als Sängerin. Wann und wie hat sie angefangen zu malen und sich auch anderen Künsten zu widmen?
Nachdem sie mit der Schule fertig war, schrieb sie sich direkt an der Theaterakademie ein. Etwa zur gleichen Zeit nahm sie aber auch Unterricht in klassischer Kunst bei zwei verschiedenen Malern und Bildhauern in Istanbul. Sie begann also bereits in den späten 1920ern mit ihrer künstlerischen Ausbildung. Dann konzentrierte sie sich auf ihre Ausbildung und Entwicklung als Opernsängerin und Darstellerin. Die Rückkehr zur Malerei findet in den 1950er Jahren statt, als sie sich selbst als bildende Künstlerin wiederentdeckt. Sie beginnt, sehr intensiv zu malen und in einer sehr interessanten Wendung findet ihre erste Einzelausstellung 1960 hier in Berlin im Haus am Lützowplatz statt.
Wie würden Sie Berksoy beschreiben? Was für ein Künstlerinnentyp war sie?
Man könnte sagen, dass Semiha Berksoy in jeder Hinsicht überlebensgroß war: Sowohl in ihrer Persönlichkeit als auch in der Art, wie sie sich kleidete, sich bewegte, das Make-up trug. Sie war definitiv eine Erscheinung, eine echte Diva. Berksoy war eine Künstlerin und Performerin an jedem einzelnen Tag ihres Lebens. Es gab, glaube ich, keinen Moment, in dem Berksoy abschaltete. Sie war immer aufgedreht, und ich glaube, das spiegelt sich in den Gemälden, die wir in der Ausstellung sehen, sehr stark wider. Die Lebendigkeit der Farben, die Spontaneität ihrer Pinselstriche, ihrer Linienführung.
Welche Motive hat sie gemalt?
Natürlich kommt die Oper in ihren Gemälden vor. Viele der Figuren, die sie spielte, viele der Opern, in denen sie die Hauptrolle spielte oder die sie mochte, tauchen in den Gemälden auf. Aber es gibt auch eine Verbindung zu ihrer Familie. Das waren auch Figuren, die auf unterschiedliche Weise immer wieder auftauchen.
Und dann gibt es neben den kräftigen Farben und der sehr spontanen Herangehensweise auch einige stilistische Elemente. Es gibt eine Linie, eine schwarze Linie, die in vielen Gemälden von Berksoy auftaucht. Meistens durchschneidet sie den Kopf, den Hals oder den Körper. Sie ist ein Symbol für diese sehr zerbrechliche Verbindung zwischen dem irdischen Leben und dem Jenseits. Was wir in dieser Dimension erleben, und was eine andere Dimension sein könnte, die man nach dem Tod erleben könnte.
Das Interview führte Charlotte Pollex, Radio3.
Sendung: rbb24 Inforadio, 04.12.2024, 18:50 Uhr
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