Schuldner-Atlas 2024 - Immer weniger Menschen verschulden sich freiwillig

Die Zahl der überschuldeten Menschen sinkt im sechsten Jahr in Folge. Das geht aus dem sogenannten Schuldner-Atlas 2024 hervor. Der Bundestrend gilt auch für Berlin und Brandenburg. Allerdings steigt die Zahl der Dauerüberschuldeten.
Die Überschuldungsquote in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Auch in Brandenburg bestätigt der am Dienstag veröffentlichte "Schuldner-Atlas 2024" diesen Trend. Demnach sank die Anzahl verschuldeter Menschen in Deutschland das bereits sechste Jahr in Folge auf einen neuen Tiefstwert. Bundesweit sind rund 5,6 Millionen Bundesbürger über 18 Jahren überschuldet. Der Schuldner-Atlas wird jährlich von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform veröffentlicht.
Ein Vergleich zwischen 2024 und 2014 zeigt, dass sowohl insgesamt als auch in jedem einzelnen Brandenburger Landkreis die Verschuldung in diesen zehn Jahren zurückging - teilweise deutlich (die einzelnen Vergleichsdaten können Sie über die interaktive Grafik abrufen). Insgesamt sind in Brandenburg noch knapp unter 160.000 Menschen überschuldet. Das sind rund 5.000 Menschen weniger als im Vorjahr.
Auch in Berlin nahm die Zahl der Schuldner im Vergleich zum Vorjahr ab. Dennoch stieg hier die Überschuldungsquote leicht an. Das lag an einer statistischen Kuriosität: Als Folge der jüngsten Zensus-Daten wurde 2024 die Bevölkerungszahl von Berlin stark nach unten korrigiert. Entsprechend sank zwar die Zahl der überschuldeten Menschen, noch mehr sank aber die Zahl der Einwohner - die Quote stieg so leicht an. Der zehn-Jahres-Vergleich mit 2014 ist aber auch in Berlin klar positiv.
In Berlin stieg die Verschuldung in einigen Bezirken allerdings stark an, besonders in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Am höchsten ist die Anzahl der verschuldeten Berliner allerdings nach wie vor in Spandau. In Brandenburg weist der Schuldner-Atlas vor allem zwei Städte als Sorgenkinder des Jahres aus: In Cottbus und Frankfurt (Oder) stiegen die Schuldnerquoten auffällig. Am höchsten sind sie seit Jahren in Brandenburg an der Havel.
Mehr Dauer- und Konsumverschuldete
Die Daten widerlegen auf den ersten Blick die Prognose, die der Report des Vorjahres gegeben hatte: Damals hieß es, aufgrund der verschlechterten Wirtschaftslage sei ein "verdeckter Trend" hin zu einer stärkeren Verschuldung zu erwarten. Das ist zwar in der Breite so nicht eingetreten, allerdings zeigen die Daten zugespitzt: Wer es sich leisten kann, vermeidet Schulden, wer keine Wahl hat, verschuldet sich weiter.
Denn die Zahl der Dauerverschuldeten ist gewachsen. Zwischen 2021 und 2024, also nach der Corona-Pandemie, dem Beginn des Krieges in der Ukraine und der daraus folgenden Energiekrise und Inflation in Europa, ist diese Zahl sogar deutlich angestiegen. Inzwischen sind 165.000 Deutsche mehr dauerüberschuldet als noch 2021. Die Studienautoren beschreiben diese Gruppe als Menschen mit geringen Einkommen, darunter Familien, in denen Schulden seit mehr als einer Generation bestehen und die aus dieser Spirale alleine meist nicht mehr herauskommen würden.
Auch die Zahl der sogenannten "Konsum-Überschuldeten" ist gestiegen. Als solche bezeichnen die Autoren junge Menschen, die ebenfalls vergleichsweise geringe Einkommen haben und sich für den Erwerb von Konsum- und Markenprodukten kurzzeitig verschulden. In diesen Fällen würden die Schulden allerdings häufig nach einiger Zeit wieder bedient.
Sparen liegt wieder im Trend
Die Überschuldung unter Personen, die besser verdienen - und daher in der Theorie eher selbst entscheiden können, ob sie sich verschulden - sinkt dagegen. So gibt es deutschlandweit einen klaren Aufschwung des Sparens, beschreibt der Schuldner-Atlas. Die Gruppe der "Überschuldungsvermeider" ist im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht kleiner geworden, insgesamt aber deutlich größer als 2021. Und während die Überschuldung in Deutschland sinkt, steigt die bundesweite Sparquote und auch das Sparguthaben in den letzten Jahren deutlich.
Zu beobachten ist auch, dass weiterhin die mittleren Altersklassen, von 30 bis 50 Jahren, stärker von Überschuldung betroffen sind. Das kann an geplanten oder kalkulierten Investitionen, wie dem Erwerb eines Eigenheims oder der Finanzierung von Bildung liegen. Die Berliner Bezirke zeigen beispielhaft, dass parallelen in den Altersgruppen erkennbar sind. Flacher sind die Kurven nur in Bezirken wie in Charlottenburg-Wilmersdorf, das die niedrigste Schuldnerquote in Berlin aufweist.
Ost und West gleichen sich weiter an - Ausblick bleibt düster
Bundesweit lässt sich eine Annäherung von Ost und West beobachten. So sank die Überschuldungsquote im Osten stärker als im Westen. Dort ist sie insgesamt aber immer noch etwas geringer. Inzwischen haben sich die Werte mit 8,36 Prozent gegenüber 8,04 Prozent aber deutlich mehr angeglichen, als noch vor zehn Jahren - damals lag die Überschuldungsquote in Westdeutschland noch bei rund 9,6 und im Osten bei rund 10,5 Prozent.
In einem Ausblick erwarten die Experten der Wirtschaftsauskunftei ähnliches wie im Vorjahr: Nichts Gutes. "Für das laufende und kommende Jahr wird der Verlust von Arbeitsplätzen wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken", wird Creditreform-Sprecher Patrik-Ludwig Hantzsch in einer Pressemitteilung zitiert. Der Arbeitsmarkt habe sich den negativen konjunkturellen Entwicklungen lange widersetzt, nun werde der "dauerhafte Druck auf unsere Industrie" aber auch zum Verlust von gut bezahlten Arbeitsplätzen führen, so Hantzsch.
Sendung: Antenne Brandenburg, 28.01.2025, 10:00 Uhr