Kapitän Christian Grothmann (Quelle: Grothmann)
Bild: Grothmann

#Wiegehtesuns? | Kapitän in Corona-Zeiten - "Wir durften nicht einmal vor dem Hafen ankern"

Nach Monaten auf See in der Antarktis erfährt Christian Grothmann erst spät von der Corona-Pandemie. Wegen der Schließung der Seegrenzen in Südamerika müssen er und seine Crew improvisieren. Protokoll einer Irrfahrt.

Corona betrifft uns alle in Berlin und Brandenburg – mehr als viele andere Ereignisse zuvor. In kürzester Zeit hat das Virus unser Leben auf den Kopf gestellt. Was beschäftigt uns am meisten? In welcher Situation stecken wir gerade?  

In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen uns Menschen aus der Region, wie ihr Alltag gerade aussieht.

Christian Grothmann, 39 Jahre, ist Kapitän und lebt in Berlin-Friedrichshain:

Niemand lässt sein Boot über Winter auf den Falkland-Inseln. Niemand. Dort wüten tagelange schwere Stürme. Aber wir mussten uns so entscheiden. Wegen der Pandemie liegt das Segelschiff, auf dem ich arbeite, in einem ehemaligen Kohlendock der britischen Walfangflotte bei Port Stanley. Auch wir wären dort fast nicht weg gekommen.

Segelyacht Santa Maria Australis in der Antarktis (Quelle: Nikolay Khil)
Die Santa Maria Australis in der AntarktisBild: Nikolay Khil

Ich arbeite als Kapitän auf der "Santa Maria Australis" in der Antarktis. Während der Saison waren wir weitgehend unbehelligt von Corona. Zuerst fuhren wir mit Fotografen zu den Königspinguinen nach Südgeorgien, danach mit Seismologen aus Cottbus nach Deception Island. Schließlich schipperten wir mit Touristen entlang der Antarktischen Halbinsel. Zum Abschluss haben wir die ukrainische Forschungsstation “Akademik Vernadski” besucht. Vor dem Anlanden wurden wir per Funk gefragt, ob Chinesen aus Wuhan an Bord seien. Wir verneinten und konnten an Land. Das war am 24. Februar. Die Überfahrt zurück nach Chile verlief ohne Probleme, alle Passagiere konnten in Puerto Williams aussteigen.

Zwei Bootsleute und ich wollten dann das Schiff zur Überholung in die brasilianische Hafenstadt Itajaí bringen – eine Tour von etwa 16 Tagen. Am 9. März ging es los, am 13. März machten wir auf den Falklands einen Tankstopp. Anlegen durften wir auch hier erst, nachdem wir per Funk erklärten, dass keine Chinesen an Bord sind. Hier hatten wir auch zum ersten Mal gutes Netz und erfuhren von der pandemischen Ausbreitung.

Würde uns Brasilien anlegen lassen? Abgewiesen zu werden, wollten wir nicht riskieren, für eine Irrfahrt hatten wir nicht genügend Lebensmittel. Also zurück nach Chile. Nach drei Tagen kamen wir in Puerto Williams an - und durften nicht einmal ankern.  

Was jetzt? Zurück zu den Falklands war unsere einzige Idee, obwohl ein Winterlager in einem Land, das eigentlich aus Sturm besteht, alles andere als ideal ist. Da wir schon lange auf See waren, wurde uns eine Quarantänezeit erlassen. Wir durften anlegen. Das Boot dann für den Winter abzurüsten war schwierig: Es galten Ausgangssperren, und viele Geschäfte machten dicht.

Parallel mussten wir unsere Ausreise über die Botschaft organisieren. Kaum jemand konnte uns weiterhelfen und ich fand mich schon damit ab, an Bord überwintern zu müssen. Doch schließlich konnten wir mit einer Chartermaschine des britischen Militärs nach London fliegen und kamen von dort nach Berlin. Hier wohne ich jetzt in meiner Laube in Charlottenburg. In meine Friedrichshainer Wohnung kann ich nicht, da meine Untermieter aus der Schweiz wiederum nicht in ihre Heimat dürfen.

Aus einem völlig intakten und von Enge geprägten Sozialgefüge auf dem Schiff bin ich jetzt also in einem paranoiden Deutschland gelandet, wo es heißt, Abstand zu halten. Und die Geschichten mit dem Klopapier waren gar keine chilenischen Witze, das ist ja tatsächlich ausverkauft!

Mit den Regeln hier komme ich zurecht. An Bord muss ich schließlich auch Regeln folgen, und meist sind diese eben überlebenswichtig. Aber ein Gefühl, wie es weitergeht, habe ich nicht. Als Honorarkapitän werde ich jetzt erstmal von den letzten Einnahmen leben müssen. Wie sonst als Segellehrer werde ich nicht arbeiten können. Die Sportschifffahrt ist tot für dieses Jahr.

Wie geht es Ihnen? Wie sieht Ihr Alltag gerade aus? Erzählen Sie rbb|24 Ihre Geschichte in Zeiten von Corona! Einfach eine Mail schicken an internet@rbb-online.de. Wir melden uns bei Ihnen.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

14 Kommentare

  1. 14.

    Bei solchen Kommentaren stellen sich mir die Haare auf. Wie kann man eigentlich so ignorant sein? Sie prangern an und verurteilen, ohne wahrscheinlich jemals auf See gewesen zu sein. Geschweige denn in der Antarktis auf Expedition. Ich würde vorschlagen, sich ein bisschen mehr zu bilden - das Internet, welches offensichtlich für Sie verfügbar ist, bietet alles dafür, was Sie benötigen. Aber offensichtlich reicht freie Bildung und Information bei manchen nicht mehr aus, um sich ein differenziertes Urteil zu erlauben.

    An meinen Namensvetter: Ich wünsche dir das Beste und kann mich absolut glücklich schätzen, hier in Portugal als Segler vor Anker zwangsisoliert zu sein. Trotz der Panikmache und rechtlich erschreckenden Maßnahmen, nicht einmal mehr für Lebensmitteleinkäufe an Land zu dürfen bzw. sich dafür strafbar zu machen, obwohl ich schon nachweislich seit Monaten hier bin und nie eine Grenze passiert habe...

    Handbreit!

  2. 13.

    Moin mein Freund,
    gut, dass Du wieder da bist.
    Gruß
    jo

  3. 12.

    du, wir sind keine freizeitsegler. wir fahren auch keine kreuzfahrtschiffe. und erst recht haben wir hier unten auf hoher see keine gute informationsinfrastruktur. die alle 24 h stattfindende lagebeurteilung hat im übrigen etwa mitte februar für uns ergeben, dass wir jegliche reisen mit gästen sofort nach ankunft in chile am 2.3. einstellen und den weit vorgreifenden empfehlungen der who folgen. die gefahr, dass wir ein covid19-ausbruch an bord haben ist absoluter horror. die gäste wurden also ausgeschifft und die rumpfcrew hat mit mir das schiff überführt. unsere reisen sind übrigens keine sparreisen. auf die koje spart so mancher ein leben lang für seinen traum. wir machen nämlich naturnahe segelexpeditionen im pfadfinderstil...ohne buffet und ohne sauna. wir haben nautik studiert und sind berufskapitäne. das ist unser job. und der heuervertrag ist nunmal ein arbeitsvertrag, der erfüllt werden muss. außerdem lässt kein kapitän oder skipper seine crew und sein boot im stich.

  4. 11.

    Sehr geehrter Herr Meiser,
    sogar ich als Christians Mutter hatte in den letzten Wochen keinen Kontakt zu meinem Sohn bekommen und war sehr beunruhigt, ob er überhaupt noch im März nach Deutschland ausreisen kann. Erst als er noch nicht einmal in Chile und Uruguay ankern konnte, bekam er von der Pandemie ein reales Bild. Gern kann ich Ihnen mal Wegepunkte übermitteln, die er mir von Zeit zu Zeit via Maps sandte. MfG Liane Grothmann

  5. 10.

    Christian...!
    "Die Sportschifffahrt ist tot für dieses Jahr." - Auf das Du damit Unrecht haben mögest...!

  6. 8.

    Absolut kein Verständnis, am 14.3. waren wir bereits in (Selbst-) Quarantäne. Unseren Urlaub zwei Wochen vorher hatten wir nicht angetreten. Das meine ich mit den Scheuklappen. Keine Ahnung was da bei Ihnen nicht angekommen ist.

  7. 6.

    Sehr geehrter Herr Meiser,

    bitte erläutern Sie doch einmal, wie es Ihnen bereits am 24. Februar 2020 vergönnt war, einen detaillierten Überblick der Corona-Situation in der vierten Märzwoche/ ersten Aprilwoche 2020 zu haben und zu ahnen, dass (Zitat) "da was krasses auf uns zu kommt".
    Ich darf Ihnen eine Gedankenstütze an die Hand geben:
    https://www.tagesschau.de/archiv/meldungsarchiv100~_date-20200224.html

    Unterschlagen Sie uns auch bitte nicht das ein oder andere Wort zu Ihrer persönlichen seglerischen / seemännischen Erfahrung. Sie werden wissen, warum (Zitat) "ein bisschen Text zu lesen" zu Ihrer navigatorischen Verantwortung vor Crew und Schiff im anspruchsvollen Südatlantik vielleicht doch nicht gehört.

    Und noch etwas: Die Vorstellung, dass auf einer Fahrt auf Hoher See, eine lebensgefährliche Infektionskrankheit ausbricht und ärztliche Hilfe nicht erreichbar ist, gehört zu den unangenehmsten Szenarien, die ich mir denken kann.

  8. 5.

    Wer am 24.02. schon diesen Zustand erahnen konnte, muss wohl Hellseher sein. Der Zustand heute war vor zwei Wochen noch nichtmal abzusehen. So ist es schnell gesagt, wie konnte man nur so handeln.
    Auch ich war ab 14. März im Urlaub! Damals noch keine Warnungen, nur Empfehlungen. Das sich die Lage des Reisens so verschlechtert hat, ist nicht unbedingt nur dem Virus zuzuschreiben.
    (Sind übrigens am 28.03. unkontrolliert eingereist!)
    Wie schon vom Kapitän beschrieben, das Leben hier ist anstrengender und viel zu sehr von Panik (und hamstern) bestimmt. Und sich widersprechenden Maßnahmen.
    Natürlich sollen die Infektionen sich kontrolliert ausbreiten. Aber wie soll der Prozentsatz einer Immunisierung erreicht werden?
    Wenn man nach Möglichkeit zu Hause bleiben soll?

  9. 4.

    Hallo Hans,

    Versuch mal in der Antarktis Netz zu bekommen! Da gibt es nicht nur "kein gutes" Netz, sondern gar keins. Die einzige Kommunikation erfolgt dort über Sattelitentelefon und das ist schweineteuer, weshalb es nur selten und in Notfällen verwendet wird.

    Ich finde auch deinen Kommentar zum Kreuzfahrtschiff unpassend. Die Santa Maria Australia's ist wie im Bild oben zu sehen ein Segelschiff, ein Expeditionsschiff.

    Der nächste Punkt, den ich richtigstellen möchte ist die Spaßreise: oben wird doch geschrieben, dass er der Kapitän ist. Es ist also sein Beruf und wie er auch geschrieben hat muss er jetzt erstmal von seinen Ersparnissen leben. Genau wie jeder Kellner oder Friseur trifft also auch ihn die Krise. Und sogar noch mehr, denn er kann nicht in seine Wohnung zurück.

    Schade, dass ihr ihm nicht glaubt. Die Geschichte ist nämlich wahr und diese Irrfahrt ein riesiges Abenteuer mit ungewissem Ausgang.
    Willkommen zurück in Deutschland, Christian Grothmann!

  10. 3.

    Ich weiß nicht, wieviel Erfahrungen Sie auf hoher See auf kleinen Schiffen haben, aber wie kommen Sie zu Ihrer Aussage?
    Jenseits der Küsten gibt es kein Handyempfang und kein Internet. Sie können nur per Funk oder Satellit kommunizieren. Darüber werden nur Wetterdaten und Notfälle ausgetauscht. Sie bekommen darüber keine offiziellen Nachrichten. Und am Anfang gab es auch hier keine klaren Informationen.
    Der Kapitän verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Job und kann nicht einfach aufhören, weil er irgendwo hört, es sei ein Virus unterwegs..

  11. 1.

    Sorry, aber ich glaube dem Typen einfach nicht, dass sie nichts von der Pandemie mitbekommen haben. Dafür braucht man keine "gutes Netz", man muss keine Tagesschau gucken, ein bisschen Text zu lesen reicht. Leute die am 24. Februar noch nicht geahnt haben das da was krasses auf uns zu kommt haben dies mit Scheuklappen getan. Habe auch relativ wenig Verständnis für Kreuzfahrtende die Ende Februar / Anfang März noch auf ein Kreuzfahrtschiff gestiegen sind. Insofern, keine Tüte Mitleid von mit sondern die Hoffnung daß solche Leute das nächste Mal etwas mehr nachdenken bevor sie sich auf Spassreisen begeben.

Das könnte Sie auch interessieren