Laura Kingston
Bild: rbb|24

Der Absacker - Alles auf Durchzug!

Die Temperaturen sinken, aber die Fenster bleiben geöffnet. Das sorgt an der Grundschule Christian-Morgenstern in Spandau für Krankheitsfälle - viele erkälten sich wegen des permanenten Durchzugs. Auch Laura Kingston ist ein bisschen kalt (ums Herz).

Der Aperol Spritz schmeckt nicht mehr. Der Sommer ist zu Ende. Heute morgen, als ich um 7:30 Uhr vor der Christian-Morgenstern-Grundschule in Berlin-Spandau stehe, denke ich zwar nicht an einen Aperitif, aber ich merke, der Herbst ist da. Und auch mein Handy zeigt Herbst an: 6 Grad. Keine guten Voraussetzungen, um permanent in den Schulklassen zu lüften, dachte ich. Aber Schulleiterin Karina Jehniche besteht drauf. Sie will unbedingt vermeiden, noch einen Corona-Fall (bisher gab es einen) zu riskieren. Trotzdem haben sich in den letzten Tagen fünf Lehrkräfte krankgemeldet - Erkältung wegen des permanenten Durchzugs.

1. Was vom Tag bleibt

Immerhin ist Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ganz offiziell Corona-frei. Sie hatte den Test vorsorglich machen lassen, nachdem sie den Angaben zufolge in einer größeren Gesprächsrunde außerhalb der Bildungsverwaltung einer Person begegnet war, die anschließend positiv getestet wurde.

Ansteckungsgefahren beschäftigt seit ein paar Wochen nicht nur die (Berliner) Politik, sondern auch die Ostbrandenburger Bauern. Ihre Schweine sind derzeit im Lockdown. Zumindest dort, wo infizierte Wildscheine gefunden worden waren. Die (Brandenburger) Politik lässt die Landwirte allerdings nicht mit ihren abgeschotteten Schweinen sitzen: Den Betroffenen würden Entschädigungen zustehen, betonte Agrarminister Axel Vogel (Grüne) am Freitag im rbb. Dabei habe das Land den Landkreisen Unterstützung zugesagt, so Vogel weiter. Diese dürfe nicht von der Kassenlage der Kommunen abhängen.

Derweil werfen Brandenburger Landwirte und Jäger den Behörden Versagen beim Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest nach dem deutschlandweit ersten Fall vor. "Wir fordern einen gemeinsamen und zentralen Krisenstab, der auch mit Kompetenzen ausgestattet sein muss", sagte Landesbauernpräsident Henrik Wendorff am Freitag in Teltow (Potsdam-Mittelmark).

2. Abschalten

Ich habe mich ja schön häufiger im Absacker geoutet: Als Twitter-Süchtige. Aber das ist nicht alles, was ich konsumiere: Zeitungen (ja, in Print-Form), Nachrichtensendungen, Onlinemedien, Deutschlandfunk. Mit anderen Worten: Ich ballere mich beinahe permanent mit Nachrichten voll. Und natürlich spüre ich einen Rausch (wie die meisten Süchtigen vermutlich), aber sehr gesund ist mein exzessiver Konsum nicht, er hat Nebenwirkungen wie Verstimmungen, Kopfweh, nervöse Zuckungen der Augenlider.

Aber: Die können bei mir abgemildert werden. Durch Satire. Einen besonders wohltuenden Account, der jede Absurdität des Nachrichtengeschäfts (und andere Beobachtungen) süffisant auf den Punkt bringt: Sebastian Hotz, alias El Hotzo.

3. Und, wie geht's?

"Ich fühle mich im Moment wirklich erschöpft, weil das, was wir befürchten haben, wirklich eingetreten ist. Die Anpassung an die besonderen Bedingungen unserer Zeit, bedeuten wirklich, dass wir ein Vielfaches an Arbeit haben." Karina Jehniche, Schulleiterin der Christian Morgenstern-Grundschule, gut einen Monat nach Ende der Sommerferien. Nicht nur sie sei müde, auch ihre Lehrkräfte seien sehr belastet. "Zur Zeit machen wir viel Seelsorge", sagt Jehniche, als ich sie am Freitagmorgen in ihrem Schullteiterbüro besuche. Kurz danach klingelt schon wieder ihr Telefon. Sie legt auf. "Schon wieder so ein Fall: Eine Mutter will ihre Tochter nicht zur Schule schicken, weil sie Angst hat, sie könne sich anstecken." Die Schulleiterin ist im Konflikt: Schulpflicht vs. Sorgen der Eltern. In dieser Woche fehlten in in jeder Klasse Schüler und das, obwohl sie selbst nicht krank waren, sondern aus Sorge ihrer Eltern.

"Eine Garantie, dass die Schüler hier sicher sind vor einer Ansteckung, können wir eben nicht geben."

4. Ein weites Feld

Ich trage übrigens eine Latzhose und einen rosa gestreiften Pulli drunter. Wenn Sie sich jetzt fragen: "Was geht mich das an?" oder "Wen interessiert's?" Dann kann ich Ihnen nur entgegnen, dass Sie eigentlich recht haben und es vollkommen irrelevant sein sollte, was ich anhabe. Aber ich bin eine Frau. Und bei Frauen scheint es das selbst im 21. Jahrhundert nicht zu sein. In Joachimsthal gibt es Streit in der Stadtverordnetenversammlung – und zwar um lange Hosen und züchtige Oberteile. In einem Punkt der Geschäftsordnung heißt es: "Es ist angemessene Kleidung zu tragen: lange Hosen für Männer, schulterbedeckte Oberteile und über die Knie reichende Röcke für Frauen."

Ruth Butterfield von den Grünen reichte einen Antrag ein, um die Geschäftsordnung zu modernisieren. Was sie besonders stört: dass das Regelwerk zwischen Männern und Frauen unterscheidet: Männer müssen Hosen tragen, Frauen Röcke. Außerdem störe sie die Bevormundung. Doch es gibt ordentlich Gegenwind. Und dreimal dürfen Sie raten, von wem. Stimmt, Männern!

Das hat meinem Outfit jetzt noch eine knallige Wutkrawatte zugefügt. Und mit der werde ich jetzt in den Feierabend gehen.

Passen Sie auf sich auf und bewahren Sie ein Lächeln (unter Ihrer Schutzmaske)!

Ihre Laura Kingston

 

 

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12 Kommentare

  1. 12.

    Negative Provinzialität und geschlechtsbezogene Beschränkungen vorzuführen ist ja okay. Gleichzeitig muss man aber auch kucken, wie weit wir in diesem Themenfeld anderswo eigentlich tatsächlich sind. Wie ich schon schrieb: Auch im ach so weltoffenen Berlin hätte ich persönlich Angst, als älterer weißer Mann in einem Rock durch die Gegend zu laufen! Auf der Straße würde ich früher oder später vermutlich irgendwie angepöbelt werden. Und auch meine Berliner Kunden würde ich nicht im Rock besuchen, weil einige mich dann wohl nicht mehr als technischen Dienstleister buchen würden. Sie selbst deuten ja an, wie affig sie das offenbar fänden, indem Sie vom "Röckchen" schreiben. - Obwohl ich einfach das Luftige von Röcken und Kleidern mag, würde man mir vermutlich sexuelle Motive unterstellen. Als Mann kann ich also de facto in der ganzen Republik noch nicht anziehen was ich will, wenn ich als Mensch ernst genommen werden will! Liegt das nur an mir? Nur an Männern? Und soll das so bleiben?

  2. 11.

    Wenn schon, denn schon, Frank: Dann bitte eine Röckchen-Klausel für Jungs aufnehmen. Gleiches Recht für alle. Klar, ist das eine Provinzposse, wie das Nacktbaden in Lychen, aber leider dieses Mal auf Kosten der Frauen. Daher auch der deutliche Gegenwind.
    In Lychen auf Kosten der Nudisten - auch die haben Gift und Galle gespuckt.

    Es geht letztlich darum, diese Provinzleute deutlich zu diskreditieren, man würde "vorführen" gesagt haben, früher.

    Und die Vorgeführten hätten jedes Mal die Chance gehabt, weltmännisch/weltfräuisch zu reagieren. Nacktbaden an der Hälfte der Badestellen erlauben. Oder nur von "angemessener Kleidung" , meinetwegen mit langen Arm sowie beinbedeckend zu reden. Für ALLE.

    Aber die Kurve haben sie halt nicht gekriegt, die Provinzler.

    Dann spotten wir halt weiter :-)

  3. 9.

    Was mich am heutigen weiten Feld massiv stört ist, dass Sie da ein allgemeines Frauen-Opfer-Ding daraus drehen, Frau Kingston. Klar ist diese Kleiderregelung völlig affig, aber die ist doch nun mal eine absolute Provinzposse. Warum also nehmen Sie diese seltsame UND seltene Skurrilität zum Anlass für einen pauschalen Angriff auf 'die Männer'? Dass eine derart verallgemeinernde, sexistische Verunglimpfung im öfftl-rechtl Sender der Bundeshauptstadt erscheinen darf, ist eigentlich ein viel deutlicherer Skandal als das Geschichtchen vom Werbellinsee. - Beobachten Sie doch mal was passiert, wenn ein Mann durch Wedding oder Marzahn im Rock läuft. Bei den früher oder später ziemlich sicher erfolgenden verbalen oder auch tätlichen Angriffen sind dann Opfer UND vermutlich auch Täter männlich. Wen würden Sie denn dann pauschal verunglimpfen?

  4. 8.

    Es gibt bei allen Freiheiten ein extrem wichtiges Unterscheidungskriterium: Wird jemand einigermaßen objektiv beeinträchtigt, wenn jemand anders irgendwas macht? Wenn ja, ist Bevormundung absolut okay: Z.B. Bei Lärm, Abgasen, Naturzerstörung, übermäßigem Platzverbrauch, körperlicher oder seelischer Gewalt usw. - Wenn nein, ist Bevormundung absolut daneben: Z.B. bei Beinkleidern einschl Hosenröcken, Sandalen & Socken, bei sexuellen Vorlieben (wenn einvernehmlich mit allen Beteiligten), Fluchen & Fäkalsprache, Totenritualen von Sarg bis Bonsai, Präsenz oder Absenz von Haaren , Nacktheit... Bei allen Beispielen der Nein-Kategorie muss man m.E. schon sehr bewusst darauf achten und sich daran auch stören wollen. Der Ja-Kategorie aber kann man nicht wirklich entgehen, ohne sich in seiner Freiheit drastisch einzuschränken. Also ist es richtig, jene Verursacher zu bevormunden, die nicht selbst merken, wenn sie anderen objektiv schaden.

  5. 7.

    Erkältung wegen „permanenten Durchzug“ - wie doof ist das denn, in der Schule soll man „Stoßlüften“ machen nach jeder Stunde, davon bekommt man keine Erkältung. Ach und nochwas, der Trend geht zur Strickjacke, Sweater o.ä. es wird nämlich Herbst bzw. Winter ;-)

  6. 6.

    Gleiches passierte mir mir dem Auto, Lothar! Ich fahre bekanntermaßen gerne DURCH Brandenburg ;-) und da ich keine Klimaanlage im Töff habe, mit offenem Fenster, und Lüfter aufs Gesicht gerichtet. Auch ich habe rumgedoktort mit Augentropfen, in aufsteigender Reihenfolge: Augentrost, dann abschwellende, dann Antibiotika, dann Cortison! Nix half. Auge - eh das Migräne-Auge - fühlte sich an, als bohre von hinten ein stumpfer Schraubendreher rein... rot wars auch noch. Dann kam diese Augenzucken dazu... und dann kam gottseidank schlechteres Wetter, Fenster zu - komisch, ohne Zug ist das Auge ok? Gegentest neulich bei der Hitze - Linkes Auge wieder im Eimer. Ok, dann fahren wir halt mit fast geschlossenem Fenster... der (Höhlen-)Mensch ist für "Zug" noch nicht ausgelegt.

    Die Lehrer und Schüler wohl auch nicht. Kind hat seit SChulbeginn immer wieder steifen Nacken, nun Erkältung - anderen in der Schule gehts nicht besser. Das wird ein spannender Winter! Kältefrei???

  7. 5.

    Ich würde mal sagen, in bestimmten Positionen wird (wie man es so schön aus dem Urlaubshotels kennt) um angemessene Kleidung gebeten. Es muss ja nicht ständig Schlips und Kragen oder Rock und Bluse sein. Es darf nur keine Beleidigung für‘s Auge sein, das würde schon reichen.
    Dass ausgerechnet eine Grünenpolitikerin diesen Antrag gestellt hat, hat mir ein Grinsen ins Gesicht gezaubert.

  8. 4.

    Danke für den Schmunzelkommentar. Zum Thema Durchzug in der Wohnung kann ich auch ein Lied davon singen. Letztes Jahr im Sommer habe ich durchweg in der Wohnung Durchzug gehabt, wegen dieser Hitze. Dachte mir, es ist nicht schlimm. Was folgte war sogar eine rechte Gesichtslähmung. Sie kündigte sich sogar lange vorher an, indem ich immer das Gefühl hatte, im rechten Auge hätte sich was verfangen. Alles Waschen und sogar Antibiotika-Augentropfen halfen nicht. Dann wachte ich morgens sogar mit einem geschwollenen Auge auf. Erst als die Lähmung einsetzte, machte ich mich schlau im Internet. Und siehe, es stand als Verursacher auch ein dauerhafter Durchzug in der Wohnung drin. Zum Glück ging die Lähmung wieder zurück und auch dieses unstete Gefühl als wäre was ins Auge geraten. Das sollte mir eine Lehre gewesen sein.

  9. 3.

    Tja permanente Angst und Panikmache bewirkt eben am Ende dass viele Eltern tatsächlich glauben, dass man nur einmal den Schulhof betritt und sofort tot umfällt.

  10. 2.

    Tja, einen Tod muss man sterben. Der halbe Jahrgang meines Kindes fehlt, die, die noch tapfer erschienen, sind auch erkältet. Man steckt sich untereinander sofort an (wie wäre das mit Corona?). Zug und Kälte schwächen das Immunsystem, das Dank Maskenpflicht kaum noch trainiert wird. Das ist der Herbst, der Winter kommt auch noch...

    Das Röckchen-Thema hätte sich bald erledigt, wenn Frauen mit ähnlich unrasierten Beinen auftauchen würden wie Typen! Es geht vor allem um Ästhetik und Ablenkung. Wenn die Stadtverordneten sich nicht mehr konzentrieren können, weil Kai-Uwe von den Grünen so behaarte Beine in den Bermudas hat, muss die Sitzung abgebrochen werden. Gleiches gilt für die schulterfreie Gisela, 73, von den Linken. Aber auch Heinz, AfD, im weißen David Bowie Stretch Jumpsuit könnte trotz korrekter Länge irritieren. Brandenburg halt. Darf man in Lychen eigentlich wieder nackt baden???

  11. 1.

    Als wäre die Geschäftsordnung aus den 70ern..... bei den Männern wird dann meist auf Anzug Wert gelegt...
    Ich vermute mal an diesen Teil der Geschäftsordnung hat sich doch eh keine Frau gehalten.... daher ist es noch unverständlicher, das Mann daran festhalten will.
    Ja, Bevormundung kann einem so richtig auf den Zeiger gehen..... aber wir lernen doch gerade alle, es Bevormundung und Bevormundung....und gegen Bevormundung hat man gefälligst nichts zu haben.

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