Interview | Berliner Krankenschwester über Corona-Lage - "Schon in normalen Zeiten arbeiten wir viel. Jetzt ist es doppelt so viel"

Di 24.03.20 | 14:44 Uhr
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Ein Schild mit der Aufschrift "ASV-Ambulanz Tb" ist im Vivantes Klinikum Neukölln (Berlin) an einer Wand befestigt. (Quelle: dpa/Silas Stein)
Audio: Inforadio | 24.03.2020 | Interview mit Anja Voigt | Bild: dpa/Silas Stein

Von Tag zu Tag erhöhen sich die Fallzahlen der Corona-Infizierten in Berlin. Anja Voigt, Krankenschwester im Vivantes-Klinikum Neukölln, spricht im Interview über Arbeitsbelastung, Hygienemaßnahmen und den Zuspruch aus Politik und Bevölkerung.

Was Sie jetzt wissen müssen

rbb: Wie stellt sich die Corona-Patientensituation bei Ihnen im Krankenhaus dar?

Anja Voigt: Seit dem Wochenende kommen deutlich mehr Patienten. Wir hatten Montagabend aktuell zehn Fälle. Das kann sich über Nacht schon wieder geändert haben.

Wie gehen Sie personell mit dieser Ausnahmelage um?

Wir sind sehr flexibel und versuchen zusätzliches Personal zu akquirieren. Man muss aber sagen: Schon in normalen Zeiten arbeiten wir viel. Jetzt ist es doppelt so viel. Wir betreuen mehr Patienten als sonst. Aber in so einer Ausnahmesituation ist das für uns natürlich selbstverständlich.

Das heißt, alle legen noch eine Schippe drauf?

Genau, alle legen noch eine Schippe drauf, alle machen deutlich mehr. Man hat zusätzliche Arbeiten zu übernehmen, um wiederum andere Bereiche zu entlasten.

Reichen Schutzanzüge, Handschuhe und Mundschutz aus, wenn die Fallzahlen weiter steigen sollten?

Im Moment haben wir alles von allem. Aber ich denke, es wird nicht lange reichen. Wir brauchen dringend Nachschub. Das ist nicht nur ein generelles Problem in den Kliniken, sondern auch in den Arztpraxen. Die Situation ist in Bezug auf die Materialien prekär.

Was erwarten Sie, was auf Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen zukommt, wenn die Zahl der Corona-Patienten steigt?

Eine maximal erhöhte Arbeitsbelastung. Wenn es mit den Schutzmaterialien nicht klappt, weiß ich auch nicht weiter. Wir sind wirklich ein bisschen ratlos. Viele Kollegen sind sehr ängstlich. Hinzu kommt, dass das Robert-Koch-Institut seine Hygieneanweisungen fast täglich ändert, also dynamisch der Situation anpasst. Das ist natürlich auch wieder schwierig im Umgang: Was gestern noch richtig war, ist heute schon wieder falsch und andersherum. Es ist alles sehr, sehr schwierig.

Was würde es für Ihre Arbeitsbelastung bedeuten, wenn sich jemand vom Personal anstecken würde?

Ich will mir das ehrlich gesagt gar nicht vorstellen. Wir sind jetzt schon knapp auf Kante. Ich würde sagen, dann bricht alles zusammen. Aber das wird nicht passieren, weil wirklich alle an einem Strang ziehen und alle sich bemühen. Und dann wird man über sich hinauswachsen müssen.

Dafür kann man Ihnen in der Tat nur danken. In der Stadt und an den Arbeitsplätzen sind überall Hygienehinweise aufgehängt, damit man sich nicht infiziert. Aber wie ist das für Sie, die auch direkten Kontakt mit Corona-Patienten hat? Haben Sie selbst eigentlich Angst, sich anzustecken oder blenden Sie das professionell aus?

Ich blende das total aus. Man könnte ja gar nicht arbeiten, wenn man die Patienten versorgt und ständig Angst hat. So professionell ist man, dass man das ausblendet. Das kommt vielleicht nach der Arbeit oder wenn man sich mit Kollegen unterhält, mal in einer ruhigen Minute, die wir ja noch haben.

Es gibt noch immer Menschen, die die jetzt verschärften Schutzmaßnahmen im Alltagsleben für übertrieben halten. Was möchten Sie diesen Menschen gerne mal sagen?

Ich würde Ihnen gerne mal sagen, sie können bei mir vorbeikommen und sich die Patienten anschauen. Ich finde es unverantwortlich, unmenschlich und unsozial. Da fehlen mir eigentlich die Worte.

Was bedeutet es Ihnen, wenn Politiker offiziell Dank aussprechen, wenn Menschen von Balkonen kollektiv zum Dank klatschen oder singen?

Ich finde es toll. Das ist auch sehr bewegend, was die Menschen machen, wie zum Beispiel das Klatschen auf den Balkonen. Auch in sozialen Medien hört man viel.

Von der Politik finde ich es fast ein bisschen verlogen, muss ich ehrlich sagen. Jahrelang hat sich niemand um uns gekümmert. Wir waren immer nur der Kostenfaktor. Und jetzt auf einmal werden wir mit Lobhudelei zugeschüttet. Die Politiker sollen uns einfach respektieren, ordentlich bezahlen – dann ist es gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Anja Voigt führte Alexander Schmidt-Hirschfelder, Inforadio.

Bei dem Text handelt es sich um eine redigierte und gekürzte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Audio-Player nachhören.

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