Regional verzerrte 7-Tage-Inzidenz - Warum die Notbremse nicht alle gleich behandelt

Große regionale Differenzen zwischen den RKI-Inzidenzen
Bild: rbb|24

Hier so, da so – zwischen den Bundesländern herrschten lange absurde Unterschiede bei der Pandemiebekämpfung. Die Bundesnotbremse sollte das ändern. Doch die Datengrundlage für die 100er-Inzidenz-Regel steht auf wackeligen Füßen. Von Haluka Maier-Borst

Seit Monaten das gleiche, mitunter absurde Bild: Kaum haben sich die Landeschefs und -chefinnen in der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mühsam auf gemeinsame Regeln geeinigt, werden diese wenige Tage, ja teils Stunden später wieder aufgeweicht. So geschehen zum Beispiel im Fall von Brandenburg, das kurzerhand entschloss, erst ab einer Inzidenz von 200 Maßnahmen verpflichtend zu machen – obwohl der MPK-Beschluss die Grenze bei 100 zog.

Die Bundesnotbremse soll dem ein Ende setzen. Ab einer 7-Tage-Inzidenz von über 100 an drei fortlaufenden Tagen müssen Landkreise eingreifen und strengere Maßnahmen treffen. Dafür ist wieder mehr Normalität erlaubt, sobald an 5 Werktagen die Inzidenz unter 100 liegt.

Doch genau diese 7-Tage-Inzidenz zeigt regional gewaltige Ungleichheiten – obwohl sie vom Robert-Koch-Institut (RKI) als Bundesbehörde herausgegeben wird. Das zeigt eine Analyse vom Datenjournalismus-Team des Bayrischen Rundfunks [tagesschau.de], das seine Ergebnisse vorab mit rbb|24 teilte.

Es fehlt vielen Ämtern ein "Extratag"

Das Problem ist, dass die Gesundheitsämter mal mehr, mal weniger vollständige Daten für den laufenden Tag ans RKI übermitteln. Während es bei einigen Ämtern nur minimale Nachmeldungen gibt, ist es zum Beispiel im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf das Gegenteil.

Würde man dort mit einem Extratag Puffer die 7-Tage-Inzidenz berechnen, sprich an einem Mittwoch erst alle bis Montag diagnostizierten Fälle betrachten, wäre die Inzidenz mehr als 11 Prozent höher. Schaut man sich dann die Auswirkungen auf die Notbremsen-Marke der 100er- Inzidenz an, so hätte man seit dem 1. März nicht nur an 14 Tagen die 100er Marke gerissen – sondern an 33 Tagen.

Auch der Umstand, dass Berlin als eine Stadt zählt und nur als Ganzes die Marke reißen kann, macht es kaum besser. Denn auch die anderen Bezirke verzeichnen Inzidenzen, die wohl um fünf und mehr Prozentpunkte zu niedrig sind.

Einen Grund für diese teils massiven regionalen Unterschiede hat unter anderem der Spiegel schon im Herbst beschrieben [spiegel.de]: Jedes Bundesland fasst zu anderen Zeiten seine Zahlen zusammen und übermittelt sie.

So hat Brandenburg seinen Meldeschluss um 19 Uhr und übermittelt bis 20 Uhr die Fälle der letzten 24 Stunden nach Prüfung an das RKI. Das hat den Vorteil, dass man sehr vollständige Daten für den laufenden Tag übermittelt, aber zum Beispiel der aktuelle Lagebericht für die Landesregierung erst am Abend vorliegt.

Hamburg dagegen zählt laut Spiegel schon am Morgen alle Fälle zusammen und übermittelt sie dem RKI gegen Mittag. Dieser Lagebericht ist also minimal aktueller. Andererseits ist es so, dass Fälle, die in Hamburg am Nachmittag eintrudeln, erst mit einem Tag Verspätung zum RKI kommen.

Das für sich genommen wäre kein Problem, würde das RKI alle übermittelten Fälle der letzten sieben Tage zusammenzählen und die Inzidenz errechnen. Doch das tut die Behörde nicht. Sie schaut auf das Meldedatum, also wann der Fall diagnostiziert wurde.

Von 6-Tage- und 7-Tage-Inzidenzen

Genau das führt aber dazu, das in Brandenburg noch Fälle des aktuellen Nachmittags einfließen können, in Hamburg aber nicht. De facto sind also manche der Inzidenzen 6-Tage-Inzidenzen anstatt 7-Tage-Inzidenzen. Ein Umstand, der unter Epidemiologen in verschiedenen Behörden für Unmut sorgt.

So sprach bei einer Sitzung von Landesgesundheitsbehörden und RKI ein Teilnehmer die Diskrepanz offen an. Man habe einheitliche Grenzwerte, aber keine einheitliche Methode für die Übermittlung. Und so zeigt sich ein bundesweiter Flickenteppich, wo mal die Abweichungen fast null sind oder wie eben im Fall von Steglitz-Zehlendorf besonders hoch.

Doch nicht nur zwischen den Bundesländern, auch auf Kreisebene gibt es deutliche Differenzen bei den Inzidenzen - je nach dem, ob man den laufenden Tag mit einrechnet wie das RKI, oder noch einen zusätzlichen Puffertag nutzt. Das zeigt sich auch in Berlin und Brandenburg.

Während Dahme-Spreewald sechs zusätzliche Tage über 100 verzeichnen würde, würden Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße durch Korrekturen sogar einen Über-100er-Tag weniger auf dem Konto haben. In Berlin ist die Diskrepanz zwischen den Bezirken noch größer. Während es in Steglitz-Zehlendorf die angesprochene Differenz von 19 Tagen gibt, ist sie im benachbarten Spandau bei null.

Die Gründe für diese Diskrepanzen innerhalb von Berlin und Brandenburg können vielfältig sein, sei es Personalmangel in den Ämtern, Unterschiede in der technischen Ausstattung oder auch die Frage, ob vor allem Testzentren oder Einzelpraxen die Fälle übermitteln. Und natürlich nicht zuletzt wie nah man aktuell bei den Inzidenzen an der 100er Marke ist.

Dass es mehr Angleichung bei der Übermittlung der Fälle bräuchte, scheint jedenfalls inzwischen auch den Verantwortlichen klar zu sein. Berlin hat sich Anfang des Monats entschieden, seine Zahlen im gleichen Rhythmus wie das RKI zu veröffentlichen. Und auch beim RKI wird diskutiert, den zusätzlichen Puffer-Tag bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenzen mit einzubeziehen. Ergebnis offen.

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13 Kommentare

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  1. 13.

    Es ist ihnen vielleicht noch nicht aufgefallen, aber viele Meldungen an die Gesundheitsämter kommen über die Hausärzte ... und die Praxen sind, genau, am Wochenende zu. Die Meldedelle an Feiertagen und am Wochenende alleine auf die Gesundheitsämter zu schieben, greift schon etwas zu kurz.

  2. 12.

    gelungene Ablenkung. Die wenigsten stellen die richtigen Fragen. Setzen 6!!!

  3. 11.

    Nicht neu und nicht hilfreich. Die Erfassung der Covid-Inzidenzen erfolgt nicht in Echtzeit. kann es auch nicht, da der Infektionstag nicht meßbar ist. Meßbar und damit zeitlich zuordenbar sind nur dokumentierte Testergebnisse. Schnelltest, PCR und Verifizierung PCR (Ausschluss falsch-positiv). Diagnosedatum und Meldedatum müssen auch nicht identisch sein, da ist Zeitverzug möglich. Ansonsten - jedes Berichtswesen und zugehöriges Meldesystem hat definierte Berichtszeiträume, einheitliche Redaktionsschlüsse und vor allem Festlegungen, wie mit Nachmeldungen umzugehen ist. Wichtig ist doch nur, dass Nachmeldungen nicht verloren gehen. Falls es also zwischen dan Ländern wirklich unterschiedliche interne Redaktionsschlüsse geben sollte, heißt das doch nur - eine Synchronisierung der Rohdaten eines Tages auf Bundesebene ist nicht erforderlich. Durch den Prozess bedingt wird es auch nie eine reale, tagesaktuelle Inzidenz geben. Die zeitliche und die quantitative Grauzonen lassen sich sicherlich schätzen. Und als "emotionaler" Korrekturfaktor für eine Bewertung der Situalion anwenden. Aktuell möglich sind jedoch nur eine stark simplifizierte Ermittlung von Inzidenzen. Mit den geschilderten Schwachstellen. Da helfen keine Zielwertkorridore (von-bis-Inzidenzen) als Grenzwerte oder rückwirkende Korrekuren.

  4. 10.

    Besser wäre es von Anfang an gewesen die wirklich Gefährdeten zu schhützen.
    Leider hat man es vorgezogen, 84 Mio.gesunden Bürgern ihren Status als "Mensch" abzuerkennen und sein Leben in Fesseln zu legen.

  5. 9.

    Tja, es wäre ganz einfach: die Gesundheitsämter arbeiten - gerade in Pandemiezeiten - TÄGLICH, melden täglich sagen wir um 18 Uhr DIGITAL mit dem gleichen Programm in ganz Deutschland die Zahlen ans RKI. Dann wären alle Zahlen gleich viel wert. Die unglaubliche, wochenlange Nachmeldephase gehört einfach umgehend abgeschafft. Auch Polizei, Feuerwehr, KrankenpflegerInnen, Ärzte, Bestatter, Radiomoderatoren, Gastwirte/Hoteliers arbeiten am Wochenende, nicht zu vergessen die Öffis etc. Aber ne, im Gesundheitsamt gilt das nicht. Und da wird gefaxt, mit Bleistiften gekritzelt, pipapo. Wochenlang sucht man die Daten aus den Feiertagszeiten. Das geht so nicht!

    Wäre da alles ok, würde keiner mehr darüber reden, ob der Sonntag mal drin und mal draußen ist. Valide Daten lassen nicht den Verdacht aufkommen, dauerhaft verdingst zu werden.

    Ich habe anfangs versucht, aus den Erkrankungszahlen Inzidenzen zu errechnen - gescheitert. Jetzt weiss ich, warum...

  6. 8.

    Warum dieser Bericht die Gesellschaft spaltet - hätte die Überschrift lauten müssen.


    Warum weil dieser Artikel Neid, Misgunst u.a.schürt. ( "Warum wird bei uns nicht genug gemeldet" Bähhh wie ungerecht - also kindisches Verhalten auslöst. )

  7. 6.

    ob man es einsieht oder nicht, in einem Gesetz wird etwas geregelt, was dann für den definierten Personenkreis gilt.

  8. 5.

    Ja siehste mal, alles Lug und Trug mit den Zahlen. kennste..

  9. 4.

    Das ganze zeigt nur, wie mit Zahlen Schindluder getrieben wird.
    Und das hat System. Und das ist das wahre Problem der Pandemie.

    Man wollte auch nie wirklich einheitliche Regeln. Wenn die Politiker das wollten, hätten sie die vielen Entscheidungen der letzten 12 Monate nicht ständig unterschiedlich ausgelegt und in verschiedensten Varianten abgeändert. Mit der „Bundesnotbremse“ war klar, dass sich das nicht ändert, weil man ja doch wieder genügend „Spielraum“ eingearbeitet hat.

    Daran zeigt sich, wie fatal der angeblich gute Förderalismus nicht funktioniert. Noch dazu in einem Bundestagswahljahr.

    Politik müsste sich nicht nur ehrlich machen, sondern endlich auch mal die Realität akzeptieren. Stattdessen werden dieser Tage wieder Versprechungen mit Versprechungen übertroffen, bei dem jeden noch selbst denkenden Menschen klar ist, dass es nicht funktionieren wird. Eben weil der Wahlkampf voll im Gange ist.

  10. 3.

    Wie so oft in D weicht die Wirklichkeit von der theoretische Welt ab.
    Da aber die Zahl 100 auch nichts mit der wissenschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat passt das doch wieder.
    Und das ist nur Deutschland.... würde man das EU weit mal machen..... kommt die ganze sinnhaftigkeit ans Licht.

  11. 2.

    Dazu kommt, wie mit fehlenden Daten umgegangen wird

    Wenn in einer Kalenderwoche an 3 Tagen Daten übermittelt werden und die restlichen 4 nicht, gelten für diese restlichen vier Tage der Wert 0

    Wenn der Grund der Nichtübermittlung von Daten an diesen 4 Tagen Feiertage oder Pannen sind, es also sehr wohl Fälle gab, ist die 7 Tage Inzidenz futsch

    Besser wäre es, vier Tage aus der vorigen Woche zu nehmen, das wäre immerhin näher an der Realität, als einfach 0 zu nehmen

    Grundrechte werden also aufgrund von schrägen Daten abgeschafft, das hat mit Verhältnismäßigkeit nichts mehr zu tun, ist also verfassungswidrig

  12. 1.

    Nun, dies wäre dann wohl der erste Schritt um zu erkennen, dass das Mittel der undifferenzierten Inzidenzzahlen, unbrauchbar für das Lockdownen ist. Ich sehe auch nicht mehr ein, weshalb ich quasi in Sippenhaft genommen werde, nur weil sich gewisse Gruppen der Bevölkerung gegen z.B. Impfmaßnahmen stellt oder denen die AHA-Regel im Privaten schnuppe ist.

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