Symbolbild: Eine Schülerin öffnet mit einer Mund-Nasen-Bedeckung das Fenster. (Quelle: dpa/Daniel Bockwoldt)
dpa/Daniel Bockwoldt
Audio: Radioeins | 21.10.2020 | Interview mit Ralf Treptow | Bild: dpa/Daniel Bockwoldt Download (mp3, 5 MB)

Interview | Schulleiter Ralf Treptow - "Die Lehrer wissen seit ewigen Zeiten, wann sie lüften müssen"

Nächste Woche fängt die Schule in Berlin und Brandenburg wieder an, trotz steigender Corona-Zahlen mit voller Besetzung. Die Anweisung bis jetzt: Dick anziehen und Fenster auf. Für den Notfall gibt es einen Stufenplan. Schulleiter Ralf Treptow überzeugt das nicht.

rbb: Herr Treptow, was wird denn in Bezug auf Lüften an Ihrer Schule nach den Herbstferien besser sein als vor den Herbstferien?

Ralf Treptow: Letztlich gar nichts, außer dass es draußen kälter ist und die Kinder sich dann wahrscheinlich wärmer anziehen müssen. Aber ansonsten wird nichts besser sein.

Studien zeigen, dass mobile Lüftungsanlagen wirken. Wäre das für Schulklassen denkbar, gibt es vielleicht sogar Pläne und Geld dafür?

Mobile Lüftungsanlagen sind sicherlich wirksam. Aber bei einer Klassenraumgröße von, sagen wir mal 60 Quadratmetern und einer Höhe von mehr als drei Metern - da sind wir bei 200 Kubikmeter Luftraum – müsste man schon Anlagen reinstellen, die pro Raum um die 6.000 Euro kosten dürften. Ich habe ungefähr 80 Räume. Das ist ein Vielfaches eines Jahreshaushalts meiner Schule.

Und dann könnte ich nichts weiter machen, als Lüftungsanlagen kaufen: Kein Papier, keine Kopierkosten, keine Bücher, keine technischen Instrumente, keine Möbel, sondern nur Lüftungsanlagen. Das kann die Schule nicht leisten. Und deshalb ist das im Bereich der Utopie.

Sie persönlich sind ja auch an einer Schule in Berlin. Bayern hat tatsächlich 50 Millionen Euro für Lüftungsanlagen und CO2-Ampeln in Schulen und Kitas angekündigt. Wäre das denn auch für Berlin denkbar?

Die 50 Millionen werden auch in Bayern nicht reichen. Man kann ja mal ausrechnen, für wieviele Schulen die ausreichen würden, um alle Räume mit Lüftungsanlagen zu versehen. Die CO2-Ampeln, die jetzt beschafft werden, sind natürlich gelinde gesagt Unfug, denn die sagt ja nichts weiter als dass die Konzentration von Sauerstoff derart abgenommen hat, dass man lüften sollte. Ich meine, das wissen die Lehrer auch seit ewigen Zeiten, wann sie lüften sollen. Und wir wissen, dass wir alle 20 Minuten für fünf Minuten die Fenster aufmachen müssen. Das wird also letztlich nichts bringen außer vielleicht die Disziplin beim Lüften zu erhöhen.

Sie sehen, dass ich ein bisschen bisschen verzweifelt bin, weil wir an der Stelle nicht so sehr viel erreichen werden.

Und was halten Sie von den neuen Notfallplänen?

Da ist direkt vor den Ferien etwas geschehen. Die Senatorin hatte ja bis dahin immer nur Normalbetrieb beziehungsweise Szenario B – so nannte sie das – also Halbierung der Klassen. Vor den Ferien sind zwei Zwischenstufen eingeführt worden, nämlich Gelb und Orange, bevor dann die Stufe Rot - das Szenario B - die Halbierung der Klassen, eintritt.

Momentan soll die Schulaufsicht im Zusammenwirken mit dem Gesundheitsamt entscheiden, ob zum Beispiel an einer Schule die Maskenpflicht im Unterricht eingeführt wird. Als Schulleiter sage ich, das ist Unfug. Das Gesundheitsamt ist möglicherweise für einen Schüler aus der Schule zuständig. Bei mir wären es acht Gesundheitsämter, die zuständig sind, denn ich habe Schülerinnen und Schüler aus acht Bezirken. Übrigens habe ich dann noch mehrere Lehrer, die in den restlichen vier Bezirken wohnen.

Ich müsste also mit allen Gesundheitsämtern dieser Stadt zusammenarbeiten. Die arbeiten selbst untereinander nicht zusammen, aber ich soll es dann tun. Und dann soll das Gesundheitsamt mit der Schulaufsicht entscheiden, ob irgendeine Zwischenstufe eintritt. Das geht alles nicht. Die Einzigen, die Verantwortung haben und die das entscheiden können, sind die Schulleiterinnen und Schulleiter. Also verändert das bitte, liebe Senatsverwaltung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Tom Böttcher und Marco Seiffert für Radioeins.

Es handelt sich um eine bearbeitete Version des Interviews. Das komplette Gespräch können Sie hören, wenn Sie auf den Audiobutton im Titelbild klicken.

Was Sie jetzt wissen müssen

Sendung:  

19 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 19.

    4. Schulklasse auf Pettenkofers spuren: Bei einem 2015 durchgeführten Test einer vierten Klasse konnten drei Fenster lediglich mit einem kleinen Spalt angeschlagen werden und nur ein Fenster funktionierte. Unzureichender Luftwechsel ließ den CO2 Wert bei geschlossenen Fenstern sehr schnell von 1000 ppm auf 3000 ppm ansteigen und somit die zulässigen Grenzwerte um ein Vielfaches überschreiten, so das Fazit im Vortrag auf der bautec 2016. Sind wir heute weiter?
    Die Verbesserung der Luftqualität mit mobilen Geräten konnte im Klassenraum während eines Selbsttestes der Schüler durch in einer viermonatigen Studie nachgewiesen werden.
    (Quelle: https://umweltdienstleister.de/2016/03/14/pflichttermin-fuer-fachplaner-innovationsmarkt-gebaeudetechnik/)

  2. 18.

    Zu bedenken ist in der Tat, dass sich Schülerinnen und Schüler in kalten Klassenräumen erkälten können. Das wäre sicher gegen das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Gerade bei Kindern, die sowieso schon zu Erkältungen neigen.
    Mir machen die aktuellen politischen Maßnahmen ehrlich Sorgen. Das wird auf die Eltern was zukommen.

  3. 17.

    Besonders diese Überschrift ist Schwachsinn. Es gibt noch immer Schulen indem man die Fenster nicht öffnen kann. Das interessiert bloß der Senatorin für Bildung nicht. Ja Berlin ist die Corona-Auslese für die Wirtschaft...

  4. 16.

    Das ist doch gut, dann bleiben die Virenschleudern wenigstens zu Hause!!
    Ironie aus. Das soll wirklich mal einer verstehen. Von wegen, es geht um die Gesundheit. Den Politikern ist die Gesundheit der Kinder scheinbar egal.

  5. 15.

    Verantwortungsloser Blödsinn. Da werden sich richtig viele Schüler erkälten und krank werden. Man kann nur noch mit dem Kopf schütteln.....

  6. 14.

    Mensch, das bezieht sich auf "witzig... wie können eigentlich junge Menschen seit "ewigen Zeiten" etwas wissen? " (Hier wird also faelschlich unterstellt der Treptow haette die "Kinder" gemeint. Er meinte jedoch Lehrer, die sind fuer gewöhnlich nicht "jung", sondern im Schnitt mittleren Alters.

  7. 13.

    Das nennt man soziales lernen. Aber wer will schon soziale Kompetenzen bei Kindern? Diese sind eher schädlich und führen zu harmonischen Gruppen. Lieber sollen die Kinder als Einzelkämpfer erzogen werden, das macht es dann einfacher, was die Beeinflussung angeht.
    Und Kinder sind nicht vernünftig nur weil sie die Maske tragen, Abstand halten und soziale Kontakte einschränken. Sie tun das, weil es von ihnen verlangt wird und gesagt wird, dass Sie andere umbringen, wenn sie es nicht tun (alles schon erlebt). Das hat nichts mit Vernunft, eher mit Gehorsamkeit zu tun.

  8. 12.

    Die Schule ist auf, damit die Eltern arbeiten können. Damit die Schüler wieder etwas Struktur bekommen.
    In der unterfinanzierten, engen Schule ist es Schwachsinn davon auszugehen, dass irgendetwas von den vielgelobten Maßnahmen konsequent durchzusetzen ist. Die Maßnahmen sind etwas für die Erwachsenenbildung, nicht für kleine, von Natur aus chaotische Kinder, für die es keinen Platz und kein Geld gibt. Das funktioniert definitiv nicht.
    Mich würde auch nicht wundern, dass die Schule die Ursache für diese Corona-Brand-Nester ist...

  9. 11.

    Genauso ist es. Die Kinder sind vernünftig und geben sich die größte Mühe Abstand zu halten, setzen ihre Masken auf und verzichten auch im privaten Umfeld auf Einiges. Wenn man dann vom Kind gefragt wird warum man dann plötzlich im Unterricht auch neben Kindern sitzen muss mit denen man sonst eher wenig zu tun hat und was sich die Erwachsenen dabei denken wo wir doch wenig Kontakte halten sollen, tja was soll man dem Kind darauf antworten.
    Das Argument mit der sonstigen Duchmischung zieht meiner Meinung nach auch nicht besonders. Jedenfalls nachdem was ich gelesen habe: das nämlich vor allen Dingen naher Kontakt in Innenräumen über einen Zeitraum von mind. 15 Minuten besonders ansteckend ist. Wenn es Blödsinn ist was ich schreibe/argumentiere und ich einfach nur ein Helikopter bin, warum dann bitte darf im Musikunterricht nicht gesungen werden. WO ist da der Unterschied?

  10. 10.

    @RoteZora,

    damit haben Sie den wichtigsten inhaltlichen Aspekt dieses Interviews erfasst. Gratuliere!

  11. 9.

    Sehr geehrter Herr Treptow,

    vielen Dank für Ihre kritische Stellungnahme zu den mindestens problematischen Konzepten des Senats im Hinblick auf die Corona-Bedingungen an den Berliner Schulen jetzt, nach den Herbstferien.

    Bisher hatte ich nahezu den Eindruck, der Berliner Senat ginge davon aus, dass sich die Pandemie in den Schulen zügelte. Es mag sein, dass es so schien, aber solange keine aussagekräftigen schulespezifischen Daten bekannt sind, sind die bisher nur vereinzelten Zahlenangaben Schall und Rauch.

    Aufgrund meines indirekten persönlichen Bezugs zu Ihrer Schule ist mir bekannt, dass Sie ein sehr guter und in diesen Zeiten besonders wachsamer Direktor Ihres Gymnasiums sind. Das bestätigt auch dieses Interview.

  12. 8.

    @Rote Zora:
    Ich habe mal meinen Sohn gefragt. Er ist bereit, in der Freizeit auf Kontakte zu verzichten, bekommt es aber nicht verarbeitet, dass in seiner Schule (die sich gerne damit brüstet, eine besonders tolle zu sein) exakt gar nichts in Sachen Schuz vorgegeben bzw. umgesetzt wird. Für junge Menschen sind solche totalen Widersprüchlichkeiten schwerer nachzuvollziehen als für erfahrenere, ältere. Es läuft auf erhofften bzw. erzwungenen blinden Gehorsam der Jugend hinaus, garniert mit "frag nicht!", denn man könnte keine sinnvolle Antwort geben.

    In der Schule meiner Kinder weiß man übrigens noch nicht - und schon gar nicht "seit ewigen Zeiten" (das klingt wirklich ziemlich arrogant) - , wie man richtig lüftet. Wenn da die ersten Mimosen (Schüler wie Lehrerinnen) frieren, lässt man es nämlich einfach bleiben.

  13. 7.

    Die ganze Sache hat der Senat in meinen Augen verschlafen wie viele andere Maßnahmen in der Corona Krise. Der Senat ist so was von übrig in ALLEN Belangen an Entscheidung.

  14. 6.

    Und ich seh den Helikopter schon angeflogen kommen ;-)
    Die Eltern sind nur peinlich, sagen die Kinder, fragen Sie sie doch mal, statt immer nur sinnfreie Forderungen zu stellen für eine Klasse, die sich sowieso ständig durchmischt, da ist doch das Plätze wechseln völlig wurscht.

  15. 4.

    Und was machen die Schulen, bei denen sich die Fenster gar nicht öffnen lassen? Einschlagen? Ich kann nur noch mit dem Kopf schütteln, seit dem Sommer hatte man Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, aber da hat man ja geglaubt, Corona ist weg.....krank

  16. 3.

    Hat schon mal jemand bedacht, ob mit den mobilen Lüftungsanlagen im Betrieb dann überhaupt noch Unterricht möglich ist? Will sagen: wie laut sind diese Dinger eigentlich? Und mal abgesehen davon ergeben sich dann auch noch erhöhte Energiekosten. Hier mal als Beispiel die Carrier AHU 15/20 CTA:

    https://www.carrierrentalsystems.de/fileadmin/user_upload/produkte/pdfs/Rental-Produktdatenblaetter-2017/Carrier_AHU_15-20_CTA.pdf

    Schafft 2050 m³/h und hat in 10 Meter Entfernung einen Schalldruck von 54 bzw. 58 Dezibel. Das entsprich nach diesem Vergleich: https://www.hoerex.de/service/presseservice/trends-fakten/wie-laut-ist-das-denn.html

    einem leisen Gespräch oder dem Geräusch eines Kühlschranks, was aber im Vergleich hinkt, denn da steht nichts vom Abstand. Und die SchülerInnen sitzen ja sicher nicht allee mindestens 10 Meter von dem Gerät entfernt. Weiß jemand, ob das irgendwo schon mal getestet wurde oder bedacht, was Unterricht unter diesen Bedingungen bedeutet?

    Gruß,Hajakon

  17. 2.

    Schulpflicht aussetzen! Bei diesen steigenden Zahlen sollten die Eltern selber entscheiden können ob sie Ihr Kind diesem Risiko aussetzen wollen oder lieber mit dem Kind zu Hause lernen. Ja jetzt schreien wieder welche - ja aber ich muss ja arbeiten. Wie gesagt ich fordere nur das die Eltern das selber entscheiden dürfen. Bei uns wechseln die KInder jede Woche ihren Sitzplatz, um die Teamfähigkeit zu fördern. Der Hinweis auf die Pandemie und der Wunsch das doch bitte für diese Zeit zu unterlassen wird weggewischt mit der Aussage: das ist erlaubt PUNKT.

  18. 1.

    witzig... wie können eigentlich junge Menschen seit "ewigen Zeiten" etwas wissen? Und wie finden Veränderungen und neue Erkenntnisse dabei auch noch ihren Niederschlag?
    Kann jeder für und im Moment bis zu Ende denken?
    Also:... menschliche Fehler und andere inbegriffen.

Das könnte Sie auch interessieren