#Wiegehtesuns? | Alleinerziehende Mutter - "Mir würde es helfen, wenn der Leistungsdruck in den Schulen abnehmen würde"

Marie Hoffmann. (Quelle: rbb24/privat)
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Audio: rbb|24 | 14.01.2021 | Marie Hoffmann zum Home-Schooling | Bild: rbb24/privat

Als alleinerziehende Mutter ist Marie Hoffmann es gewöhnt, ihr Familiensystem zu wuppen. Doch das Home-Schooling mit ihrem zehnjährigen Sohn neben ihrem Vollzeitjob zu schaffen, ist auch für sie eine Herausforderung - denn es herrscht trotz Pandemie Leistungsdruck.

Corona stellt noch immer unser Leben auf den Kopf. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir?

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Marie Hoffmann ist Vollzeit arbeitende, alleinerziehende Mutter eines Fünftklässlers, der seit diesem Schuljahr ein grundständiges Gymnasium in Berlin besucht. Das Jonglieren mit Terminen ist sie gewöhnt. Auch dass sie abends nicht ausgehen kann, gehört für sie zur Normalität. Doch das Home-Schooling ihres Kindes bringt sie an ihre Grenzen. Vor allem, weil die Schulen ihre Ansprüche nicht herunterschrauben - trotz Pandemie und Ausnahmesituation. So geht es Marie:

Ich arbeite in der Wissenschaftsförderung einer privaten Stiftung in Berlin. Mein Sohn ist zehn Jahre alt und ich bin seit fast neun Jahren alleinerziehend. Im Moment wechseln wir beide zwischen Home-Office, Home-Schooling, der Notbetreuung und gelegentlicher Anwesenheit im Büro hin und her.

Was seit März zu schaffen ist, ist sowohl für mich als auch meinen Sohn eine große Herausforderung. Doch es geht uns, gemessen an den Umständen, gar nicht so schlecht. Auch wenn ich alleinerziehend bin, bin ich in der privilegierten Situation, dass mein Job nie betroffen war von der Pandemie. Meine Herausforderung ist, einen Vollzeitjob zu machen und gleichzeitig ein Schulkind zu betreuen und zu beschulen.

Im Normalzustand habe ich mir ein System aufgebaut, das funktioniert und mit relativ heißer Nadel gestrickt ist. Dieses System steht jetzt massiv unter Spannung.

Dabei treffen die Kontaktbeschränkungen mich persönlich gar nicht so sehr. Als Alleinerziehende habe ich ohnehin ein relativ eingeschränktes abendliches Sozialverhalten. Abendliche Termine, auch berufliche, habe ich nur dann wahrgenommen, wenn es unbedingt sein musste. Das ist also ganz ähnlich wie jetzt. Ich habe auch glücklicherweise kein verzweifeltes Kind zu Hause sitzen.

Die mit Abstand größte Herausforderung für mich ist das Home-Schooling. Ich kann mich weder zwei, noch dreiteilen. Irgendwas fällt immer runter. Wenn ich mich zwölf Stunden mit meinem Sohn hinsetzen könnte, würden wir natürlich ein fantastisches Home-Schooling hinbekommen. Da ich berufstätig bin, ist das aber nicht möglich. Die Selbstverständlichkeit, mit der das komplette schulische Pensum im Moment auf die Eltern abgewälzt wird, finde ich schockierend. Da geht es mir vor allem um das anhaltende Leistungspensum und den anhaltenden Leistungsdruck, den zumindest mein Kind, das die fünfte Klasse eines Gymnasiums besucht, erlebt. Ich würde mir von schulischer Seite mehr Empathie wünschen. Es wird bewertet - Wissen, das ich meinem Sohn vermittelt habe -, und es wird mit schlechten Noten gedroht.

Die jetzige Situation darf doch nicht dazu führen, dass wir hinterher alle erstmal Urlaub brauchen, weil uns das alles zu viel Kraft gekostet hat, um den normalen Alltag wieder aufzunehmen. Das Ziel müsste doch sein, sich die Kräfte für diesen Corona-Marathon gut einzuteilen. Es kann nicht sein, dass Kinder und Eltern dauerhaft völlig erschöpft sind.

Mein Kind ist nach den Sommerferien von der Grundschule auf das Gymnasium gewechselt. Daher habe ich erst im zweiten Lockdown Erfahrungen mit digitalem Lernen und einer School-Cloud gemacht. In der Grundschule war nichts digitalisiert – was aber auch nicht schlimm war. Was nämlich im November geschah, war, dass die Arbeitsblätter in der Cloud kamen. Viele reden ja von Entschleunigung. Wir wurden hingegen extrem beschleunigt. Von der Schule wurde eine Reaktionsschnelle vorausgesetzt, als würde man alle halbe Stunde die Cloud checken. Da fand ich es beinahe besser, die Arbeitsblätter im Briefkasten zu haben. Da konnten wir uns die Zeit wenigstens selbst einteilen.

Ich wundere mich, dass es manchen Lehrern an Minimalkompetenzen zu mangeln scheint. Wenn ich in meinem Job die Arbeitsanweisungen in kleiner Schriftgröße auf der zweiten PDF-Seite verstecken würde und mich dann beschwere, dass keiner sie gesehen hat, gäbe es auf Arbeit Klärungsbedarf. Das hat ja nichts mit der Digitalisierung zu tun. Das sind Kernkompetenzen, die ich einem Lehrer eigentlich zuschreiben wollen würde.

Dass die Digitalisierung in der Bildung komplett verschlafen worden ist, darüber brauchen wir ja gar nicht zu reden. Das ist ein Desaster und man steht da vor schweren systemischen Herausforderungen. Es reicht natürlich nicht, die Kinder jetzt mit Laptops zu bewerfen. Man muss sie auch befähigen.

Mir würde es helfen, wenn der Leistungsdruck in den Schulen abnehmen würde. Es ist erstaunlich, wie sich die Eltern von den Schulen vor sich hertreiben lassen. Es geht doch nicht, dass ein Lehrer Sonntagmittag eine Mail in die Cloud setzt und erwartet, dass die Kinder die Montagsmorgen um acht Uhr gelesen haben. Und dann schlechte Noten angedroht bekommen, wenn sie es nicht getan haben. Sowas muss aufhören.

Rein organisatorisch kann ich mich persönlich wirklich nicht beklagen, weil ich als Alleinerziehende sogar die Notbetreuung in Anspruch nehmen kann. Bei den restlichen Tätigkeiten helfen mir die Kompetenzen, die ich in den vergangenen Jahren entwickelt habe.

Was mich aber wirklich konsterniert ist, wie absolut selbstverständlich von der Politik – genau wie im April - davon ausgegangen wird, dass die Eltern das schon alles wuppen.

Gesprächsprotokoll: Sabine Priess

 

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36 Kommentare

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  1. 36.

    Dieser Beitrag spricht mir aus der Seele. Mein Sohn geht in die 8. Klasse eines Gymnasiums und ich bin alleinerziehend und als Architektin vollberuflich tätig. Seit Monaten versuche ich Homeschooling / Homeoffice und berufliche Termine unter einen Hut zu bekommen, schwer möglich, wenn man auch noch gleichzeitig Lehrerersatz sein soll... Mein Sohn hat im letzten Jahr definitiv Wissenslücken "aufgebaut", da es einfach nicht zu schaffen ist, ihm parallel alles beizubringen. Ich verstehe nicht, warum ein Online-Präsenzunterricht am Vormittag an den Schulen nicht umsetzbar ist. So muss ich mein Kind den ganzen Tag antreiben und kann froh sein, wenn die Lehrer 45 Minuten täglich eine Videokonferenz hinbekommen.
    Und ja, die Eltern sollen einfach alles wuppen!!!

  2. 35.

    Das liegt aber nicht an den Schülern, sondern am Föderalismus, der allen Ländern, Kreisen/Städten, Schulen und Lehrern erlaubt, alles anders zu machen, als sinnvoll und einheitlich wäre. Lehrpläne kann jedes Bundesland selber entwerfen, sie dienen den Lehrern aber nur als freundlicher Hinweis, dass jemand das Archiv um ein weiteres Stück Papier erweitert hat.

    Solange es bei Bildung und Gesundheit Föderalismus gibt, wird beides nix.

  3. 34.

    Sie haben recht, aber warum ist das so ? Weil das Bildungsniveau bei einem Abgang aus einer anderen Schulform (Realschule, Gesamtschule usw.) inzwischen so schlecht ist, dass eine erfolgreiche Berufsausbildung auserordentlich schwer ist.

  4. 33.

    Es soll übrigens ein Leben NACH der Grundschule geben, und in der sog. "höheren" Schule sind die Aufgaben angeblich auch etwas komplexer... Gibt es hier eigentlich nur GROSSeltern, die schreiben, oder auch betroffenen Eltern von Schülern nach der Grundschulzeit??

  5. 32.

    Toll, Jana, dass Sie ihrem Kind ganz ohne Smartphone Differentialgleichungen beibringen! Könnte ich nicht. Und heutzutage ohne Smartphone - da ist man eigentlich ü70, oder? Übrigens darf kein SuS zu Hause mit Kamera gefilmt werden. Datenschutz. Kein Lehrer würde das tun.

  6. 31.

    Handwerker verlangen aber leider Abitur als Einstiegsvoraussetzung für eine Lehre. Damit selbige aufgrund von Abitur verkürzt werden kann und die elendige Berufsschule wegfällt und der Jungspund ordenlich schaffen kann...

  7. 30.

    Mangelnde Empathie und Solidarität ist bei Teilen der Bevölkerung in der Corona-Krise schon ziemlich deutlich spüren. Nicht nur gegenüber Schülern und deren Eltern. Es fängt ja schon damit an, dass einige es verweigern, sich und ihre Mitmenschen vor der Übertragung zu schützen. Zum Glück konnte der Präsenzunterricht in Berlin noch abgewendet werden. Wie sonst sollte man es Eltern wie dieser jungen Frau abverlangen, selber zu Hause zu arbeiten, während sich in der Schule unzählige Haushalte in einem Klassenraum versammeln. Völliger Wahnsinn. Wir haben gerade eine Ausnahme-Situation. Da müssen auch die Lehrer drauf reagieren. Das normale Tempo im Schulfahrplan der Gymnasien kann man im Moment einfach nicht so durchdrücken. Womöglich sind die Lehrer, die es anders sehen, selber auch noch kinderlos und gut versorgt. Das sieht bei einer allein erziehenden Frau wie hier nun mal völlig anders aus. Und das ist kein Einzelfall.

  8. 29.

    "Wenn so viele Abitur machen, werden die Handwerker noch knapper." -> Was ist das denn für eine verschrobene Logik? Es steht jedem frei, im Handwerk zu arbeiten, auch Abiturienten. Es soll sogar welche geben, die selber Handwerksbetriebe gründen und führen. Dazu ist nämlich durchaus neben handwerklichem Geschick auch etwas Bildung und kaufmännisches Verständnis nötig. Als Handwerker ist man heutzutage eine gefragte Fachkraft und verdient im Vergleich zu anderen Branchen noch recht gut. Jedenfalls besser als ein Studierter, der sich nach dem Studium als Praktikant und in billig bezahlten Studentenjobs arbeiten darf.

  9. 28.

    In der ersten Klasse lässt sich (zumindest bei meiner Tochter) nicht so viel alleine machen. Sie kann backen, sie bekommt den Fernseher an und findet den Weg zur Mülltonne, aber Buchstaben lernen ist ohne Hilfe offensichtlich nicht ganz so einfach!

    Ich würde nicht gleich mit Galle um mich spucken, nur weil das eigene Enkelkind mit 12(!) weniger Betreuung bzw Hilfe notwendig hat, als meine 6 und 9 jährigen Töchter. So was ey....

  10. 27.

    Tja, meiner Meinung nach LASSEN sich die Leute aber auch treiben. Hätte man gesgat, nö, Cloud mach ich nicht, hätte alles gern analog, bitte, würde sich die Schule vielleicht auch etwas einfallen lassen. Das ist z.B. bei uns so. Wir haben keine Webcam und auch kein Mikrofon, wir könnten nicht mal, wenn wir es wollten, mit irgendwem skypen oder sonstwas. Wir beschulen unseren Sohn also zu Hause, wie wir es gelernt haben und er macht tolle Fortschritte, obwohl wir nicht vom Fach sind (Gut, ich habe zwar einen Ausbilderschein, aber deswegen bin ich noch lange keine Pädagogin.)

  11. 26.

    Mann, Leute, immer dieser Lehrer-Insider-Jargon hier: "SuS" musste ich erst einmal googlen. Bitte auch an fachfremde Mitleser denken. Danke!

  12. 25.

    "Dank Verfressenheit der Kurzarbeiter"? Arbeiten Sie irgendwo in der Verwaltung vom Essenslieferservice (den die verfressenen Kurzarbeiter sich dann nach Hause kommen lassen, was für Sie Überstunden bedeutet) oder wie ist das jetzt gemeint?

  13. 24.

    Zu DDR Zeiten waren wir 25 Schüler in einer Klasse und es wurde Leistung verlangt. Aber es gab auch die Schüler die noch sitzen geblieben sind, wenn jegliche Unterstützung nicht half. Als meine Töchter in dem heutigen System Abitur gemacht haben, waren die Leistungsanforderungen zwar vorhanden aber anders und die Schüler waren umsorgter. Heute machen mehr als 50% eines Jahrgangs Abitur, das ist volkswirtschaftlich nicht zu vertreten. Eine Ursache neben anderen ist die zu geringe Leistungsabforderung von den Schülern. Wenn so viele Abitur machen, werden die Handwerker noch knapper.

  14. 23.

    Wegen Lehrermangel sind zudem bundesweit zahlreiche Quereinsteiger im Schnellkurs zu Lehrern ausgebildet worden. Dass diesem Personal dann die Kompetenzen fehlen, ist wirklich kein Wunder. Ich möchte heutzutage nicht nochmal Schüler sein.

  15. 22.

    Wenn Sie in dritter Generation Lehrer sind, wissen Sie , dass die sog. Mittlere Reife seit Jahren anders heisst und anders definiert ist. Sie wissen auch, dass wir L uns weder über Kevin noch über Jerome oder deren Eltern mokieren, sondern jeden S differenziert fördern sollten. Und wer "schleift" SuS zum Abitur? Die Benotung machen die L nicht die Eltern. Was ist denn an Ihrer Schule los?

  16. 21.

    Vielleicht bin ich zu alt, um einige der Kommentare hier zu verstehen. Ich weiß nur, wenn meine Enkeltochter ihre Aufgaben bekommt, setzt sie sich hin und fängt an, diese abzuarbeiten, a l l e i n e ! Wenn sie Fragen hat, ruft sie ihre Mitschüler an oder eine Lehrerin. Mama ist arbeiten, einen Papa gibt es nicht. Natürlich hat sie auch mal eine Aufgabe falsch, na und, sie ist 12 und lernt noch. Dass nenne ich Selbständigkeit. Dieses um die Kinder herumglucken macht nur Stress.
    Bei den Kleineren mag das anders sein, aber sie sollen ja auch mal selbständige Menschen werden.

  17. 20.

    Angebote und Begeisterung? Wohl kaum in Klassen mit mehr als 25 Schüler. Das ging mal zu der Zeit, als ich in Kleinmachnow am Gynmasium war, wo die Klasse in jeweils zwei Gruppen zu 11 Schüler geteilt und jede Gruppe von je einem Lehrer unterrichtet wurde. Nach 45 Minuten wurde gewechselt. Aber dafür muß eine entsprechende Anzahl an Lehrern vorhanden sein. Die anständig bezahlt werden. Und die technischen und andere Unterrichtsmittel. Verglichen mit dem, was ich von Bekannten, die heute Lehrer sind, erzählt bekomme. waren das wohl geradezu paradiesische Voraussetzungen.
    Und man sollte sich keinerlei Illusionen hingeben, daß der Leistungsdruck nach der Schule abnimmt. Universitäten interessiert nicht, ob das Abitur mit oder ohne C. gemacht wurde. Ich würde erwarten, daß die Abbrecherquote in den nächsten Jahren deutlich steigt.

  18. 19.

    Nein will ich nicht, weil Ihr erneuter Kommentar mich wiederum vermuten lässt, dass Sie keine Kinder haben bzw. nicht mehr im schulpflichtigen Alter. Damit disqualifizieren Sie sich. Ich habe zwei schulpflichtige Kinder, 5. und 8. Klasse, wechsle in Vollzeit zwischen Homeoffice und Präsenzdienst und meine Frau ist chronisch krank und bedarf Pflegeleistungen. Ich will nicht jammern, ich kann zumindest in Homeoffice arbeiten. Nur meine Grenzen werden auch überschritten. Und dumme Sprüche, Kommentare u.ä. finde ich zum k.. Sie helfen nicht und ändern nicht die Tatsache, dass sich Eltern allein gelassen fühlen. Noch Fragen?

  19. 18.

    Es ist tatsächlich zu viel Leistungsdruck vorhanden. Es bleibt nichts hängen, wenn nur auf Klausuren gebüffelt werden muss. Es braucht Angebote, Jugendliche müssen und wollen begeistert werden. Stimmt die Chemie, lernen sie auch und bringen tolle Ergebnisse. Unsere Gesellschaft braucht Empathie, Gemeinsinn und Fleiß. Leistung allein ist nicht ausreichend und mancher Leistungsträger versagt in der Gemeinschaft.

  20. 17.

    So was dämliches kann nur jemand ohne schulpflichtige Kinder sagen! Wenn ich mit meinen Kindern die Aufgaben mache, lernen sie Recht wenig mit IT. Da werden die tausend Blätter ausgedruckt und gemeinsam durchgenommen. Mein Job der zur Grundsicherung Tausender Menschen nötig ist, muss dann nebenbei auch gemacht werden....
    Aber klar, ist für uns Eltern als easy -.-

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