Neue Hundeverordnung in Brandenburg - "Kein Hund ist aggressiv, weil er einer bestimmten Rasse angehört"

So 07.07.24 | 10:08 Uhr | Von Anna Bordel
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Hund Pascha im Zwinger (Quelle: rbb/Karo Krämer)
Bild: rbb/Karo Krämer

Alle Hunderassen dürfen nun in Brandenburg gehalten werden. Tierheime hoffen darauf, dass sie ihre ehemals verbotenen Hunde jetzt leichter vermitteln können. Im Tierheim Tornow geht man nicht davon aus, dass sie per se gefährlich sind. Von Anna Bordel

Mehrere Hunde bellen immer lauter und aufgeregter, rennen an den Zäunen ihrer Zwinger auf und ab, springen hoch, einige wedeln mit dem Schwanz. Unbekannte Menschen irritieren sie. Besonders imposant wirkt das Gebaren eines Rüden, den man klischeehaft in die Schublade Kampfhund einordnen möchte. Breiter Kopf und breitschultrig, riesiges rosalippiges Maul, das beim Bellen erstaunliche Zähne entblößt.

Pascha war in Brandenburg bislang verboten

Hundepflegerin Jamie Schackert zeigt auf ihn: "Der Grau-Weiße, das ist Pascha. Ein Staffordshire Bullterrier. Er ist ein unglaublich freundlicher Hund. Aber er macht sehr viel Eindruck hinterm Zaun". Pascha ist seit Ende 2023 im Tierheim Tornow in Oberhavel wie Jamie erzählt. Er wurde in Berlin nicht artgerecht gehalten und deshalb vom Veterinäramt eingezogen und ist wegen Überfüllung in Berlin im Tierheim Tornow in Oberhavel gelandet, wie Schackert erzählt. Seine Vermittlung sei bisher schwierig gewesen.

Hunde bestimmter Rassen, unter ihnen auch der Staffordshire Bullterrier, waren bis zum 1. Juli 2024 in Brandenburg verboten oder nur mit gewissen Tests erlaubt. Nach der neuen Hundeverordnung, die seit Anfang des Monats gilt, sind die Rasselisten in Brandenburg gestrichen - und Pascha kann einfach gehalten werden wie Pinscher oder Pudel auch.

Zur Info

Als "gefährlich" gelten in Brandenburg laut der neuen Hundehalteverordnung nur noch die Hunde, die durch aggressives Verhalten auffallen. Zum Beispiel, indem sie Menschen und Tiere beißen oder Wild hinterherjagen. Brandenburg ist damit eins von fünf Bundesländern, in denen es keine Rasselisten mehr gibt. In den meisten anderen Bundesländern, so auch in Berlin ist die Haltung mancher Rassen nur mit Einschränkungen und in Ausnahmefällen erlaubt.

Weitere Staffordshire Bullterrier im Tierheim eher aggressiv

Einen weiteren Staffordshire Bullterrier hat das Tierheim, zwei Zwinger neben Pascha wohnt Buddy. Während Schackert zu Pascha aber einfach in den Zwinger gehen, ihn streicheln, sich auf sein Lager setzen und seinen Futternapf berühren kann, ohne dass es den Rüden sonderlich interessiert, ist das bei seinem Rassekollegen offenbar anders. Auch wenn dieser beim ersten Hinschauen weniger eindrucksvoll daher kommt.

Er steht still weiter hinten im Zwinger und guckt mit finsterem Blick nach vorne, die Ohren hat er leicht nach hinten gelegt. "Er ist schwierig mit fremden Menschen. Wenn jemand auf ihn zugeht und ihn sofort anfassen will, dann kann es sein, dass er gegen den Menschen geht", so Schackert. Und doch sei er mit Menschen, die er kennt, ein freundlicher Hund. Zwei ehemals verbotene Hunde also, die aber grundverschieden scheinen, obwohl sie derselben Rasse angehören.

Manche Hunderassen leichter abzurichten als andere

"Kein Hund ist aggressiv, weil er einer bestimmten Rasse angehört", meint Schackert. "Es ist immer das, was die Menschen mit ihm machen". Auch die Hundesachverständige Cindy Hansche ist ihrer Meinung. Sie ist Hundetrainerin und zertifizierte Wesensprüferin für Hunde im Land Brandenburg, und sie begrüßt die Abschaffung der Rasselisten. "So bekommt jeder eine Chance meint sie".

Die meisten Hunde seien nicht von sich aus aggressiv oder wollten kämpfen. Vieles am Verhalten eines Hundes entstehe dadurch, "wie die Halter sie führen", meint auch Hansche. Dennoch seien manche Rassen leichter zum Kämpfen abzurichten als andere. Dazu gehören Hansches Erfahrung nach auch Hunde, die gar nicht auf den Rasselisten in Brandenburg standen, wie die Deutsche Dogge oder Schäferhunde.

Hundesachverständige Cindy Hansche (Quelle: rbb/Krämer)
Hundesachverständige Cindy Hansche | Bild: rbb/Krämer

Gefährlichster Hund im Tierheim ein Labrador

Einer der aktuell schwierigsten Hunde im Tierheim Tornow gehört zu keiner der bislang genannten Rassen, sondern ist ein Labrador, der klassische Familienhund. Doch bei Cira sei das leider nicht der Fall, wie Schackert erzählt.

Sie fällt dem Besucher schon deshalb auf, weil sie selbst im Zwinger einen Maulkorb und eine Leine trägt. "Den Maulkorb nehmen wir ihr gleich ab. Sie war bis eben im Auslauf, und danach ist sie einen Moment lang noch zu aufgeregt, um ihn abzunehmen", sagt Schackert. Sie lockt Cira mit einem Leckerli von außen an den Zaun des Zwingers und befestigt sie dann mit einer Leine am Zaun. Erst dann betritt sie den Zwinger, geht vorsichtig auf die Hündin zu, füttert sie erneut mit einem Leckerli und versucht ihr den Maulkorb abzustreifen und gleichzeitig schon einen Schritt zurück zu machen, damit Cira sie danach nicht mehr erreichen kann.

Das Verhalten des Hundeprofis zeigt: Der Hündin ist offenbar nicht zu trauen. Sie wurde von ihren Vorbesitzern schwer mit Stromschlägen misshandelt, wie Schackert erklärt. Mittlerweile sei sie schon viel zutraulicher geworden, meint sie, aber bei fremden Menschen würde sie sich noch immer durch Beißen verteidigen.

Wer antiautoritär unterwegs ist, sollte sich keinen Pascha zulegen.

Cindy Hansche, Hundetrainerin

Schackert geht zu Pascha in den Zwinger, der noch immer sehr aufgeregt hin und her läuft. Als er sein Gehege unter dem Gebell seiner Nachbarn verlässt, zieht er aufgeregt mal in die eine, dann in die andere Richtung.

Nach einigen Minuten und mit etwas Entfernung wird er ruhiger, hört auf einzelne Kommandos. Immer wieder spitzt er die Ohren, schaut nach einer Katze, einem Auto oder einem anderen Hund in der Ferne. Ob die neue Hundeverordnung dafür sorgt, dass er das Tierheim bald verlassen kann, bleibt abzuwarten.

Hundepflegerin Jamie Schackert mit Hund Pascha (Quelle: rbb/Krämer)
Hundepflegerin Jamie Jackert mit Hund Pascha | Bild: rbb/Krämer

Geduld und Konsequenz bei Hundeerziehung

Alle Verantwortung für das Verhalten eines Hundes liege, so die beiden Expertinnen, bei den Halter:innen. Jamie Schackert und ihre Kolleg:innen vom Tierheim prüfen bei der Vermittlung dehalb genau, ob Mensch und Hund zusammenpassen. Staffordshire Bullterrier Pascha mag freundlich sein, stürmisch und unerzogen ist er allemal auch. Wenn kleine Kinder im Haushalt sind, dann könnte er die schon mal umrennen, so Schackert. Deshalb geben sie ihn nicht an Familien. Ein Halter müsse auch kräftig sein, denn gehorsam an der Leine zu gehen, muss Pascha erst üben.

Hundetrainerin Hansche findet es generell wichtig, sich klarzumachen, dass ein Hund, Führung und Struktur benötige. "Jeder Hund bringt die Bereitsschaft mit, sich unterzuordnen", sagt sie. Die Gelegenheit müsse man ihnen auch geben. "Wer antiautoritär unterwegs ist, sollte sich keinen Pascha zulegen", so Hansche. Um einen Hund gut zu erziehen brauche es viel Geduld und liebevolle Konsequenz – ganz egal ob Chihuahua oder Pitbull.

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Beitrag von Anna Bordel

77 Kommentare

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  1. 77.

    Hier wir generell jedem "Kritiker oder Gegner" der Lockerung seine Angst abgesprochen und teilweise lächerlich gemacht.
    Warum sollte jemand grundlos dagegen sein? Das kann ich als Generalverdacht nicht nachvollziehen.

  2. 76.

    Die Autorin des Artikels ist kein Experte (Hunderverhaltenstherapeutin, Trainerin etc.)sondern Journalistin. Die Trainerin ist nach welchem Kriterien auch immer ausgesucht (kein Geschützter Beruf) legt nach wie vor die Dominanz-Theorie zu Grunde - die langst durch diverse Forschungsergebnisse wiederlegt ist. Es gibt keinen "agressiven Führer der die anderen unterwirft. Wir sind als Mensch KEIN Rudelfuhrer, da wir keine Hunde sind. Wir müssen sie allerdings beschützen und lieben und Ihnen klar und freundlich Grenzen setzen
    Alles nur PRO Lockerung der Gesetze - auch hier wird der Schaden durch Weitergabe an die nächsten Halter, der langfristig nicht kontrollierbar ist und diese Hunde frei im öffentlichen Raum laufen lassen kann - bagatellisiert.

  3. 75.

    Kampfhund ist keine Rasse sondern eine subjektive Einordnung / Stigmatisierung einzelner Hundearten aufgrund menschlichen Fehlverhaltens. Reduziert nicht immer nur auf dieser Hunde Ihr Narren, fasst Euch an die eigene Nase und erkennt diese eigenen Fehler, um den Tieren gerecht zu werden.

  4. 74.

    Wenn Sie ein frei laufender agressiver Kleinpudel attackiert - kriegt er bestenfalls einen Tritt oder es gibt eine kleine Bisswunde.
    Attackiert Sie ein frei laufender agressiver Pit- Bull oder Rottweiler werden Sie den Unterschied schon merken.
    Wieso können das die Freunde der Listenhunde nicht differenzieren?

  5. 73.

    Was hat die Rasse mit freilaufenden Hunden zu tun? Wer lässt die Hunde frei laufen und hat sie nicht unter Kontrolle? Richtig, der Mensch!

  6. 72.

    Die aufgeführten Hunde im Artikel sind mehr oder weniger stark geschädigt durch Menschen, können nur mit Einschränkungen und unter großem Risiko vermittelt werden.
    Wer ausser einem erfahrener Fachmann soll das tun und dabei garantieren das keine anderen Menschen oder Tiere verletzt oder getötet werden.
    Wieso wir das hierher von den Befürwortern übersehen?

  7. 70.

    Wie können Sie dem anderen Ende der Leine vertrauen - wenn Sie die Situation ind den Tierheimen und in den Parks etc. sehen? Gebissen und attackiert werden Sie vom Hund - der "falsch" erzogen, sozialisiert etc. wurde und nicht vom anderen Ende der Leine.

  8. 69.

    Ja, es ist immer das Ende der Leine! Erziehung ist das a und o.

  9. 68.

    So ein Unsinn.
    Die ganzen frei laufenden Hunde sind für die restliche Bevölkerung eine Zumutung und Gefahr.

  10. 67.

    Ich hab auch schon so ähnlich etwas kommentiert, wurde aber nicht beachtet.

  11. 66.

    Meine tolle TAin hält einen Am-Staff auf Ihrem Hof. Seit Welpe dort super sozialisiert in den besten Händen.
    Der Hund liebt sein Rudel, schläft mit Yorki in einem Korb. Liebt die Kinder. Selbst diese Fachfrau sagt über Ihren geliebten Hund: Er ist zu uns superlieb, mag aber keine "fremdem Rüden" und laute "rennende Kinder" sind ihm auch nicht "so angenehm - er beschützt und bewacht seinen Hof. Er geht nur mit Leine UND Maulkor in die Öffentlichkeit. Spielt mit Artngenossen die sorgfältig ausgewählt werden in Größe und Temperament passen, nur auf den abgeschlossenen Grundstück - da alles andere Ihr zu gefährlich ist weil Sie die anderen Hunde und Ihre Besitzer nicht kennt und die Begegnungen nicht vorher absehen kann. Sie handelt aus Vorsicht, Nachsicht und Rücksichtnahme - wenn sich die Haltung gefährlicher Hunde ausschließlich auf MENSCHEN mit dieser Kenntnis und dem Verhalten beschränkt - habe ich kein Problem mit irgend einer Rasse. Aber leider ist so die Realtität NICHT.

  12. 65.

    Die Kommentarspalte ist kaum mehr zum Aushalten. RBB24, könnt Ihr dem " Survivor-" nicht mal eine Grenze setzen? Er muss ja nun nicht ständig seinen Quark zu jedem Thema dazugeben - ob nun angebracht oder aus Prinzip. Wir brauchen eine offene Diskussion und keine " On Man Show "

  13. 64.

    Bei Menschen ist Rassismus verboten, bei Hunden erlaubt? Seit Jahren bleibt der Aufschrei in Politik und Medien aus.

    Es ist immer das Ende der Leine, was zu Problemen führt. Endlich wachen entsprechende Stellen mal auf! "Hundeführerschein/Sachkundeprüfung" als Grundlage sollten reichen ...

  14. 63.

    Bin so froh einen Kommentar wie Ihren zu lesen. Alles Liebe und Gute für Sie.

  15. 62.

    Manche Irrwege müssen anscheinend immer wieder begangen werden. In zwei Jahren lesen wir dann von Gesetzesinitiativen zur Verschärfung der Hundeverordnung...

  16. 61.

    Sozialpsychologe S. über Menschen mit gefährlichen Hunden:
    Warum haben Menschen Kampfhunde?
    Eine Motivation ist der Versuch, Sicherheit für sich zu gewinnen, vor allem bei Leuten, die sich gefährdet fühlen. Zudem ist es eine Art Selbstergänzung. Der Hund wird Teil des eigenen Selbstbildnisses, wie man sich in der Öffentlichkeit zeigt. Mit einem Kampfhund präsentiert man sich als stark. Aber auch die Schwachen der Gesellschaft, die underdogs, haben oft Hunde, um zu zeigen, so schwach, so machtlos, sind wir gar nicht. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, für die Stärke zeigen ein absolut dominierendes Gefühl ist. Es geht um Macht? Auch. Es geht vor allem um Kampf. Viele Menschen begreifen das Leben im engeren Sinne als Kampf und suchen Mittel, wie sie diesen Kampf positiv entscheiden. Die Möglichkeit der Kooperation, um den Nutzen für alle zu mehren, wird zu wenig gesehen.

  17. 60.

    Es ist nicht auch nur annährend lustig das so viele Menschen sich von Hunden belästigt, attackiert und bedrängt fühlen. Kommentare der Halter dieser "Hunde zum Schutz und zur Profilierung" haben keinen Funken Verständnis oder Empathie dafür oder versuchen Ihre Gründe für die Haltung zu erläutern.

  18. 59.

    Der war Klasse, hat mir den Montag gerettet. Danke. Gerne mehr davon. Bin übrigens begeisterter Katzenliebhaber und -halter und habe überhaupt keine Ahnung von Hunden, aber deshalb hab' ich auch keinen Hund. Aber ich hab' grundsätzlich auch nichts gegen Hunde.

  19. 58.

    Doch, StVO, StVZO, Verkehrspolizei KBA Flensburg. Hamse noch nie gehört, was? Dummheit kann auch tödlich sein.

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