Das Tipi bei Nacht (Quelle: Tipi/Michael Haddenhorst)
Bild: Michael Haddenhorst

Tipi und Bar jeder Vernunft in der Corona-Krise - "Es ist kein Leben mehr in der Bude"

Besonders die privat geführten Berliner Theater leiden unter der Corona-Krise. Die sonst gut ausgelasteten Unterhaltungstempel Bar jeder Vernunft und Tipi sind seit März dicht. Im September wollen sie wieder spielen, wie der Betreiber erzählt. Von Ute Büsing

Der umtriebige Kulturimpresario Holger Klotzbach ist so einiges gewohnt. Der heute 74-Jährige gehörte zum legendären Kabaretttrio Die 3 Tornados, er hat das gerade in die Corona-Pleite gerutschte Schwarze Café mitbegründet und er war dabei, als das Tempodrom in Tiergarten Gestalt annahm.

An fast genau derselben Stelle gegenüber dem Bundeskanzleramt steht heute das Tipi. Seit März ist es ebenso geschlossen wie das Schwesternzelt Bar jeder Vernunft auf dem Parkdeck des Hauses der Berliner Festspiele. "Es ist kein Leben mehr in der Bude. Ein Theater ohne Theater ist eigentlich gar nichts" murrt Holger Klotzbach. Und das deprimiert den gewieften Kulturmanager schon. Gleichwohl betont er: "Wir sind alle aus hartem Holz geschnitzt und sind auch optimistisch."

Holger Klotzbach vorm Tipi am Kanzleramt (rbb/Ute Büsing)
Holger Klotzbach am Eingang des Tipi | Bild: rbb/Ute Büsing

Kurzarbeit und Hoffnung auf Normalisierung

Tatsächlich geht Holger Klotzbach davon aus, dass sich der Betrieb spätestens Anfang 2021 wieder normalisiert. Er glaubt nicht an eine zweite Corona-Welle und hofft auf einen Impfstoff. Bis dahin gilt es durchzuhalten. Von den insgesamt 150 Mitarbeitern sind 110 in Kurzarbeit. Aus im Winter gebildeten Rücklagen haben die Bar- und Tipi-Betreiber das Not-Salär ihrer Angestellten aufgebessert.

Obwohl die Betriebe weitgehend runtergefahren wurden, bleiben immer noch monatliche Fixkosten zwischen 80.000 und 100.000 Euro, zum Beispiel für Krankenversicherungen und die Bewachung der Zelte, so Klotzbach. Im Juni waren die eigenen Rücklagen – eigentlich gedacht für den Einbau einer neuen Klimaanlage mit Hilfe der Gasag - aufgebraucht.

Da kamen die Mittel aus dem Soforthilfe IV-Programm gerade recht. Die nach sorgfältiger Prüfung ausgezahlten 264.000, 50 Euro reichen nach Rechnung der Betreiber jetzt bis August. Für die geplante Öffnung ab Anfang September benötigen die Zelte dann weitere 200.000 Euro Unterstützung monatlich, schätzt Holger Klotzbach.

Einbruch im Gala-Geschäft

Aus eigener Kraft können die Unterhaltungskunstbetriebe – wie ähnliche Spielstätten und wohl auch die meisten Filmkunsthäuser – erstmal nicht über die Runden kommen. Denn im Tipi werden bei Einhaltung der strengen Abstandsregeln im vom Arbeitsmediziner abgesegneten Hygienekonzept nur noch 180 Menschen platziert, zwei Drittel weniger als bisher. Das Platzkontingent der Bar jeder Vernunft schrumpft um die Hälfte, von 200 auf 100.

Hinzu kommt: Die nichtsubventionierten Zelte haben ihren Theaterbetrieb bisher vorwiegend über die Gastronomie und über Firmen-Galas quer finanziert. 50 davon mit einem Umsatz von drei Millionen Euro sind weggebrochen.

Allerdings betont Holger Klotzbach, dass Galas im nächsten Jahr im gewohnten Umfang bereits gebucht seien. Um das unmittelbare Überleben zu sichern, würden zunächst weitere Finanzspritzen aus dem Eine-Million-Euro-Fonds von Kulturstaatsministerin Monika Grütters beantragt. Auf Solidarität bei Publikum und Unterstützern, die mehr ist als Lippenbekenntnis, können Bar und Tipi wie andere Kulturunternehmen auch bauen: "Keiner will, dass wir Pleite machen", sagt Klotzbach.

Wechselnde Ansagen der Politik irritieren

Obwohl Holger Klotzbach sich und die Seinen von der Politik bisher gut unterstützt sieht: Ständig wechselnde Öffnungsansagen haben, wie bei anderen Privattheatern auch, doch zu einiger Verwirrung geführt. Letztlich bleiben vor allem die Abstandsregelungen für die Mitwirkenden auf der Bühne unklar. Für große Produktionen mit Körperkontakt wie die Erfolgsinszenierung des Musicals "Cabaret" besteht momentan keine Chance. Geplante Aufführungen wurden abgesagt. Auch die "Cindy & Bert"-Silvestershow der Geschwister Pfister mit Gesangs- und Tanzensemble gilt unter Corona-Regeln als nicht realisierbar.

Bei all den sich widersprechenden Bühnenabstands-Empfehlungen bleibt bei Kulturimpresario Klotzbach ein herber Beigeschmack. "Eigentlich müssten wir jetzt im Flieger spielen", sagt er. "Denn da können drei Leute problemlos nebeneinandersitzen und die Fluggesellschaften erzählen was von Luftdurchwirbelung mit Klimaanlagen."

Neustart mit alten Bekannten

Allen Ungereimtheiten in den disparaten Hygieneempfehlungen zum Trotz soll es Anfang September wieder losgehen mit großer Unterhaltungskunst, wenn auch im Corona-bedingt verkleinerten Maßstab. Im Tipi haben sich unter anderem die Kabarettistinnen Lisa Eckhart und Désirée Nick mit aktuellen Programmen angesagt. Star-Sängerin Katharine Mehrling will einen Tribut an Judy Garland sogar mit größerer Band wagen."Notfalls werden Plexiglastrennwände zwischen den Musikern eingezogen", ulkt Holger Klotzbach halb im Ernst.

In der Bar jeder Vernunft treten unter anderem Stammkünstler aus der Sparte Chanson wie Tim Fischer, Dominique Horwitz, Georgette Dee und Klaus Hoffmann an. Die brauchen für ihre Unterhaltungskunst eben nur einen Pianisten. Thomas Pigor hat ihn mit Benedikt Eichhhorn. Und Fernsehpreisträgerin Maren Kroymann, die auch wieder dabei sein wird, braucht für "In my Sixties" nicht unbedingt die ganz große Band.

Sendung: Inforadio, 08.07.2020, 14:55 Uhr

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Beitrag von Ute Büsing

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2 Kommentare

  1. 2.

    Beide Zelte werden mit Sicherheit nicht die ersten sein, die, wenn überhaupt, geschlossen werden.

  2. 1.

    Können denn nicht die Förderer, die Kulturschaffenden untereinander, die Privaten und sich selbst lobenden, doppelt so oft die Veranstaltungen besuchen oder auch doppelt soviel dafür bezahlen ? So könnten doch die Leute aus den Unterhaltungskunstbetrieben doppelt so oft in die Filmkunsttheter gehen und umgedreht. Auch die Abgeordneten könnten diese öfter besuchen, wäre auch für einen guten Zweck. Könnten dann auch spenden. Das sollte doch bei denen die Dahinterstehen in Berlin kein Problem sein.

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