Roma-Künstlerin - "Ich fing an, all die Vorurteile zu glauben und meine Identität zu leugnen"

Mo 27.01.25 | 06:46 Uhr
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Gruppenausstellung "Roma Lepanto". (Quelle: Stiftung Kai Dikhas/Moritz Pankok)
Video: rbbKultur | Das Magazin | 25.01.2025 | Hadnet Tesfai | Bild: Stiftung Kai Dikhas/Moritz Pankok

Sinti und Roma wurden von den Nazis verfolgt und ermordet. Die Künstlerin Luna de Rosa hat erst vor wenigen Jahren davon erfahren, obwohl ihr Vater Rom ist. In ihrer Kindheit wandte sie sich von ihrem Roma-Hintegrund ab - bis sie dazu zurückfand.

rbb: Frau De Rosa, Sie sind in einer Roma-Familie aufgewachsen, haben sich jedoch in Ihrer Jugend von der Roma-Identität entfernt. Woran lag das?

Luna De Rosa: Ich komme aus einer sehr kleinen italienischen Stadt, und im Grunde genommen war mein Nachname mein Etikett. In der Schule, durften viele Kinder nicht mit mir spielen, weil die Eltern ihnen den Umgang mit mir und anderen Kindern mit Roma-Hintergrund verboten haben.

Das war sehr schmerzhaft. Ich fing an, all die Vorurteile gegenüber der Roma-Gesellschaft zu glauben und meine Identität zu leugnen. Es ist sehr traurig, wenn man etwas anderes sein will als das, was man ist.

Ich wollte nicht als Roma identifiziert werden und habe mein Dorf verlassen. Ich kam nach Mailand, und auch dort lehnte ich meine Roma-Identität ab. Ich schämte mich dafür. Das änderte sich später, als ich Santino Spinelli begegnete. Er ist ein sehr wichtiger Aktivist aus Italien, der im Grunde aus demselben Dorf stammt wie ich. Er zeigte mir eine neue Perspektive und brachte mir eine andere Geschichte der Roma.

Wie prägte dieser Mann Ihr Leben?

Er selbst gehört der Roma-Gesellschaft an und er schenkte mir eines seiner Bücher. Ich war damals in meinen Zwanzigern und mir wurde klar, dass Roma eine Geschichte haben, die mir durch meine Familie nie nahegebracht wurde. Ich war plötzlich immer stärker daran interessiert, unsere Geschichte zu erforschen und war zunehmend stolz darauf, Teil dieser wertvollen Diaspora* (ethnische oder religiöse Gruppen, die ihre Wurzeln über Generationen und nationale Grenzen hinweg bewahren, Anm. d. Red.) zu sein.

Berlin spielte übrigens auch eine wichtige Rolle in meinem Leben. Als ich hierherkam, traf ich auf viele Roma-Gemeinschaften, -Künstler und -Aktivisten, denen ich mich anvertrauen konnte.

Zur Person

Künstlerin Rosa de Luna. (Quelle: Béla Váradi)
Béla Váradi

Luna De Rosa ist eine italienische Aktivistin und Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Mailand. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit ethnischen Minderheiten, insbesondere mit der Roma-Gesellschaft.

Der Historiker und Ethnologe Alfred Dillmann hat sich mit der Geschichte der Roma während des Nationalsozialismus beschäftigt. Sie haben mit seinen Büchern gearbeitet. Auf welche Aspekte sind Sie dabei gestoßen?

Schockierend waren besonders die Experimente, die man mit Kindern und Frauen gemacht hat. Kinder wurden sterilisiert und viele starben durch diesen völligen Irrsinn und diese Brutalität. Auch die Vorstellung, dass Sinti und Roma von Geburt an als kriminell stigmatisiert wurden, war sehr schockierend für mich. Es war aber auch ein Anstoß dazu, der Menschen zu gedenken, die während des Holocausts ermordet wurden.

Im Romani nennen wir den Holocaust "Samudaripen – der Mord" oder "Porajmos – das Verschlingen". Ich glaube, das war damals ein traumatisches Erlebnis, worüber alte Leute, wie meine Großeltern nicht reden wollten. Sie haben mir nie erzählt, dass einige unserer Familienmitglieder in Konzentrationslagern waren. Ich habe erst mit Mitte Zwanzig davon und von der Samudaripen erfahren. Es war eine sehr tragische Entdeckung für mich.

In der Ausstellung "Roma Lepanto" geht es um die Schlacht von Lepanto. Auch in dieser Geschichte wurde die Rolle der Roma verdrängt. Wie haben sie sich gefühlt, als Sie das erfahren haben?

Ich war entsetzt. Gleichzeitig war ich aber auch froh, diese Geschichte zu entdecken, weil sie nicht erzählt wird und in keinem Buch erwähnt. Ich empfand es als eine Art Privileg, auf diese Dokumente zu stoßen, mit meiner Community darüber zu diskutieren und zu versuchen, durch Kunst auf dieses Kapitel der Geschichte aufmerksam zu machen.

Ich bin der Meinung, dass es auch für die Roma-Gesellschaft sehr wichtig ist, sich mit ihren historischen Hintergründen auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass diese in Zukunft auch in Geschichtsbüchern und Kinderbüchern zu finden sein werden. Dann können auch die Kinder etwas mehr über die Geschichte und die Verfolgung der Roma lernen - und auch darüber, wie Roma in all den Jahrhunderten Widerstand geleistet haben.

Zur Ausstellung

Gruppenausstellung "Roma Lepanto". (Quelle: Stiftung Kai Dikhas/Moritz Pankok)
Stiftung Kai Dikhas/Moritz Pankok

Die Ausstellung "Rʳoma Lepanto" stellt eine künstlerische Intervention dar, die darauf abzielt, die Geschichte der Seeschlacht von Lepanto vom 7. Oktober 1571 neu zu erzählen. In der Schlacht kämpfte die christliche Heilige Liga (Bündnis aus Papst Pius V., Spanien, Venedig und Genua) gegen die osmanische Expansion im Mittelmeer. Die Ausstellung ist vom 30.01.2025 bis zum 25.04.2025 in der Kai Dikhas Stiftung in Berlin geöffnet.

Sie haben sich immer aktiver mit Ihrer Roma-Identität auseinandergesetzt. Wie stehen Sie heute dazu und wie prägt Sie Ihre Geschichte als Künstlerin?

Ich möchte für meine Biografie und Identität anerkannt werden – vor allem als Mensch, als Frau, Mutter und Künstlerin. Ich hoffe, dass das, was ich zusammen mit anderen Künstlern und Aktivisten tue, dazu beiträgt, dass wir einen Platz in der immensen Kultur einnehmen können.

Es ist wichtig, dass wir nie unsere Diaspora vergessen und die vielfältige Kultur, die in einer Roma-Person steckt. Das ist es, was ich mir auch für die nächste Generation erhoffe: Dass sie ihr Trauma heilen kann und sich wohlfühlt, so zu sein, wie sie sein möchte – ohne die alten Vorurteile über Roma.

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Vera Drude für rbb Kultur. Das Interview wurde aus dem Englischen von Tessa Kleinschmidt ins Deutsche übersetzt.

Sendung: Das Magazin, 25.01.20205, 18:30 Uhr

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4 Kommentare

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  1. 4.

    Da gibts aber auch die sehr interessante Homepage der Künstlerin - Luna De Rosa, mit allem drum und dran!

  2. 3.

    Schade, dass auf die Ausstellung bis jetzt nicht weiter eingegangen wird. Vielleicht ist eine Ausstellungsbesprechung nach Eröffnung in Planung?

  3. 2.

    Ich auch. Ich kann auch nicht nachvollziehen wie man auf die zweifelhafte Idee kommt, diese Blau-braunen auch noch zu wählen.

  4. 1.

    Heute ist der Tag der Befreiung des KZ in Auschwitz. Und damit der Gedenktag die grausame und unfaßbare Tötung von Millionen Menschen, Kindern, Frauen, Männern. Und wenn ich dabei an Weidel denke, wie Sie die Lüge von ,,Hitler war Kommunist“ verbreitet, um die rechtsextreme Ideologie der Afd zu verschleiern, werde ich wütend!